Todesschwadronen 1977
Am 5. Oktober 1977 zerstörte am frühen Nachmittag eine Explosion das Redaktionsbüro der linken Zeitschrift "Punto y Hora de Euskal Herria" (Punkt und Stunde) in Iruñea (Pamplona). Wenige Minuten zuvor hatten zwei Journalisten und der Geschäftsführer dieses zur Unabhängigkeits-Bewegung gehörenden baskischen Magazins das Gebäude verlassen. Zu dem Anschlag bekannten sich die rechtsextremen Gruppen “Triple A“ und die “Jugendbrigaden von Navarra“. Solche Gruppen verübten im Baskenland über 70 Attentate.
In den 15 Jahren ihres Bestehens war die Zeitschrift "Punto y Hora" vielen Angriffen ausgesetzt: Drohungen, Beschlagnahme von Ausgaben, gerichtliche Verurteilungen. Der brutalste Moment war der der Bombenanschlag vom 5. Oktober 1977, als Rechtsextreme die Redaktion in Iruñea in die Luft sprengten.
Die Zeitschrift Punto y Hora wurde erstmals im April 1976 in der Hauptstadt Navarras veröffentlicht, unter der Leitung von Mirentxu Purroy Ferrer, die später zwischen 1978 und 1980 auch Direktorin der linken Tageszeitung Egin (Machen) war. Punto y Hora entstand in einem bewegten gesellschafts-politischen Moment voller Hoffnung nach dem Tod des Diktators Francisco Franco ein Jahr zuvor. (1)
"Wir gaben all jenen eine Stimme, die 40 Jahre lang unter der Last des Schweigens gelebt hatten, ohne die Möglichkeit, ihre Meinung, ihre Ideen, ihre Sprache, ihre Identität und ihre Wahrheit zum Ausdruck zu bringen", sagte Purroy 2021 bei der Verleihung eines Preises in Anerkennung ihrer beruflichen Laufbahn.
Schon bald geriet die Zeitschrift in die Fänge der Zensur. Die 10. Ausgabe wurde von der spanischen Regierung wegen eines Leitartikels über die Forderung nach Amnestie für alle politischen Gefangenen beschlagnahmt. Das war die erste Warnung, und es war klar, dass "Punto y Hora de Euskal Herria" im Fadenkreuz des nach wie vor von alt-franquistischen Kräften dominierten Staatsapparats stand, in dem es keine Chance auf Änderung gab. Im Dezember desselben Jahres wurde die Direktorin Purroy wegen Beleidigung der Streitkräfte inhaftiert, weil sie einen Brief über die Repression der Guardia Civil während der lokalen Festtage im Küstenort Lekeitio veröffentlicht hatte.
Ein vorhersehbarer Angriff
Doch das Schlimmste sollte noch kommen. Am 5. Oktober 1977 um 14.45 Uhr explodierte eine Bombe, die das Redaktionsgebäude in der Cortes de Navarra Straße in Iruñea (Pamplona) zerstörte. Es handelte sich um einen Sprengsatz mit fünf Kilo "Goma 2" (Goma 2 war ein hochexplosiver Sprengstoff, der von der Unión Española de Explosivos S.A. für industrielle Zwecke, vor allem für den Bergbau hergestellt wurde, ein gelatine-artiger Sprengstoff auf Nitroglykolbasis, der im spanischen Staat weit verbreitet war und ins Ausland exportiert wurde, in den 1980er und 1990er Jahren wurde er auch von ETA benutzt).
Der Sprengstoff, der etwa zwanzig Zentimeter vor der Bürotür platziert worden war, sprengte die gesamte Trennwand zwischen dem Büro und dem Hausflur in die Luft. Glücklicherweise hatten zwei Journalisten und der Geschäftsführer der Wochenzeitung das Büro fünf Minuten zuvor verlassen. Da sich niemand im Büro befand, wurde auch niemand verletzt, nur das Mobiliar wurde fast vollständig zerstört.
"Die Situation, in der sich das Gebäude befindet, kann als katastrophal bezeichnet werden. Allen anderen Hausbewohnern wurde geraten, wegen der Einsturzgefahr nicht in ihren Wohnungen zu übernachten. In den Wänden des Gebäudes waren zahlreiche Risse zu sehen, sogar die Tür zur Straße wurde durch die Auswirkungen der Druckwelle aus den Angeln gehoben", berichtete die Zeitung Egin am folgenden Tag.
Drohanrufe in der Redaktion waren in dem knappen Jahr, in dem die Zeitschrift existierte, an der Tagesordnung, aber in den Tagen vor dem Angriff war die Atmosphäre besonders seltsam, mit vielen Anrufen, bei denen die Anrufer nach der Begrüßung durch die Journalisten auflegten, ohne ein Wort zu sagen. Die Redaktionsleute erinnerten sich an vermehrte Anrufe als sonst und mit seltsamen Anfragen. Ein Mann kam persönlich in die Redaktion, um nach Aufklebern zu fragen und mit einem Redakteur zu sprechen. Nach Angaben der Journalisten war die Schlüsselperson ein Mann, der gegen 14.30 Uhr den Portier um Eintritt bat, weil er "ein Paket in der Redaktion vergessen" habe. Eine Viertelstunde später ging die Bombe hoch.
Zu dem Anschlag bekannten sich um 16.30 Uhr in einem Telefonat mit der Tageszeitung Diario de Navarra die rechtsextremen Gruppen Alianza Apostólica Anticomunista (Apostolisch Antikommunistische Allianz, Triple A genannt, Dreifaches A) und Brigadas Juveniles de Navarra (Jugend-Brigaden Navarra). Dieser Angriff war kein Einzelfall. Nur zwei Wochen zuvor hatte die Triple A einen weiteren Bombenanschlag auf den Sitz der Satire-Zeitschrift "El Papus" verübt, bei dem der Hausmeister Joan Peñalver getötet und siebzehn weitere Menschen verletzt wurden.
"Ein Ereignis dieser Art erfordert eine Interpretation im politischen Kontext, in dem wir leben. Die Söldner, die den Sprengstoff platziert haben, sind nur Techniker. Dahinter stehen denkende Köpfe, die im Dienst von Interessen stehen, die sich immer weniger verbergen und immer deutlicher sichtbar werden. Die reaktionären Kräfte haben sich nicht damit abgefunden, die Privilegien zu verlieren, die sie in den letzten vierzig Jahren Diktatur genossen haben, sie werden versuchen, gegen die neue Gesellschaftsordnung den Kampf aufzunehmen", so Punto y Hora in der Ausgabe nach dem Anschlag.
Demonstrationen, Streik und Unterstützung
Die Solidarität ließ nicht lange auf sich warten. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Anschlags boten die neu gegründeten Zeitungen Egin (Linke) und Deia (PNV) den Mitarbeitern von Punto y Hora ihre Räumlichkeiten an, um eine Art Krisenkabinett zu bilden. In den Redaktionsräumen von Deia versammelten sich Vertreter*innen politischer Parteien, Gewerkschaften und verschiedenen Gruppen, um den Anschlag zu verurteilen und sich mit den Betroffenen zu solidarisieren, während bei Egin eine Pressekonferenz abgehalten wurde, um die Geschehnisse anzuprangern und für den nächsten Tag zu einer Demonstration aufzurufen, der sich die große Mehrheit der gesellschaftlichen Akteure anschloss, von der konservativen UCD, über die sozialdemokratische PSOE, die linke HASI bis zu den Gewerkschaften CCOO, UGT, ELA und LAB. Unter dem Motto "Freie Presse für ein freies Volk" fand eine große Demonstration in den Straßen von Iruñea statt. Auch in Donostia (San Sebastian) gab es eine Demonstration.
Demonstration zur Verurteilung des Anschlags
Praktisch alle Medien verurteilten den Anschlag, konnten sich jedoch nicht auf einen Streik am 7. Oktober einigen. Egin war das einzige Printmedium, das den Streik im gesamten Baskenland unterstützte und seine Zeitung nicht an die Kioske brachte. In der Provinz Gipuzkoa schlossen sich auch die Tageszeitungen El Diario Vasco, La Voz de España und Unidad dem Streik an. Radio Popular in Donostia sendete den ganzen Tag nicht, einige andere Radiosender führten Solidaritäts- und Protestaktionen durch.
In der Bevölkerung gab es eine große Resonanz. Es wurde dazu aufgerufen Geld zu sammeln, um Punto y Hora zu unterstützen. Tatsächlich konnte die Zeitschrift die nächste Ausgabe schreiben und veröffentlichen, mit Hilfe von Egin und Deia, die ihre Redaktionsräume zur Verfügung stellten, und mit Unterstützung durch den Unternehmer Julián Echevarría, der Schreibmaschinen zur Verfügung stellte. Die Ausgabe trug auf dem Titelblatt ein Foto, das den Redaktionsraum nach dem Angriff zeigte, und eine klärende Schlagzeile: "Verehrte Henker: Uns bleibt das Wort".
Triple A
Der Name Gruppe Triple A steht für Apostolische Antikommunistische Allianz. Es handelte sich um eine rechtsextreme terroristische Organisation, die zwischen 1977 und 1982, in den Jahren nach Francos Tod, sowohl im spanischem als auch im französischem Baskenland Anschläge verübte. In einem Bericht über Terrorismusopfer der baskischen Regierung aus dem Jahr 2010 werden der Gruppe 8 der 66 Morde zugeschrieben, die zwischen 1975 und 1990 durch para-polizeilichen und rechts-extremen Terrorismus verübt wurden. Im Bericht heißt es, dass Triple A und weitere bewaffnete Gruppen gut organisierte rechtsextreme Gruppen seien, “die mit einem erheblichen Maß an Toleranz, wenn nicht gar Komplizenschaft mit wichtigen Teilen des damaligen Polizeiapparats agierten“.
Weiter: “Vor allem die spärlichen polizeilichen Ermittlungen verhindern die Klärung dieser gewalttätigen Aktionen, und besonders die Tatsache der Komplizenschaft, Kollaboration oder Vertuschung, die seitens bestimmter Polizeibehörden bei diesen kriminellen Handlungen bestanden haben könnte“. Die “genannten rechtsextremen Sektoren, die mit dem staatlichen Sicherheits-Apparat verbunden sind und noch nicht demokratisiert wurden, haben mit ihrer unbestreitbar politischen Motivation in bestimmten soziopolitischen Sektoren, normalerweise gegen Linke und vor allem gegen den baskischen Nationalismus gewalttätige Aktionen verübt, die erhebliche materielle und persönliche Schäden und sogar Tote verursacht haben“.
Schließlich stellt der Bericht fest, dass von den 74 Terrorakten, die diesen Gruppen zugeschrieben werden und die 66 Todesopfer forderten, nur 33 strafrechtlich verfolgt wurden, von denen wiederum nur 17 zu einer rechtskräftigen Verurteilung führten. Alles deutet darauf hin, dass die Allianz Triple A eine Strategie der spanischen Ultrarechten war, um Terror zu verbreiten, wie es in Argentinien die Alianza Anticomunista Argentina praktizierte und in Kolumbien die Alianza Anticomunista Americana.
ANMERKUNGEN:
(1) “Atentado contra el semanal Punto y Hora” (Attentat gegen die Wochen-Zeitschrift Punto y Hora) Tageszeitung Gara, 2024-10-05 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Punto y Hora
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-10-17)
