
Schattenseite der Sanfermin-Fiesta
Vor zehn Jahren (7. Juli 2016) wurde am ersten Fiesta-Tag in Pamplona eine junge Frau von einer Männergruppe vergewaltigt. Der Fall schlug hohe Wellen: die an den Tag gelegte Brutalität, das entschuldigende Urteil, große Mobilisierungen im gesamten Staat. Die Gruppe aus Sevilla war mit dem Plan einer Vergewaltigung nach Pamplona gekommen. Sie nannte sich „La Manada“ – das Rudel, in Bezug auf eine Gruppe von Raubtieren. Die Vergewaltiger wurden schnell entdeckt.
Die Gruppen-Vergewaltigung während der Sanfermin-Fiestas 2016 veränderte die Wahrnehmung sexistischer Gewalt gegen Frauen im spanischen Staat. Sie diente als Grundlage für das Gesetz „Nur Ja heißt Ja“. Jedes Jahr werden mehr als 500 Gruppen-Vergewaltigungen registriert.
Es war mit Sicherheit nicht die erste Gruppen-Vergewaltigung. Aber sie war das Verbrechen, das die Art und Weise, wie mit dieser Art von Straftaten im spanischen Staat umgegangen wird, für immer veränderte. Symptomatisch dafür ist die Tatsache, dass solcherart Verbrechen fortan den Namen der Gruppe trugen, die sie begangen hatte: Manada. Die Gruppe selbst hatte diesen Titel für sich und ihre Telefongruppe gewählt. Manada steht übersetzt bezeichnenderweise für ein Rudel von Raubtieren. (Der Begriff wird im Text beibehalten.)
Vor zehn Jahren, in den frühen Morgenstunden des 7. Juli 2016, in Pamplona, in der ersten Nacht der Sanfermin-Fiestas, vergewaltigten fünf Männer aus Sevilla, die sich „La Manada“ nannten, eine junge Frau. Sie filmten sich dabei und stahlen ihr Handy. Was bei der juristischen Aufarbeitung des Falles folgte, ist bereits in die Geschichtsbücher eingegangen: ein Richter, der in der Vergewaltigung keinen sexistischen Übergriff, sondern männliche „Ausgelassenheit“ sah, und ein zunächst mildes Urteil. In der Folge eine massive Mobilisierung der feministischen Bewegung auf den Straßen des Staates, die dazu führte, dass Gesellschaft, Politik und Richter ein minimales Bewusstsein entwickelten, dass Gesetze geändert und Strafen verschärft wurden. Das alles unter zwei spontanen Slogans, die in den Straßen von Dörfern und Städten skandiert wurden: „Es ist kein Missbrauch, es ist Vergewaltigung“ und „Schwester, ich glaube dir“.
Die Manada-Entdeckung
Die von der „Manada-Gruppe“ im Jahr 2016 begangene Gruppen-Vergewaltigung wurde noch am selben Tag, am 7. Juli aufgedeckt. Ein Paar fand das Opfer weinend und desorientiert auf einer Bank und alarmierte die Polizei. Das Opfer konnte den Übergriff schildern und die Gruppe beschreiben. Anhand dieser Angaben und der Personenbeschreibungen konnten die Regional- und die Stadtpolizei die fünf Täter wenige Stunden später im Stadtzentrum ausfindig machen und festnehmen. Das Ausmaß der Brutalität der Tat bestätigte sich, die Vergewaltiger überführten sich selbst, als die Beamten die Mobiltelefone der Beschuldigten beschlagnahmten. Darauf fanden sie die Videos, die die Angreifer selbst aufgenommen und stolz in einer WhatsApp-Gruppe geteilt hatten.
Seit dem kollektiven Schock, den das Ereignis in Pamplona ausgelöst hat, haben Gruppen-Vergewaltigungen – wie sexistische Übergriffe in Gruppen seit jenem Tag bezeichnet werden – weder zugenommen, noch ist es zu einem „Lock-Effekt“ gekommen, in dieser Frage sind sich die Expert*innen einig. Doch sie haben mehr Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit erhalten, und mehr Frauen haben den Mut gefunden, Anzeige zu erstatten. Laut Berichten des Innenministeriums wurden 2016 insgesamt 371 Verbrechen dieser Art gemeldet, 2024 waren es 552, mit einem Höchststand von 632 im Jahr 2022.
„Bis zum Manada-Fall verbanden viele Menschen Gruppen-Vergewaltigungen mit Ausnahme-Situationen, an denen randständige Straftäter oder Menschen mit psychischen Problemen beteiligt sind. Der Fall in Pamplona zeigte eine unbequemere Realität: Die Täter konnten sozial integrierte junge Männer sein, und die Gewalt konnte sich in einem Freizeitkontext entfalten, stark beeinflusst durch Gruppendynamiken“, erklärte María Ángeles Casabó, Rechtsprofessorin an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Europäischen Universität Valencia und Spezialistin für sexistische Gruppenkriminalität.
„Der Fall zeigt eine unbequeme Realität: Die Täter konnten sozial integrierte junge Männer sein“ / María Ángeles Casabó. Professorin an der Europäischen Universität Valencia
Vier der fünf Mitglieder der „Manada“ (José Ángel Prenda, Ángel Boza, Alfonso Jesús Cabezuelo und Antonio Manuel Guerrero) hatten bereits vor der Vergewaltigung in Pamplona Vorstrafen, waren aber nicht gesellschaftlich ausgegrenzt. Tatsächlich war Cabezuelo derzeit Soldat und Guerrero ein ehemaliger Angehöriger der Guardia Civil Polizei (zwei Bereiche, in denen Gewalt zum beruflichen Alltag gehört und die als hochgradig sexistisch bekannt sind). Zum Profil der Täter liefert der forensische Psychiater José Carlos Fuertes weitere Hinweise: „Sie sind in der Regel integriert, weisen jedoch antisoziale und narzisstische Züge auf: einen gravierenden Mangel an Empathie, Egozentrismus, kognitive Verzerrungen in Bezug auf die Einwilligung und eine fundamentale Objektivierung der Frau.“ (Auf diese Merkmale setzt die neo-franquistische VOX-Partei ihre Frauenbilder und Frauenpolitik.)
Gruppen-Vergewaltigungen haben multifaktorielle Ursachen, doch die Motivation „ist in der Regel nicht rein sexuell, vielmehr gibt es eine starke soziale Dimension“, betont Víctor Rodríguez, Assistenzprofessor für Strafrecht an der Universität Alicante und Forscher im Bereich Gruppen-Vergewaltigungen. „Wir sprechen von einem vorwiegend jugendlichen Phänomen, an dem Gruppen von jungen Männern im Alter zwischen 15 und 25 Jahren beteiligt sind. Die Adoleszenz ist die Phase, in der das Bedürfnis nach Akzeptanz und Anerkennung durch die Gleichaltrigen am stärksten ist, und das macht den Einzelnen besonders anfällig für Gruppeneinfluss“, betont er. Nicht unter Frauen, nur unter Männern.
„Es handelt sich um ein vorwiegend jugendliches Phänomen, an dem junge Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren beteiligt sind“ – Víctor Rodríguez. Dozent an der Universität Alicante
Das geringe Alter der Täter, aber auch der Opfer, ist ein auffälliges Merkmal dieser Vorfälle: Das Durchschnittsalter der Täter liegt bei 24 Jahren, während 38% der angegriffenen Frauen minderjährig sind, wie aus einem Bericht der Website Feminicidio.net hervorgeht. Diese Daten stimmen mit denen des Berichts „Sexuelle Gewalt in der Gruppe“ überein, in dem 33% der Opfer minderjährig waren.
„Eine Person kann in Gesellschaft von anderen etwas tun, was sie allein wahrscheinlich nicht getan hätte. Der Druck, akzeptiert zu werden, der Wunsch, Loyalität zu zeigen, das Streben nach Anerkennung sowie der Einfluss derjenigen, die die Führung der Gruppe übernehmen, verändern die Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden. Die Verantwortung wird verwässert, und Gewalt wird schließlich zu einer gemeinsamen Handlung, insbesondere unter Jugendlichen“, betont Casabó seinerseits. Was da beschrieben wird, ohne es mit Namen zu benennen, sind patriarchale Strukturen, die überall in der Gesellschaft verbreitet sind, insbesondere in männer-dominierten Bereichen und solchen, die mit Waffen, Sicherheit und staatlicher Gewalt in Verbindung stehen.
„Machtdemonstration“
In diesem Zusammenhang fügt Víctor Rodríguez eine „geschlechts-spezifische Logik“ bei Gruppen-Vergewaltigungen hinzu, nämlich dass die Aggression „als Form der Dominanz über das Opfer und als Macht-Demonstration gegenüber den Gleichaltrigen fungiert“. Patriarchat in Reinform. „Es geht nicht nur darum, den sexuellen Trieb zu befriedigen, sich als ‚männlich genug‘ zu präsentieren, Anerkennung von Gleichaltrigen zu erlangen und den inneren Zusammenhalt durch die Unterwerfung der Frau zu stärken.“
Die von der sozialliberalen spanischen Regierung finanzierte Website Feminicidio.net hat 364 Fälle von sexuellen Gruppen-Übergriffen analysiert, über die im Zeitraum 2016–2024 in den Medien berichtet wurde. In einer Aufschlüsselung nach autonomen Gemeinschaften weist Katalonien die meisten dokumentierten Fälle auf (63), gefolgt von der Comunidad Valenciana (62), Andalusien (53), den Balearen (29) und dem Baskenland (26). Was die Anzahl der Täter betrifft, so wurden die meisten Gruppen-Vergewaltigungen von zwei Tätern (35%) und 26% von drei Tätern begangen, während größere Gruppen nur geringere Anteile ausmachten. Die zahlreichsten von den Forschern erfassten „Gruppen“ bestehen aus 10 Tätern (in vier Fällen), aus 12 (in zwei Fällen) und einer aus 17 Männern im Alter zwischen 14 und 21 Jahren, die in Madrid eine Minderjährige überfielen.
„Nach der Manada wurde anerkannt, dass Schweigen oder Unterwerfung niemals einem ‚Ja‘ gleichkommen“ – José Carlos Fuertes, forensischer Psychiater
Die „Manada“ von Sanfermines rückte sexistische Gruppengewalt in den Mittelpunkt der Debatte, „der moralische Fokus verlagerte sich vom Verhalten der Frau auf das der Täter, verbunden mit der Forderung nach ausdrücklicher Einwilligung und der Erkenntnis, dass Schweigen oder Unterwerfung niemals einem ‚Ja‘ gleichkommen“, reflektiert José Carlos Fuertes. „Die wahre Tragweite des Falls bestand darin, dass er zum Katalysator für das Gesetz ‚Nur Ja heißt Ja‘ wurde und die Art und Weise veränderte, wie über Einwilligung, Einschüchterung, Gewalt und die Glaubwürdigkeit der Opfer gesprochen wird“, fährt Víctor Rodríguez fort. „Die Debatte konzentrierte sich nicht mehr ausschließlich darauf, wer die Täter waren, sondern bezog Fragen mit ein, wie Einwilligung zum sexuellen Kontakt funktioniert, welche Rolle Gruppendruck, bestimmte Formen von Männlichkeit und die Normalisierung bestimmter Verhaltensweisen spielen“, fasst María Ángeles Casabó zusammen. (*)
Alle Vergewaltiger weiter in Haft
Im Laufe der Ermittlungen stellte sich heraus, dass vier der fünf Vergewaltiger eine ähnliche Gruppen-Vergewaltigung in Cordoba begangenen hatten. Im Fall „Pozoblanco“ hatte es jedoch keine Anzeige und keine polizeilichen Ermittlungen gegeben. Erst durch die auf den Vergewaltiger-Handys gefundenen Videos wurden die Täter überführt. Eine Übersicht zeigt die kumulierten Strafen aus den Fällen „Sanfermines“ und „Pozoblanco“, gewährte Strafmilderungen und den jeweiligen Haftstatus der einzelnen Angeklagten. Alle haben tageweise Ausgangs-Erlaubnisse, sind jedoch nach wie vor inhaftiert, alle Anträge auf vorzeitige Entlassung wurden bisher abgelehnt. Die Strafen: 19 Jahre,10 Monate / 18,5 Jahre / 17 Jahre, 10 Monate/ 16 Jahre,10 Monate / 14 Jahre.
ANMERKUNGEN:
(*) Zitate aus dem Artikel: “Diez años de La Manada que cambió la percepción en España de la violencia sexual contra las mujeres” (Zehn Jahre „La Manada“ – wie der Fall die Wahrnehmung sexueller Gewalt gegen Frauen in Spanien verändert hat), Tageszeitung El Correo, 2026-07-04 (LINK)
ABBILDUNG:
(*) Vergewaltigung La Manada (elcorreo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-07-05)
