Was Hannah Arendt sagen würde
Während die westlich-christlichen Gesellschaften Weihnachten feiern und sich mit Geschenken und guten Wünschen überhäufen, praktiziert der zionistische Staat Israel in Palästina, Gaza einen Völkermord, der für alle sichtbar in den Medien live kommentiert wird. Die Deutsch-Jüdin Hannah Arndt versuchte vor 62 Jahren, anlässlich des Eichmann-Prozesses in Jerusalem den Holocaust-Völkermord an der jüdischen Bevölkerung zu analysieren und als warnendes Beispiel vor der Welt-Öffentlichkeit zu denunzieren.
Dieser politische Fiktionstext ist eine kurze freie Neufassung von Hannah Arendts unverzichtbarem Text “Eichmann in Jerusalem: Eine Studie über die Banalität des Bösen“, Juan IBarrondo hat sie auf die aktuelle Situation des israelischen Völkermords in Palästina übertragen.
Der ehemalige Hauptmann Aharon Beguin erschien heute, am 29. Dezember 2035, im neuen Gerichtsgebäude von Gaza, nachdem er von einem palästinensischen Sonderkommando in Houston entführt worden war, der Hauptstadt der neu gegründeten Union des Südens, die sich nach wie vor im Krieg mit Washington befindet. (1) Beguin wird vorgeworfen, den Völkermord an der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen von 2023 / 2024 inspiriert und ausgeführt zu haben, der seinerzeit vom Internationalen Strafgerichtshof und verschiedenen internationalen Menschenrechts-Organisationen als Genozid identifiziert wurde.
Der ehemalige Hauptmann, seinerzeit auch Bürger des heute nicht mehr existierenden Staates Israel, zeigte sich trotz der Flut von belastenden Beweisen und Zeugenaussagen, die von der Staatsanwaltschaft vorgelegt wurden, nicht besonders nervös. Sein Anwalt, ein altgedienter jüdischer Intellektueller mit einem auffallend antizionistischen Stammbaum, versuchte, einige der Beweise zu entkräften und einige der Zeugenaussagen zu disqualifizieren, schien aber nicht allzu überzeugt von einem Freispruch für seinen Mandanten zu sein, denn an einer Verurteilung zweifelt niemand.
Die Regierung der palästinensisch-jordanisch-libanesischen Konföderalen Republik, die erst seit fünf Jahre im Amt ist, versucht, ein öffentliches Exempel zu statuieren, um einen Teil der arabischen Öffentlichkeit zufrieden zu stellen, der die ihrer Meinung nach zu laxe Behandlung von Israelis, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, mehrfach aufgestoßen ist.
Der Selbstmord von Netanjahu und einem Teil seiner Regierung in einem Jerusalemer Bunker, der bereits von palästinensisch-libanesischen Truppen umstellt war, hat die Hauptverantwortlichen für den Völkermord praktisch vor einem Prozess bewahrt. Diese Ereignisse fanden statt zwei Jahre nach der Einstellung der US-Militärhilfe für Israel, infolge des Ausbruchs des Zweiten Amerikanischen Bürgerkriegs. In den Damaskus-Prozessen von 2032 verfolgte die internationale Justiz ausschließlich israelische Generäle und hochrangige Führungskräfte, von denen fünfundvierzig zu lebenslanger Haft verurteilt wurden.
Die Notwendigkeit des Wiederaufbaus eines durch jahrelange Kriege verwüsteten Landes machte es erforderlich, nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Bethlehem im Jahr 2030 und dem folgenden und von den Vereinten Nationen geförderten Versöhnungs- und Erinnerungs-Prozess die Dienste zahlreicher israelischer Mitarbeiter und Beamter in Anspruch zu nehmen. Der Vertrag ermöglichte unter anderem die Rückkehr von fast fünf Millionen palästinensischen Flüchtlingen in das historische Gebiet von Palästina. Dadurch wurden zahlreiche israelische Zivil- und Militärbeamte der mittleren Ebene entlastet, ihnen wurde mutmaßlich eine Gehorsams-Pflicht gegenüber den kriegsführenden Politikern und Militärs eingeräumt, sodass sie wieder in ihre Ämter eingesetzt werden konnten.
Beguin versuchte im Prozess, sich als Freund der Palästinenser darzustellen. Er behauptete, dass er im Rahmen seiner Befehlspflicht als Militäroffizier stets versucht habe, das Leid der Palästinenser zu lindern. In diesem Zusammenhang berief er sich insbesondere auf seine angebliche Freundschaft mit dem ehemaligen Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas: “Uns beiden ist es gelungen, noch größere Übergriffe auf palästinensische Zivilisten zu verhindern“, stellte er in seinem Schlussplädoyer fest.
Sowohl jüdisch-palästinensische als auch arabisch-palästinensische Zeuginnen und Zeugen sagten jedoch gegen ihn aus und bestätigten, dass er an Treffen teilgenommen habe, bei denen der Völkermord geplant wurde, und dass Beguin auf hoher Befehlsebene eine völkermörderische Politik betrieben habe. Besonders auffallend war eine Video-Aufnahme, in der er sagt: “Die Armeen des Lichts müssen die Diener der Finsternis besiegen, in einem gnadenlosen Kampf, der die Terroristen und ihre zivilen Unterstützer ein für alle Mal auslöschen wird.“
Von der Staatsanwaltschaft dazu befragt, sagte der ehemalige Hauptmann lediglich, dass dies damals die normale Meinung der Mehrheit der israelischen Bevölkerung gewesen sei, und gleichzeitig die Haltung vieler Führer verbündeter Länder und eines Großteils ihrer öffentlichen Meinung. Wenn er deshalb vor Gericht gestellt werde, müsste gleichzeitig die halbe Welt angeklagt werden.
Angesichts dieser Äußerungen sah sich der Richter dazu veranlasst, den Angeklagten daran zu erinnern, dass in diesem Fall er und nicht andere vor Gericht standen und dass die Äußerungen dazu beitrugen, die Beweise gegen ihn hinsichtlich seiner Beteiligung am Völkermord zu untermauern. “Wir urteilen hier nicht über Ideen oder Aussagen, wie abwegig sie uns auch erscheinen mögen, sondern über bewiesene Tatsachen“, sagte der Richter, der Kolumbianer Nelson Torres, sichtlich verärgert.
In Erwartung des Urteils und der Verkündung der Strafe ist es angemessen, über etwas nachzudenken, das die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt im Prozess gegen einen anderen Völkermörder im vergangenen Jahrhundert erwähnte, als sie die notwendige Kollaboration eines großen Teils des deutschen Volkes beim Völkermord an der jüdischen Bevölkerung während der als “Holocaust“ bekannten Ereignisse klar anprangerte.
Das Konzept der “Banalität des Bösen“ als Untertitel ihres inzwischen legendären Buches “Eichmann in Jerusalem“ hat sich als Schlüssel zur Interpretation der beispiellosen politischen Gewalt der letzten zwei Jahrhunderte erwiesen, einer der schrecklichsten und grausamsten Meilensteine war der Völkermord am palästinensischen Volk. Hannah Arendt betont in ihrem Werk jedoch, dass es im deutschen Volk auch Personen gab, die sich dem Nationalsozialismus widersetzten, die den Opfern halfen und dabei ihr Leben oder ihren Status riskierten.
Diese Menschen, wie auch jene, die Ähnliches im zionistischen Israel, in den westlichen Ländern und in einem großen Teil der Welt geleistet haben – wobei der palästinensische Widerstand selbst hervorzuheben ist – haben etwas bewahrt, das für die Existenz der menschlichen Gemeinschaft unverzichtbar ist: Würde, selbst in der Niederlage, und das Fortbestehen der Solidarität angesichts der gewaltsamen Ausbreitung der Banalität des Bösen in der Welt. (1)
Hannah Arendt
“Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ ist ein Buch der Philosophin und Autorin Hannah Arendt (1906-1975), das sie anlässlich des 1961 vor dem Bezirksgericht Jerusalem geführten Prozesses gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann verfasste.
Hannah Arendt verfolgte 1961 als Prozess-Beobachterin für das Magazin The New Yorker beim Eichmann-Prozess die Aussagen verschiedener Zeugen zu Beginn der Beweisaufnahme. Den weiteren Prozessverlauf, insbesondere das Kreuzverhör Eichmanns durch Generalstaatsanwalt Gideon Hausner und seine Befragung durch das Gericht, entnahm sie den ihr vom Jerusalemer Bezirksgericht zugesandten Verhandlungs-Mitschriften sowie Zeitungs- und Fernseh-Berichten. Ihre Eindrücke veröffentlichte Arendt fast zwei Jahre später in fünf aufeinanderfolgenden Ausgaben des New Yorker unter dem Titel “A Reporter at Large: Eichmann in Jerusalem“.
Das 1963 erschienene Buch “Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil“ war eine leicht erweiterte und veränderte Version des Textes im New Yorker. Zwischen 1963 und 1965 erschien das Buch in verschiedenen Versionen. Gegenüber der ersten englischen Auflage erfolgten in der deutschen Übersetzung 1964 weitgehende Eingriffe, die man auch in der amerikanischen Taschenbuchausgabe 1965 übernahm. Bei der ersten deutschen Ausgabe im Piper Verlag war Hans Rößner Verlagsleiter. Von dessen Karriere als SS-Obersturmbann-Führer und Kulturreferats-Leiter im Reichssicherheits-Hauptamt erfuhr Hannah Arendt zeitlebens nichts.
ANMERKUNGEN:
(1) “Cuento de Navidad para Gaza” (Weihnachts-Geschichte für Gaza). Tageszeitung Gara. Autor: Juan Ibarrondo, 2025-01-02 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Gaza (efe)
(2) Gaza (youtube)
(3) Gaza (elperiodico)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-01-04)
