(*) Marokkanischer König (adelswelt)
Mehr als Ceuta und Melilla

Die Bevölkerung in Marokko kann weder etwas essen noch telefonieren, weder reisen noch Bankgeschäfte tätigen, ohne einen Teil ihres Geldes aufgrund der umfangreichen Geschäfte des Königs in dessen Taschen fließen zu sehen. Die machiavellistische Vorgehensweise des Königs von Marokko bei der Öffnung der Grenze zu Ceuta im Juli 2026 ermöglichte den Ansturm von Tausenden von Migrant*innen, darunter auch Frauen, Mädchen und ganze Familien. Bei heutigen Flucht-Bewegungen eine sehr untypische Erscheinung.

Ceuta-Krise wird der massive Grenzübertitt genannt. Der spanische Faschismus spricht von Invasion, in Europa wird die Legalisierungs-Politik von einer halben Million Migrant*innen scharf kritisiert. Die sozialliberale Regierung soll einer ultrarechten Platz machen.

Hätte Spanien mit anderen armen oder autokratischen Ländern eine Erd-Grenze (kein Meer), und würden diese Länder ebenfalls ihre Grenzen öffnen – selbst dann wären die Menschen nicht so verzweifelt, zu fliehen. Hätte Mohammed VI. die Grenzen von Ceuta und Melilla auf unbestimmte Zeit offen gelassen, wären innerhalb weniger Wochen mehrere Millionen Marokkanerinnen und Marokkaner geflohen und hätten den gesamten Norden des Landes halb leer zurückgelassen. Wer dafür Gründe sucht, stößt auf Phänomene, die einer Erklärung bedürfen.

Marokko hat aus kapitalistischer Sicht materielle Fortschritte gemacht, unbestreitbare Neuerungen wie den Hafen Tanger-Med oder die neue Infrastruktur in Rabat und anderen Großstädten. Doch hinter dieser glänzenden Fassade herrscht in den Armenvierteln und in vielen ländlichen Gebieten nach wie vor entsetzliche Armut. Die Analphabeten-Quote liegt bei 25% – auf dem Land über 47%. Im Norden Marokkos ist die Lage noch schlimmer. In den 60 Jahren der Unabhängigkeit stammte kein hochrangiger Amtsträger aus dem Rif-Gebiet, die Berber werden systematisch ausgegrenzt.

In einer patriarchalisch-hierarchischen Kultur der Großfamilie gilt: Wer keine Kontakte hat, existiert nicht. Daher leidet das Rif unter einem chronischen und sich verschärfenden Mangel an Investitionen in öffentliche Dienstleistungen und Infrastruktur. Die Analphabetenquote ist fast doppelt so hoch wie im staatlichen Durchschnitt. Andere Länder des Maghreb haben sich deutlich besser entwickelt. In Algerien (ohne absolutistische Monarchie) liegt die Analphabeten-Quote trotz der von einer fragwürdigen Bürokratie vereinnahmten staats-orientierten Wirtschaft bei 18,5%, und die Ungleichheiten zwischen Land und Stadt sowie zwischen Männern und Frauen sind deutlich geringer. In Tunesien ist der Anteil der Analphabeten mit 13,75% noch geringer.

Die marokkanische Wirtschaft wird systematisch durch das Oligopol der Königsfamilie gebremst. Vor einigen Jahren hieß sie noch „Ómnium Norteafricano“. Weil der Name ein wenig zu dreist war, trägt sie nun den Namen „Al Mada“ und besitzt unter anderem die Bank Attijariwafa, die größte Marokkos, das Telekommunikations-Unternehmen Inwi, einen von nur drei zugelassenen Anbietern; sowie Marjane, die führende Supermarkt-Kette des Landes. Zudem hält sie umfangreiche Beteiligungen an den übrigen Banken, Telekommunikations-Firmen, Supermärkten, Bergbau-Unternehmen und Geschäften aller Art. Daher kann die marokkanische Bevölkerung sicher sein: wenn sie isst, telefoniert, reist oder Bankgeschäfte erledigt, bleibt ein Teil des bewegten Geldes immer in den Netzen des königlichen Ausbeuters hängen.

(*) Armut Marokko (dlf)

Soweit die Lage, seit Mohamed V., der Großvater des heutigen Monarchen, 1956 die Unabhängigkeit von den Franzosen erlangte und begann, sein eigenes Land wie eine Kolonie oder einen Besitz des Königshauses zu verwalten. Mohammed V. nannte sich fortan König statt Sultan, als äußeres Zeichen der Modernisierung, doch die marokkanische Regierung entspricht nach wie vor bis ins kleinste Detail einer „sultanischen Regierung“:

(*) Ein willkürlicher Herrscher, der keinerlei rechtlichen oder gar rationalen Beschränkungen unterliegt. (*) In Politik und Wirtschaft herrscht zwar ein gewisser Pluralismus, doch es gibt keine Rechtsstaatlichkeit, alles hängt vom launischen Willen des Herrschers ab. (*) Ein patrimonialer Staat, quasi persönliches Eigentum des Herrschers, mit verschwommenen Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatbereich. (*) Es gibt kein politisches System, sondern nur Ersatzphänomene: Führerkult, Verherrlichung patriotisch-politischer Symbole, instrumentalisierte Religion … auch wenn niemand wirklich daran glaubt. Dazu kommt ein territorialer Irredentismus, eine neo-koloniale Praxis und revisionistische Ideologie und Politik, die darauf abzielt, die Angehörigen einer Ethnie innerhalb der Grenzen eines Staates mit Gewalt zusammenzuführen. Der Begriff geht auf die Bezeichnung "terre irredente" ("unbefreites Land") zurück, die von der erst nationalen und dann nationalistischen Bewegung Italiens für die angrenzenden Gebiete verwendet wurde, in denen nach der nationalen Einigung von 1861 weiterhin italienische Minderheiten lebten. Gemeint ist in diesem Fall das Volk der West-Sahara, bis 1975 spanische Kolonie, danach mit dem versprechen eines Referendums der marokkanischen Willkür überlassen (grüner Marsch). (*) Im Gegensatz zu totalitären Systemen gibt es weder eine Einheitspartei noch eine Mobilisierung der Massen, abgesehen von zeremoniellen Veranstaltungen über klientelistische Netzwerke. (*) Die Verwaltung, die Polizei und die Streitkräfte sind persönliche Instrumente des Führers.

Die Soziologen Linz und Stepan verfassten ihre Thesen mit Blick auf die iberoamerikanischen Diktaturen, doch Marokko entspricht ihren Postulaten ziemlich genau. Die Marokkaner*innen fühlen sich wie in einem Gefängnis, gezwungen, unter Androhung schwerer Strafen so zu tun, als würden sie den vorgeschriebenen Konsens über die Monarchie oder die Sahara befolgen. Deshalb sehnen sie sich danach zu fliehen, und der Sultan hilft ihnen dabei. Denn die Auswanderung ist das Sicherheitsventil des Regimes – ganz nach der perfiden Formel, die Gewinne zu privatisieren und die Kosten zu vergesellschaften bzw. auszulagern. In diesem Fall in die Aufnahmeländer der Migranten. Je mehr Marokkaner auswandern, desto weniger bleiben übrig, um Proteste zu organisieren. Zudem unterhalten die marokkanischen Migranten im spanischen Staat häufig ihre zurückgebliebenen Familien, obwohl es ihnen in der neuen Heimat wirtschaftlich nicht besonders gut geht.

Dank der Auswanderung kann sich Mohammed VI. wie ein abwesender Großgrundbesitzer benehmen und mehr als die Hälfte des Jahres auf Vergnügungsreisen im Ausland verbringen. Er muss keine Reformen durchführen – die seine Macht und seine gigantischen Gewinne schmälern würden. Denn er kann Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit exportieren. Die staatlichen Nachbarn zahlen dafür. Der spanische Staat lässt sich erpressen und hat als Preis die Saharauis an den Sultan ausgeliefert und das von der UNO versprochene Referendum in Frage gestellt. Trumps USA haben in dieser Hinsicht den ersten Schritt gemacht, der marokkanische Autokrat wird gefördert, wenn er im Gegenzug Israel anerkennt. Dafür wird ihm von den Imperialisten die Austragung des WM-Finales 2030 versprochen. Die Bevölkerung zahlt den Preis – doppelt und dreifach.

ANMERKUNGEN:

(*) Information aus: “Gobierno sultánico en Marruecos” (Sultanat in Marokko), Tageszeitung El Correo, 2026-08-25, es handelt sich um keine Übersetzung.

ABBILDUNGEN:

(*) Marokkanischer König (adelswelt)
(*) Armut Marokko (dlf)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-08-30)

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