tenerife1Schnauze voll auf den Kanaren

Teile der Einwohnerschaft der Kanarischen Inseln haben begonnen, ihren Unmut über das herrschende Tourismus-Modell auf die Straße zu tragen. Dieses gegenüber dem Alltag der Bewohner*innen völlig rücksichtlose Modell beutet natürliche Ressourcen aus und vertreibt die einheimische Bevölkerung. Nach Ansicht von Kritiker*innen hat die negative Entwicklung schon längst jegliche zumutbaren Grenzen überschritten. Die dagegen erfolgenden Mobilisierungen werden nun von internationalen Medien aufgegriffen.

Der Protest gegen das in jeder Hinsicht schädliche Modell des Massen-Tourismus auf den Kanarischen Inseln erreicht die Weltpresse, einschließlich eines Hungerstreiks, der das Elend der Tourismus-Konsequenzen deutlich machen soll. Am 20. April 2024 folgt eine Demonstration.

Aktuell ist die Kritik am Modell des Massen-Tourismus aus den Kanarischen Inseln laut geworden. Doch spätestens seit den gesteigerten Reise-Aktivitäten nach der Covid-Pandemie werden an vielen Orten Stimmen laut, die ein Ende dessen fordern, was vielerorts bereits mit dem Begriff "Übertourismus" oder “Overtourismus“ bezeichnet wird. Von Donostia bis Santiago de Compostela bis Barcelona, von Lisboa bis Malaga – das Leiden der einheimischen Bevölkerung erreicht seine Grenzen, die Reaktionen gegen die Auswirkungen dieses Massentourismus werden lauter und unüberhörbar. Bisher wurden solche Stimmen in die Kategorie “Tourismus-Phobie“ abgetan – bei der Summe all jener Stimmen geht das nicht mehr.

Die Kanaren

tenerife2Der Fall der Kanarischen Inseln ist nun zum Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit geworden. In verschiedenen internationalen Medien wird berichtet, dass es unter Slogans wie "Canarias no puede más" (Die Kanaren können nicht mehr) oder "Canarias se agota" (Die Kanaren gehen aus) zu zahlreichen Protesten gegen den Massentourismus gekommen ist. Die Berichte heben den Hungerstreik einer Gruppe auf Teneriffa gegen den Bau von zwei Hotels hervor sowie die Demonstration vom 20. April gegen das herrschende Tourismus-Modell. Sie schildern, wie die fast 14 Millionen Besucher des Atlantik-Archipels im Jahr 2023 viele Kanarier an die Grenzen des Erträglichen bringen – gefordert werden deshalb Regulierungen.

BBC

Die britische BBC stellt fest, dass einige Demonstranten auf den Kanarischen Inseln gegen den Massen-Tourismus seit dem 11. April in den Hungerstreik getreten sind. In einem Bericht seines Korrespondenten Guy Hedgecoe berichtet der britische öffentlich-rechtliche Sender über den Hungerstreik, den mehrere Aktivisten auf Teneriffa aus Protest gegen das zerstörerische Wachstum des Tourismus begonnen haben. BBC berichtet, dass mit dem Protest insbesondere ein Baustopp für ein Hotel und eine Ferienanlage im Süden der Insel gefordert wird und generell ein Moratorium für alle touristischen Entwicklungen. Der Bericht erklärt, dass Hungerstreikenden Teil einer größeren Protestbewegung sind, die den Namen "Canarias se agota" (Die Kanaren erschöpfen sich) trägt und als Protest gegen die Situation eine Reihe von Demonstrationen organisiert hat.

BBC weist darauf hin, dass im Jahr 2023 insgesamt 13,9 Millionen Touristen die Kanarischen Inseln besuchten, was einem Anstieg von 13% gegenüber dem Vorjahr entspricht, also 1,5 Millionen mehr. Die Protestbewegung ist der Ansicht, dass diese Zahl von Touristen viel zu hoch ist, dass die Inseln unbewohnbar gemacht werden, die Umwelt zerstört wird und die Wohnkosten in die Höhe getrieben werden – überall, wo Massentourismus seine Spuren hinterlässt, werden dieselben Konsequenzen beobachtet. Denn ganz offenbar stehen überall die Rechte der (reichen) Reisenden im Vordergrund, die (armen) Einheimischen zahlen den Preis in mehrfacher Hinsicht.

Der Bericht weist insbesondere darauf hin, dass im Jahr 2023 ca. 34% der Einwohner*innen der Kanarischen Inseln von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht waren. Was nichts anderes bedeutet als: Von der Arbeit in der Tourismus-Branche, wenn sie überhaupt Arbeitsplätze liefert, kann ein würdiges Überleben nicht gesichert werden.

Euronews

tenerife3Euronews berichtet, dass in der kanarischen Bevölkerung der Slogan "mein Elend, dein Paradies" kreist und dass der Massen-Tourismus längst an seine Grenzen gestoßen ist. Der europäische Sender greift die Protest- und Streikkampagne auf den Kanarischen Inseln auf, die sich gegen den maßlosen Tourismus richtet. Erklärt wird, dass die Kanarier immer deutlicher zu der Überzeugung gelangen, dass der unkontrollierte und maßlose Besucherstrom das Leben auf dem Archipel ruiniert. Zudem haben die eintreffenden Massen dazu geführt, dass einige Bewohner gezwungen sind, angesichts der steigenden Wohnungs- und Immobilien-Preise in ihren Autos oder in Höhlen zu schlafen.

Der Sender weist darauf hin, dass eine Gruppe auf Teneriffa gegen den Bau von zwei Hotels auf der Insel einen Hungerstreik organisiert hat und für den 20. April eine große Demonstration auf dem gesamten Archipel geplant ist, unter dem Motto "Canarias tiene un límite" (Die Kanaren erreichen eine Grenze). Hinzugefügt wird, dass in der Nähe der touristischen Attraktionen der Kanarischen Inseln Graffitis mit Botschaften wie "Mein Elend, dein Paradies" oder "Tourist, geh nach Hause" aufgetaucht seien. Ergänzt wird jedoch der Hinweis, dass sich die Proteste nicht gegen einzelne Touristen richten, sondern generell gegen die Uferlosigkeit des Massen-Tourismus und seinen Folgen. Gefordert werde deshalb eine Regulierung von Plattformen wie Airbnb oder Booking und eine Begrenzung der Nutzung von Ressourcen durch die Tourismus-Industrie.

Sud-Ouest

tenerife4Die französische Sud Ouest unterstreicht, dass die Wut gegen den Übertourismus in Spanien wächst und blickt ebenfalls auf die Situation auf den Kanarischen Inseln. Die Tageszeitung erklärt, dass von den Balearen bis zu den Kanarischen Inseln, über Barcelona bis nach Málaga die feindseligen Bewegungen gegen die touristische Übersättigung oder den Übertourismus zunehmen im spanischen Staat, der zum zweit-beliebtesten Reiseziel der Welt geworden ist. Es folgt der Hinweis, dass diese Situation die Behörden zum Eingreifen gezwungen habe, um angeblich das Wohlergehen der Bürger und diesen "entscheidenden" Wirtschaftssektor in Einklang zu bringen. Ein solcher “Einklang“ ist jedoch in den meisten Fällen angesichts der Zahl der Reisenden völlig unmöglich, weil der maßlose Tourismus jahrzehntelang gefördert und gepuscht wurde.

Sud Ouest verweist ebenfalls besonders auf die Kanarischen Inseln und die Demonstration am 20. April, mit der der Bau von zwei riesigen Hotel-Komplexen auf Teneriffa gestoppt und eine stärkere Rücksichtnahme auf die Anwohner und die Umwelt gefordert wurde. Mit Botschaften wie "Die Kanarischen Inseln können nicht mehr" und "Die Kanarischen Inseln sind ein Schatz, den es zu verteidigen gilt" mobilisiert eine Gruppe die Bevölkerung, um gegen den unkontrollierten Tourismus zu kämpfen, und einige ihrer Mitglieder hätten sogar einen Hungerstreik begonnen. Im Bericht wird (im Vergleich zur BBC) von noch dramatischeren Tourismus-Zahlen ausgegangen: nicht 13,9 Millionen Besucher hätten die Kanarischen Inseln im Jahr 2023 empfangen, sondern 16 Millionen. Das wären – so rechnet Su Ouest vor – mehr als siebenmal mehr Besucher*innen als die 2,2 Millionen Einwohner*innen des Archipels.

Über die Proteste auf den Kanaren gegen das Tourismusmodell wird auch in vielen anderen internationalen Medien berichtet, zum Beispiel bei New York Post, The Evening Standard, TV5, 20 Minutes, I Paper, Daily Mail, RTL, Yahoo News, New Zealand Herald, und anderen.

ANMERKUNGEN:

(1) “La protesta contra el turismo de masas en Canarias, huelga de hambre incluida, llega a la prensa global“ (Proteste gegen den Massentourismus auf den Kanarischen Inseln, einschließlich Hungerstreik, erreichen die Weltpresse), Radiocable, 2024-04-16 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Kanaren (RND)

(2) Kanaren (viento sur)

(3) Kanaren (intersindical)

(4) Kanaren (la provincia)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-04-18)

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