ges01x01Txillardegis Durchblick

23F: Ein grotesker Putschversuch, eine Fülle von Anekdoten, eine tiefgreifende Analyse von Txillardegi. Der 23. Februar 1981 hatte damals so weitreichende Konsequenzen, dass in Iruñea (Pamplona) Listen erstellt wurden mit potenziellen Erschießungs-Kandidaten. Im Baskenland brachte sich eine Reihe von Personen in panischer Angst in Sicherheit. Doch die tragikomische Natur des Ereignisses wurde bald sichtbar. Nachzulesen auf den Seiten der Tageszeitung EGIN im Februar 1981, einer Fundgrube für Anekdoten.

Nach verschiedenen offenen Drohungen in den Vorjahren, die demokratische Öffnung dürfe nicht zu weit gehen, griff die alte Garde der Franquisten zu den Waffen. Panzer auf den Straßen, Schüsse im Parlament. Viele befürchteten die Rückkehr zur Diktatur.

Der 23. Februar 1981 begann für den Linguisten und politischen Aktivisten Txillardegi, mit richtigem Namen José Luis Alvarez Enparanza, in der Zelle einer Polizeistation in Donostia. Er war zusammen mit Luis Mari Mujika wegen einer Aktion der Euskara-Förder-Vereinigung “Im Baskenland Baskisch“ inhaftiert. Die beiden hätten schon früher entlassen werden können, aber sie bestanden darauf, ihre Aussagen in baskischer Sprache zu machen.

Der Richter, der sich als Katalane zu erkennen gab, teilte mit, er verstehe ihre Forderungen und bot ihnen an, auf Baskisch auszusagen, aber schriftlich. Txillardegi stimmte dem zu, aber Mujika zog es vor, auf Lateinisch zu sprechen. Er akzeptierte weder die Übersetzungs-Arbeit eines Saaldieners noch die eines anderen Mitglieds seiner Vereinigung. So musste kein Geringerer als Ramón Labaien, damaliger Senator der baskischen Regierung als Dolmetscher fungieren. Um 13.30 Uhr wurden sie schließlich entlassen, nicht ahnend, dass nur fünf Stunden später ein Oberstleutnant der Guardia Civil mit Schnauzbart und Dreispitz ihre propagandistische Euskara-Aktion am nächsten Tag auf die hinteren Seiten der linken Tageszeitung EGIN verdrängen würde.

Restaurationsversuch

ges01x02Es handelte sich natürlich um Antonio Tejero Molina, einen Mann mit "klarer rechter Ideologie" und "loyal gegenüber den Prinzipien, die in der Franco-Zeit herrschten", so die aufschlussreiche Beschreibung seines Anwalts während des Prozesses wegen der "Operation Galaxy", bei dem er 1979 wegen Verschwörung mit Hauptmann Sáenz de Inestrillas zu dreizehn Monaten Haft verurteilt wurde. Er war also kein Unbekannter, wie im EGIN des folgenden Tages zu lesen war, an dem der Putschversuch als “unter Kontrolle“ bezeichnet wurde. Nur in Valencia herrschte noch Unklarheit, dort hatte der Generalleutnant Milans del Bosch die Panzer auf die Straße geschickt. Tejero, del Bosch und andere Militärs hatten die Guardia Civil auf die Plätze und ins spanische Parlament geschickt, um die Regierung zu kidnappen und die staatlichen Geschicke nach rückwärts zu lenken, zurück zur franquistischen Ordnung.

In der EGIN-Ausgabe vom 24. Februar galt der Putsch bereits als gescheitert. Was nicht heißen soll, dass er nicht einige Stunden lang für große Unruhe gesorgt hatte. Viele Basken schliefen in dieser Nacht vorsichtshalber nicht zu Hause. Bingen Amadoz erklärt in seinem Buch "Matones" (Mörder), dass es wie am Vorabend des anderen Staatsstreichs am 18. Juli 1936 "eilige Versammlungen in zentralen Räumlichkeiten gab, um zu entscheiden, wer eliminiert werden sollte. Es wurden Listen von Leuten erstellt, die in die Kasernen der Guardia Civil gebracht werden sollten".

Gescheitert

Die Putschisten wurden am nächsten Tag abgeführt, nachdem sie mit der Regierung und den Militär-Kommandanten ihre Kapitulation ausgehandelt hatten. Laut EGIN vom 25. Februar war damit "ein etwas tragikomischer Putschversuch zu Ende gegangen". Der tragische Anteil lag an der Tatsache des Angriffs, in der Möglichkeit, erfolgreich zu sein, an seiner Ähnlichkeit mit Eisbergen, denn von denen sieht man ebenfalls nur die Spitze. Die Komik lag in der Erinnerung an alte Bilder aus dem neunzehnten Jahrhundert, an surrealistische Albträume, an Staatsstreiche mit dem ranzigen Geschmack einer Bananenrepublik. Um das groteske Bild zu vervollständigen, hätte nur noch gefehlt, dass Tejero zu Pferd in den Kongress gekommen wäre".

Die Ausgaben der folgenden Tage dienten dazu, eine reiche Sammlung von Anekdoten zusammenzutragen, Meinungsartikel von Schriftstellern zu veröffentlichen, die noch heute gültig sind, und eine Abfolge von Ereignissen zu durchleuchten, die in wenigen Schlagzeilen deutlich zeigt, wie nützlich sie für die Konsolidierung der so genannten spanischen Transition war, dem später als so modellhaft besungenen Übergang des Staates vom Franquismus in eine parlamentarische Demokratie.

In einem Boot

ges01x03Es bietet sich an, mit dem letzten Aspekt zu beginnen. Am folgenden Tag führten die Reaktion auf den Tejero-Putsch zu einem einmaligen Bild: der von Franco designierte König Juan Carlos de Borbón und das gesamte politische Spektrum Spaniens, vom Alt-Franquisten und Neu-Demokraten Fraga Iribarne bis zum Kommunisten Santiago Carrillo, war zum ersten Mal auf einem Foto vereinigt. Am selben Tag schwadronierte ein Nachrichtenticker: "Internationale Zufriedenheit über die Stärkung der spanischen Demokratie". Wie Franz Josef Strauß einst sagte: “Demokratie muss gelegentlich in Blut gewaschen werden“, auf diesem demokratischen Pfad kam ein ultrarechter Putsch also gerade recht. Andere Schlagzeilen untermauerten diese Ansicht: "NATO-Mitgliedschaft könnte gestärkt werden". Einen Tag später wurde Leopoldo Calvo Sotelo zum neuen spanischen Ministerpräsidenten gewählt, mit mehr Unterstützung als er vor dem Staatsstreich gehabt hatte.

In der Rubrik der Anekdoten und Zeugenaussagen, die in jenen Tagen in EGIN gesammelt wurden, ragt Juan María Bandrés hervor, damals Parlaments-Abgeordneter für die linke Unabhängigkeits-Partei Euskadiko Ezkerra, der befürchtete, erschossen zu werden. Santiago Carrillo, Generalsekretär der Kommunistischen Partei PCE, kommentierte den Auftritt Tejeros mit den Worten: "Pavia kommt früher als erwartet", und bezog sich damit auf den General, der mit einem Militärputsch der Ersten Spanischen Republik 1874 ein Ende bereitet hatte. Der Faschist Fraga behauptete, einen Wachmann weinen gesehen zu haben, und zwei Fotografen gelang es, den Putschisten statt der von ihnen gemachten Fotos unbenutzte Filmrollen zu übergeben und so ihre Fotos zu retten, eine Rolle in der Hose versteckt, die andere im Schuh.

Irgendwann am Nachmittag des 23. Februar erlaubte Tejero den Frauen, den Kongress zu verlassen – in seiner Werteskala eine humanitäre Geste. Die meisten weigerten sich zu gehen. "Die Gleichberechtigung der Frauen muss in allen Bereichen verwirklicht werden", erklärte PCE-Mitglied Pilar Bravo später. Am Ende des Überfalls sagte auch Tejero: "Gehen Sie ruhig hinaus, hier wird nichts passieren. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich dreißig oder vierzig Jahre ins Gefängnis gehen werde". Tatsächlich wurde er zu 30 Jahren verurteilt, obwohl ihm nach 12 Jahren Freigang gewährt wurde, und drei Jahre später, nach Verbüßung der Hälfte seiner Strafe, wurde er auf Bewährung entlassen.

Profiteur und Weißwäscher

Unter den zahlreichen Journalisten, die in den folgenden Tagen die Geschehnisse analysierten – einige noch aktiv, wie Ramón Zallo bei GARA, Joxe Iriarte 'Bikila' oder der Bertsolari und Poet Xabier Amuriza – taucht einmal mehr Txillardegi auf, um den Kreis zu schließen. Sichtbar erholt von der im Kerker verbrachten Nacht, hinterließ er im in EGIN vom 27. Februar eine treffende und visionäre Notiz: "Heute zu sagen, Tejero sei verrückt, bedeutet wahrscheinlich, bewusst oder unbewusst eine schwerwiegende politische Tatsache zu verschweigen, und entgegen aller Plausibilität anzunehmen, dass Oberstleutnant Tejero allein war. Es ist viel vernünftiger anzunehmen, dass Tejero nicht allein war, sondern dass die Gruppe der Aufständischen, die entschlossen war, das parlamentarische System zu zerstören, nicht entschlossen war, die Monarchie abzuschaffen". Nicht wenige Beobachter*innen gehen davon aus, dass der König als Oberster Armeeführer beim Putsch erst die Finger im Spiel hatte und dann die Gelegenheit nutzte, sich zum Retter der Demokratie aufzuspielen. Der Enthüllungs-Journalist Pepe Rei von EGIN und später Ardi Beltza schrieb ein Buch darüber. Ohne Folgen für den Borbonen.

ANMERKUNGEN:

(1) “Un grotesco golpe“ (Ein grotesker Staatsstreich), Gara 2024-02-23 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Putschversuch 23F (elmundo)

(2) Txillardegi (abc)

(3) Tejero Molina (lasexta)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-02-23)

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