Wein und Meeresfrüchte
Das Meer erobern, auf See essen: Wie ernährten sich jene baskischen Seeleute, die im 16. Jahrhundert vor der Atlantikküste Kanadas Wale jagten und Kabeljau fischten? Wie stand es um ihre Gesundheit? Auf diese Fragen gab es eine Reihe von Antworten bei den Sommerkursen der baskischen Universität EHU-UPV. Zu Essen, was die jeweilige Umgebung hergab: Seehund- oder Hirschfleisch, Seekekse, mitgebrachten Schinken oder Wurst; zum Trinken Wein und Sidra, um nicht auf die heimischen Gewohnheiten zu verzichten.
Flüsse und eine lange Küste sind der Grund, weshalb Fisch als Bestandteil der Nahrung im Baskenland eine lange Tradition hat. Lachs und Forellen in den Bergen, Thunfisch, Kabeljau aus dem Meer. Früher auch Walfleisch, aus Fangzügen bis nach Neufundland.
Wie haben sich die baskischen Walfänger und Fischer ernährt, wenn sie monatelang auf Fangtour waren?
Sarai Barreiro von der Universität Montreal-Kanada hat untersucht, wie im 17. und 18. Jahrhundert die Zusammenarbeit und die Beziehungen zwischen den Ureinwohnern im Nordosten Kanadas und den baskischen Seeleuten aussahen, insbesondere im Sankt-Lorenz-Golfstrom. Ihr Vortrag bei den Sommerkursen an der baskischen Universität EHU-UPV konzentrierte sich jedoch vor allem auf die Ernährung und das tägliche Leben der baskischen Fischer, die im 16. und 17. Jahrhundert an die kanadische Atlantikküste fuhren. Auf der Grundlage meeres-archäologischer Studien zeichnete sie in einem interessanten Vortrag in groben Zügen nach, wie die Ernährung und die Gesundheit “unserer Fischer“ aussahen. (1)
Was aßen sie, wenn sie auf See waren, um Lebensmittel für andere mitzubringen? Was aßen sie, wenn sie an Land gingen? Die vorgestellte Studie über die Ernährung dieser Basken zeigt die Herausforderungen der weit entfernt liegenden Fangplätze und Häfen, die biologischen Aspekte ihrer Gesundheit.
Sarai Barreiro beschrieb die spezifischen Essens-Rationen beim Fisch- und Walfang, sie analysierte den geografischen und archäologischen Kontext der beiden Fischereigründe Red Bay in Neufundland auf der Labrador-Halbinsel am Sankt-Lorenz-Strom und der 250 Kilometer südwestlich liegenden Insel Petit Mecatina. Sie untersuchte die Arbeiten verschiedener Historiker, die archäologischen Ausgrabungen von Fischern und Walfängern, die in der “Roten Bucht“ begraben wurden, und verglich sie mit denen in Petit Mecantina. Bei der Untersuchung der Ernährung versuchte sie schließlich, die Besonderheiten der soziologischen und professionellen Aspekte der Gemeinschaft dieser Basken zu verstehen, sowie den Wert, den sie dem Essen beimaßen, und ihre Fähigkeit zu studieren, neue Lebensmittel zu bekommen, jenseits der Klischees von Meereskeksen (Mellita quinquiesperforata), und Wein.
Archäologische Ausgrabungen
Red Bay war und ist ein kleines Hafen- und Fischerdorf im Süden Labradors. An der felsigen, von Klippen durchzogenen Küste gelegen und von kleinen Inseln umgeben, bot es natürlichen Schutz vor den Winden, die für das subarktische Klima so typisch waren. Das tiefe Wasser sorgte für sonnige, neblige Sommer und lange, kalte Winter. Diese Bedingungen begünstigten eine reiche und vielfältige Meeresfauna und Meeresflora, ein wichtiger und strategischer Lebensraum für die frühen Bewohner*innen Nordamerikas vor den Eroberungen.
Betrachtet man die archäologischen Stätten, so ist Red Bay eine der größten in Kanada. Ihre frühen Bewohner*innen lebten über lange und unregelmäßige Zeiträume von den Meeres-Ressourcen und hatten eine archaisch-maritime Kultur. Die vor 7.000 Jahren lebenden Vorfahren der heutigen Inuit gehörten für die Archäologen zu einer grenz-überschreitenden Kultur. Dann kam es zur Besiedlung durch indigene Völker und durch europäische Fischer, darunter die Basken.
Für die Untersuchung unserer Fischer und Walfänger konzentrierte sich Sarai Barreiro auf die Ausgrabungen auf der Saddle Island (Sattelinsel), wo eine der symbolträchtigsten Stätten für den Walfang und die Walfett-Produktion gefunden wurde. Dort wurden häusliche Utensilien, Geräte zur Fett-Produktion sowie der größte jemals in Nordamerika entdeckte Walfänger-Friedhof gefunden. Er wurde 1982 entdeckt, zwischen 1983 und 1985 ausgegraben und bestand aus sechzig Gräbern mit mindestens 135 Leichen. 25 Gräber wurden ausgehoben, um sie zu untersuchen, die übrigen wurden identifiziert und mit ihren Stelen neu bestattet.
Dabei wurden einige physisch-anthropologische Muster festgestellt. Die meisten wurden nach typisch christlichem Muster bestattet, mit erhobenem Kopf, nach Osten gerichtet und mit auf dem Bauch gefalteten Händen. Aber es gibt auch merkwürdige Bestattungen. In einigen Gräbern wurden zwölf Leichen auf eine weniger systematische Weise begraben, wahrscheinlich, weil sie alle zur gleichen Zeit starben, möglicherweise bei einem Walfang-Unfall.
Die archäologische Stätte auf der Insel Petit Mecatina (südwestlich von Red Bay am Sankt-Lorenz-Strom, zu Quebec gehörend) hingegen wurde von Inuit und baskischen Fischern gemeinsam genutzt, wie die mündliche Überlieferung an dieser Küste zeigt. Der Ort war ideal für die Jagd auf Seehunde und den Kabeljau-Fang, es wird angenommen, dass er auch für den Walfang im 16. Jahrhundert große Vorteile gehabt haben könnte. Diese kleine, tiefe und geschützte Bucht verfügte über reichlich Süßwasser, zahlreiche trockene Felsenunterstände und einen leichten Zugang zu den Jagdgründen.
Dort gibt es Spuren von aus Steinen gebauten Nahrungs-Lagerstätten. Bei Ausgrabungen wurden Wal- und Vogelknochen sowie Kabeljau-Reste gefunden. Aber nicht nur das: Neben europäischen Haustieren wurden auch Karibus (kanadische Hirschart) und Seehunde gefunden.
Sie aßen, was sie hatten
Für die Forschung zum Thema Ernährung waren die Notariatsakten von Bordeaux, die im Archiv der Gironde aufbewahrt werden, von entscheidender Bedeutung. Sie enthalten die Fischereiverträge, die Angaben zu den Schiffsbesatzungen sowie die Menge und Art der für jede Fischfang-Tour gekauften Lebensmittel. Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass die Fischer eine klar definierte und besondere soziale Gruppe bildeten, mit einer eigenen Sprache und einer besonderen Lebensweise. Die bis zu sieben Monate dauernde Fang-Tour bedeutete einen völligen Bruch mit dem Herkunftsland und der heimischen Gemeinschaft und war überaus hart für die baskischen Fischer und Walfänger, die im 16. Jahrhundert zur See fuhren.
Häufigste Mahlzeit, wie in den Verträgen der baskischen Fischer notiert, waren zum Beispiel Seekekse, zubereitet mit fermentiertem Weizen, der zweimal im Ofen gebacken wurde, damit kein Seemann Schimmel verzehren sollte. Bereits im Dezember wurden die Bäcker in den baskischen Dörfern gebeten, das Gebäck für die ersten Tage im Februar oder März fertig zu stellen, wenn die Schiffe zum Kabeljaufang ausliefen. Getrocknetes Gemüse, Linsen, Saubohnen, Kichererbsen standen ebenfalls auf der Speiseliste.
Auch Fleischprodukte spielten eine wichtige Rolle: Speck (tocino), Dörr- oder Rauchfleisch (cecina) und andere Wurstwaren. Dazu Sardinen. Die Seeleute hatten Fleischtage und Fischtage; aus religiösen Gründen aßen sie freitags und samstags kein Fleisch. Sie führten Olivenöl, Butter und eine große Menge Wein mit sich, die zu ihren täglichen Rationen gehörten.
Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die Geschmäcker der baskischen Seefahrer nicht einheitlich waren. Die aus Lazkao zum Beispiel bevorzugten Wein, während solche aus Gipuzkoa und Bizkaia den Sidra-Apfelwein (bask: sagardo) und einen einfachen weißen Txakoli-Wein bevorzugten. (1) Lange Zeit hielt sich das Gerücht – vielleicht eine Legende – dass die Basken auf See weniger anfällig wären für die typische Seemanns-Krankheit Skorbut (hervorgerufen durch Vitamin-C-Mangel), weil sie auf ihre Fahrten fässerweise Sagardo mit sich führten, den sie gerne und in Mengen tranken. Diese Weisheit wurde zuletzt widerlegt, weil Sagardo dieses Vitamin nicht ausreichend enthält.
Wal und Kabeljau
Einst jagten baskische Fischer Wale im Golf von Bizkaia, denn Wale wurden komplett ausgeschlachtet, ihr Inneres lieferte lebenswichtige Produkte, nicht einmal die Grätenknochen blieben übrig. Doch war die Ausbeute des Walfangs schon vor Jahrhunderten nicht ausreichend. Die Fanggründe wurden erweitert bis zum heutigen Neufundland, Kanada. Unbekannt ist, wann diese halbjährigen Fangtouren begannen, möglicherweise schon vor Kolumbus. Gesichert sind die Touren im 16. Jahrhundert. Damals ging es nicht nur um Wale, auch um Kabeljau, der getrocknet in Salz zurückgebracht wurde.
Geschichte der Atlantik-Fischerei
Über die Geschichte der Atlantik-Fischerei informierte vor 10 Jahren eine Ausstellung im Itsas Museoa (Meeres-Museum) im Hafen von Donostia. Ein Artikel bei Baskultur.info unter dem Titel Basken in Neufundland - 600 Jahre Kabeljau-Fischzüge vertiefte die Inhalte dieser Ausstellung und schilderte die Rolle baskischer Seeleute bei diesen abenteuerlichen Seefahrten im Mittelalter, die mit der Eroberung neuer Kontinente nichts zu tun hatten, da sich die Basken um eine friedliche Koexistenz mit den Ureinwohner*innen bemühten und schließlich jedes Jahr wiederkommen wollten. Wie der Bakalao, der Kabeljau, Eingang fand in die baskische Küche und Gastronomie, davon handelt der Baskultur-Artikel Kabeljau: ein Fisch als kulinarischer Botschafter aus dem Jahr 2014. Über die Geschichte Kabeljau-Fischerei – Geschichte der baskischen Kabeljau-Fischerei geht ein Text aus dem Jahr 2018. Vom Volk der Walfänger (Zwischen Island und Neufundland) handelt eine weitere Publikation über die Nutzung der weltgrößten Säugetiere, deren Bestandteile für einen vielfachen Gebrauch eingesetzt wurden. Dabei geht es auch um die Gefahr dieser Art der Fischerei, um den Verarbeitungs-Prozess und um die Konkurrenz baskischer Küstenorte bei der Jagd auf die Wale. Auch das Ende des baskischen Wals wird beschrieben in einer Publikation mit dem Untertitel Opfer von Fangnetzen und Verschmutzung. Der Historikerin Selma Huxley gewidmet ist eine Publikation mit dem Titel Walfang in Neufundland – Baskische Walfänger in Kanada. Die Engländerin studierte diese Geschichte in Oñati (Gipuzkoa) und in jenen Orten in Kanada, in denen baskische Fischer Jahrhunderte lang auf ihren Fangzügen gelebt und gearbeitet hatten.
ANMERKUNGEN:
(1) “Itsasoa jan, itsasoan jan: gure baleazale eta arrantzaleen dietak ikertu dituzte“ (Das Meer erobern, auf See essen; Ernährung unserer Walfänger und Fischer), Tageszeitung Gara, 2024-07-07 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Walfänger (todocoleccion)
(2) Red Bay, Kanada (noticias oceano)
(3) Walfänger (albaola)
(4) Red Bay (audley travel)
(5) Walfang (paleociencia weebly)
(PUBLIKATION BASKULTUR.ONFO 2024-07-17)
