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Die neue Normalität der Rückfälle

Nach vier Wochen “neuer Normalität“ ist eines klar: alle Appelle an die Vernunft der Bevölkerung, die neue Freiheit nicht zu übertreiben, waren umsonst. Vor allem die jüngere Generation ist in kürzester Zeit in alte Exzesse zurückgefallen. Vom ersten Tag an waren die Strände maßlos überfüllt, Binnentourismus ist Trumpf. Medien bestätigen der Regierung Kontrollverlust, scheuen sich aber davor, neue Lockdowns zu fordern. Die Wirtschaft würde Amok laufen. Das Kaninchen starrt reglos auf die Schlange.

 

2020-08-03 / Post-Covid Tag (43)

ROTE ZONE BITTE NICHT VERLASSEN

Reiseziele werden neuerdings in orange und rote Zonen eingeteilt, um die Reisewilligen zu orientieren und sie nicht ins offene Corona-Messer laufen zu lassen. Die Tourismus-Medien sind statt Reiseempfehlungen voller Reiseverbote und Reisewarnungen. “Der Coronavirus bremst die Tourismus-Branche aus“, heißt es blumig auf einer Internetseite. Aber es ist nicht der Virus, der den Bremseffekt verursacht hat, es ist die tödliche Mischung von Brachial-Kapitalismus, Pharma-Landwirtschaft und Umweltzerstörung, die den Nährboden geschaffen hat für Killerviren.

kolu21h3“750.000 Tourismus-Jobs könnten in Spanien verloren gehen“, heißt es an anderer Stelle, vielleicht sogar mehr, wenn das Problem nicht in den Griff zu kriegen ist. Wer sich wirtschaftlich einseitig abhängig macht, stolpert leichter in die Krisen-Falle. Dass in Russland eine Spritze gefunden worden sein soll, reißt niemand vom Hocker. Solange die nicht millionenhaft ausprobiert ist, käme von meinen Freund*innen hier niemand in die Verlegenheit, sich sowas verabreichen zu lassen. Dann schon lieber die lästigen Masken.

Beunruhigend sind eher Nachrichten aus Vietnam, wo ein noch gefährlicherer Killervirus aufgetaucht sein soll, der noch aggressiver und tödlicher wirkt. Niemand kann sagen, wie ernsthaft diese Nachrichten sind, denn aus China und Neuseeland kamen schon ähnliche Nachrichten, die innerhalb von zwei Tagen wieder spurlos von der Medien-Bildfläche verschwanden. Ping-Pong – und der Ball bist du.

Nie war es so wertvoll wie heute, ernsthafte von lächerlichen Nachrichten unterscheiden zu können, eine Kunst, die in den Schulen nicht gerade gelehrt wird. Denn das Niveau auf Facebook, Bild und Twitter spricht eine andere Sprache, die lediglich die Stammtische bereichert, falls sie nicht schon unter Quarantäne gestellt sind.

DAUERLÖSUNG

Ein Freund aus Donostia, den ich seit sechs Monaten nicht mehr gesehen habe, beschwert sich, dass die Coronavirus-Spannung auch nach dem Lockdown nicht wirklich nachgelassen habe. “Im Grunde haben sich nur die Vorzeichen geändert, denn die neue Normalität ist nichts anderes als Covid-Light: Jeden Tag hören wir neue Schauer-Nachrichten, jeden Tag über andere Orte. Es mag zynisch klingen, aber der Lockdown war einfacher, klarer, geregelter. Nun werden wir jeden Tag in die Arbeit und auf die Straße getrieben und müssen uns durchschlagen, mit und ohne Maske, mit und ohne Angst, mit und ohne Massen … und müssen feststellen, dass viele diese neue alte Freiheit nicht vertragen, dass sie nicht verantwortlich damit umgehen können. Über uns kreist ein Hubschrauber mit einem Kübel Löschwasser an den Seilen. Wir haben keine Ahnung, ob die Brandherde damit eingedämmt werden oder angefacht. Es reicht, wenn irgend ein Idiot – ein Unternehmer, ein Kneipier, ein Diskobesitzer, ein Feten-Williger – irgend einen Exzess vom Zaun bricht und plötzlich hundert Leute infiziert sind. Das wird auf unbestimmte Zeit unser tägliches Brot sein, ein Jahr, zwei Jahre vielleicht.“

PHARMA-LANDWIRTSCHAFT UND VIREN-MUTATION

kolu21h4In einer kritischen Zeitschrift war zu lesen: “Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass versucht wird, die Kosten erneut auf die unteren Klassen abzuwälzen. Gleichzeitig könnte versucht werden, einen Obrigkeitsstaat dauerhaft zu etablieren und den Moment zu nutzen für die Abschaffung demokratischer Grundrechte. Außer den Verschwörungs-Fanatikern jemand fragt kaum noch jemand nach den Ursachen der seit der Jahrtausend-Wende regelmäßig wiederkehrenden Viren-Mutationen, die Artgrenzen überspringen und vom menschlichen Immunsystem nicht abgewehrt werden können. Analysiert werden müsste das Entstehen der mutierten Viren im Umfeld industrialisierter Landwirtschaft und Fleischproduktion, als Resultat der kompletten Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts. Solange diese Form der zerstörerischen kapitalistischen Nahrungsmittel-Produktion nicht grundlegend geändert wird, bleibt nur eine kurze Zeitspanne bis die nächsten und sicher noch gefährlicheren Viren-Mutationen in Erscheinung treten.“

Politiker sagen, einen zweiten Lockdown werde die Wirtschaft nicht verkraften. Die Bereitschaft zu einem grundlegenden Wertewandel in der Produktion und im Verhältnis zur Natur ist nicht in Sicht. Der Coronavirus ist auf Dauer programmiert.

2020-08-01 / Post-Covid Tag (41)

WER BEZAHLT DIE RECHNUNG?

In den vergangenen Tages-Kolumnen haben wir uns mit der Gretchen-Frage aller Wirtschaftskrisen beschäftigt: Auf wen werden die Kosten der Pandemie-Krise abgewälzt? Etwa auf Bill Gates und Konsorten, denen es keine Spur weh täte, einen Großteil ihres Besitzes an die zurückzugeben, die diesen Reichtum erarbeitet haben? Wohl kaum. Auch nicht auf die Banken im spanischen Staat, die einfach nur das zurückzahlen müssten, was ihnen vor 12 Jahren zur Rettung “ausgeliehen“ wurde. Wir haben die Ankündigungen baskischer Kapitalisten verfolgt, ihre “Belegschaft zu reduzieren“ und die phantastischen Vorschläge der baskischen Wirtschafts-Senatorin, die hinsichtlich der arbeitenden Bevölkerung ganz direkt zum Ausdruck bringt: “Ihr bezahlt die Rechnung“.

WAS IST DA FAUL IM STAATE?

Die Daten sind nicht zum Lachen: die staatliche Wirtschaft hat in sechs Monaten 22% ihrer Kraft verloren (Vergleich Deutschland 10%, USA 9,5%). Dies ist vor allem auf die wirtschaftliche Monokultur Tourismus zurückzuführen. Alle Früchte hängen an einem Baum! Die Statistiker sprechen von 15% Arbeitslosen, es dürften viel mehr sein, Millionen mehr. 20% wären realistischer.

kolu21h2“Viele Arbeitslose haben es angesichts lange geschlossener Behörden nicht geschafft, sich überhaupt im Juni arbeitslos zu melden. Wer in Spanien keine Leistungen zu erwarten hat, tut das ohnehin normalerweise nicht. Und das sind viele.“ So ist es bei Telepolis zu lesen. Und wir sind noch nicht am tiefsten Punkt angelangt. Denn neben den (in)offiziell Arbeitslosen gibt es ja noch die ERTE-Beschäftigten, die vorübergehend und auf Staatskosten von Arbeit befreit sind. Um die 3,5 Millionen Menschen waren das im letzten Quartal. Viele von ihnen stehen mit Sicherheit zwei Schritte vor der endgültigen Arbeitslosigkeit. “Man darf annehmen, dass die enorme Zahl von 26% im Jahr 2013 in der letzten Krise noch deutlich überschritten werden wird.“ (Telepolis)

“Die Mehrzahl der Jobs, die verloren gingen, lag im Dienstleistungssektor, vor allem Tourismus, wo offiziell allein 800.000 Stellen weggefallen sind. Zwei Drittel der verlorenen Stellen waren befristet. Mehr als 90 Prozent aller Verträge werden hier befristet geschlossen, müssen also nicht gekündigt werden. Sie fielen damit nicht unter den Corona-Kündigungsschutz der spanischen Regierung im Alarmzustand, der bis zum 21. Juni andauerte.“ Das ist die Realität, Telepolis wirft Schlaglichter auf unsere Zukunft.

TOURISMUS IN QUARANTÄNE

Um Touristen nicht zu verschrecken, will die Regierung “ums Verrecken nicht“ von einer Coronavirus-Welle sprechen. Obwohl alle Zahlen darauf hindeuten. Vor allem die niedrigen Zahlen über Madrid sind erstunken und erlogen. Neugebuchte Reisen wurden trotz der Manipulation schon wieder abgesagt, einige europäische Regierungen verordnen Quarantäne nach Reiserückkehr.

Mit dem August kommt die große Reisewelle – eine optimale Gelegenheit für die Madriderinnen und Madrider, heimische Andenken auszuteilen. Denn mit dem Virus im Gepäck können sie nun ins ganze Land ausströmen. Praktisch eine ganz ähnliche Situation wie vor dem Alarmzustand im März. Insofern wäre es durchaus angebracht, Großbritannien und Norwegen zu folgen und eine generelle Quarantäne für Rückkehrer aus Spanien anzuordnen. Oder Covid-Pässe für Reisende aus Madrid einzuführen. In weniger als einem Monat werden wir sagen müssen: “Wir haben es doch vor einem Monat schon gesagt!“ Doch dann sind wir möglicherweise schon wieder eingesperrt in unsere vier Wände ohne Balkon.

2020-07-31 / Post-Covid Tag (40)

ARANTZA SPRICHT: LOHNVERZICHT

Arantxa Tapia ist Senatorin für Wirtschaftliche Entwicklung der baskischen Regierung. Als Mitte März von fünfzehn Tagen Covid-Lockdown die Rede war, sagte sie voraus, dass daraus zweieinhalb Monate werden könnten. Sie lag richtig. Nun ist der erste Corona-Schub vorbei, die Gefahr eines Wiederaufflammens ist überall zu erahnen. “Wir müssen uns um die Gesundheit kümmern, aber einen Wirtschafts-Stopp wie gerade eben erlebt können wir uns nicht leisten.“

Dass Unternehmen wie Siemens-Gamesa, Sener, Tubacex oder ITP Entlassungen angekündigt haben, überrascht sie nicht sonderlich. “Als wir im März sagten, ein kompletter Produktions-Stopp könnte tödlich sein, ahnten wir, was kommen könnte. Alles, was mit Mobilität und Versammlung von Personen zu tun hat, ist betroffen. Das heißt, Transport am Boden, Flugzeuge, Automobile, Energie, Maschinenbau, alles bedingt sich gegenseitig“.

Wenn Arantxa davon spricht, dass Entlassungen nur als letzte mögliche Maßnahme in Frage kommen, dann sagt sie nur die halbe Wahrheit. Denn die Partei, die sie repräsentiert, steht dem Unternehmertum deutlich näher als der Arbeiterschaft. Nun sei Phantasie angesagt. Unternehmer und Gewerkschaften müssten andere Arten von Verhandlungen führen als in der Vergangenheit. Unternehmen müssten es ertragen, eine Zeitlang auch mal minimale Verluste zu machen; und die Beschäftigten müssten gegebenenfalls Lohneinbußen hinnehmen, um ihre Arbeitsplätze zu sichern.

kolu21h1Das Argument ist nicht neu, es wurde bereits häufig praktiziert, insbesondere in solchen Bereichen, die verhältnismäßig gut bezahlen, in denen die Beschäftigten also nicht sofort in Armut-Niveaus absinken. Die Fagor-Krise in Arrasate-Mondragon zum Beispiel vor knapp zehn Jahren ist in frischer Erinnerung. Doch waren das keine dauerhaften Lösungen. Wenn die Konjunktur wieder boomt kommt niemand auf die Idee, den Lohnverzicht auszugleichen, wenn die Unternehmens-Gewinne wieder in die Millionen gehen.

Kapitalismus basiert auf Profiten für die Unternehmer, dafür ist die Ausbeutung von entfremdeter Arbeitskraft notwendig. Wenn die Gewinne sinken, muss die Ausbeutungs-Schraube angezogen werden, um die Profitspanne zu erhalten. Sonst bleibt nur die Schließung von Standorten. Siemens-Gamesa hat vor zwei Wochen gezeigt, dass sogar solche Werke geschlossen werden können, die wirtschaftlich und profitabel arbeiten.

“Haben die Unternehmen mit ihrer Entlassungs-Ankündigung gewartet bis die Regionalwahlen vorbei waren?“ – wird Arantxa am Ende eines Interviews gefragt. Wir ersparen uns ihre Antwort. Selbstverständlich haben die Unternehmer den Mund gehalten, obwohl die Pläne längst in der Schublade lagen. Denn wer will in jenen Kreisen schon gerne einen Regierungswechsel. Der Unternehmerverband kann schließlich stolz sei auf verlässliche Leute wie Arantxa.

Und während im Baskenland noch philosophiert wird über den Beitrag der Beschäftigten zum Erhalt des Kapitalismus, ist man in Deutschland schon einen Schritt weiter. Daimler meldet Lohnverzicht für Jobsicherung (29.07.2020): “Bei Daimler verzichtet die Belegschaft auf 450 Millionen Euro, um Entlassungen wegen der Coronakrise zu vermeiden. Die Beschäftigung bei Daimler bleibt bis 2030 gesichert, und betriebsbedingte Kündigungen bleiben ausgeschlossen“, erklärte Betriebsratschef Michael Brecht nach einer Einigung mit dem Management auf befristete Lohnkürzungen. “Wir reden hier über ein Einsparvolumen von 450 Millionen Euro“, ergänzte der Belegschaftsvertreter. “Das entspricht etwa der Arbeitsleistung von 7.000 Beschäftigten.“ Lass die Sektkorken knallen, Michael!

2020-07-30 / Post-Covid Tag (39)

kolu21g2GRENZENLOS SOLIDARISCH

Was haben wir in den vergangenen Monaten nicht alles über Solidarität gehört. “Der Staat lässt dich nicht hängen“, uneigennützige Solidaritätsnetze überall, “den Schwachen helfen“. Die Solidarität wurde uns regelrecht um die Ohren gehauen. Doch schon zu Beginn war klar, dass diese “Welle der Menschlichkeit“ irgendwann schnell ihre Grenzen finden würde. Die erste Grenze war jene, über die Migrantinnen aus dem Süden in unsere Breitengrade zu gelangen versuchen. Von dieser Grenze war drei Monate lang überhaupt nicht mehr die Rede.

Zweite Grenze war eine interne und bürokratische: Wer kriegt hier Arbeitslosengeld und wer nicht? Ihren besten Ausdruck fand diese Grenze im neuen garantierten Minimaleinkommen, das die links-liberale spanische Regierung beschloss. War der Betrag ohnehin schon zum Leben zu wenig, wurden gleichzeitig Dutzende von Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt. Alle Menschen sind gleich, doch die Schweine sind gleicher. Es bleibt ein Geheimnis, wie die afrikanischen Straßenverkäufer in Bilbao (und anderswo) ohne ihre illegalen Verkäufe (von der Hand in den Mund) überleben konnten, wenn nicht über interne Solidarität.

Als staatliche Milliarden ausgeschüttet wurden, um Entlassungen von definitiv auf zeitlich begrenzt zu schalten, fragten sich die ersten, wer denn am Ende die Rechnung bezahlen sollte. Es wurde daran erinnert, wie vor 12 Jahren die Banken mit Milliarden “gerettet“ wurden, mit dem Versprechen, dieses öffentliche Geld zurückzuzahlen. Was nie geschah, es blieb in den Rachen gieriger Banker hängen, legitimiert durch die Regierungen, die sich die Klinke in die Hand gaben. Nun präsentieren einige der großen aus der Wirtschaft die Grenzen der Beschäftigung. Sie argumentieren (wie gewohnt) mit den Grenzen der Rentabilität und den begrenzten Reingewinnen.

SIEMENS IN NAVARRA

Wo in Navarra (Agoitz) die Grenzen der Solidarität liegen, wurde an dieser Stelle bereits geschildert. Der Wind-Generatoren-Multi Siemens-Gamesa erklärte sich einer strukturschwachen Gegend “verbunden“ und kündigte 235 Mitarbeiter*innen! Als die Niederlassung vor 11 Jahren aufgemacht wurde, zeigte sich die Regionalregierung “solidarisch“ und unterstützte das Vorhaben mit Millionen. Diese Grenze ist nun überschritten.

Doch Siemens-Gamesa waren nur die ersten in einer – wie zu befürchten ist – langen Liste von Grenzgängern der kapitalistischen Wirtschaft. Mercedes will weltweit 30.000 Stellen streichen, wie viele, unter welchen Umständen und wo ist bislang nicht klar. In Vitoria-Gasteiz unterhält der Konzern ein Werk mit 5.500 Beschäftigten. Nächster Kandidat ist der Tubacex, Hersteller von rostfreien Röhren mit Werken im baskischen Araba. Von weltweit 2.550 Beschäftigten (Spanien 1.100) sollen 20% entlassen werden.

kolu21g3FLUG- UND RÜSTUNGSINDUSTRIE

Weiter geht es mit Sener, Aernnova und ITP Aero, alle drei ebenfalls gut im Baskenland vertreten. Sie arbeiten offiziell für die Flugzeug-Industrie, sind aber als Rüstungs-Fabrikanten bekannt und gebrandmarkt. Die Krise der Tourismus-Branche betrifft bekanntlich mit an erster Stelle den Flugzeug-Bau. Deshalb will Aernnova 650 Stellen einsparen, Sener eine unbekannte Zahl. Der Zu Rolls Royce gehörende ITP-Konzern beschäftigt in Mexiko, Indien und Europa 4.000 Personen, die Hälfte davon im Baskenland. 600 der gesamten Arbeitsplätze (15%) sollen nun wegfallen.

Kontrastiert werden diese Entlassungs-Meldungen vom Geschäftsbericht des in aller Welt vertretenen baskischen Energieriesen Iberdrola. Dessen Wert an der Börse hat während und trotz der Coronavirus-Krise einen historischen Höchstwert erreicht, bei einer Steigerung von 25% in den verfluchten Pandemie-Monaten. Gleichzeitig wurde der Gewinn im ersten Quartal – trotz Corona – um 12% erhöht (1,8 Milliarden). Das Versprechen, im laufenden Jahr insgesamt 10 Milliarden zu investieren (und somit die darniederliegende Wirtschaft anzukurbeln) ist kein karitativer Empathie-Akt. In Sicht ist vielmehr ein neuer Markt mit erneut Milliarden-Profiten. Iberdrola setzt auf die “grüne Energie“, will heißen, die erneuerbaren Energieformen. Das kommt beim Volk genauso gut an wie bei den Aktionären.

2020-07-29 / Post-Covid Tag (38)

UNSER TÄGLICHES BROT

Von Normalität kann keine Rede sein. Weder von alter noch von neuer. Zu viele, vor allem Jüngere, streben nach der alten Normalität und provozieren Massen-Ansteckungen. Die sechs B der Ansteckungsherde singen ein Lied davon. Vor drei Monaten hatten wir den Lockdown – was waren das noch Zeiten: wir wussten genau, was wir tun und lassen sollten. Diese Klarheit ist dem Chaos gewichen. Jeden Tag neue Regeln von verschiedenen Institutionen, Gruppengröße, Abstand, Masken.

kolu21g1Was hier erlaubt ist, ist in der nächsten Stadt verboten, jede Region hat ihre eigenen Regeln, Lockdown in Gebäuden, Stadtteilen, Städten, heute ja, morgen schon nicht mehr. Totales Chaos. Es ist weitgehend schleierhaft, was europäische Tourist*innen in unsere Gegend treibt: Nervenkitzel? Reisesucht? Billigklamotten? Tatsache ist, dass sie in täglich größerer Anzahl auflaufen. August: Haupt-Reise-Monat. Aus Holland, Frankreich, Deutschland, sogar Großbritannien, obwohl letztere bei ihrer Rückkehr mit zwei Wochen Quarantäne bestraft werden.

6.200 neue Coronavirus-Fälle im Staat. Die baskischen Küstenorte sehen sich von Inlands-Tourist*innen überrollt und machen deutlich, dass sie bereits jetzt die Kontrolle verloren haben. An der Küste organisieren sauffreudige Jugendliche einen Makro-Botellon nach dem anderen, die Polizei verteilt Dutzende von Strafen. Discotheken müssen wieder schließen und viele fragen sich, weshalb die jemals die Erlaubnis zur Wiedereröffnung erhielten. Was sich dort ereignen würde, war klar. Alle Kneipen- Öffnungszeiten werden wieder eingeschränkt, um nächtliche Ausschweifungen zu vermeiden.

Der katalanische Präsident warnt vor einem neuen Lockdown, wenn sich die Lage nicht innerhalb von 10 Tagen in den Griff kriegen lässt. Im bizkainischen Portugalete ist ein ganzer Fußball-Club unter Quarantäne. Und von der anderen Seite des großen Teiches hören wir Meldungen, dass Kalifornien und Florida mittlerweile die Rekordzahlen aus New York in den Schatten stellen. Schönen Sommer auch!

2020-07-27 / Post-Covid Tag (36)

DIE VERFÜHRER SIND DA

kolu21e2Etwas spät, eigentlich enorm spät, scheinen die Coronavirus-Negationisten und Verschwörungs-Theoretiker über spanische Breitengrade auch im Baskenland anzulanden. Was während des schmerzhaften Lockdowns nicht geschah – Protest – richtet sich nun – in ruhigeren Zeiten – gegen die harmlosen Gesichtsmasken. In Donostia kam es bei einer Kundgebung zu Verhaftungen und Personalien-Feststellungen, weil die Teilnehmerinnen keine Masken anlegen wollten.

In der Covid-Lockerungs-Phase waren es Gruppen von Postfranquisten und Ultrarechten, die sich vor allem in Madrid distanzlos und maskenfrei auf die Straße gestellt hatten, um gegen die Politik der Regierung zu rebellieren. Ohne Inhalt und Forderungen. Einfach rechten Dampf ablassen gegen die “Kommunisten“ in der Regierung.

Die neue Mobilisierung kommt etwas anders daher. Das Mobilisierungs-Flugblatt aus Donostia ist ein bunte Mischung aus bekannten und neuen Diskurs-Fragmenten, die keinerlei gemeinsame Logik erkennen lassen. Im Mittelpunkt steht die Klage gegen die “Neue Weltordnung“, die “Totale Kontrolle, die Warnung vor der “Reduzierung der Bevölkerung“ und vor der “Wirtschaftlich-Militärischen Diktatur“. Bis dahin könnten die Schlagworte aus einem Anti-Globilisierungs-Text abgeschrieben sein.

Dann wird es verschwörerisch. Die Pandemie sei provoziert, dahinter ständen die Welt-Gesundheits-Organisation WHO, Bill Gates und die Pharmaindustrie, die an einer obligatorischen Impfung verdienen wolle (wenn es eines Tages eine Spritze geben sollte). Gewarnt wird vor dem Verlust aller Rechte über den Körper, das Geld und die Kinder. Nur “die Wahrheit macht uns frei“, heißt es am Ende.

Was aber ist die Wahrheit? Sicher nicht die Version von Coronavirus und Gesundheits-Management, die uns die meisten Regierungen täglich über mehr oder weniger gleichgeschaltete Medien präsentieren! Was aus Sicht der Organisatoren von Donostia die Wahrheit sein soll bleibt ein Geheimnis. Außer Schlagworten keine Hinweise, wo die Wahrheit zu finden sein könnte.

Wir fragen uns also: An wen wenden sich solche Aufrufe, die mittlerweile auf eine internationale Vernetzung bauen, Deutschland, Argentinien, USA? In erster Linie wenden sie sich an das direkte Umfeld der Organisatoren, die sich selbst im Dunkeln halten, deren rechter Ursprung jedoch mehr als einmal deutlich wurde, siehe Hygiene-Demos in Deutschland. Zum anderen sollen damit all jene geködert werden, die unter den Einschränkungen des Lockdowns besonders gelitten haben; Personen, die schon vorher die Machtstrukturen individualistisch in Frage gestellt haben; Menschen, die sich seit Langem in einem endlosen Disput mit den Behörden befinden; Leute, deren geringe psychische Stabilität drei Monate lang auf die härteste Probe gestellt wurde.

kolu21f1Wenn schon die Mobilisierungs-Schlagworte keine genaue politische Orientierung erkennen lassen, versuchen wir es doch einmal mit jenen Begriffen, die in den vergangenen vier Corona-Monaten die Runde gemacht haben. Die Kritik an den Mängeln des Gesundheits-Systems, Kritik an der Privatisierung von öffentlichen Aufgaben, ökologische Kritik und Infragestellung des kapitalistischen Systems. All diese Elemente, die der anti-kapitalistischen Linken eigen sind, glänzen in den Wahrheits-Mobilisierungen durch Abwesenheit.

So wird umgekehrt durch den Umkehrschluss eine Logik sichtbar. Was die neue Weltordnung nach Ende des Kalten Krieges oder nach den Twin Towers, oder die fortgesetzte Militarisierung anbelangt, existiert in weiten Teilen der Linken eine große Bereitschaft zur Diskussion, ohne Frage. Doch die Mehrheit dieses kritischen Potentials wird sich nicht in Madrid oder Donostia einfinden, weder auf der Suche nach Hygiene noch nach Wahrheit (jener Wahrheit). Der Ursprung dieser Mobilisierungen liegt in einem Dickicht von rechten Theorien, Esotherik, Verschwörungsgeist und diffuser Systemkritik, womöglich noch religiös gefärbt.

Seit dem Lockdown ist ein Werbespot zum Dauerbrenner in den nächtlichen Krimiserien-Programmen geworden, bei dem eine schrullige alte Dame neben einem Globus zu sehen ist. “Wenn Sie psychologische Probleme haben, können Sie sich gerne an uns wenden“, sagt sie. Und zum Abschied: “Wenn sie sich jedoch gerade jetzt verwirrt oder umnachtet fühlen, können Sie auch sofort bei uns anrufen“. Der Sendeplatz ist sicher nicht billig. Der Köder ist ausgelegt für alle, die im schwierigen Alltag keinen materiellen oder gemeinschaftlichen Halt finden. Alternative ist übrigens – laut Werbung – das Wettbüro.

2020-07-26 / Post-Covid Tag (35)

DIE ÜBERVORSICHTIGEN

Belgien warnt seine reisewilligen Bürgerinnen vor spanischen Regionen: Aragon, Katalonien, La Rioja und Extremadura. Verboten ist es, in Katalonien in zwei der am stärksten vom Wiederaufflammen des Covid betroffenen Gebiete zu reisen. Gewarnt wird auch vor dem Baskenland. Wer aus einem des besagten Gebiete nach Belgien zurückreist, sollte sich freiwillig in Quarantäne begeben, so die Empfehlung. Gefährlich seinen auch Regionen in EU-Staaten wie Österreich, Bulgarien, Kroatien, Luxemburg, Portugal, Tschechien, Polen, Rumänien, Slowenien, Schweden und Großbritannien. Das fehlt so gut wie nichts. Zu Hause bleiben ist angesagt für die reisegeilen Europäerinnen.

kolu21e1Warum vor Reisen nach Euskal Herria gewarnt wird, bleibt einheimischen baskischen Seelen nicht nachvollziehbar. Hier werden Wahlen abgehalten, Feste gefeiert, Fußball gespielt, Ruderregatten organisiert. Mit dem vermehrten Konsum von Alkohol konnte die Pandemie im Mai vorzeitig beendet werden. Zudem haben die Baskinnen das Glück, auf den ältesten und einzigartigen Rhesusfaktor Europa setzen zu können. Der schützt vor allem und jedem, weil er älter ist als Corona. Wer als Baske den Franquismus und die Niederlagen gegen Real Madrid überstanden hat, für den ist Covid Nebensache.

Was sich auf europäischer Ebene abspielt scheint also eher ein Komplott der Übervorsichtigen zu sein. Der größte britische Reiseveranstalter und Tourismus-Profiteur hat alle Reisen auf die Halbinsel gecancelt. Nur die Balearen dürfen weiter ballern. Der geläuterte Negationist Boris Johnson hatte allen von Iberien Zurückreisenden eine 14-tägige Quarantäne verabreicht. Da habt ihr es!

Die Zahl der jährlich agierenden Touristinnen wird weltweit auf 1,4 Milliarden geschätzt. Weil Reisen Risiko und Ansteckungsgefahr bedeutet, ist eine ganz neue Bevölkerungs-Gruppe zum Idol der neuen Zeiten geworden: die Armen. Sie weigern sich standhaft zu reisen, schmücken ihre Balkone (sofern sie welche haben) mit Fotos von Bali und Hawaii. Beispielhaft. Nachhaltig. Sozial verantwortlich. Nicht nur im Baskenland ….

2020-07-25 / Post-Covid Tag (34)

DER HELLSEHER AUS MADRID

Ein Uni-Professor hat den Kreis geschlossen. Im November 2019 war er in unserem Viertel bei einer Buchvorstellung zu hören. Er sprach über Kapitalismus, dessen terminale Phase, die mit einem Kollaps enden werde. In einem geradlinigen Diskurs ohne “wenn und aber“, ohne “ein wenig“ und “vielleicht“ referierte er über Öko-Faschismus und einen möglichen öko-sozialen Übergang. Zu einem Zeitpunkt, als es aus China noch keine Nachrichten über das Coronavirus gab.

kolu21d2Er sprach unverblümt über das kapitalistische System, das sich als völlig unfähig gezeigt habe, die Weltbevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern zu versorgen und ein würdiges Leben für alle zu garantieren. Um sich die Milliarden von Armen und Hungernden vom Hals zu schaffen hielt er es für möglich, dass dieses System sich einen Teil dieser Bevölkerung vom Hals schafft. Wer heute – acht Monate später, nach Indien schaut, nach Brasilien, Chile, oder in die Südstaaten, kann genau das beobachten: wie die Ärmsten der Armen, die nie einen Zugang zu minimaler Gesundheits-Versorgung hatten, in Massen sterben. In gruseliger Form und nicht ahnend, was bald danach kommen sollte, lieferte Carlos Taibo seherische Analysen der kapitalistischen Brutalität.

Nun kam er zurück ins Barrio der Armen und Migrantinnen, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung sechs Jahre weniger beträgt als in bürgerlichen Bilbao-Stadtteilen, das mittlere Jahreseinkommen ein Drittel der Reichenviertel. Sein neues Buch ist eine Zusammenstellung von Geschichten aus dem Kapitalismus. Keine Analyse, eher eine Alltags-Fotografie von Szenen, die wir alle schon einmal erlebt haben.

Gedanken eines undogmatischen Libertären, der ein Kurdistan-Motiv auf dem T-Shirt trägt und sicher auch Öcalans ideologischen Sprung zum Demokratischen Konföderalismus teilt. Beobachtungen eines Mannes aus Madrid, die bei der individuellen und kollektiven Aufarbeitung der Pandemie-Erfahrung helfen, die uns momentan beschäftigt.

2020-07-24 / Post-Covid Tag (33)

DIE SCHULDIGEN

kolu21d1Endlich erfahren wir, wer die Schuldigen sind für das “Wiederaufblühen“ der Coronavirus-Sternchen: es handelt sich um die junge Generation, die unbetrübt ihre distanzlosen Feste feiert und dafür von einer nächtlichen Strandorgie zur nächsten zieht. Vierzig Prozent der Neuansteckungen ereignen sich im familiären Rahmen, die junge Generation ist zur Haupt-Überträgerin geworden. Ein Mediziner hat medienwirksam die Gefahrenpunkte benannt: es handelt sich um die “sechs B“ – das können sich alle leicht merken. In spanischer Sprache sind das Bodas, Bautizos, Bares, Botellones, Barbacoas und Banquetes. Ins Deutsche übersetzt reduziert sich der B-Anteil auf zwei, doch bleibt die Botschaft klar: Hochzeiten, Taufen, Bars, Jugendbesäufnisse, Grillfeste, Bankette. Weitere vier B gehören übrigens nicht dazu: Bergausflüge, Bücherlesen, Bildung und Badewannen-Vergnügen. Bitte im Bewusstsein behalten!

2020-07-23 / Post-Covid Tag (32)

FUSSBALL ÜBER ALLEM

Stell dir vor, du stehst mit deinem Überraschungs-Team einen Schritt vor einem historischen Aufstieg in die nächste Kategorie der Fußball-Liga. Einen Tag vor dem entscheidenden Spiel meldet die interne Gesundheitskontrolle vier mit Coronavirus infizierte Spieler. Das besagte letzte Spiel läuft Gefahr, abgesagt zu werden, der Traum vom nie dagewesenen Erfolg könnte sich in Luft auflösen. Also Augen zu und durch.

kolu21c2Etwas Ähnliches hat sich im spanischen Fußball ereignet. Trotz mehrfachem “Positiv“ reiste ein Team aus Madrid nach Galicien, um sich dort die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zu sichern. Die Galicier sind empört, weil sie über die Virus-Fälle nicht informiert wurden, die Madrider behaupten, sie hätten formal die Protokolle erfüllt und den Fall von vier Ansteckungen unter den Spielern der zuständigen Gesundheits-Behörde mitgeteilt. Man habe die Infizierten zu Hause gelassen und sei dann nach ordnungsgemäßen Negativ-Tests an die Nordküste gereist.

Tatsache ist das In Galicien keine Meldung ankam und dass das entscheidende Match in letzter Minute abgesagt wurde. Wie immer in solchen Fällen von Spielen mit gezockten Karten sind die jeweils anderen schuld. Im spanischen Sprachgebrauch heißt dies übersetzt: Bälle nach draußen schießen. Wir schließen uns diesem Urteil nicht an. Denn schließlich gibt es eherne Gesetze: “Fußball steht über allem, Wetten stehen über allem, das Geld steht über allem“. Und: der Erfolg heiligt die Mittel. Oder so ähnlich. (Nachtrag 25.07.2020: Mittlerweile sind 10 Personen aus dem Spieler- und Betreuer-Kader positiv gestet worden, ein Spieler wurde ins Krankenhaus eingewiesen, was immer deutlicher macht, das von Vereinsseite mit falschen Karten gespielt wurde.)

2020-07-22 / Post-Covid Tag (31)

WAHLKAMPF UND KLASSENINTERESSEN

Moderne Demokratien beziehen ihre Legitimation über freie Wahlen, bei denen alle das Recht zur Teilnahme haben. Was aber, wenn die Berechtigten nicht wählen gehen, oder nur ganz bestimmte Schichten und Klassen?

Die baskischen Wahlen zum Regional-Parlament von 12. Juli 2020 haben eine historisch niedrige Wahlbeteiligung erlebt. Fast 50% des Wahlvolkes machte von seinem Recht keinen Gebrauch. Im vorliegenden Fall spielten die Pandemie und die Gefahr einer Ansteckung an der Wahlurne selbst eine große Rolle. Andere Faktoren sind Politik-Verdrossenheit und die Erfahrung, dass “die doch sowieso nur das machen, was ihnen in den Kram passt“.

kolu21cNach solchen vernichtenden Ergebnissen könnte jemand auf die Idee kommen und den Wahlsiegern die Legitimation absprechen. Das tun jedoch nur jene, die das Modell insgesamt in Frage stellen. Aber gewählt ist gewählt. Wenn es 100% sind, die die Verantwortung in die Hände einer Partei legen, dann sind alle glücklich. Wenn es 50% sind (oder wie in den USA unter 10%) stellt das Ergebnis niemand in Frage. Niemand kann schließlich an der Urne zu seinem Unglück gezwungen werden.

Die Wahlen vom 12. Juli haben ein weiteres interessantes Element ans Tageslicht gefördert: Die Armen wählen weniger als die Reichen. Was bedeutet, dass die Interessen der Reichen stärker im Parlament vertreten sind als die der Armen.

Beispiel Gasteiz. In einem Wahlbezirk beteiligten sich weniger als 20% der Berechtigten, Wahlenthaltung 81,2%. In Bilbao waren in fünf Bezirken 3.308 Personen aufgefordert, doch nur 890 folgten der Einladung: 26,9%. All diese Bezirke sind in Otxarkoaga, dem bekannten Arbeiter- und Armutsviertel Bilbaos. Bis in die 1950er Jahre hausten dort vorwiegend Arbeitsmigrantinnen in Bruchbuden, ehe der Franquismus sterile Wohnblocks hochziehen ließ. Neben San Francisco hat dieses Viertel in der Stadt den schlechtesten Ruf. Das staatliche Statistikamt bescheinigt, dass in keinem dieser Wahlbezirke das durchschnittliche Jahreseinkommen der Wahlberechtigten 9.000 Euro übersteigt. Im Durchschnitt wohlgemerkt, das heißt viele haben deutlich weniger zum Leben.

Bleiben wir in Bilbao und wenden uns einem anderen Viertel zu. Abando, Innenstadt, hier liegt das Durchschnitts-Einkommen bei 26.051 Euro. Und die Wahlbeteiligung liegt nicht bei 26%, sondern bei 64,1%. Der Unterschied liegt somit bei knapp vierzig Prozent. Diese Tendenz bestätigt sich bei der Durchsicht weiterer reicher und armer Stadtteile und Orte. In den zwanzig reichsten Orten Bizkaias wählten 58,2%, in den zwanzig ärmsten nur 34,2 – also 24 Punkte Unterschied. Anders ausgedrückt: aus diesen reichen Bezirken Bizkaias kamen doppelt so viele Stimmen für das Parlament in Gasteiz wie aus den armen Bezirken.

Hier stellt sich nicht nur die Frage nach Beteiligung oder Enthaltung. Vielmehr wird deutlich, welche Interessen über die Wahlen vertreten werden. Unwahrscheinlich, dass die Reichen Podemos wählen, sie wählen rechte Parteien, also baskische oder spanische Nationalisten, die eine korrekte neoliberale Interessen-Vertretung abliefern. Von den Interessen der Armen keine Spur.

2013 untersuchten drei Soziologen 14 Länder und stellten fest, dass dort, wo die arme Bevölkerung verstärkt zur Wahl geht, der gesellschaftliche Reichtum “ein wenig gerechter“ verteilt wird. “Die Parteien können den Interessen der Armen den Rücken zukehren, weil sie nie ins System eingreifen und auch nicht bis zum Ende der Legislatur warten, um dann mit ihrer Stimme zu belohnen oder zu bestrafen“.

2020-07-21 / Post-Covid Tag (30)

ANTIRASSISTISCHE DEMONSTRATION IN BILBO

Ein langer Marsch in sengender Sonne: Mit einer Demonstration wurde in Bilbao die bedingungslose Legalisierung von Menschen ohne Papiere gefordert. Etwa vierhundert Personen nutzten den Sonntag nicht, um an überfüllte Strände zu gehen und sich einen Virus einzufangen, sondern traten auf dem Asphaltstrand für die Rechte der Rechtlosen ein. Denn unter dem Pflaster liegt bekanntlich der Strand.

kolu21bWie nicht anders möglich startete der Marsch an jenem Punkt, der während des Corona-Alarmzustands unrühmliche Bekanntheit erlangt hatte: im bilbainischen Stadtteil San Francisco, wo es im April und Mai (und bis gestern) rassistisch und ausländerfeindlich motivierte Polizeiaktionen gab.

Ähnliche Demonstrationen gab es in Donostia und Iruñea, sowie in verschiedenen spanischen Städten. Dass es zu einer solch breit angelegten Koordination kommen konnte, lag am Bündnis von verschiedenen Gruppen von Migrantinnnen und der baskischen Pro-Flüchtlings-Bewegung Ongi Etorri Errefuxiatuak (Herzlich Willkommen Flüchtlinge). Vor allem Gruppen aus Afrika sind in den vergangenen Jahren gewachsen und erkämpfen sich zunehmend einen Platz im politischen Gefüge des Baskenlandes. Gemeinsam mit Organisationen aus dem Maghreb und Latinas wurde die Plattform "Plataforma Regulación Ya Bizkaia“ gegründet (Regulierung Jetzt). Die Hauptforderung der Legalisierung sei “ein erster Schritt für ein würdiges Leben aller Frauen und Männern als Grundrecht“. Sie machen deutlich: “Der Kampf aller Migrantinnen und Flüchtlinge ist in Gang, er wird nicht enden, bevor unsere Rechte, Freiheiten und unsere Würde anerkannt werden.“

Die Organisatorinnen stellten fest, die Pandemie habe “die prekäre Lage vieler von Benachteiligung und Rassismus betroffenen Personen deutlich gemacht und noch verschlimmert.“ Verantwortlich dafür sei nicht zuletzt das Ausländer-Gesetz (Ley de Extranjería): “Es macht die Betroffenen verletzbar, nimmt ihnen Rechte, treibt sie in soziale und wirtschaftliche Prekarität und in gefährliche Arbeitsverhältnisse“. Die Regulierung müsse deshalb sofort und dauerhaft erfolgen, ohne Vorbedingungen für alle Migrantinnen.

Gleichzeitig müssten die menschenverachtenden CIE-Aufnahmelager aufgelöst werden, die in Melilla und Ceuta (spanische Enklaven in Afrika) eingesperrten Personen müssten auf die Halbinsel gebracht, die illegalen Sofort-Abschiebungen und Deportierungen beendet werden. Das “Ausländer-Gesetz“ müsse aufgehoben werden. “Die rassistischen Polizei-Razzien zur Identifizierung nach ethnischen Kriterien müssen beendet, die Einschreibung in öffentlichen Melderegistern für alle möglich gemacht werden.“

Fast die Hälfte der Teilnehmerinnen am Protestmarsch waren Personen aus dem Umfeld der Pro-Flüchtlings-Bewegung OEE und der Gruppe SOS Rassismus, sowie viele Bewohnerinnen des von Polizei-Rassismus betroffenen Stadtteils San Francisco.

Durch komplette Abwesenheit glänzte die politische Klasse. Kein einziges aus dem Fernsehen bekanntes Gesicht ließ sich auf den 1,5 Kilometern blicken. Von der spanischen Rechten wäre ohnehin nur die Forderung nach einem Demonstrations-Verbot zu erwarten gewesen, das liberale Spektrum ist gleichgültig, weil es hier ja nicht um Wahlstimmen geht. Dass sich von den “linken“ Organisationen Podemos und EH Bildu (baskische Linke) niemand sehen ließ, ist schwerwiegend. Vielleicht der Müdigkeit nach den unnützen Wahlen geschuldet. Vergeben wurde jedenfalls eine perfekte Gelegenheit, den Verdammten dieser Erde Verbundenheit zu zeigen. Daran besteht ganz offenbar kein Interesse.

2020-07-19 / Post-Covid Tag (28)

KONTROLLVERLUST

Was sich in diesen Tagen im Staate S. abspielt darf als Kontrollverlust bezeichnet werden. Den Behörden ist die Kontrolle über die Pandemie, oder besser gesagt: ihr Wiederaufflammen, aus den Händen geglitten. Von mehr als 200 aktiven Infektions-Herden ist die Rede. Dabei ist es gar nicht mehr möglich, im Großraum Barcelona die Rebrotes einzeln zu zählen, weil sich die Infektionsgebiete überlappen. Rebrote ist das Wiederaufflammen an einem bestimmten Ort.

“Wir sprechen von einzelnen Infektions-Orten und nicht von kommunaler Übertragung. Das ist ein gutes Zeichen“. Diese Worte sagte der staatliche Koordinations-Direktor für Alarm und Gesundheits-Notstand am 25. Juni. Also vor 25 Tagen. Heute wird eingestanden, dass es diese “kommunale Übertragung“ durchaus wieder gibt. Nicht nur in Barcelona, sondern auch on Zaragoza und Huesca (Aragon) und in Lleida (Katalonien). Eingeräumt wird auch, dass die Brandherde nicht mehr eindeutig zuordenbar sind, weil es zu Überschneidungen kommt.

kolu21a2Dies sind Alarmzeichen, die Reaktionen erfordern. Allein am heutigen Sonntag wurden in Katalonien 700 neue Ansteckungen gezählt, im weniger geschundenen und nur ein Drittel so großen Baskenland waren es immerhin 200. Aus den 158 Virusherden am Donnerstag sind am heutigen Sonntag 200 geworden. Hinzu kamen ein Unternehmen in Granada, ein Freizeitzentrum in Murcia, Erntehelfer in Albacete (die den verordneten Einschluss durchbrachen und der Polizei gegenüber standen), 73 Fälle aus einer Fiesta in Cordoba, ein Nachtlokal in Navarra, eine Kneipe in einem Strandort in Valencia. Ballermann auf Mallorca gehört dabei schon zu den Altfällen.

Im Baskenland gibt es Rebrotes in Zarautz, aufgrund einer Abiturfeier, die in der Disco endete, sowie in Ermua aufgrund einer Familienfeier. Interessant und bezeichnend ist, dass mittlerweile 40% der neuen Ansteckungen bei Jugendlichen unter 19 Jahren festgestellt werden. Klar, die Altersheime wurden nach der tödlichen Erfahrung von April-Mai abgeschottet, offenbar in ausreichendem Maße. Die Jugend hingegen lässt seit der Lockerung des Einschlusses keine Gelegenheit aus, wie in alten Zeiten auf den Putz zu hauen.

In Navarra wurde bekannt, dass Jugendgruppen sich Wohnungen gemietet haben, um mit der verbotenen Praxis des Botellón weiterzumachen. Die besteht darin, sich im Supermarkt mit billigem Alkohol zu versorgen und sich kollektiv zu betrinken. Der hohe Anteil von Jugendlichen bei den Covid-Ansteckungen erklärt, weshalb es trotz hoher Anzahl zu wenig Todesfällen kommt, das Durchschnitts-Alter liegt derzeit bei 48 Jahren.

Dazu kommen Kollektiv-Ansteckungen in einem Ferienlager, sowie bei einem baskischen Ruderteam, das in der Folge auf einen Wettbewerb verzichten musste. Die Reaktion: In Altersheimen werden die Schutzmaßnahmen erneut verschärft, Feriencamps für Kinder werden abgesagt. Kurioserweise jedoch nur die öffentlichen Camps, die privaten dürfen vorerst weitermachen – erneut eine seltsame Unterscheidung zwischen privat und öffentlich. Die Zentren der Rebrotes sind einfach zu benennen: Strände, Erntehelfer, Kneipen, Discos, Jugendpartys – überall dort, wo anonyme Massen auseinandertreffen.

UNAUFHALTSAMER ABSTIEG

Die Analyse der Statistiken der Regierung lässt nur einen Schluss zu: KONTROLLVERLUST. Nicht nur in Katalonien und Aragon. Das Ganze nur einen Monat, nachdem zwischen März und Mai die Eindämmung der Pandemie gelungen war, durch Lockdown und eine einzigartige Einschränkung der demokratischen Freiheiten. Zwischen dem 15. und dem 25. Juni ging die Zahl der Ansteckungen und Todesfälle gegen Null, seither geht es steil bergauf. Zehn Tage lang konnte sich in den Köpfen der Bevölkerung die Annahme festsetzen, dass die Schlacht gegen den Virus gewonnen sei. Dieser Irrtum könnte tödliche Folgen haben, was in der Steigerung von täglich 40 Neuansteckungen auf Staatsebene auf mehr als 1.300 aktuell seinen Ausdruck findet.

kolu21a3Der Preis für den Pyrrhus-Sieg über die Pandemie bestand in einem zuvor nie erlebten gesellschaftlichen Einschluss. Weichen musste der Lockdown, weil weder die Wirtschaft noch die Gesellschaft weiter aushalten konnten. Der Sommer und die Zukunft des Tourismus standen vor der Tür. Die Zahlen lassen keinen Zweifel: der Beginn der “neuen Normalität“ war der Beginn des neuerlichen Abstiegs in die Vorhölle.

Die Verantwortlichen in der Gesundheits-Behörde in Madrid waren sich mit großer Wahrscheinlichkeit darüber bewusst, dass alles, was danach kommen sollte, nichts anderes als die Verwaltung der Rebrotes nach bestem Wissen sein würde. Entsprechend der neuesten Zahlen, die nun wieder von kommunaler Ansteckung sprechen, liegt nunmehr erneut die Frage nach “absolutem Einschluss zu Hause“ auf der Hand, zumindest teilweise. Dafür wären neue Alarm-Dekrete nötig.

Bisher haben sich die vielen Neuansteckungen nicht in Einweisungen auf Intensivstationen im Gesundheits-System niedergeschlagen (täglich 20 anstatt der 500 vor zwei Monaten). Zum einen wegen des niedrigen Alters der Betroffenen, zum anderen, weil ein Großteil der Infizierten asymptomatisch, die Krankheit also nicht ausgebrochen ist. Vor dem dunklen Panorama sind dies die beiden einzigen positiven Daten. Auch wenn es weh tun sollte, konsequente Entscheidungen stehen an. Kontrollverlust ist katastrophal.

(ERST-PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2020-07-19)

 

 

2020-08-03 / Post-Covid Tag (43)

ROTE ZONE BITTE NICHT VERLASSEN

Reiseziele werden neuerdings in orange und rote Zonen eingeteilt, um die Reisewilligen zu orientieren und sie nicht ins offene Corona-Messer laufen zu lassen. Die Tourismus-Medien sind statt Reiseempfehlungen voller Reiseverbote und Reisewarnungen. “Der Coronavirus bremst die Tourismus-Branche aus“, heißt es blumig auf einer Internetseite. Aber es ist nicht der Virus, der den Bremseffekt verursacht hat, es ist die tödliche Mischung von Brachial-Kapitalismus, Pharma-Landwirtschaft und Umweltzerstörung, die den Nährboden geschaffen hat für Killerviren.

“750.000 Tourismus-Jobs könnten in Spanien verloren gehen“, heißt es an anderer Stelle, vielleicht sogar mehr, wenn das Problem nicht in den Griff zu kriegen ist. Wer sich wirtschaftlich einseitig abhängig macht, stolpert leichter in die Krisen-Falle. Dass in Russland eine Spritze gefunden worden sein soll, reißt niemand vom Hocker. Solange die nicht millionenhaft ausprobiert ist, käme von meinen Freund*innen hier niemand in die Verlegenheit, sich sowas verabreichen zu lassen. Dann schon lieber die lästigen Masken.

Beunruhigend sind eher Nachrichten aus Vietnam, wo ein noch gefährlicherer Killervirus aufgetaucht sein soll, der noch aggressiver und tödlicher wirkt. Niemand kann sagen, wie ernsthaft diese Nachrichten sind, denn aus China und Neuseeland kamen schon ähnliche Nachrichten, die innerhalb von zwei Tagen wieder spurlos von der Medien-Bildfläche verschwanden. Ping-Pong – und der Ball bist du.

Nie war es so wertvoll wie heute, ernsthafte von lächerlichen Nachrichten unterscheiden zu können, eine Kunst, die in den Schulen nicht gerade gelehrt wird. Denn das Niveau auf Facebook, Bild und Twitter spricht eine andere Sprache, die lediglich die Stammtische bereichert, falls sie nicht schon unter Quarantäne gestellt sind.

DAUERLÖSUNG

Ein Freund aus Donostia, den ich seit sechs Monaten nicht mehr gesehen habe, beschwert sich, dass die Coronavirus-Spannung auch nach dem Lockdown nicht wirklich nachgelassen habe. “Im Grunde haben sich nur die Vorzeichen geändert, denn die neue Normalität ist nichts anderes als Covid-Light: Jeden Tag hören wir neue Schauer-Nachrichten, jeden Tag über andere Orte. Es mag zynisch klingen, aber der Lockdown war einfacher, klarer, geregelter. Nun werden wir jeden Tag in die Arbeit und auf die Straße getrieben und müssen uns durchschlagen, mit und ohne Maske, mit und ohne Angst, mit und ohne Massen … und müssen feststellen, dass viele diese neue alte Freiheit nicht vertragen, dass sie nicht verantwortlich damit umgehen können. Über uns kreist ein Hubschrauber mit einem Kübel Löschwasser an den Seilen. Wir haben keine Ahnung, ob die Brandherde damit eingedämmt werden oder angefacht. Es reicht, wenn irgend ein Idiot – ein Unternehmer, ein Kneipier, ein Diskobesitzer, ein Feten-Williger – irgend einen Exzess vom Zaun bricht und plötzlich hundert Leute infiziert sind. Das wird auf unbestimmte Zeit unser tägliches Brot sein, ein Jahr, zwei Jahre vielleicht.“

PHARMA-LANDWIRTSCHAFT UND VIREN-MUTATION

In einer kritischen Zeitschrift war zu lesen: “Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass versucht wird, die Kosten erneut auf die unteren Klassen abzuwälzen. Gleichzeitig könnte versucht werden, einen Obrigkeitsstaat dauerhaft zu etablieren und den Moment zu nutzen für die Abschaffung demokratischer Grundrechte. Außer den Verschwörungs-Fanatikern jemand fragt kaum noch jemand nach den Ursachen der seit der Jahrtausend-Wende regelmäßig wiederkehrenden Viren-Mutationen, die Artgrenzen überspringen und vom menschlichen Immunsystem nicht abgewehrt werden können. Analysiert werden müsste das Entstehen der mutierten Viren im Umfeld industrialisierter Landwirtschaft und Fleischproduktion, als Resultat der kompletten Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts. Solange diese Form der zerstörerischen kapitalistischen Nahrungsmittel-Produktion nicht grundlegend geändert wird, bleibt nur eine kurze Zeitspanne bis die nächsten und sicher noch gefährlicheren Viren-Mutationen in Erscheinung treten.“

Politiker sagen, einen zweiten Lockdown werde die Wirtschaft nicht verkraften. Die Bereitschaft zu einem grundlegenden Wertewandel in der Produktion und im Verhältnis zur Natur ist nicht in Sicht. Der Coronavirus ist auf Dauer programmiert.

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