
Seilschaften, Machenschaften
Am Thema Ceuta scheiden sich die Geister. Eine Tragödie und ein geopolitisches Kräftemessen können am selben Ort und zur selben Zeit stattfinden. In Ceuta kreuzen sich die Verzweiflung Tausender Menschen und das kühle Kalkül derer, die sie ausnutzen. Flucht, Rassismus und Festung Europa. Was folgt, spielt sich an dieser unscharfen Grenze ab. Faschisten und Ultrarechte sprechen heuchlerisch von Ceuta, als ginge es um die Parzelle vor dem eigenen Haus. Ceuta ist nichts als die Geografie der Zweckmäßigkeit.
Nachdem sich der spanische Staat als Kolonialmacht zurückzog und Marokko 1956 unabhängig wurde, blieben die beiden Garnisonsstädte an der Küste weiter besetzt: Ceuta und Melilla blieben „spanisch“.
Noch nie sind so viele Menschen für einen Ort auf die Straße gegangen, der ihnen so wenig bedeutet. Ceuta war an diesem Mittwoch bestenfalls ein Vorwand und ganz sicher kein Anlass. Jede Analyse sollte von dieser Heuchelei ausgehen, denn sie vergiftet alles, was danach kommt. Die extreme Rechte verharrt weiterhin im Denkmodell von 2017, jenem reaktionären Trieb, der sich ebenso durch die katalanische Unabhängigkeits-Bewegung wie durch die Einwanderung entzünden lässt und nur einen Funken braucht, wie es bereits in Torre Pacheco (1) geschehen ist. (2)
Dass es extremistische Positionen sind, die den Rahmen der Debatte bestimmen, sagt viel darüber aus, wer heute die Agenda bestimmt und aus welchen digitalen Sumpfgebieten die Themen kommen. Dabei überrascht die wenig erklärliche Zurückhaltung gegenüber dem marokkanischen Regime, das teilweise oder hauptverantwortlich zur Situation in Ceuta beigetragen hat.
Was in Ceuta geschieht, ist in erster Linie eine humanitäre Tragödie. 141 Menschen sind bei dem Fluchtversuch ums Leben gekommen. In diesem Fall wurden sie nicht wie im Februar 2025 am Tarajal-Strand von der Guardia Civil erschossen, die Flüchtenden ertranken im Meer. Keine spanische oder europäische Institution kümmert sich um diese Toten. In der Enklave kommt es zu Angriffen auf NGOs, Einzelpersonen oder das Rote Kreuz, die versuchen, die Tausenden von Migranten zu versorgen, die dort weiterhin schutzlos sind, während Madrid und Brüssel das Jugend- und das Asylrecht einfach ignorieren. Menschenrechte kennen keine Selektivität. Migranten unter Gesichtspunkten von Nutzen und Schaden zu betrachten, zeugt von entsetzlichem Klassendenken. All dies zu ignorieren bedeutet, den Diskurs einer enthemmten extremen Rechten zu nähren – in Ceuta und in Madrid, in Iruñea und in Washington.
Nun existieren eine humanitäre Krise und ein geopolitisches Problem aber nicht in getrennten Räumen. Dass Marokko an dieser Massenbewegung von Menschen, von denen die meisten verzweifelt sind, beteiligt war, ist offensichtlich. Sei es durch aktives Handeln oder durch Unterlassung. Oder beides. Wie weit die Kette der Verantwortlichkeiten für die Massenflucht reicht, ist eine mühsame Aufgabe. Denn genau so funktioniert das, was politische Beobachter als „hybriden Angriff“ bezeichnen, dessen Charakter macht es fast unmöglich, die Drahtzieher auszumachen.
Was jedoch mit Sicherheit feststeht: dass am selben Tag, an dem der marokkanische Herrscher Mohammed VI. am Thronfest „die Modernität“ seines Landes feierte, Tausende von Menschen aus diesem Land flohen und damit ihre Verzweiflung zum Ausdruck brachten. Für den Tyrannen mag dies eine Kränkung gewesen sein oder vielleicht eine verunglückte Botschaft. Nichts spricht dagegen, dass weitere Akteure mit im Spiel waren. Nichts davon ist bewiesen, im Journalismus gebietet dies Vorsicht. Doch darauf zu verzichten, das Plausible aufzuzeigen, nur um auf das Unwiderlegbare zu warten, bedeutet, sein Handwerk aufzugeben, wenn Geopolitik ins Spiel kommt.
Denn Marokko reagierte bereits 2021 auf ähnliche Weise, als die Regierung des spanischen Staates eingestand, den obersten Vertreter der Polisario-Front (West-Sahara) wegen Covid in ein Krankenhaus in La Rioja verlegt zu haben. Dieser Vorfall (eine humanitäre Geste) und die anschließende großangelegte Spionage Marokkos mit dem zionistischen Pegasus-System waren ein Warnsignal für eine bilaterale Beziehung, die immer unter Spannung steht.

Was im Juli 2026 in Ceuta geschehen ist, war eine Abfolge mehrerer Affronts gegenüber dem Regime in Rabat innerhalb einer einzigen Woche. Erstens: Der Empfang sahrauischer Kinder durch die Kongress-Präsidentin Francina Armengol, bei dem sie die historische Verantwortung des spanischen Staates für die West-Sahara bekräftigte. Zweitens: Der Besuch von Pedro Sánchez in Algerien. Drittens: Das Gesetz, das den Sahrauis die spanische Staatsangehörigkeit gewährt (das die sozialdemokratische PSOE zuletzt abzuschwächen versuchte. Das Regime in Marokko hat all dies mit Sicherheit als Affront aufgefasst und könnte von Ceuta aus darauf reagiert haben. Wie dem auch sei: Dass die von Ex-Präsident Zapatero und Ex-Außenminister Moratinos im Jahr 2022 vorangetriebene Beschwichtigungs-Strategie gegenüber Marokko mit der daraus folgenden Abkehr von der West-Sahara gescheitert ist, ist eine unverkennbare Tatsache.
Vier Jahre nach diesen Manövern ist nichts mehr wie zuvor. Die internationalen Regeln – mit all ihren Mängeln, die damals aber zumindest noch vorgetäuscht wurden – sind mit Trumps Einzug ins Weiße Haus in die Luft geflogen. Am Mittwoch berichtete die Nachrichten-Agentur Reuters, dass der Faschist und Republikaner riesige Geldsummen für rechtsextreme Parteien in Europa bereitstellt, in einem politischen Kurs, der auf dem Alten Kontinent – von Sachsen über Madrid bis nach Paris – turbulente Zeiten verspricht.
Die Beziehungen zwischen Rabat und Washington haben sich nach den von Trump selbst in der letzten Woche seiner ersten Amtszeit vorangetriebenen Abraham-Abkommen deutlich verstärkt. Diese Abkommen normalisierten die diplomatischen, wirtschaftlichen, strategischen und nachrichtendienstlichen Beziehungen zwischen Marokko und Israel. Das jüngste Glied in dieser Kette ist der im April von beiden Ländern unterzeichnete militärische Fahrplan, der den Zugang zu neuen NATO-Technologien ermöglicht. Eine tiefgreifende Annäherung, die im Kontrast zur Abkühlung der Beziehungen zwischen Washington und Madrid steht. Hinzu kommt der Wunsch nach Kontrolle über die Meerenge, die für die USA nun noch wichtiger ist, da sie mit einem Federstrich sowohl den Golf von Ormuz als auch Bab el-Mandeb verloren haben.
Auch dieser Ehrgeiz ist nicht neu. Es hat Marokko auch nicht an Komplizen innerhalb des spanischen Staates gemangelt. Ein freigegebenes Telegramm der US-Botschaft in Madrid berichtet, dass der damalige König Juan Carlos I. bei einem Treffen im Jahr 1979 gegenüber Senator Ed Muskie, dem Sonderbeauftragten von Jimmy Carter, äußerte, Melilla könne in relativ kurzer Zeit an Marokko abgetreten werden, und für Ceuta sei ein internationaler Status nach dem Vorbild von Tanger die Lösung.
Polizei-Bericht
An dieser Stelle nun zum Bericht. In diesen Breitengraden gibt es allzu viele verdeckte Manöver und Maßnahmen der Sicherheitskräfte zu politischen Zwecken. Angesichts dieser Vorgeschichte fällt es schwer, das, was uns jetzt über Sánchez erzählt wird, nicht mit Argwohn zu betrachten. Vielleicht würde man auch ohne diese Vorgeschichte genauso zweifeln.
Tatsache ist, dass die Angelegenheit immer ernster wird. Auf allen Ebenen des Staates scheint es Leute zu geben, die Sánchez ins Visier nehmen. Polizei, Geheimdienst und Justiz geben gegensätzliche Analysen zum Hintergrund der Krise und möglichen Urhebern ab, ein gezieltes Verwirrspiel, bei dem die Regierung so oder so in einem schlechten, weil widersprüchlichen Licht dargestellt wird. Die Ineffizienz der Regierung in dieser Angelegenheit wie auch die angebliche äußere Einmischung (Marokko, USA, Europa), um ihn zu stürzen, sind gleichermaßen schwerwiegend, und das Anerkennen des einen verpflichtet nicht dazu, über das andere zu schweigen. Das Innenministerium ist außer Kontrolle geraten, ebenso wie die Justiz. Ersteres muss der Regierung Rechenschaft ablegen, zweiteres der demokratischen Kontrolle, und beide durchleben ihre eigene Krise
Es ist, gelinde gesagt, gefährlich, dass die Ziele dieser Horden von Extremisten, die auf die Straße gehen, und dieser verdeckten Unterwelt mit denen der mächtigsten ausländischen Akteure und eines nicht unerheblichen Teils der Wirtschaftsmächte übereinstimmen. Und es ist ebenso legitim, auf diese Machenschaften hinzuweisen und zu warnen, dass ein Ausbleiben einer Lösung für diese humanitäre und geopolitische Krise diese nur noch verschlimmern wird.
ANMERKUNGEN:
(1) Torre Pacheco: Stadt in der spanischen Süd-Region Murcia. Nach einem Prügel-Angriff auf einen 68-jährigen weißen Spanier, der angeblich von einem Marokkaner verübt wurde, mobilisierte im Juli 2025 die spanische Ultrarechte in den Ort, marokkanische Läden wurden gestürmt, Menschen angegriffen. Der spanische Faschismus startete eine „Jagd“ auf Migranten, die international für Aufsehen sorgte. Mit Falschmeldungen und Hassbotschaften in den sozialen Netzwerken. Mitten dabei die rechte PP und die Faschisten von VOX.
(2) “Ceuta – Geografie der Zweckmäßigkeit”, Tageszeitung Gara, Original: “Ceuta, geografía de la conveniencia”, Autor: Ibai Azparren, 2026-09-04 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Ceuta-Krise (naiz)
(2) Ceuta-Krise (confidencial)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-09-04)
