migration
Burn Out - oder - Fade Away

Der Sommerelan der Bewegung zur Aufnahme von Flüchtlingen ist zu Ende gegangen wie es zu erwarten war. Mit der Feststellung, nicht weiter zu können und mit einem erneut fruchtlosen Appell an die öffentliche Verwaltung in Bilbao, doch ihrer politischen und humanitären Pflicht nachzukommen. Die bilateralen Verhandlungen haben nichts bewirkt, nach fünf Stationen Bilbao – bezeichnenderweise alles besetzte Projekte – hat sich das Helfersyndrom aufgerieben. Zumindest konnten die Migranten noch an neue Aufnahmestationen weiter vermittelt werden.

Zuletzt gab es keine Zahlen mehr, um wieviele Afrikaner es sich handelte. Die zu ihrer Hochzeit 200 Personen zählende Gruppe wurde aufgeteilt, eine Reihe von willigen Kleinstadt-Rathäusern nahm sie auf. Konsequenterweise ist das Thema auch aus den Medien verschwunden. Lediglich aus dem fernen Nordbaskenland dringen noch Meldungen in den Süden. Dort protestieren Solidarische entschieden gegen die Abschiebung von Flüchtlingen weiß-wo-hin, obwohl diese reguläre Papiere haben. Weit weg von Bilbao. Bilbao wie die baskische Regierung haben die Kritik schadlos überstanden und sind aus dem Schneider. Für letztere ging es am Ende nur noch um die Finanzierung der unbegleiteten Jugendlichen, über einen staatlichen Geldtopf wurden per Regionalverteilung Millionen verteilt. Die Organisator*innen der Sommeraufnahme machten sich nicht die Mühe, über den weiteren Verlauf des Schicksals der Afrikaner zu berichten. Kein Resumée, keine Bestandsaufnahme, keine Selbstkritik. „Der größte Fehler, den wir im Sommer gemacht haben, wurde auf keiner einzigen Koordinierungs-Sitzung jemals angesprochen“. Sagt ein solidarischer Kritiker der Bewegung. „In den Stadtteilsitzungen, die zur Organisation der Unterbringung durchgeführt wurden, war kein einziger Flüchtling. Wir haben ständig über deren Köpfe hinweg diskutiert und Entscheidungen getroffen. Es wurde nicht einmal versucht, einige sprachen tatsächlich Spanisch“. So haben weiße Menschen über schwarze Menschen bestimmt. Wie überall. Wenn auch nur zu ihrem Besten. Unter vorgehaltener Hand wird in Bilbao kolportiert, dass es „in Mode“ sei, afrikanische Freunde zu haben. Vielleicht auch kein Gerücht … In den Medien war zuletzt die Rede von Kindern und schwangeren Migrantinnen, humanitäre Auslaufmodelle, denn danach endete die Diskussion vollends. Katz und Maus, hin und her. Auf hoher Ebene: Spanien weist aus, Frankreich weist aus, Menschen werden hin und her geschoben. Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Die Entscheidungen werden von Menschen mit weißer Hautfarbe getroffen. Soll jemand abstreiten, dass hier Rassismus praktiziert wird.

Halbwahrheiten, Dreiviertellügen

Die baskische Stadtverwaltung ist die flüchtlings-freundlichste auf der ganzen Welt. Von Juni bis September hat sie 2.756 afrikanische Flüchtlinge versorgt. Nach eigenen Angaben. Publiziert werden diese Daten im politischen Sprachrohr. Andere machen andere Angaben. Die Nachbarschaftsvereine zum Beispiel. Sie wurden den ganzen Sommer nicht müde, die Verwaltung für ihre Nichtaktivität zu kritisieren. Ausgerechnet in Sachen Flüchtlinge. Und wer hat nun recht?Tatsache könnte sein, dass die Stadtverwaltung Bilbao – oder in ihrem Auftrag das Rote Kreuz –mit der angegebenen Zahl von Flüchtlingen in einem bestimmten Moment tatsächlich in Kontakt kam. Die Betonung liegt auf „Kontakt“. Denn für solche Kontakte unterhält sie eine Unterkunft, in der Platz ist für 88 Personen. Dass in dieser Unterkunft nie mehr als 20 Flüchtlinge sind und waren, hat den Grund, dass deren maximale Aufenthaltsdauer auf drei Tage beschränkt ist. Wer länger bleibt muss raus auf die Straße – und die Herberge steht leer. Im Anschluss kümmern sich Nachbarschaftsvereine um die Straßenmenschen. Nicht, weil sie sich diese Arbeit suchen, oder weil es Absprachen gäbe mit der Stadtverwaltung. Sondern weil verhindert werden muss, dass die Flüchtlinge nicht auf der Straße enden, mit allen möglichen Konsequenzen. In der Parteipresse steht dennoch: „Bilbao hat bis zum23. September 2.756 Migranten empfangen und alle versorgt“. In Hinsicht auf die drei Tage Unterkunft könnte das wahr sein. Vom vierten Tag an gesehen ist es eine glatte Lüge. Ab dem 4. Tag existiert für die Afrikaner kein Rathaus mehr und kein Rotes Kreuz. Die sich in der Folge nach Kräften um die aus Afrika Angereisten kümmern, können ganze Kapitel davon erzählen. Um sich der menschlichen und organisatorischen Überforderung nicht ergeben zu müssen, werden die Unterbringungs-Standorte gewechselt. Von einem besetzten Haus zum anderen. Erst die besetzte ehemalige Schule in einem Barrio, dann das einstmals besetzte Zentrum im nächsten Barrio; danach die neuerdings besetzte Ex-Fabrik im Spekulationsviertel. Zum Glück waren die 2.756 Flüchtlinge nie alle auf einmal in Bilbao! Selbst die besetzten Zentren wären völlig unter die Räder gekomen. Die Mehrheit der Afrikaner sieht sich selbst auf der Durchreise, von einem französisch-sprachigen Land in Afrika in ein ebensolches in Europa. Zusammen waren es nie mehr als 200 in Bilbao. Schwer zu kalkulieren, wieviel Geld die Gemeinde gespart hat durch den nachbarschaftlichen Einsatz. Diese Mittel werden statt dessen in Aktivitäten investiert, die den Massentourismus ankurbeln. Zum Beispiel eine Bilbao-Leuchtreklame für einehalbe Million auf dem nächsten Berg. Weil nach der Sommerpause die linken Parteien im Stadtparlament die Notlage an die halbgroßpe Glocke gehängt haben, beschloss die Administration, die maximale Verweildauer in ihrer Herberge auf eine Woche zu verlängern. Wow! Spät aber immerhin! Ein Tropfen auf den heißen Stein. Besonders stolz sind die Verwalter, dass schwangere Frauen und nicht erwachsene Jugendliche nicht unter die Limits gestellt, sondern dauerbetreut werden. „Was sind wir doch für Humanisten!“ Derweil wehrt sich der Bürgermeister gegen den Vorwurf der fremdenfeindlichen Rechten, sie habe mit einer „aufnahme-freundlichen Politik“ für eine Sogwirkung gesorgt und die vielen Flüchtlinge erst richtig angezogen. Rassisten-Argumente. Alle Fronten sind offen. Das Zahlenspiel geht weiter, Kritik gegen Schulterklopfen. Viertel-Wahrheiten bleiben dennoch dreiviertel Lügen.

Kein Frühstück für Negros

Einhundertfünfzig Migranten und eine Migrantin aus Afrika frühstücken Sonntag Vormittag auf dem Platz eines Stadtteils von Bilbao. Organisiert wird das Essen von einer Gruppe von freiwilligen Nachbar*innen, die einspringen mussten, weil sich die lokalen Behörden nicht – einen Dreck – um die Notlage der Flüchtlinge kümmern. „Es gibt Basken, die haben Hunger – und ihr gebt das Essen den Schwarzen“, sagt eine Stimme deutlich vernehmbar. Der das ausspricht ist kein Politiker. Auch kein frustrierter Bürger. Und kein Neonazi, der versuchen könnte, seine rassistische Propaganda unter die Leute zu bringen. Der das sagt ist ein Junkie, der sich bei seinem Rundgang durch die afrikanischen Frühstücksreihen bückt, um Zigarrettenstummel vom Boden aufzulesen. Ist er das, was Marx einst das Lumpenproletariat nannte? Vielleicht nicht das Paradeexemplar, aber auch nicht so weit entfernt. Den ausgesprochenen Satz hat unserJunkie nicht selbst erfunden. Schon häufig wurde er geschrieben und mündlich wiederholt. Ohne dadurch besser zu werden. Wenn Faschisten, Rassisten, WASPs oder Klan-Männer solche Töne von sich geben, ist es schlimm genug. Wenn die Geschundenen und Verdammten dieser Erde die Botschaft wiederholen, klopfen sich die Trumps und Berlusconis auf die eigenen Schultern, um zu feiern, dass die Botschaft über alle Gegensätze hinweg beim Klassenfeind gelandet ist. Seit ganze Arbeiterviertel Front National oder die Republikaner wählen ist vollends klar, dass der Marxismus eine Erneuerung braucht. Denn es ist nicht mehr das Sein, dass das Bewusstsein bestimmt. Neid und Konkurrenz sind es, die gleichfalls Impulse liefern. Es gibt immer einen, dem es noch schlechter geht. Solange sich die Verdammten solidarisieren, haben die Unterdrücker Bauchschmerzen. Niemand hätte einen Ton gesagt, wenn der Junkie sich an einen der vielen Frühstücks-Tische gesetzt hätte um mitzuessen. Chance verpasst. Mit dem Rassisten-Spruch hat er sich auf die Seite der Salvinis und AFDs gestellt. Dabei sind gerade jene die letzten, die etwas mit ihm zu tun haben wollen. Post Scriptum: Die beim Frühstück anwesenden Afrikaner plus Frau haben den Spruch nicht verstanden, die meisten sprechen nur Französisch und verstehen kein Spanisch.

Antwort auf Massentourismus

Touristen – die zahlungrskräftigen, nicht die papierlosen – sind für allerlei spassige Umtriebe bekannt, die bei Einheimischen nicht gerade auf viel Gegenliebe stoßen. Nackt in den Supermarkt gehen zum Beispiel, oder in Privatwohnungen nächtelang Party machen, wenn andere schlafen wollen-müssen. Urlaub scheint der Moment zu sein, in dem das praktiziert wird, was zu Hause verboten ist. Chaos im Zeichen der Anonymität und der Sicherheit, als zahlender Gast willkommen zu sein, ein Hauch von Narrenfreiheit inklusive.Auch Balkoning ist so eine Untugend. Sie besteht darin, vom Hotelbalkon im x-ten Stock in den Pool zu springen. Geil! Zu Hause macht das niemand! Die Hoteliers finden das nicht so lustig, vor allem, wenn das Bassin verfehlt wird und die Putztruppe schon nachts beauftragt werden muss. Im massen-tourismus-geplagten Barcelona sind heuer Plakate aufgetaucht, die zum Balkoning einladen. „Tourist, balconing is fun!“ ist da zu lesen. Sicher keine Kampagne der katalanischen Hoteliers. Auch nicht gegen sie gerichtet. Eher ein Versuch, die Reisehorden von einer freiwilligen Eigen-Reduzierung zu überzeugen. In Bilbao haben unsichtbare Hände auf das Werbeplakat der Regierung geantwortet, auf dem es hieß: „Here Ongi Etorri means Welcome. Welcome to the Basque Country“. Dieses Willkommen gilt jedoch nur für zahlende Gäste, nicht für illegale Afrikaner*innen, die ebenfalls an die Tür der Stadt klopfen. In der gesprühten Antwort heißt es „Here Turistak Pikutara means Tourist go home“. Kein normalsterblicher Tourist wird wissen, was Pikutara bedeutet: in etwa wo der Pfeffer wächst. Der englische Teil des Satzes ist leichter zu erschließen. Es handelt sich um eine Botschaft, die an immer mehr Orten Europas die Runde macht. Denn Massentourismus ist folgenreich, unträglich und widerlich. Überall.

Gute und schlechte Touristen

„Here Ongi Etorri means welcome. Welcome to the Basque Country“ – das steht in großen Lettern auf einer 25 Meter langen Werbewand am Fluss von Bilbao. Auf Deutsch: „Ongi Etorri bedeutet hier Willkommen. Willkommen im Baskenland“. Unwissende fragen sich, auf wen sich dieses Willkommen bezieht. Etwa auf die mittlerweile 100 afrikanischen Migranten, die keine 100 Meter von der Wand entfernt in einer unwürdigen Notunterkunft leben und von den Behörden komplett ignoriert werden? Wohl kaum. Worauf bezieht sich dann die wohlwollende lilafarbene Werbewand der baskischen Regierung?Sie ist Ausdruck einer Werbekampagne der baskischen Behörden. Mit zwei Zielen. Einmal soll der negative Eindruck korrigiert werden, der entstanden ist, weil im vergangenen Jahr aus der Bevölkerung starke Kritik am Modell des Massentourismus laut wurde. Kritik ist nicht erwünscht, wenn es um bare Münze geht, auch wenn sie nüchtern und rational daherkommt. Zweites Ziel der Werbekampagne sind neue touristische Zielgruppen. Dabei haben die Werbe-Strategen die sensible Gruppe der Hundebesitzer*innen ausfindig gemacht. Nicht in jeder Reisestation werden Vierbeiner zugelassen. Aus gutem Grund. Im Kampf um Marktanteile wird das Baskenland deshalb als besonders hundefreundlich dargestellt, um diese Zielgruppe an Land zu ziehen. Fazit: zahlungskräftige Tourist*innen und Hundebesitzer*innen statt flüchtenden Afrikanern. Ein Kreis schließt sich. Jene, die unter den Folgen des Tourismus zu leiden haben, kümmern sich um die ungeliebten Afrika-Touristen, die ohne Geld und Papiere gelandet sind – während die Regierung alles unternimmt, um noch mehr zahlungskräftige Reisende ins Land zu locken und die Mieten weiter steigen zu lassen. Willkommen im Kapitalismus, willkommen im Neokolonialismus. Ongi Etorri bedeutet …

Sommerthema Flüchtlinge

Migrant*innen aus Afrika gibt es im Baskenland seit fünfzehn Jahren. Nicht so viele aber überall sichtbar. In Bilbao leben sie vor allem in den alten Arbeitervierteln wie San Francisco. Seit Ende Juni hat sich die Situation geändert. Das Sommerwetter hat viele Afrikaner zum Sprung über die Meerenge motiviert. Die Flüchtlingsblockade der neuen Ultra-Regierung in Italien und der sozialdemokratische Regierungswechsel in Madrid haben die Fluchtlinien verändert. Auf dem Landweg über Melilla klettern andere Afrikaner unter Todesgefahr über den Stachelzaun. Das Rote Kreuz in Andalusien sieht sich angesichts der Zahl der Ankommenden überfordert und gibt Bustickets in den Norden aus. Weil die Flüchtlinge „sowieso nach Mitteleuropa wollen“. Frankreich, Belgien, Deutschland, vielleicht Gorßbritannien. Ende Juni kamen ein paar verlorene afrikanische Flüchtlinge am Busbahnhof Bilbao an, niemand kümmerte sich um sie. Das Rathaus ist zwar auf Tourist*innen eingestellt, aber bitte doch nicht solche! Nachbarschaftshilfe musste einspringen. In Schulen, besetzten Häusern oder unter dem Dach einer offenen Sporthalle wurden die Leute versorgt. Notdürftig. Die Verantwortlichen im Rathaus waren im Urlaub oder taten so. Keine Hilfe, keine Reaktion, keine Unterstützung für die Freiwilligen, die sogar das Essen aus der eigenen Tasche bezahlen und Matratzen und Teppiche über Solidaritäts-Aufrufe organisieren. Zum Glück ist Sommer, viele haben Zeit und Lust, sich auf das Abenteuer einzulassen. Nicht alle sind mit der karitativen Strategie einverstanden. Die öffentliche Hand glänzt bisher völlig mit Abwesenheit, wo die Betreuung eigentlich ihre Aufgabe ist. Über politischen Druck müssten die unwilligen Bürokraten zur Einmischung genötigt werden. Müssten. Aber die Helfer*innen denken in eher humanitären und keinen politischen Kategorien. Zwanzig Afrikaner waren es zu Beginn. Unter dem Sportdach waren es schon fünfzig. Nach drei Wochen im Sozialzentrum sind es 150. Die Zahl steigt, die Helfer werden nicht müde, neue Mini-Schlaflokale ausfindig zu machen. Noch ist August, Ferien- und Fiesta-Monat. Alle haben Zeit. Doch der September droht, mit Regen, Arbeit und Alltags-Verpflichtungen. Ende von Caritas. Dann könnte die Polizei den Rest erledigen.

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