Baskische Küste besetzt
Die Corona-Pandemie ist weitgehend vorbei, hat jedoch Spuren hinterlassen. Nicht nur für die Gesundheit vieler Betroffener, sondern auch im sozialen Verhalten. Die öffentlichen Verkehrsmittel haben mühevoll das Vertrauen der Nutzerinnen zurückgewonnen. Das gilt jedoch nicht für das Reiseverhalten. Nie zuvor gab es derart viele Individual-Reisende, was sich darin ausdrückt, dass Camper-Busse und Wohnmobile eine scheinbar unaufhaltbare Konjunktur erleben. Mit vielen negativen Begleiterscheinungen.
Früher galten Campingplatz und Reisebulli als alternativ. In einer Zeit des Paar-Tourismus ohne Begleitungswunsch sind fahrende Häuser zum großen Hit geworden. Mit Folgen für die Geheimtipp-Küsten, auch im Baskenland.
Wer träumt nicht davon, ohne konkretes Ziel in den Urlaub zu fahren, in einer fahrbaren Hütte, die alles bietet, was die Vier-Zimmer-Wohnung ebenfalls auszeichnet: Küche, Schlafzimmer, Dusche, Klos und Satelliten-TV. Der Traum ist nicht für jederfrau, er erfordert eine gewisse Investition, die sich nur die gehobene Mittelschicht leisten kann. Doch seit die Pandemie ihre Lektionen in der Vermeidung von menschlicher Nähe erteilt hat und Campingplätze mit gemeinsamen Klos und Duschen mega-out sind, geben viele 30.000 mehr für den individuellen fahrbaren Untersatz aus. Mit dem konkreten Plan, ein Teil der Investition über kostenlose Stellplätze wieder einzuspielen: kein Hotel, keine Pension, kein Campingplatz. Direkt an den Strand. Warum nicht am Parkplatz in direkter Meernähe, wo das fahrbare Luxusmobil es doch an nichts zu wünschen übrig lässt.
Vor 20 Jahren hießen die kleineren Ausgaben der rollenden Ferien-Unterkünfte VW-Bus oder California, die tagsüber die Strände bevölkerten und sich zur Übernachtung ordentlich auf Campingplätzen einfanden. Die Rentner-Generation hat die Erfahrungen ausgegriffen und sich im bürgerlichen Stil umgesetzt: mit dem voll-ausgerüsteten Wohnmobil, dem es an nichts fehlt. Die wenig bekannten kleinen baskischen Küstendörfer wissen davon Geschichten zu erzählen. Mit der Ruhe ist es vorbei, die Mülltonen quellen über, wenn Massen von beweglichen Reise-Apartments kostenlos die Küste besetzen.
Die Abstauber
Der Boom von Camper-Bussen und Wohnmobilen hat in den vergangenen Jahren zu Konflikten mit den Anwohner*innen an der Küste von Bizkaia geführt. Eine Initiative prangert zum Beispiel das unsoziale Verhalten dieser At von Besucher*innen in Sopela (nördlich von Bilbao) an. Ein Problem, das sich auch an anderen Orten in Bizkaia wiederholt. “Die Aussicht auf den Strand ist wunderbar. Und wir zahlen zusammen nur etwa zehn Euro pro Tag für die Parkgebühr!” berichten stolz die Nutzer*innen des öffentlichen Parkplatzes am Strand von Atxabiribil über ihr Schnäppchen. Der Parking ist zu einem regelmäßigen Übernachtungsort für Besucher*innen geworden, die meist kommen, um die Aussicht und die guten Wellen an der Küste von Bizkaia zu genießen.
Das ist auch bei Chael der Fall, einem gerade einmal 18-jährigen deutschen Surfer, der die Nächte zusammen mit vier Freunden in einem Wohnmobil der Familie verbringt. Sie alle sind begeistert von der Gegend und vor allem davon, wie günstig diese Art des Urlaubs ist. Der naheliegende Campingplatz oder die Camper-Stellplätze kommen für die Jungen nicht in Frage. Warum auch, wo es doch billiger und strandnäher geht.
“Wir sind jetzt schon seit fünf Tagen hier, heute ist unsere letzte Nacht“, erzählt Chael. Während sie die Surfbretter ausladen, erklären seine Begleiter begeistert, dass dies ihre erste Reise mit dem Auto ist, obwohl einige von ihnen das Baskenland bereits kannten. Sie haben sich für diesen Parkplatz entschieden, um hier die Woche zu verbringen, wegen seiner guten Lage und, wie sie zugeben, wegen seines günstigen Preises: “Wir können uns nichts Besseres wünschen”, sagen sie. Seit ihrer Ankunft haben sie ihre Tage damit verbracht, Bizkaia zu erkunden und Wellen zu reiten – eine rundum gelungene Reise.
Die Anwohner der Ortschaft finden diesen Plan jedoch nicht so toll. Der Aufenthalt dieser Art von Besucher*innen bereitet ihnen seit mehreren Sommern einige Kopfschmerzen. Doch die Erfahrung im August 2025 hat den Vogel abgeschossen. “Seit dem Ende der Pandemie, als der Camper-Boom begann, ist es ein ständig wachsendes Problem. Einige respektieren die Umwelt nicht, sie hinterlassen ihren Müll und benutztes Toilettenpapier in der Umgebung“, berichtet Cristian, Sprecher der Plattform SOS-Atxabiribil, die seit einer Woche in den sozialen Netzwerken die “unsozialen Handlungen“ anprangert, die am Strand stattfinden. Dabei ist “unsozial“ noch vorsichtig ausgedrückt, andere formulieren es deftiger.
SOS Küste
In einem ihrer ersten Beiträge zeigen die SOS-Leute, wie mehrere Touristen einen öffentlichen Brunnen in der Nähe des Parkplatzes zum Spülen von Küchen-Utensilien benutzen. Das wäre noch das Geringste. Das größere Problem ist die rücksichtlose Nutzung der natürlichen Umgebung. “In zweihundert Metern Entfernung gäbe es einen Campingplatz und in fünfzig Metern Entfernung zwei Bars, sie könnten die Toiletten benutzen, anstatt die Gegend vollzuscheißen”. Dass sie sich unter den Duschen am Strand waschen, auf der Straße essen und Parkplätze belegen, die anderen Tages-Badegästen nicht mehr zur Verfügung stehen, sind ebenfalls Ärgernisse, die die Anwohner*innen der Gegend aufzählen.
Der Parkplatz von Atxabiribil ist nämlich kein Campingplatz. Deshalb gibt es weder Wasser- noch Strom-Anschlüsse, noch Duschen und Toiletten. “In diesen Tagen haben wir uns gewaschen, wo wir konnten ... und für unsere Notdurft nutzen wir Bars und öffentliche Toiletten”, behauptet Chael, der von der Kontroverse nach eigenen Angaben nichts mitbekommen hat. Die Geschichte ist kein spezifisches Problem dieser kleinen Küstenstadt. In La Galea, dem äußersten Küsten-Stadtteil von Getxo an der Nervion-Mündung, gibt es Dutzende von Wohnmobilen, ebenso wie in Barrika an der Kurve zur Nordküste und in Bakio am offenen Atlantik. Die Orte weisen zwei gemeinsame Merkmale auf: eine gute Aussicht auf den Strand und einen großen Parkplatz, auf dem die Wohnmobile, seien es umgebaute Lieferwagen oder vollwertige Wohnmobile, abgestellt werden können.
Manche der strandnahen Parkplätze sind mit Schranken in zwei Meter zehn Höhe bestückt. Die VW-Busse kommen gerade noch rein, die Ersatz-Wohnungen auf vier Rädern nicht. Die Gründe sind angesichts fehlender Hygiene-Einrichtungen naheliegend. Berüchtigt sind die Chemie-Bomben, die sich in den Wohnmobil-Toiletten ansammeln. Für die gibt es auf Camping- und Abstellplätzen Sondermüll-Recycling, gegen Gebühr, die sich bei illegalem Ablassen leicht sparen lässt. Das ist nicht nur ein Kavaliersdelikt, sondern Umwelt-Kriminalität. Ein Teil der neugewonnenen Reisefreiheit durch Wohnmobile. Die lokalen Müll-Entsorgerinnen haben im Sommer zusätzliche Arbeit, die Müllmengen steigen auf das Doppelte bis Dreifache. Die nachbarliche Gastronomie würde sich glücklich schätzen, wenn ihre Umsätze um dieselbe Rate steigen würden, Fehlanzeige. Denn der Konsum der Supermarkt-Einkäufe im Eigenheim ist ebenfalls billiger als in der Bar oder dem Restaurant. “Mehr Reinigung, Entsorgung und Kosten, aber weniger Einnahmen“, stellen die betroffenen Gemeinden unisono fest.
Es handelt sich um eine boomende Urlaubsform, auf die die Küstengemeinden innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen zu reagieren versucht haben. In Sopela (im Ort, nicht an der Küste) gibt es beispielsweise bereits einen kostenlosen Parkplatz für Wohnwagen und Wohnmobile, dessen Kapazität in diesem Jahr aufgrund der hohen Nachfrage nach Stellplätzen in der Region für den Sommer erweitert wurde. Er befindet sich neben dem Sportzentrum von Urko und bietet grundlegende Dienstleistungen wie Wasseranschluss und Toiletten. Das “Problem“? Die maximale Aufenthaltsdauer beträgt “nur“ 48 Stunden oder zwei Tage und Nächte, also nichts für einen richtigen Billig-Urlaub. Zudem geht die Aussicht über den Platz und einige Wohnblocks nicht hinaus. Keine Exotik.
Neben der Gruppe von jungen Männern parken Lea und Lina, ebenfalls deutsche Surferinnen. Sie ruhen sich auf einem provisorischen Bett im Kofferraum ihres Vans aus. Erst seit einer Nacht sind sie hier, aber schon begeistert von der gewählten Lage. “Wir haben den Parkplatz über eine Website gefunden, die ihn empfohlen hat. Da wir gesehen haben, dass es ein paar Tage lang schlechtes Wetter geben könnte, schien es uns eine gute Option zu sein, hier zu bleiben und uns auszuruhen”, erzählt Lia. Sie sind nicht die Einzigen, die Internetportale nutzen, um die besten Übernachtungs-Möglichkeiten “zum besten Preis“ zu finden, ohne dabei eine Strafe zu riskieren.
Bei der Entscheidung für den einen oder anderen Ort spielen die Kosten selbstverständlich eine große Rolle – wer zahlt schon freiwillig einen Cent. Je nach Lage und gewünschten Dienstleistungen variieren die Tages-Ausgaben erheblich. Das Parken auf einem der Stellplätze, die von einem der fünf Campingplätze in Bizkaia angeboten werden – einer davon befindet sich in Sopela, nur wenige Hundert Meter vom Parkplatz Atxabiribil entfernt – kostet zwischen 20 und 40 Euro pro Tag. An zweiter Stelle in Bezug auf den Komfort stehen die speziell für Wohnmobile eingerichteten Parkplätze. In Bizkaia gibt es 12 davon, die zwischen gar nichts und 17 Euro kosten und im Gegenzug Mindest-Dienstleistungen wie Strom und Wasserwechsel bieten. Hier wird Müll ordentlich entsorgt, ebenso die umstrittenen Chemieklos der Camper, die häufig einfach in den Gulli entleert werden, obwohl sie Sondermüll darstellen. Seis drum.
Auf der untersten Preisstufe stehen die öffentlichen Parkplätze, die den kommunalen Vorschriften unterliegen, mit und ohne Parkgebühren, auf jeden Fall ohne Klo und Dusche. In Sopela ist die Regelung klar: Dort darf übernachtet werden, solange der angrenzende Parkplatz nicht auch noch belegt wird nach dem Motto “Doppelbesetzung extrabillig“, und solange keine Markisen und Stühle aufgestellt werden. Das wird jedoch nicht immer eingehalten. Chael und seine Freunde geben zu, dass sie in den letzten Tagen sowohl von Nachbarn als auch von der Polizei deswegen angepfiffen wurden. “Wir hatten ja nur unsere Kleidung und einige Sachen zwischen unserem und einem anderen Wohnmobil, sie haben uns aufgefordert, das wegzuräumen, also haben wir es weggeräumt. Anfangs haben wir sie nicht verstanden, sie waren nicht sehr freundlich”, berichten sie. Die Mitglieder der Nachbarschafts-Gruppe bezeichnen das Verhalten, das am Strand offiziell “geduldet” wird, als “beschämend”. Wenn die Kritiker weg sind, werden Stühle und Wäscheleinen sofort wieder aufgebaut, berichten einige.
Seit März in La Galea
Nur wenige Kilometer entfernt, auf dem Parkplatz von Punta Galea an der Küste von Getxo, erklären zwei Polizeibeamte die Lage. Mehrmals täglich patrouillieren sie in der Gegend. “Solange die Fahrzeuge ihren Platz einnehmen und andere nicht stören, besteht kein Grund für eine Strafe”. Dort leben, bei bester Aussicht auf die Küste, seit März Oscar und Berta, ein katalanisches Paar, das mit dem Ziel angekommen ist, einen Tapetenwechsel zu erleben. “Wir sind ins Baskenland gekommen, um Arbeit zu suchen, und bis wir etwas gefunden haben, haben wir beschlossen, mit dem Wohnmobil hier zu bleiben”, erzählen sie. In den Monaten, die sie dort leben, sind sie nicht auf so viele “unhöfliche” Besucher gestoßen. Der Grund dafür ist, dass der Parkplatz im Gegensatz zu Atxabiribil an einer Hochküste liegt, und nicht direkt am Strand. “Mit einem Strand in der Nähe wäre das sicher etwas anderes ... dann gäbe es bestimmt doppelt so viele Wohnmobile und doppelt so viele Probleme.“ Toiletten gibt es hier trotzdem nicht, auch nicht die Ausrede einer nahe liegenden Bar, die nächste ist wenigstens einen Kilometer entfernt.
Da es keinen exklusiven Parkplatz für Wohnmobile gibt, orientieren sich diese auf verschiedene öffentliche Parkplätze in der Stadt. “Im Moment parken sie hier und auf dem Parkplatz der Windmühle von Aixerrota“, erklären die Beamten. Die Anwohner von Sopela haben ihrerseits klargestellt, dass sie nicht wollen, dass diese Aktivität verboten, “sondern nur reguliert“ wird. Überraschenderweise. Aber Baskinnen sind in der Regel eben liberal und tolerant. Sie fordern von der Stadtverwaltung permanente Toiletten in der Gegend und die Einrichtung von Reinigungsstellen. “Wir verstehen, dass es sich um einen Tourismus handelt, den wir das ganze Jahr über haben, aber wir müssen an alle denken.“ Bis die entsprechenden Regeln gefunden und eingeführt werden, bleibt alles beim Alten. Nächsten August verschärft. Dafür sorgen die begeisterten Erlebnis-Berichte auf Instagram und den Schmarotzer-Blogs. Die andere, die unsichtbare Version des Massen-Tourismus.
ANMERKUNGEN:
(*) Information und Zitate aus: “La invasión de caravanas y campers” (Die Invasion der Wohnwagen und Wohnmobile), Tageszeitung El Correo, 2025-08-31
ABBILDUNGEN:
(*) Camper-Misere (elcorreo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-09-01)
