iparre1Baskischer Widerstand

Am 26. Oktober 2025 jährt sich zum 25. Mal die letzte Aktion von Iparretarrak (IK, baskisch: die aus dem Norden). Danach verschwand die im französischen Baskenland aktive bewaffnete Organisation, es herrschte Stille. Nie gab es eine formelle Erklärung zum Ende ihrer Tätigkeit oder ihrer Auflösung. Allerdings trafen sich 2015 einige ehemalige Aktivisten und übergaben der Internationalen Kontakt-Gruppe GIC (eine Konflikt-Vermittlungs-Gruppe) ein Dossier über ihren politisch-militärischen Werdegang.

Iparretarrak war eine in den 1970er Jahren gegründete bewaffnet agierende Organisation, die für die baskische Unabhängigkeit und gegen den Massen-Tourismus kampfte.

Die bewaffnete Organisation Iparretarrak führte ihre letzte bewaffnete Aktion am 26. Oktober 2000 in Aiziritzi, im Kreis von Amikuze (Nafarroa Beherea – Nieder-Navarra) durch, gegen die Genossenschaft Lur Berri (bask: Neue Erde). Die Bombe bestand aus Chloratit und einer Gasflasche und wurde von der Gendarmerie nach einer Vorwarnung an einen Radiosender entschärft. Die Genossenschaft war wegen des Verkaufs von gentechnisch verändertem Mais aus Kanada angezeigt worden. Mit ihrer expansionistischen Politik breitete sich Lur Berri auf französischem Staatsgebiet aus, im Jahr 2000 wurde das Unternehmen von Jean-Jacques Lasserre geleitet, dem Bürgermeister von Bidaxune und Regionalrat von Aquitanien (neben anderen Ämtern). Im folgenden Jahr wurde Lasserre Präsident des Generalrats des französischen Departements Pyrénées-Atlantiques und vertrat die UDF (Union pour la Démocratie Française), die vom ehemaligen Staats-Präsidenten Valerie Giscard d'Estaing gegründete Partei, die im Laufe der Zeit ihre rechte Position radikalisierte. (1)

iparre2In 27 Jahren bewaffneter Aktionen bekannte sich Iparretarrak zu insgesamt 238 Aktionen, die alle Teil dessen waren, was als “bewaffnete Propaganda” bezeichnet wurde, ohne die Absicht, Opfer zu verursachen

Iparretarrak (IK) hatte ihren im Rahmen des Abkommens von Lizarra-Garazi (2) am 16. April 2000 erklärten Waffenstillstand mit einem Sprengstoff-Anschlag auf den ehemaligen Sitz der Gendarmerie im nord-baskischen Lekunberri gebrochen, sowie mit einem weiteren Anschlag in Arrangoitze auf das Tourismus-Zentrum Pierre et Vacances. Am 30. Juli desselben Jahres wurde die Organisation erneut aktiv, in diesem Fall mit dem Versuch, das Auto eines Polizisten in Biarritz in Brand zu setzen. Daneben im Oktober gegen die Immobilienagentur Orpi in Kanbo und das bereits erwähnte Lur Berri.

In den 27 Jahren ihrer bewaffneter Aktionen bekannte sich IK zu insgesamt 238 Aktionen, alle unter dem Motto “bewaffnete Propaganda”, ohne die Absicht, Opfer zu verursachen. Der übliche Slogan war: “Herriak bizi behar du” (Das Volk muss leben). Dennoch erklärte Gabi Mouesca, langjähriges IK-Mitglied, in einem Interview, dass sie den Tod von zwei Gendarmen bedauerten, die in IK-Operationen verwickelt waren. Ohne Namen zu nennen, ist anzunehmen, dass es sich um Yves Giummara handelte, der bei der Schießerei auf dem Campingplatz Lou Puntao in Léon in Les Landes ums Leben kam, bei der der IK-Aktivist Popo Larre spurlos verschwand; und um den zweiten Gendarmen, der bei einem Unfall nach der Festnahme der Aktivistin Maddi Hegi ums Leben kam. Das Polizeiauto blieb nach der Verhaftung auf einem Bahnübergang stecken und wurde von einem Zug erfasst, wobei Maddi und der Polizist Roger Latasa ums Leben kamen.

Aktivisten von Iparretarrak wurden zudem von der französischen Justiz wegen des Todes von zwei Beamten der CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité, Spezialeinheit der französischen Nationalpolizei) in Baigorri angeklagt und verurteilt, obwohl die Organisation stets die Täterschaft bestritt. IK schrieb diese Aktion vielmehr spanischen paramilitärischen Gruppen zu, um die Eskalation der politischen Spannungen im Jahr 1982 zu provozieren. Das Thema kam jahrelang immer wieder auf die Tagesordnung, IK lehnte die Verantwortung entschieden ab und wies darauf hin, dass der Prozess eine Farce und eine Inszenierung war, um die Flüchtlinge aus Hego Euskal Herria (Süd-Baskenland) und die organisierten Militanten von Ipar Euskal Herria (Nord-Baskenland) zu kriminalisieren. Anlässlich dieses tödlichen Anschlags gab es eine Polizeirazzia gegen beide Sektoren. Der Anschlag, zu dem sich die neofaschistische BVE (Bataillon Vasco Español) bekannte, war ein Vorläufer der ebenfalls neofaschistischen GAL ein Jahr später und der massenhaften Deportationen von süd-baskischen Flüchtlingen nach Amerika und Afrika. (Die GAL, Grupos Antiterroristas de Liberación, waren von der spanische Gonzalez-Regierung inszenierte Todesschwadronen, die in Iparralde 20 Morde gegen baskische Flüchtlinge verübten, um die sozialdemokratische Mitterrand-Regierung zu zwingen, das Asylrecht zu verschärfen und ETA das Rückzugsgebiet zu nehmen.) (3)

IK verlor ihrerseits sechs Militante durch den Tod. Txomin Olhagarai (aus Itsasu) und Ramuntxo Arruiz (aus Baigorri) starben im März 1980, als der Sprengsatz explodierte, den sie unter dem Auto des Unterpräfekten von Baiona platzieren wollten. Didier Lafitte ( aus Donibane Lohizune, Saint Jean de Luz) starb 1984 durch einen Polizeischuss, als er mit Gabi Mouesca in seinem Auto unterwegs war. Maddi Hegi (Heleta) starb 1987 in Biarritz und Christophe Istèque starb durch die Explosion der Bombe, die er in seinem eigenen Auto transportierte, während sein Begleiter Patrick Lembeye schwer verletzt wurde. Popo Larre (aus Heleta), der 1983 auf mysteriöse Weise verschwand, wurde 2008 von der französischen Justiz offiziell für tot erklärt. Totte Etxebeste, der 1988 nach einer Schießerei mit der französischen Polizei in Bokale festgenommen wurde, blieb lebenslang querschnittsgelähmt.

iparre3Mit dem Tod von sechs IK-Aktivist*innen betrug die Zahl der Todesfälle unter den Mitgliedern der Organisation 10-12%, eine außerordentlich hohe Zahl

Nach Angaben ehemaliger Aktivist*innen hatte Iparretarrak im Laufe ihrer Geschichte zwischen 50 und 60 aktive Mitglieder sowie ein umfangreiches Netzwerk von Helfer*innen. Von ihnen wurden 47 inhaftiert, einige wie Xan Koxkarat bis zu dreimal. Gabi Mouesca und Filipe Bidart verbüßten mit fast 17 bzw. 19 Jahren die längsten Haftstrafen. Die übrigen verbüßten weniger als sechs Jahre. Mit dem Tod von sechs IK-Aktivist*innen betrug die Zahl der Todesfälle unter den Mitgliedern der Organisation 10-12%, eine außerordentlich hohe Zahl. Nach einem hypothetischem Vergleich, der einen Eindruck vom IK-Engagement vermittelt, hätte die ETA mehr als tausend Tote in ihren Reihen zu beklagen gehabt.

Iparretarrak entstand 1972 mit dem Beinamen “ETA aus dem Norden”, obwohl einige ihrer Chronisten dies im Laufe der Zeit mit “Die aus dem Norden” vermischten. Ehemalige Grenzgänger und Aktivist*innen der ETA gründeten diese bewaffnete Organisation mit einer symbolischen Aktion im Örtchen Banka, an der Grenze zwischen Baigorri und Elizondo. Jahrelang existierte IK neben anderen bewaffneten Organisationen wie Hordago (15 bewaffnete Aktionen), Euskal Zuzentasuna (EZ, 11 Aktionen) oder Indar 7 (fünf Aktionen). IK und EZ führten zwei gemeinsame Aktionen in der Nähe von Bordeaux durch. Die meisten Mitglieder von EZ schlossen sich später der ETA an.

Die Gruppe Irrintzi, die 2006 ihren ersten Sprengstoff-Anschlag verübte, führte insgesamt 20 Aktionen durch. Die Polizei wusste nichts über die Organisation und tappte jahrelang im Dunkeln, bis im Dezember 2009 in der Nähe von Paris ein junger Mann festgenommen wurde, der zusammen mit seinem Cousin und einem Freund die Anschläge verübt hatte, immer im Sommer, wenn sie ihren Urlaub an der baskischen Küste verbrachten.

Iparretarrak hatte mit “Ildo” (Faden) ein eigenes Kommunikations-Organ, dessen erste Ausgabe im Oktober 1974 und dessen letzte (Nr. 13) im Oktober 2000 erschien

Zwischen Dezember 1973 und November 1976 war Iparretarrak nicht aktiv, bis das Fahrzeug eines Industriellen in Maule in Brand gesetzt wurde. In den folgenden Jahren verübte IK 13 Sabotageakte, bis im Juni 1979 zum ersten Mal Sprengstoff eingesetzt wurde, um die Unterpräfektur von Baiona zu attackieren. Am 28. Dezember 1979 versuchte IK, ebenfalls mit Sprengstoff, eine im Bau befindliche Kaserne der CRS-Polizei-Einheit in Angelu zu zerstören. Zwischen Oktober 1981 und März 1983 befand sich die Organisation erneut in einer Ruhephase.

In den Jahren 1983 und 1984 verübte IK zahlreiche Anschläge auf Unternehmen und Einrichtungen im Zusammenhang mit Tourismus sowie auf Eigentum oder Kasernen der französischen Polizei. Zwischen März 1983 und Dezember 1986 führte IK eine Reihe von Sabotageaktionen durch, in Form von 34 Anschlägen. Darunter waren einige spektakuläre Attacken mit Maschinengewehren oder Sprengstoff gegen Kasernen. Am 3. März 1986 führte IK fünf Anschläge durch, für die sie die Verantwortung übernahm, um die Straffreiheit der spanischen GAL-Todesschwadronen und deren mörderische Aktionen in Iparralde zu denunzieren.

iparre4Die Aktivitäten der IK machten sich Ende 1986 erneut bemerkbar, als ein Kommando die IK-Mitglieder Maddi Hegi und Gabi Mouesca aus dem Gefängnis von Pau befreite. Die Operation wurde durchgeführt, indem Mitglieder der IK, die als Gendarmen verkleidet zum Gefängnis gekommen waren, den Direktor der Haftanstalt entführten. Es handelte sich um eine der spektakulärsten Gefängnisfluchten im Baskenland. Ein Außenkommando bereitete sie ein Jahr lang sorgfältig vor.

Die französische Polizei widmete IK eine Spezialeinheit unter der Leitung von Charles Saenz mit Sitz in Pau, diese Einheit kombinierte gründliche Ermittlungen mit Druck auf das, was sie als natürliches politisches Umfeld von IK betrachtete. 1988 wurde der Direktor der Wochenzeitung “Abil” wegen Verherrlichung von Terrorismus vor Gericht gestellt, nachdem er eine Erklärung von IK veröffentlicht hatte. Die Polizei durchsuchte Irulegi Irratia (Radio) und kurz darauf drangen hundert Polizisten in das Benediktiner-Kloster von Belloc ein.

1991 führte IK die größte bewaffnete Offensive ihrer Geschichte durch und verübte 44 Sprengstoff-Anschläge, nicht nur in Ipar Euskal Herria, sondern auch außerhalb der baskischen Grenzen, in Pau und verschiedenen Orten in den Landes.

Ab 1993 nahmen die beiden Organisationen Iparretarrak und ETA Kontakte auf, um ihre Differenzen beizulegen und sich möglicherweise in einer einzigen Organisation zu vereinigen. Die Beziehungen hatten sich durch die Verhaftung von geflüchteten ETA-Aktivisten in Ipar Euskal Herria bei Polizeirazzien der französischen Polizei verschlechtert, die versuchte, die ihrer Meinung nach führenden Figuren von IK festzunehmen. Die Bereitschaft von ETA während des Lizarra-Garazi-Abkommens und die Pläne von IK für den Waffenstillstand standen in krassem Widerspruch zueinander, was zu Zerwürfnissen führte, die die geknüpften Brücken für einige Jahre zerstörte.

Es kam zu einer erbitterten Debatte nach dem ersten Vorschlag der ETA, die in ihrem Organ “Zutabe” auf die Analyse der IK in “Ildo” reagierte, die die Möglichkeiten einer Vereinigung in weite Ferne rückten. ETA erkannte die vorherigen Treffen an, und es war überraschend, dass sie Monate zuvor so kurz davor gestanden hatten, eine einzige Organisation zu gründen. Im Hintergrund standen zwei unterschiedliche Projekte: die Schaffung eines einzigen politischen Szenarios für Euskal Herria (ein Vorschlag, den die ETA auch den baskisch-nationalistischen Parteien PNV und EA unterbreitet hatte) und die Schaffung eines Departements für Ipar Euskal Herria als Vorstufe zur Forderung nach einem Autonomiestatut innerhalb des französischen Staates (IK). Ein einziger Rhythmus für die sieben Provinzen oder mehrere verschiedene, wie IK vorschlug. Der Erneuerungs-Prozess der südbaskischen Linkspartei Batasuna und deren strategischer Kurswechsel führten 2009 zur endgültigen politischen Wiedervereinigung mit der abertzalen Linkspartei EH Bai aus Iparralde.

Was das Schweigen der IK seit 2000 angeht, gab es später eine Ausnahme: den Überfall auf ein Grab in der Nähe von Bordeaux, in der Annahme, dass sich darin die Überreste des verschwundenen IK-Aktivisten Popo Larre befinden könnten. Aus dem Grab wurden Knochenreste geborgen, die zur DNA-Analyse in ein Labor gebracht wurden. Bei der ersten Analyse konnten keine DNA-Spuren gewonnen werden, aber Jahre später, dank verbesserter Techniken, war das Ergebnis negativ. Popo Larre blieb verschwunden.

Baigorri

iparre5Am 24. September 2015 trafen sich mehrere ehemalige Mitglieder von Iparretarrak mit der Internationalen Kontakt-Gruppe GIC (Brian Currin, Raymond Kendall und Alberto Spektorowski), die den Rahmen für die Erklärung des Aiete-Treffens und das endgültige Ende des bewaffneten Kampfes der ETA geschaffen hatte, um ihnen in einem Dokument die Aktivitäten von IK während 27 Jahren zu übergeben. Außerdem informierten sie die drei Vermittler über ihre politische und militärische Entwicklung und stellten fest, dass die Delegierten der GIC-Kontaktgruppe kaum etwas über ihre Existenz wussten.

Mit dieser symbolischen Geste und obwohl die Organisation bereits aufgelöst worden war, ohne dies öffentlich bekannt gegeben zu haben, beendeten die ehemaligen Mitglieder von IK offiziell ihre aktive Zeit. Am 26. April 2025 weihte der Verein Lagundu (bask: helfen) in Baigorri ein Wandbild zu Ehren der sechs Mitglieder seiner Organisation ein, die während ihres Kampfes ums Leben gekommen waren. Bei der Zeremonie ergriff einer der Redner das Wort und erklärte: “Zer gertatu zen aipatu behar da, gure historiaren parte baita“. Es ist wichtig, die Vergangenheit zu würdigen, denn die Vergangenheit ist Teil unserer Geschichte.“

ANMERKUNGEN:

(1) “Iparretarrak, 25 años de su última acción armada” (Iparretarrak, 25 Jahre nach der letzte bewaffneten Aktion), Tageszeitugn Gara, Autor: Iñaki Egaña, 2025-10-26 (LINK)

(2) Der Lizarra-Garazi-Pakt von 1998 war ein Abkommen verschiedener baskischer Parteien, Gewerkschaften und sozialen Akteuren, darunter ETA, Herri Batasuna und die rechte PNV, Ziel war ein Dialog mit der spanischen Regierung und das Ende des militärischen Konflikts.

(3) Iparralde, die drei baskischen Provinzen in Süd-Frankreich, waren traditionell Rückzugsgebiete für baskische Flüchtlinge aus dem spanischen Süden. Im Verlauf des Spanienkriegs retteten viele Linke und baskische Nationalisten ihre Leben mit dem Grenzübertritt in republikanische Frankreich. Seit den 1970er wurde Iparralde zur Zuflucht und zum Rückzugsgebiet für abertzale politische Flüchtlinge, die im Süden von Folter und Repression bedroht waren. Den Spaniern – Franquisten wie Sozialdemokraten – war dies ein Dorn im Auge. Deshalb ließ der Sozialdemokrat Felipe Gonzalez Todesschwadronen aufstellen (Polizisten, Militärs, bezahlte Killer), die unter dem Namen GAL Terror verbreiteten,20 Morde begingen und die Mitterrand-Regierung zwangen, von ihrer liberalen Asylregelung abzugehen und südbaskischen Flüchtlinge zu deportieren. (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Iparretarrak (naiz)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-10-26)

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