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Die neue Dauer-Normalität

Im Gegensatz zur ersten Welle, die von einem Ansteigen der Corona-Zahlen, einem Lockdown und einem Sinken der Zahlen geprägt war, stellt sich die zweite Welle deutlich anders dar. Sie wirkt wie ein breiter Lavastrom, der mal hier und mal da seine heiße Masse verteilt, der aber weiter unaufhörlich aus dem Vulkan geschleudert wird. Das Virus ist überall und nirgendwo. Nun droht die Welt-Gesundheits-Organisation damit, dass Corona womöglich nie zu Ende geht und die Welt damit leben muss wie mit Grippe.

Die Welt-Gesundheits-Organisation WHO hat angedeutet, dass Coronavirus aufhören könnte, eine Pandemie zu sein und stattdessen zu einer der üblichen und immer häufiger auftretenden Krankheits-Bedrohungen werden könnte. Falls nicht eine wirksame Impfung gefunden wird.

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2020-10-22 / Zweite Welle (70)

GRUNDRECHTE ANGESÄGT

Um die weitere Propagierung des Coronavirus einzudämmen, hat die baskische Regierung am vergangenen Wochenende neue Maßnahmen beschlossen: Reduzierung des Publikums in geschlossenen Räumen wie Kneipen und Theatern auf 50%, sowie die Limitierung von privaten und gesellschaftlichen Treffen (Hochzeiten, gemeinsame Essen) auf sechs Personen. Weil es bei vergleichbaren Entscheidungen in der nahen Vergangenheit zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kam, wollte die Regierung vor der Inkraftsetzung die Entscheidung des obersten baskischen Gerichtshofs abwarten. Der hat nun entschieden.

Die Reduzierung des Zugangs in öffentliche Räume stellt für das Gericht kein Problem dar, die Frage wurde noch nicht einmal erörtert. Die Limitierung der sozialen Treffen auf sechs Personen (vorher gab es eine Empfehlung für zehn Personen) wurde hingegen abgelehnt, weil sie eine Einschränkung der Grundrechte bedeutet hätte. Das Gericht wies darauf hin, dass solche Maßnahmen nur über einen von der Zentralregierung beschlossenen Alarmzustand möglich sei (wie zwischen März und Juni geschehen). Die Regionalregierung habe auch in einer kritischen Situation wie der Covid-Verbreitung nicht das Recht, elementare Rechte einzuschränken wie das Recht aus Versammlungsfreiheit. Die Staatsanwaltschaft hatte dies anders gesehen und die Genehmigung aller Einschränkungen für gut befunden.

2020-10-20 / Zweite Welle (69)

NAVARRA ZIEHT DIE REISSLEINE

In Anbetracht der dramatisch steigenden Coronavirus-Zahlen hat die navarrische Regierungschefin Chivite für die Region einen Lockdown beschlossen, der allerdings noch vom obersten Gericht der Region abgesegnet werden muss, weil es sich um einen Eingriff in Grundrechte handelt. Zugang und Verlassen der Region soll verboten, alle Gaststätten sollen geschlossen werden, für viele Kneipen würden weitere zwei Wochen den Ruin bedeuten. Mit einem Alarmzustand wäre der Lockdown sofort legal, aber es soll auch ohne gehen, weil der Alarm nur von der Zentral-Regierung aus verkündet werden kann.

kolu24b1Die Situation in Euskadi ist kaum besser, auch hier wurden drastische Maßnahmen beschlossen, die ebenfalls auf grünes Licht von der Justiz warten. Hier wurde vor allem die Gastronomie zum Sündenbock gestempelt. Immerhin soll weiter geöffnet werden dürfen (bis 24 Uhr). Dennoch protestiert der Sektor aufs Schärfste. Vor allem die Provinz Gipuzkoa schreibt rote Zahlen, in 10 Tagen stiegen die Infektionen um 80%. Bizkaia liegt trotz des Ballungsraums Groß-Bilbao mit überraschend “wenigen“ Ansteckungen gut im Rennen. Das Alarmlimit liegt bei 500 Ansteckungen pro 100.000 Einwohnerinnen, das wären 0,5 Prozent der Bevölkerung oder eine Person unter 200. Immerhin sechzehn Gemeinden übertreffen die Ziffer, es handelt sich um kleine und mittelgroße Städte wie Eibar oder Hernani.

Auch weitere Maßnahmen wie eine Ausgangssperre (wie sie die französische Regierung gestern für die Großstädte Paris, Marseille und Lyon angekündigt hat) sind im Gespräch. Doch wiederum gilt: ohne Alarmzustand ist die Maßnahme schwer durchzuführen. Zudem erinnert Ausgangssperre an diktatoriale Zeiten und totalitäre Regime – diese Frage beschäftigt uns seit März: was ist notwendig um die Pandemie einzudämmen; wieviel davon ist ein groß angelegter Feldversuch mit totalitären Maßnahmen.

KATALONIEN GEHT VORAN

Einmal mehr geht die Generalitat – so der Name der katalanischen Regierung – mit einem interessanten Beispiel voran, das der baskische Kleinhandel und Gastronomie-Bereich sicher gerne aufnimmt. Kleinen Betrieben, die während des Lockdowns und danach wegen roter Zahlen geschlossen wurden oder die von Schließung bedroht sind, soll geholfen werden, indem alle Mietverträge geprüft werden. Um die Betriebe zu erhalten sollen mit den Vermietern einvernehmlich die Mieten gesenkt werden. Wo es keine Einigung gibt will die Generalitat Mitpreis-Senkungen von bis zu 50% festlegen.

2020-10-19 / Zweite Welle (68)

COVID IST GESCHLECHTERSACHE

Bereits im April (mitten im Lockdown) haben sich sechs Expertinnen der baskischen Universität an die Arbeit gemacht herauszufinden, wie Kinder den Lockdown erleben und verarbeiten. Immerhin mussten die Kleinen ihren Alltag von einem Moment auf den anderen ändern: heute noch Schule und außerschulische Aktivitäten, morgen viel freie Zeit und alles online. Schnell mussten alte Brettspiele ausgemottet und neue Aktivitäten erfunden werden, um Ventile zu schaffen für die überschüssige Energie des Nachwuchses. Nicht wenige hatten zu leiden.

kolu24a3Die Untersuchung des Fachbereichs Erziehung der Uni, bei der die Eltern der Kleinen interviewt wurden, brachte Details zu Tage. Zum Beispiel: je jünger, desto weniger Kollateralschäden; und: Mädchen stellten sich besser auf die neue Situation ein als Jungen. Erstere zeigten “einen höheren Grad an positiver Emotionalität“ als der männliche Nachwuchs. Über ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten erfasst wurden 1.046 Kinder zwischen 2 und 14 Jahren, 50,3% davon waren Mädchen. Was am meisten half bei der Überwindung der Situation, war die Entwicklung neuer Routine, Probleme gab es bei der Ausübung von körperlichen, kreativen und spielerischen Aktivitäten. Zur neuen Routine gehörten auch der gesteigerte Verzehr von Süßigkeiten, Videospiele und Computer.

Ziel der Untersuchung war nicht nur eine Bestandsaufnahme, wie die Kinder den Lockdown aufgenommen haben, sondern auch, wie künftig ähnliche Situationen besser zu meistern wären. Die Expertinnen, sechs Frauen, versicherten bei der Vorstellung ihrer Ergebnisse, eine “wirksame Strategie“ entwickelt zu haben, um das Kollaterale in Zukunft zu vermeiden oder einzudämmen. Das Fehlen von Gärten, Terrassen oder Balkonen habe stark negative Einflüsse, der Zugang zu einem Außenraum sei ein wesentliches Element für das Wohlbefinden. Eine Aufgabe für Jahre oder Jahrzehnte.

Ganz überraschend sind die Forschungs-Ergebnisse nicht. Weder auf die Erholungsräume bezogen, noch auf den geschlechtsspezifischen Anteil. Strategien zur besseren Verarbeitung eines Einschlusses mögen positiv gemeint sein, letztendlich handelt es sich aber um Akzeptanz-Wissenschaften, die dabei helfen, besser mit Katastrophen zu leben. Die Verhinderung solcher Katastrophen ist ein ganz anderes Thema.

2020-10-17 / Zweite Welle (66)

FOR EVER COVID

Momentaufnahme: Die Coronavirus-Zahlen der im Baskenland im August begonnenen zweiten Pandemie-Welle steigen nach wie vor langsam. Waren es zu Beginn die “unvernünftigen“ Jüngeren, die sich das Virus einfingen, so hat sich die Situation mittlerweile wieder “normalisiert“, nachdem die Bedrohung wieder in die Altersheime marschiert ist. Die Einlieferungszahlen in Krankenhäuser und Intensivstationen steigen ebenfalls, die Verbreitung des Virus ist ungleich. Es gibt Sprünge von einem Ort zum anderen, Kleinstädte mit engem sozialen Leben sind stärker betroffen. Einige Orte mussten bereits wieder geschlossen werden, während woanders das Leben (fast) in alter Form zurückkehrt. Navarra, Katalonien und Madrid sind am heftigsten in Mitleidenschaft gezogen. Nun tritt die umstrittene Welt-Gesundheits-Organisation WHO auf den Plan, um darauf hinzuweisen, dass sich die Pandemie zu einer "normalen" Seuchen-Krankheit entwickeln könnte, weil es schwierig bis unmöglich sei, sie einzudämmen. Fall es nicht eine wirksame Spritze gäbe - doch dann würde ein neuer Konflikt aufbrechen, den die Negationisten-Bewegung schon lange thematisiert.

LOGIK DER WAHLEN

Immer klarer wird, weshalb die baskische Regierung im Juli derart dringend Regional-Wahlen abhalten wollte. Es sollte der Anschein von Normalität erweckt und das Tourismus-Sommergeschäft gerettet werden. Zweiteres hat nicht geklappt, weil die Besucherinnen ausgeblieben sind und die zweite Pandemie-Welle zu schnell über den Staat hereinbrach. Die folgenden Reisewarnungen “Avoid Spain“ taten ein Übriges.

kolu24a2Was sich nun andeutet, um das Virus in Schach zu halten, sind neue Einschränkungen, die außer Kleinhandel und Industrie-Produktion alles betreffen: Gastronomie, Kultur und Privat-Versammlungen, Familientreffs. Der Moment ist bestens geeignet für erneut einschränkende Maßnahmen (an denen vor allem Kleinunternehmen zu Grunde gehen können): erstens gibt es eine für vier Jahre gewählte Regierung mit absoluter Mehrheit, die in dieser Zeit niemandem Rechenschaft schuldet; zweitens ist das Sommer-Geschäft vorbei und alle schauen auf das Weihnachts-Geschäft; so gesehen sind drittens die kommenden 6 bis 8 Wochen verzichtbar, um die Covid-Zahlen durch Einschränkungen zu drücken und dann mit voller Wucht in die durch Weihnachtskonsum ausgelöste dritte Pandemiewelle zu surfen. Konjunkturen in immer geringeren Zeitabständen.

NEUE BASKISCHE REGELN

Die von der baskischen Regierung am heutigen Tag herausgegebenen neuen Regelungen betreffen nicht die Gastronomie. Nur, dass um 24h Schluss sein soll. Vielen fällt ein Stein vom Herzen! Die neuen Einschränkungen beziehen sich vielmehr auf informelle Treffpunkte, die schwieriger zu kontrollieren sind. Neues Maximum sind 6 Personen (vorher 10). Außerdem soll die zulässige Personenzahl bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen auf 50% beschränkt sein, was ohnehin der Fall war. Das Nachtleben bleibt bei Null, Sportaktivitäten werden eingeschränkt, öffentlicher Transport bis 1:30 früh. Bewohnerinnen und Angestellte von Altersheimen sind zum Test verpflichtet, Besuche werden eingeschränkt. Die Regeln werden in zwei Tagen gültig.

PROGNOSE DER WHO

In einem Presseerklärung lässt die WHO durchblicken, es könne sein, dass "SARS-COV-2 nicht verschwindet und die Welt sich daran gewöhnen müsse, damit zu leben“. Das würde bedeuten, dass Covid regelmäßig, vielleicht zu bestimmten Jahreszeiten wiederkommen könnte, wie das Dengue-Fieber oder andere Infektions- und Virus-Krankheiten. Selbst mit einem Impfstoff sei nicht mit einem Verschwinden zu rechnen, weil dieser erst einmal gespritzt werden müsse, was in einer globalisierten Welt praktisch eine Unmöglichkeit darstellt. Dazu kommt, dass das Virus ständig mutiert, wer das Covid heute überwindet und Immunität erlangt, ist im kommenden Jahr von einem mutierten Covid schon wieder gefährdet. Dies gilt auch für den Fall einer Herden-Immunität. Eine Welt vor Wuhan ist somit ausgeschlossen.

ABBILDUNGEN:

(1) Collage Baskultur

(2) Stadtszene (elcorreo)

(3) Covid Geschlechtersache (elcorreo)

(4) Ausgangssperre in Sicht

 

(ERST-PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2020-10-17)

 

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