wm2018

Unsere Jungs in Russland

Es ist ein müßiges Diskussionsthema, ob die eine baskische Fußball-Auswahl bei der WM eine gute Rolle spielen könnte oder nicht. Tatsache ist, sie sind nicht dabei. Aber stimmt das wirklich? Beim genaueren Hinschauen ist Gegenteiliges zu entdecken. Zumindest auf individueller Basis. Im spanischen Team durfte zwar bisher kein baskisches Bein aktiv werden, dafür kommt den mitgereisten Ersatzleuten beim Torjubel eine entscheidende Rolle zu, wenn die Torschützen erdrückt werden wollen. Sie sorgen für Bewegung auf der Bank. Die Zeiten von Xabi Alonso oder Jose Angel Iribar sind halt vorbei. Ansonsten können sie nur auf Verletzung des Stammpersonals hoffen, bei Tunesien wäre sicher schon mal einer zum Einsatz gekommen, nach dem Ausfall von vier Spielern.

Eine zentrale Rolle hingegen spielt ein anderer Baske, von der anderen Seite der Grenze und in anderer Funktion. Der darf als Übungsleiter des Frankenteams entscheiden, wer spielt und wer nicht. Wenig bekannt ist, dass Ex-Weltmeister Didier Deschamps in Baiona (Bayonne) geboren wurde und deshalb einen baskischen Pass beantragen könnte, wenn es eines Tages einen gäbe. Er entschiedet alle paar Tage, ob der Wahlbaske Antoine Griezmann – mit hessischen Vorfahren übrigens – einen Karriereschritt machen darf oder nicht. Den anderen Wahlbasken, Aymeric Laporte, bis vor Kurzen bei Athletic tätig, hat er gar nicht erst mitgenommen. Kein schöner Zug vom Trainer. Ein dritter Wahlbaske mit dem unschwedischen Namen John Guidetti, konnte heute nicht verhindern, dass sein Team in der 95. Minute dummerweise noch gegen die germanische Auswahl verlor – alter Schwede! Dafür kann er sich bald wieder auf seinen Arbeitgeber Alaves in Gasteiz konzentrieren. Auch dort geht es gegen den Abstieg. Erfolgreicher läuft es beim Exbasken Carlos Vela: heute einen Elfer verwandelt und den Deutschen ebenfalls schon in den Arsch getreten, das lässt sich sehen für einen Ex-Realisten. Vor Monaten gab er den Job an der Concha-Bucht auf, um nach Los Angeles zu wechseln und dort Soccer zu spielen. Das Kicken hat er dadurch nicht verlernt. Doch letztendlich sind das alles Brosamen, die baskische FB-Fans nicht wirklich interessieren. Verzweifelt suchen sie nach alternativen Identifikationsteams und Ersatzfavoriten. Richtig entspannt verfolgen können sie das russische Spektakel erst, wenn die iberischen Roten ins Gras beißen, am Besten gefolgt von den Bleus. Dann beginnt Fußball in Bilbao und umzu.

Böhmische Dörfer

Der Ausdruck „böhmisches Dorf“ ist eine alte aber gebräuchliche Redensart für etwas ganz und gar Unbekanntes. Asteasu war bisher so ein böhmisches Dorf, vom dem nicht einmal die Mehrheit der Bask*innen wusste, wo es liegt. Das hat sich geändert. Denn seit Kurzem macht der ohnehin schon bekannteste Sprößling des Ortes Schlagzeilen in aller Welt. Als erfolgreicher Trainer der spanischen WM-Auswahl stand der Baske Julen Lopetegi seit 2 Jahren im Rampenlicht und machte dem Literaten Bernardo Atxaga den Ruf als bekanntestem Asteasutarra streitig. In die Geschichte hätte er eingehen können, wenn er mit der „Roten“ den Titel geholt hätte. Doch bekam er offenbar den Hals nicht schnell genug voll. Trotz laufenden Vertrages ließ er sich vom bekannt-verhassten Königsclub der Hauptstadt abwerben. Die Neuigkeit wurde laut in die russische Medienwelt posaunt und hatte einen glatten Rausschmiss zur Folge. Denn der Verband wollte sich das nicht bieten lassen. Der Eintrag in die Geschichtsbücher ist somit bereits gesichert. 48 Stunden vor WM-Beginn hat bisher noch keiner seinen Rausschmiss provoziert. Ein Rekord mehr für die baskische Fußballgeschichte. Übrigens: Die Redensart entstammt ursprünglich der Habsburgermonarchie, zu der ab 1526 auch das Königreich Böhmen gehörte. In den Randgebieten, Deutschböhmen oder später Sudetenland genannt, wurde Deutsch gesprochen, im Kernland jedoch Tschechisch und Böhmisch. Für deutschsprachige Durchreisende waren sowohl die Ortsnamen als auch die Bewohner*innen unverständlich. Eine Parallele zum Baskenland drängt sich förmlich auf. Auch hier sind x-beliebigen Reisenden weder Namen noch die alte Sprache zugänglich. In Böhmen selbst sprechen die Tschechen bei gleicher Gelegenheit kurioserweise vom „spanischen Dorf“. Allseits bekannt ist auch der Satz „Das kommt mir spanisch vor“, was allerdings nicht Unverständlichkeit bedeutet, sondern eher Befremdung zum Ausdruck bringt. Wer wollte zum Beispiel verstehen, weshalb es so dringend notwendig war, den Namen des neuen Trainers so kurz vor dem Weltereignis in die Gegend zu schreien. Verantwortlich sind die Königlichen, deren Arroganz und Egoismus keine Grenzen kennen. Sollte das Roja-Team vorzeitig ausscheiden, ist die Schuldfrage bereits geklärt. Die baskischen Fans lachen sich einen Ast. Den von Asteasu. PS: Asteasu Gipuzkoako erdialdeko udalerri bat da, Tolosaldea eskualdekoa. Ekialderantz begira dagoen haran batean dago, Oria ibaiaren adar Asteasu errekaren haranean hain zuzen, eta irteera naturala Amasa-Villabonarantz du. Tolosatik 10,5 kilometrora eta Donostiatik 23 kilometrora dago errepidez.

Fussball-Weltmeisterschaft

Nur alle vier Jahre bekommen Fußballfans nach der anstrengenden Kicksaison noch ein Sahnehäubchen geliefert. Dabei ist das Vergnügen unterschiedlich. Die einen dürfen sich vertreten fühlen, die anderen nicht, je nach Erfolg bei der Qualifikation. Entsprechend die Pulsschläge. Die nicht dabei sind, suchen sich frei Schnauze einen Favoriten aus; die übrigen sind zur nationalen Treue verurteilt. Basken sind – als spanische Staatsbürger –zweifellos vertreten beim größten Kickevent der Neuzeit. Den meisten geht diese Vertretung dennoch am … Augapfel vorbei. Rein formal gesehen sind es genau fünf baskische Sportler, die die baskische Vertretung in Moskau sichern: Botschafter aus Ondarroa, Iruñea, Asteasu, Donostia und Pamplona. Doch selbst dieser beachtliche Anteil von immerhin 20,83% der nach Russland geschickten Aktiv-Delegation reicht nicht aus, um eine wahrhaft emotionale Verbindung zum Ereignis herzustellen. Die Identifikation ist praktisch unmöglich: das Team hat erstens den falschen Namen und trägt zweitens die falschen Farben. Vielmehr schaut die Mehrheit der Basken sehnsuchtsvoll auf „Länder“ wie Schottland, Wales, Puerto Rico oder Nordirland. Die könnten dabei sein. Sind sie aber nicht. Weil sie sich nicht qualifiziert haben. Aber sie könnten und waren auch schon mal. Dabei sind das gar keine Länder. Wie die Basken. Dabei hätte sich die baskische Selekzioa sicher qualifiziert. Rein sportlich gesehen. Aber sie konnten nicht, weil sie nicht durften. Das verhindern die Schwarzen von der „Roten“. Auf die Frage nach dem Interesse oder einem Favoriten werden Bälle ins Seitenaus geschossen. Mann hat andere Probleme, renoviert gerade die Wohnung, konzentriert sich auf die sommerlichen Pelota-Turniere oder hat sich sowieso noch nie für Fußball interessiert. Diese WM, wie alle vorher auch, wird für die Euskaldunes zu einer wahren Leidenszeit. Was sie sich wünschen? Dass die „Roten“ schon in der Vorrunde ausscheiden. Das wäre eine Basis für ein entspanntes Verfolgen des WM-Turniers.

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