senfi1Vom Senegal ins Baskenland

Die beiden Senegalesen Karamo Ndong und Moustapha Ndong verließen wie viele andere ihr Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Nach langen Irrfahrten landeten sie im Baskenland, wo sie einen vergleichsweise angenehmen Empfang erlebten. Beruflich taten sie das, was sie auch in ihrem Ursprungsland getan hatten: Zum Fischen aufs Meer zu fahren. Wie gefährlich die Fischerei bis heute ist, ist allgemein bekannt. Karamo und Moustapha bezahlten ihre Arbeit nach einem Unfall vor der Küste mit dem Leben.

Weil die Fischerei-Arbeit ein überaus anstrengender Beruf ist, hat der Sektor seit Jahrzehnten Nachwuchsprobleme. Die baskische Jugend sucht ihre Arbeit bevorzugt in Büros oder Werkstätten und nicht auf dem unsicheren Meer. Viele gelernte Seeleute aus dem Senegal haben sich deshalb in der baskischen Fischerei verdingt.

senfi2Die beiden Seeleute aus dem Senegal, die am 22. Dezember in den Gewässern vor der nordbaskischen Küstenstadt Ziburu (frz: Ciboure) in der Provinz verschwanden, waren nicht verwandt, auch wenn sie den gleichen Nachnamen trugen. Ihre Gemeinsamkeit bestand darin, dass sie vor Jahren gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und sich Tausende von Kilometern entfernt von ihren Familien eine Arbeit zu suchen, um ihre zurückgebliebenen Familien zu ernähren. (1)

In der griechischen Mythologie war Kyknos der Sohn von Poseidon, dem Gott des Meeres, und von einer Nymphe namens Kallike. Daher kam der Name des Fischerbootes – Cycnos – das am Freitag vor Weihnachten nahe der Küstenstadt Ziburu gesunken ist, unweit des Hafens des Stadtteils Zokoa. An Bord befanden sich drei Personen: der 37-jährige Kapitän konnte gerettet werden, zwei senegalesische Fischer verschwanden im Meer.

Karamo Ndong und Moustapha Ndong waren 58 bzw. 30 Jahre alt. Wie andere Landsleute aus dem westafrikanischen Land Senegal waren sie nach Europa gekommen, um ihren Lebensunterhalt mit der Arbeit auf See zu verdienen. In ihrem Fall in Arcachon, einer für ihre Austern berühmten Stadt, aber auch in verschiedenen Häfen an der baskischen Küste. Im September 2021 war ein weiterer senegalesischer Arrantzale (baskisch: Seemann) nach einem Arbeitsunfall auf dem Fischerboot Kaxarraums Leben gekommen, das in Ondarroa seinen Heimathafen hat. Sein Name war Abdoulaye Diome, er war 40 Jahre alt.

Nach Angaben von Lamine Diedhiou, einem weiteren senegalesischen Fischer, der in Arcachon arbeitete, teilten Karamo und Moustapha zwar den Familiennamen, waren aber nicht verwandt. Der Ältere war ein erfahrener Seemann, der seit drei Jahrzehnten in Arcachon arbeitete, obwohl seine Familie nach wie vor im Senegal lebt und er sie gelegentlich besuchte. Tatsächlich war eine Reise für den 29. Dezember geplant.

"Moustapha war ebenfalls verheiratet und hatte zwei Kinder im Senegal", so Diedhiou gegenüber der südfranzösischen Zeitung Sud Ouest. Er war seit zwei oder drei Jahren in Arcachon und war seither noch nicht in sein Land zurückgekehrt. Auch sein Bruder arbeitet in der Branche, auf einem anderen Schiff im selben Hafen. Weit weg von ihrem Land, weit weg von ihren Familien. "Das ist kein schönes Leben, es ist ziemlich kompliziert", sagt er.

Noch keine offiziellen Angaben

Der Kutter Cycnos war in Arcachon stationiert, obwohl im Winter weiter südlich gefischt wurde, weil die Einfahrt in den Hafen der Stadt in der Gegend von Les Landes zu dieser Jahreszeit schwierig ist. Er war mit seinem Fang auf dem Rückweg nach Donibane Lohizune (frz: Saint-Jean-de-Luz), als gegen zwei Uhr morgens ein Alarmsignal abgesetzt wurde.

senfi3Die Rettungsdienste wurden schnell aktiviert, aber wegen fehlenden Lichts, wegen des Windes und des Seegangs konnte nur eine Person, der Kapitän, gerettet werden. In einem lebensgefährlichen Einsatz versuchten die Rettungskräfte, einen der Seeleute aus dem Wasser zu ziehen, was jedoch nicht möglich war. Der Einsatz wurde schließlich am selben Tag eingestellt, da ein Überleben unter diesen Bedingungen völlig unmöglich war.

Die Ursachen des Unfalls werden noch untersucht. Zumindest wurden sie noch nicht offiziell bekannt gegeben. In Ermangelung von Informationen geht man davon aus, dass das 12 Meter lange Boot vom Wind gegen die Felsen und den Deich geweht wurde. Die Kraft der Wellen tat ihr Übriges und zerstörte die Cycnos. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Fischerboot in Zokoa kentert, wie bereits in den 1990er Jahren geschehen. (1)

Unberechenbar

Niemand weiß es besser als die Seeleute selbst: das Meer ist unberechenbar. Jedes kleine Gewitter auf See kann sich – und sei es in einem kleinen Gebiet – zur tödlichen Falle ausweiten. Auch 111 Jahre nach dem Unglück ist die Errinnerung noch gut erhalten an die Katastrophe, die in Form eines Sturms die Fischerorte Bermeo, Ondarroa, Elantxobe und Lekeitio heimsuchte. Nach wie ist nicht klar, was genau zu dem atmosphärischen Phänomen führte, das 143 Männer, darunter 116 aus Bermeo, beim Fischfang 45 Meilen vor dem Kap Matxitxako das Leben kostete. Die Opferzahl wird sogar noch angezweifelt, es könnten mehr gewesen sein. In der Nacht vom 12. Auf den 13. August 1912war ein Sturm ungeahnten Ausmaßes die Küsten von Bizkaia und Gipuzkoa hereingebrochen. (2)

Zu dieser Zeit ging die Thunfisch-Fangsaison zu Ende, und die Fänge waren nicht gut gewesen. Aufgrund der instabilen Wetterlage während der gesamten Sommersaison und des Mangels an Fischen war die Lage der Fischer alles andere als rosig. In dieser Situation ereignete sich die Tragödie. Es war nicht die erste und einzige Katastrophe, die Dutzende von Kindern zu Waisen machte. Vorausgegangen waren ähnliche Unfälle 1878, 1881 und 1892. Zwar sind die Schiffe heutzutage alle mit modernem Radar und Internet ausgerüstet. Aber wenn etwas passiert, geht es um Minuten, selbst wenn eine SOS abgesetzt wird, braucht die Hilfe ihre Zeit.

Ondarru

Der fehlende Generationswechsel in der baskischen Fischerei hat den Senegalesen viele Türen geöffnet, vor allem in den Küstenorten mit immer kleiner werdender, aber noch existierender Fangflotte. Ondarrua, Lekeitio in Bizkaia, Getaria und Pasaia in Gipuzkoa. Wer Arbeit hat, kann theoretisch auch die Familie nachholen, die Kinder gehen in die Baskisch-Schule … um gesellschaftliche Integration braucht sich da niemand Sorgen zu machen. In französischen Territorien ist alles etwas schwieriger, weil die Gesetze extrem migrations-feindlich sind.

senfi4Zum Beispiel Moussa Thior, 65 Jahre alt und seit 32 Jahren im Baskenland. Er weiß sehr gut, wie das Abenteuer der Auswanderung für den Lebensunterhalt aussieht. Er war einer der Pioniere, die von Ondarroa aus auf Fischfang ging, nach einer langen Reise. " Im Hafen von Dakar lernte ich Kutterbesitzer aus Huelva kennen, die mich ermutigten, den Sprung zu wagen. Ich lebte und arbeitete einige Zeit in Las Palmas, Frankreich, wieder auf den Kanaren, Barcelona, Bilbao", erzählt er. (3) Hier lernte er seine Frau kennen, gebürtig aus Santurtzi, die ihn auf seinen Lebensstationen begleitet hat.

Er war einer der ersten, die in Ondarroa ankamen. "Es gab außer mir nur einen anderen", erinnert er sich. Seitdem hat er nicht aufgehört, Neuankömmlingen zu helfen und sie in Fragen wie Unterkunft, Papiere und Arbeit zu beraten. Aufgrund seiner Erfahrung ist er heute eine der anerkanntesten Stimmen unter den etwa Migrant*innen aus dem Senegal, die in der vom Fischfang geprägten Küstenstadt leben, oder in den Nachbarorten Berriatua, Markina oder Mutriku, wo die Mietwohnungen etwas erschwinglicher sind.

Diskriminierung

In seinen Worten liegt nicht der Hauch von Viktimismus. Er stellt fest, dass die Arbeiter aus dem Senegal bei zahlreichen Gelegenheiten aufgrund ihres Ausländerstatus diskriminiert werden. “Sie zahlen uns weniger. Es gibt Arbeiten im Hafen, die zwar verantwortungsvoller sind als die, die ein Einheimischer machen könnte, aber wir werden schlechter bezahlt, weil wir Senegalesen sind", erklärt er. Die Situation wird noch komplizierter, wenn sie an Bord gehen. "Zuerst gibt es das Problem der Kommunikation, der Sprache und der Missverständnisse", sagt er. "Dann ist da noch die Behandlung, die Art zu sprechen", fügt er hinzu. "Und schließlich, nach einem anstrengenden Tag, stellt sich heraus, dass es Schweinefleisch zum Abendessen gibt, für uns als Muslime", sagt er. Klipp und klar stellt er fest: "Ohne uns Senegalesen könnte die Ondarroa-Flotte nicht fischen gehen".

Der Artikel, der vom Schicksal der beiden senegalesischen Fischer in Ziburu berichtet, trägt den zynisch anmutenden Titel “Karamo Ndong und Moustapha Ndong, die den Senegal verließen, um an der baskischen Küste zu fischen und zu sterben“. Zu fischen mit großer Wahrscheinlichkeit, zu sterben auf keinen Fall. Zynisch ist nicht die Überschrift, sondern der Lauf der Dinge, die Zufälle, das Schicksal. Als wäre es nicht schon genug, einen Irrweg von Tausenden von Kilometern durch Wüsten, feindliche Länder und Meere zu überleben. Um dann bei einer simplen Kutterfahrt das Leben zu lassen.

ANMERKUNGEN:

(1) Karamo Ndong y Moustapha Ndong, dejar Senegal para faenar (y fallecer) en la costa vasca” (Karamo Ndong und Moustapha Ndong, die den Senegal verließen, um an der baskischen Küste zu fischen - und zu sterben), Tageszeitung Gara, 2023-12-26 (LINK)

(2) “La galerna de 1912: tragedia y desolación en la costa vizcaína“ (Der Orkan von 1912: Tragödie und Verzweiflung an der Küste der Bizkaia), Euskonews Nr. 518, 2010-01-29 (LINK)

(3) "Sin nosotros los senegaleses, la flota de Ondarroa no podría salir a faenar“ (Ohne uns Senegalesen könnte die Ondarroa-Flotte nicht fischen gehen), El Correo, 2021-10-08 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Bermeo 1912 (wikipedia)

(2) Seemann Ondarru (elcorreo)

(3) Orkan (euskonews)

(4) Seemann Ondarru (vanguardia)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-12-29)

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