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Nach 82 Jahren den Vater gefunden

Die folgende Geschichte hat ein glückliches Ende, dennoch handelt es sich um eine der tragischen Episoden des Spanienkriegs. Sie ereignete sich in der baskischen Region Navarra und forderte Hunderte von Menschenleben. Auf einen Massenausbruch aus dem Gefängnis Ezkaba folgte die blutige Rache der Franquisten. Viele Geflüchtete verschwanden spurlos, ihre Familien mussten mit der Ungewissheit leben, was aus ihren Vätern wurde. Eine 89-Jährige erlebte das späte Glück, ihren Vater “wiederzufinden“.

Über einen DNA-Abgleich und eine Reihe von Zufällen fand die 89-jährige Paula die Leiche ihres Vaters, der vor 83 Jahren aus einem franquistischen Gefängnis ausgebrochen und dafür von den Faschisten erschossen worden war. Eine Geschichte aus der Festungs-Haft San Cristóbal am Ezkaba-Berg vor den Toren von Pamplona.

Über einen DNA-Abgleich konnte das Memoria-Institiut Navarra (Instituto Navarro de la Memoria) die Leiche von Leoncio De la Fuente Ramos identifizieren. Leoncio war einer von 795 politischen Gefangenen im Festungs-Gefängnis San Cristóbal, die im Mai 1938 eine historische Massenflucht organisierten. Möglich machte die Identifizierung eine zweite 92 Jahre alte Frau, die den entscheidenden Hinweis auf den Ort des Massengrabes gab. (1) (2) (3)

ezk2“Ich wurde fast verrückt vor Glück. Dass ich meinen Vater nun unter würdigen Bedingungen begraben kann, ist die schönste Geschichte auf dieser Welt.“ Dies sind die Worte der 89 Jahre alten Paula de la Fuente, die sie über eine WhatsApp-Botschaft an eine Tageszeitung übermittelte. Vor wenigen Wochen erhielt Paula eine ebenso unerwartete wie wundervolle Nachricht. Denn dem Memoria-Institut Navarra war es gelungen, die sterblichen Reste von Leoncio de la Fuente Ramos zu identifizieren. Leoncio war ihr Vater. Beim letzten Mal, als Paula ihren Vater sah, war sie vier oder fünf Jahre alt. Dann kam der Spanienkrieg, das Gefängnis in einem Ort, der unter dem Namen San Cristóbal bekannt war. Und die Teilnahme an der größten Flucht aus einem Gefängnis in der Geschichte Europas.

Im Moment der Flucht war der Spanienkrieg (fälschlicherweise häufig “Bürgerkrieg“ genannt) in vollem Gang. Navarra befand sich seit Beginn des Militäraufstands in der Hand der Faschisten, nachdem sich die dortigen Sicherheitskräfte nach dem Putsch vom 18. Juli 1936 sofort auf deren Seite gestellt hatten. Das bedeutete, dass es in Navarra keinen Krieg gab, sehr wohl jedoch Massenerschießungen durch die Putschisten. Das Baskenland um Bilbao war ein Jahr zuvor (im Juni 1937) militärisch besiegt worden, in Katalonien, Madrid und Valencia sollte der Krieg noch ein Jahr andauern.

Die Ezkaba-Flucht

795 Gefangene von den insgesamt 2.487, die große Mehrheit republikanischer Gesinnung, die in der Festung eingesperrt waren, schafften die Flucht aus einem der bestbewachten Gebäude des Landes. Die Flucht war des Resultat eines ausgeklügelten Plans, bei dem es nur ein Opfer gab: ein Fähnrich des Festung. Am Nachmittgag des 22. Mai 1938 ertönte in der Festung eine Stimme: “Die Tore sind offen! Wer will kann abhauen!“ (3)

Es war die Stimme eines republikanischen Gefangenen. 795 Insassen stürmten in verschiedene Richtungen, um zur Grenze zu kommen und so ihre Freiheit zu erlangen. Nur drei von ihnen sollten dieses Ziel erreichen. Die übrigen erwartete ein regelrechtes Massaker. 206 von ihnen wurden im Moment ihrer erneuten Gefangennahme in der Umgebung des Ezkaba-Bergs ermordet. Einer von ihnen war Leoncio. Die übrigen Flüchtlinge wurden gefangen genommen und zur Festung zurückgebracht. Vierzehn von ihnen wurden von einem Kriegsgericht verurteilt und als “Rädelsführer der Flucht“ hingerichtet. Weitere 46 starben in den folgenden fünf Jahren im Gefängnis an Krankheiten oder an den Folgen von Misshandlungen. 83 Jahre später kann Leoncios Familie ihren Vater und Großvater ein würdiges Begräbnis zukommen lassen.

ezk3Die heimliche Augenzeugin

Das Auffinden von Leoncios Leiche wäre nicht möglich gewesen ohne die Mithilfe einer weiteren Frau in fortgeschrittenem Alter: Paulina, 92 Jahre alt. Denn vor drei Jahren hatte Paulina beschlossen, zum ersten Mal darüber zu sprechen, was sie als kleines Mädchen gesehen hatte. Sie enthüllte den exakten Ort, an dem sie mit eigenen Augen gesehen hatte, wie vier Männer begraben wurden. “Als ich von der Schule kam, sagten sie uns, dass vier Männer von der Ezkaba-Flucht umgebracht worden seien. Wir gingen schnell da hin. Wir waren zwei kleine Mädchen und sahen zu wie die Toten eingegraben wurden. Ich habe sie gesehen. Zwei auf dem Rücken, zwei auf dem Bauch liegend. Zwei hatten die Hände gefaltet, die andern beiden nicht. Das war im Mai 1938. Mein Vater war der Totengräber. Nie habe ich mit ihm darüber gesprochen. Er hat mich nicht gesehen“, erzählt Paulina in einem Video, das vom Memoria-Institut aufgenommen wurde.

Dieser späte Bericht ermöglichte die Exhumierung der vier geflüchteten Gefangenen. Genau an dem von Paulina angezeigten Ort. Aber die Leichen wiesen keine Zeichen zu ihrer Identifizierung auf. Bis ein drittes Element ins Spiel kam, das der tragischen Geschichte ein halbwegs glückliches Ende bereitete. Die Urenkelin von Leoncio und Enkelin von Paula – die 32-jährige Beatriz – hatte ihre Großmutter davon überzeugt, dass sie bei der Datenbank des Memoria-Instituts Navarra eine DNA-Probe abgeben sollte. Es gab wenig Hoffnung, Leoncios Leiche zu finden, dennoch machte Paula diesen Schritt. Und ein Jahr nach der DNA-Geschichte tauchte die Leiche des Mannes auf. Drei Frauen haben auf der Suche nach der Vergangenheit das unmöglich Erscheinende erreicht. “Wir sind auf Wolke sieben. Kaum zu glauben. Hoffentlich folgen andere Paulinas Beispiel und erzählen, was sie über die Massengräber wissen“, erklärt Beatriz.

Aber wer war Leoncio?

Seine Urenkelin antwortet mit den wenigen Informationen, die ihr zur Verfügung stehen. Bekannt ist, dass er im Moment seiner Hinrichtung 36 Jahre alt war, von Beruf Ziegelbrenner, verheiratet mit Elena, mit der er sechs Kinder hatte. Paula war die jüngste und ist als einzige noch am Leben. Bekannt ist auch, dass er aus Fresno del Viejo in der spanischen Provinz Valladolid stammte. Weil er nach dem Militärputsch vom 18. Juli die republikanische Legalität verteidigte wurde er zu Gefängnishaft verurteilt. Er hatte zu verhindern versucht, dass ein Lastwagen Material der Falange und des Militärs nach Valladolid brachte. Die Aktion endete ohne Verletzte und Tote, aber die beteiligten Republikaner wurden verraten und vor Gericht gestellt. Einige wurden erschossen, Leoncio wurde in die Festungshaftanstalt San Cristóbal gebracht.

Von diesem Moment an verlor die Familie Leoncios Spur. Alle möglichen Gerüchte wurden verbreitet. Der Familie wurde sogar gesagt, Leoncio sei in Freiheit, hätte aber beschlossen, nicht zu ihnen zurückzukehren. Im Jahr 1943 erhielten sie eine weitere verwirrende Nachricht. Ein Gericht hatte die Strafe von Leoncio herabgesetzt, obwohl in jenem Dokument vermerkt war, dass er sich “an unbekanntem Ort“ befinde. Nichts war klar, Zweifel und Angst. Große Angst, in der Vergangenheit nach Spuren zu suchen. Bis die Urenkelin Beatriz sich an die Arbeit machte. Sie suchte Details im Internet und wandte sich an Opfer-Verbände und schließlich an das Memoria-Institut Navarra. Sie bat ihre Großmutter, eine DNA-Probe abzugeben. Deren erste Reaktion war von Zweifeln und unterschwelliger Angst geprägt. Aber sie rang sich durch. Die Mühe wurde belohnt.

esk4Gedenkfeier

In den kommenden Wochen organisiert das Memoria-Institut Navarra einen Gedenkakt, bei dem Paulina die Überreste von Leoncio an die Familie übergibt. 83 Jahre nach seiner Ermordung. Die Arbeit dieses von der Regierung in Navarra abhängigen Instituts war entscheidend. César Layana ist Chef der Abteilung Dokumentation. “Das war ein langer und komplizierter Prozess, aber am Ende stand ein Erfolg, der deutlich macht, dass wir eine wichtige Arbeit machen, indem wir mit unserer DNA-Datenbank Opfer des Franquismus identifizieren. Es ist wichtig zu sehen, dass unsere Arbeit Früchte trägt, deshalb war dies die beste Nachricht“, erklärt er.

Dennoch ist der Optimismus reserviert. Denn von den 795 Männern, die sich an der größten Gefängnis-Flucht in der Geschichte Europas beteiligten, sind nach wie vor 150 verschwunden. Mündliche Zeugenaussagen berichten, dass Requetés, Falangisten und Militärs alle Flüchtenden dort umbrachten, wo sie wieder gefasst wurden. In manchen Fällen wurden sie sogar verbrannt. Im Laufe der Jahre konnten 15 Massengräber mit 54 Leichen gefunden werden. Eine davon war die von Leoncio. Auf ihren Wegen hinterließen die Flüchtenden eine Spur von Bildern Postkarten und Erinnerungen, die sie bei ihrer langen Gefangenschaft im Gefängnis begleitet hatten und die sie auf die Flucht mitnahmen.

Horrorberichte

Die Erzählungen der Überlebenden sind ein einziger Horror. Sie versteckten sich tagsüber und wanderten nachts, indem sie dem Polarstern folgten, der sie in den Norden führte. Dort müsste irgendwann die französische Grenze auftauchen. Doch die franquistischen Behörden reagierten schnell. Die Flüchtlinge wurden geschnappt und umgebracht. Oder zurückgebracht ins Gefängnis. Das war jeweils die persönliche Entscheidung des Requetés, Militärs oder Guardia Civil, der die Festnahme durchführte. Viele verloren ihr Leben. Sie waren unterernährt, hatten schlechte Schuhe und keine Orientierung. Der Forscher Fermín Ezkieta, Autor des Buchs “Die Flüchtlinge der Festung Ezkaba“ (Los fugados del Fuerte de Ezbaka). Er beschreibt, dass “die Mehrheit der Gefangenen Handwerker, Tagelöhner und Landarbeiter waren, die mit linken Gewerkschaften in Beziehung standen“.

Nur drei kamen durch

Von den Gefangenen, die sich an der Flucht beteiligten, erreichten nur drei ihr Ziel, die französische Grenze zu überqueren. Dabei handelte es sich um Jovino Fernández González, eine Bergarbeiter und Schreiber, Mitglied bei der anarcho-syndikalistischen CNT; Valentín Lorenzo Bajo, Tagelöhner und Lokal-Sekretär der sozialistischen Gewerkschaft UGT in Villar del Ciervo (Valladolid); sowie José Marinero, Tagelöhner von Dehesa Mayor in der Provinz Segovia und Mitglied einer Widerstandsgruppe gegen der Militärputsch von 1936 im Volkshaus von Bernardos.

esk5Die Berichte, wie sie zur Grenze kamen, könnten Stoff für einen Hollywood-Film sein. Im Folgenden ein Fragment der Erzählung von Jovino: “In einer Situation bliebt ich zwei Stunden lang in einem Fluss. Überall bellten die Suchhunde. Dieses Schwein muss hier sein, und hier müssen wir ihn finden – sagte ein Priester mit Gewehr und Patronengurt. Ich weiß nicht, weshalb sie mich nicht fanden. Sie waren nur zwei Meter hinter dem Dickicht entfernt. Das war eine der schwierigsten Etappen der Flucht“.

Fluchthelfer

Jovino erreichte die Grenze dank der uneigennützigen Hilfe eines Hirten, von dem er nie wieder etwas hörte. Wie Valentín und José gingen sie zum spanischen Konsulat in Hendaia (frz: Hendaye), damals noch in republikanischer Hand. Nach einer kurzen Ruhepause kehrten sie nach Barcelona zurück, um weiter gegen die Truppen von Hitler, Mussolini und Franco zu kämpfen. Jovino verließ die Republik im Februar 1939 wieder mit den Resten der republikanischen Armee. Es begann eine neue Leidensetappe im französischen Lager Argelès-sur-Mer. Erst nach dem Tod Francos 1975 sollte er nach Spanien zurückkehren.

Der Historiker Ezkieta folgt der Spur eines möglichen vierten Mannes, der die Flucht überlebt haben könnte. Es handelt sich um einen bereits älteren Mann, der in der Nähe der Festung blieb und einigen Leuten erzählte, er sei einer der Flüchtlinge. Ezkieta versucht, dieses Rätsel zu lösen und die Erinnerung an jene historische Flucht am Leben zu erhalten. Zuletzt hat er erreicht, dass der Wanderweg GR-225 offiziell anerkannt wird. Es handelt sich um den Weg, den die drei erfolgreichen Grenzgänger wahrscheinlich zurückgelegt haben.

In kleinen Schritten wird die Erinnerung an die Flüchtlinge der Festung San Cristóbal zurückerobert. Die Erinnerung an 795 Gefangene, die sich trauten, durch das Tor zu gehen und ihr Leben zu riskieren, um in die Freiheit zu kommen. Am Ende wurden sie wie Hasen abgeschossen, zwischen Gestrüpp und Wäldern, die sie nicht kannten. 795 Mutige, über deren Heldentaten sicher schon Dutzende von Filme gedreht und Bücher geschrieben worden wären, wenn sie nur eine andere Nationalität oder Ideologie gehabt hätten.

ezk6Geschichte der Festung San Cristóbal am Ezkaba-Berg

Bei der Festung am Ezkaba-Berg mit dem offiziellen Namen “Alfonso XII“ oder “San Cristóbal“ handelt es sich um eine Militärfestung am Stadteingang von Pamplona, mit deren Bau Ende des 19. Jahrhundert begonnen wurde. Der Name San Cristóbal kommt von Gebäuden, die vorher an gleicher Stelle standen: eine Kapelle mit Burg aus dem 13. Jahrhundert und eine Basilika aus dem 16. Jahrhundert. Der Bau begann nach Ende des Zweiten Karlisten-Kriegs (1872-1876) und dauerte bis 1919.

Zum Bau wurde die Spitze des Berges gesprengt, um drei Stockwerke tief in den Berg hinein zu bauen. Dadurch ist der Großteil der Struktur aus der Luft nicht zu sehen. San Cristóbal wurde wegen des Aufkommens von Flugzeugen nie als Defensiv-Anlage genutzt, dafür seit 1934 als Gefängnis. Nach der Revolution von 1934 (vorwiegend in Asturien) wurden Hunderte von Gefangenen aus Asturien und Eibar in die Festung gebracht, sie lebten unter widrigsten hygienischen Bedingungen. Nach dem Tod zweier Gefangener, einem Knast-Aufstand und Protesten in Pamplona wurde ein Großteil der Gefangenen in andere Gefängnisse gebracht. Nach dem Wahlerfolg der Volksfront wurde eine Amnestie für alle politischen Gefangenen verkündet, 400 davon aus San Cristóbal. (4)

Aufruf

Der Publico-Artikel endet mit einem Aufruf: Wer ebenfalls einen Familien-Angehörigen sucht, der in der Festung San Cristóbal gefangen war, kann sich an folgende Email-Adresse wenden: “inm @ navarra.es“ oder Kontakt aufnehmen über die Webseite pazyconvivencia.navarra.es. (1)

ANMERKUNGEN:

(1) “Paula, de 89 años, encuentra por fin a su padre, fusilado tras la histórica fuga de presos del fuerte de San Cristóbal en 1938” (Die 89-jährige Paula findet schließlich ihren Vater, der nach der historischen Flucht aus der Festung San Cristóbal 1938 erschossen wurde) Tageszeitung Publico, 2020-07-12 (LINK)

(2) Zum Thema San Cristóbal - Ezkaba siehe auch: “Andres Gangoiti Cuesta – Des Heizers letzte Reise“, Baskultur.info, 2017-05-09 (LINK)

(3) Zum Thema San Cristóbal - Ezkaba siehe auch: “Ezkaba: Flucht im Franquismus – 80 Jahre Massenflucht aus der Bergfestung“, Baskultur.info, 2017-05-09 (LINK)

(4) Die Festung San Cristóbal (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Exhumierung Leoncio

(2) Leoncio und Paula

(3) Ezkaba Luftaufnahme

(4) Paulina bei der Exhumierung

(5) Exhumierung Leoncio

(6) Festung Ezkaba

(*) Alle Bilder aus der Tageszeitung Público

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2020-07-23)

 

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