318aDie Legende vom friedlichen Übergang

Der vorbildhafte Übergang von der Diktatur zur Demokratie im spanischen Staat ist eine der Legenden der spanischen Geschichtsschreibung. Bei näherer Betrachtung der tatsächlichen Ereignisse stellt sich heraus, dass es sich um eine gezielte Falsch-Information (Fake News) handelt, um den plötzlichen ideologischen Wandel des Großteils der franquistischen Administration zu erklären, diese Faschisten in das neue “demokratische“ System zu integrieren und einem neuen Staatsstreich zuvorzukommen.

“So starben 318 Menschen beim vielgelobten ‘spanischen Übergang‘ durch die Hand der Polizei oder von Neofaschisten" (Así eran los 318 muertos a manos policiales o ultras en la alabada ‘Transición española‘) ist der Titel einer umfassenden Dokumentation des Journalisten und ehemaligen politischen Gefangenen Luis Puicercús, erschienen 2025 im Txalaparta-Verlag.

Das Eingangsbild zeigt acht der 318 Opfer der als vorbildhaft bezeichneten spanischen Transition, dem Übergang von der franquistischen Diktatur zur Demokratie. 318 Personen, die während des viel gelobten “Spanischen Übergangs“ (Transition) durch die Hand der Polizei oder von Neofaschisten starben. Die wenigsten von ihnen waren politische Aktivisten. Andere nahmen an Demonstrationen teil, sie feierten, waren auf der Straße oder hatten einfach Pech: F.J. Alonso (Nafarroa), Javier Ricardo Fernández (Teneriffa), María Encarnación Ayúcar (Bizkaia), Josefa Jiménez (Valencia), Jesús Fernández (Teneriffa), Gustavo Muñoz (Barcelona), Belén Sánchez (Las Palmas) und Agustín Valiente (Almería) – dokumentiert im Buch “Imborrables“ (Unauslöschbare). (1)

Die Art und Weise, wie der “spanische Übergang“ umgesetzt wurde, ist im Baskenland gut bekannt. Der in diesem Buch von Luis Puicercús untersuchte Zeitraum (1976-1983) beginnt in Hego Euskal Herria (Südbaskenland) mit dem Massaker an streikenden Arbeitern am 3. März 1976 in Gasteiz und reicht bis zu den ETA-Aktivisten Joxean Lasa und Joxi Zabala, von der Guardia Civil entführt, gefoltert und ermordet. Es handelt sich um zwei Verbrechen von symbolischem Charakter. Was im übrigen spanischen Staat geschah, ist jedoch weit weniger bekannt und erforscht. Das Werk “Imborrables, las víctimas ignoradas de la Transición“ (Unauslöschbare, die ignorierten Opfer der Transition) wurde kürzlich veröffentlicht, es füllt diese historische Lücke und bringt eine schreckliche Realität ans Licht.

Fälle wie der von Teófilo del Valle, 20 Jahre alt, der während einer Arbeiter-Demonstration in Elda (Alacant / Alicante) durch Schüsse und Schläge der Polizei getötet wurde; Manuel García Caparrós, 18 Jahre alt, der während eines Marsches für die andalusische Autonomie in Málaga getötet wurde; Juan Peñalver, 60 Jahre alt, der von einer rechtsextremen Bombe am Sitz der Zeitschrift “El Papus“ zerfetzt wurde; Angel Valentín, 24 Jahre alt, der bei einer Demonstration für die Unabhängigkeit in Barcelona von Faschisten erstochen wurde; José Andrés Fraguas, 19 Jahre alt, Hausmeister bei der sozialdemokratischen Tageszeitung “El País“, der Opfer einer Paketbombe der Faschistengruppe Triple A wurde (Antikommunistische Apostolische Allianz); die vier Arbeiter, die bei einem Ultra-Anschlag auf den Nachtclub Scala getötet wurden – und so weiter, ein Fall nach dem anderen, bis zu 318 tödliche Schicksale.

318bEs muss nicht extra betont werden, dass es sich bei vielen dieser Opfer um Personen aus dem Baskenland handelt, um Verbrechen, die in Euskal Herria seit Jahrzehnten bekannt sind und angeprangert werden. Doch es gibt auch einige Fälle, die vielleicht überraschen. So wurde der Italiener Mario Marotta von der italienischen Polizei bei einer Demonstration vor der spanischen Botschaft in Rom als Reaktion auf das Massaker vom 3. März 1976 in Gasteiz getötet.

Die akribische Arbeit von Luis Puicercús umfasst auch Todesfälle im Baskenland, die scheinbar keine politischen Hintergründe haben, die jedoch die damals vorherrschende Polizeipraxis “den Finger am Abzug“ deutlich machen und die anschließende Straffreiheit zeigen. Francisco Javier Alonso “El Paquito“ wurde in Burlata (Nafarroa) getötet, weil er nicht auf die Rufe “Stoppt die Guardia Civil!“ hörte; der Bauer José Javier Nuin wurde in der Diskothek Bordatxo in Doneztebe (Nafarroa) von einem anderen Zivilgardisten getötet; José Luis Otxoa wurde an der Tankstelle in Murgia (Bizkaia), an der er arbeitete, von Polizisten in Zivil tödlich überfahren. Auf der Liste steht auch der Kapitän eines Frachtschiffs, John Francis Wilkinson, der in Pasaia mit einem Maschinengewehr erschossen wurde, weil er nach offizieller Version “an einem Geldraub beteiligt war“ und Polizisten angegriffen hatte.

Nicht alle Opfer sind Männer, es gibt auch zahlreiche Frauen und einige Minderjährige. Im Fall von Belén María Sánchez Ojeda, einer 16-Jährigen von den Kanarischen Inseln, die während einer Demonstration von Hafenarbeitern absichtlich überfahren wurde (ihr Vater war einer der streikenden Arbeiter), kamen beide Faktoren zusammen. Juana Caso, 25, aus Sevilla, starb bei einer “verdeckten Operation“ der Polizei. José Luis Muñoz Pérez, 15 Jahre alt, aus Toledo, bei einer der zahlreichen Schießereien mit Maschinengewehren an Polizei-Kontrollpunkten.

Das “Punkt-und-Weiter-Gesetz“ (Ley de Punto Seguido)

“Wir wurden getäuscht. Die idyllischen Berichte über den demokratischen Übergang entsprechen nicht der Realität, er war nicht so friedlich und vorbildlich, wie man uns glauben machen wollte. Es war blutig“, so lautet das Fazit dieser Dokumentation. Der Titel (Imborrables - Unauslöschbare) besteht auf der Notwendigkeit, sich zu errinnern an die Opfer, die “im Niemandsland zurückgelassen wurden, ohne jegliche Anerkennung“. Hier finden sich ihre Vor- und Nachnamen, ihr Alter, ihr Geburtsdatum, in den meisten Fällen ein Foto und vor allem eine Beschreibung, wie sie getötet wurden. In einigen Fällen mit voller Absicht, manchmal auf eine völlig sinnlose Art und Weise, die sich nur durch das bei den Repressionskräften vorherrschende Bewusstsein der völligen Straffreiheit erklären lässt.

Das Buch enthält mehrere Vorworte von Organisationen, die an der Recherche mitgewirkt haben. Dazu gehört auch die Stiftung Euskal Memoria. Ihr Präsident, Iñaki Egaña, erinnert daran, dass “Spanien in nur einem Jahr von einem totalitären, faschistischen, falangistischen und philo-nazistischen Staat, wie es in den Beschreibungen heißt, zu einem Regime mit formaler Demokratie wurde. Nie zuvor in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts hatte es ein solches Ereignis gegeben, nicht einmal später beim Fall der Berliner Mauer. Die Verwaltung mit ihren Polizisten, Zivilgardisten, Armeeoffizieren, Beamten, leitenden Angestellten usw. erhielt einen “göttlichen Impuls“, um die politischen Überzeugungen zu ändern. Es handelte sich nicht, wie manchmal gesagt wurde, um die Anwendung eines ‘Punkt-und-Ende-Gesetzes‘ (original: Ley de Punto Final), sondern um ein ‘Punkt-und-Weiter-Gesetz‘“.

Ein letzter Hinweis über den Autor. Luis Puicercús wurde in den letzten Jahren des Franco-Regimes wegen seiner Militanz in den Reihen der PCE-ML (Spanische Kommunistische Partei, Marxistisch-Leninistisch) inhaftiert, einer Organisation, die Teil der FRAP war. Er teilte eine Zelle im Carabanchel-Gefängnis (Hauptstadt Madrid) mit vielen Basken wie Jon Idigoras und nahm sogar am Baskisch-Unterricht im Gefängnis teil, wie er sich vor zwei Jahren in einem Interview erinnerte.

Seit 2005 hat Luis Puicercús eine enorme Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit geleistet, die bereits neun Bücher umfasst. Im letzten Buch war eine umfassende Zusammenstellung enthalten: “Gefangene im Franquismus von A bis Z“ (Presos del franquismo de la A a la Z), mit 14.000 Namen von Gefangenen des späten Franco-Regimes.

ANMERKUNGEN:

(*) “Así eran los 318 muertos a manos policiales o ultras en la alabada ‘Transición española’” (So starben 318 Menschen durch die Hand der Polizei oder der Ultras während des gepriesenen "spanischen Übergangs"), Tageszeitung Gara, 2025-03-01, Übersetzung und Ergänzungen baskultur.info (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Buch Luis Puicercús (gara)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-03-02)

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