bl2025aSolidarität und Boykott

Um nach den Fähnchen zu urteilen, die an baskischen Balkonen hängen, um politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen, sind die Sorgen der baskischen Bevölkerung von folgenden Themen bestimmt: gelb für Flüchtlinge, bunt für Palästina, rot-blau für Fußball, weiß für politische Gefangene. Ohne Zweifel: 2025 war das Palästina-Jahr. Sorge Nummer eins von vielen in der baskischen Bevölkerung ist dennoch die Situation auf dem Wohnungsmarkt – ein Dach über dem Kopf und mehr als einen Heiermann in der Tasche.

Baskultur.Info Jahresrückblick 2025: Überblick / Baskische Linke / Baskultur.info / CAF / Erdbeben / Ernai / Ertzaintza / ETA / Euskara / Faschismus / Folter / Franco / Gernika / Gewerkschaften / Guggenheim Urdaibai / Jugend / Korrika / Kunst / Militarismus / Mujica / Musik / Palästina / Picasso / Politik / Rassismus / Räumungen / Rene-Cassin-Preis / Schnellzug / Schiffbau / Sport / Soziale Bewegung / Sozialpolitik / Streiks / Tourismus / Wirtschaft / Wohnungsnot / Zabalza / Herrialdeak / Ausblick 2026

ÜBERBLICK

Wirtschaftlich geht es den baskischen Regionen – Iparralde, Navarra, Baskenland – vergleichsweise nicht schlecht. Die Arbeitslosigkeit ist niedriger als in der Nachbarschaft – dem gegenüber steht eine wachsende Armut und ein Problem, das immer mehr um sich greift: Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können oder wegen fehlender Bürgschaften auf dem Wohnungsmarkt keine Chance haben. Denn Arbeit zu haben bedeutet nicht, von Prekarität verschont zu sein. Auch wenn die kämpferischen Gewerkschaften alles tun, um die Probleme in Zaum zu halten. Auf der Straße ist eine starke Jugendbewegung zu sehen, die unter verschiedenen Abkürzungen für eine andere Gesellschaft kämpft. Antifaschismus wird nicht als Bedrohung begriffen, sondern als allgemeine Notwendigkeit der Gegenwehr gegenüber rechten und ultrarechten Anwandlungen. Solidarität ist schon lange eine baskische Stärke, wie sich dies für unterdrückte Völker gehört, zuletzt galten die Sorgen der eigenen von der Justiz in Frage gestellten baskischen Sprache und dem geschundenen Volk der Palästinenser*innen, für die keine Mobilisierung zu viel war.

BASKISCHE LINKE

bl2025bDie einst so bekannte baskische Gramsci-Linke war auch in der Saison 2025 kaum wiederzuerkennen. Von der Volks-Einheit (Herri Batasuna) ist nur noch wenig zu spüren, seit ETA sich aufgelöst und die MVLN-Bewegung sich in ihre ideologischen Einzelteile zerlegt hat. Was nicht bedeutet, dass die übrigen Elemente auf ihrem jeweiligen politischen Parkett nicht eine wesentliche Rolle spielen können. Die Schwächung der Bewegung durch die Verengung der politischen Strategien auf Parlamentarismus haben Räume eröffnet für neue Basis-Bewegungen in den Bereichen Ökologie, Häuser- und Arbeitskampf. Dass es dabei zu Reibungen kommt, versteht sich. Nicht nachvollziehbar ist der Versuch der offiziellen Linken, neue Bewegungen wie die sozialistische Kontseilu Sozialista auszuschließen, so geschehen bei den Fiesta-Komitees in Gasteiz und Bilbo. Mag sein, dass die reformistische Linke, EH Bildu, kurz davor steht, die rechte Konkurrenz von der PNV bei Wahlen zu überflügeln. Davon wenden sich Teile der Jugend ab, zuletzt machte sogar die eigene Jugend Randale gegen die Bevormundung. Jede Rebellion bringt frischen Wind in die politische Landschaft. Dass sich Basis-Organisierung lohnt, zeigt die erfolgreiche Bewegung gegen das zweite Guggenheim-Museum in einem Naturschutz-Gebiet – gegen die vereinigten baskischen Institutionen.

BASKULTUR.INFO

Der baskisch-deutsche Kulturverein Baskale (der aufgrund seiner Mitglieder-Struktur mittlerweile ebenso gut baskisch-afrikanisch heißen könnte) hat seine Webseite baskultur.info um die Sprachen Baskisch und Spanisch erweitert. Ursprüngliches Ziel war die Vermittlung von Information über baskische Aktualität, Kultur und Geschichte für ein deutschsprachiges Publikum. Der weltweite Rechtsruck und der von Mitteleuropa ausgehende Rüstungs-Wettlauf haben es nach Ansicht der Redaktion notwendig gemacht, die Information auch in die Gegenrichtung zu organisieren: Informationen aus Österreich, der Schweiz und Deutschland für ein baskisches Publikum. Insbesondere beim Thema Militarisierung stehen sich die Vorzeichen zwischen der BRD und Euskal Herria diametral entgegen. Daraus folgt für die Redaktion ein Informations-Auftrag über die immer verheerender werdenden autoritaristischen und faschistoiden Tendenzen. In baskischer und spanischer Sprache. Ein baldiger Newsletter wird ins Detail gehen.

CAF

Diese drei Buchstaben stehen für eines der erfolgreichsten und gleichzeitig umstrittensten Unternehmen des Baskenlandes. Angesiedelt in Gipuzkoa baut “Construcciones y Auxiliar de Ferrocarriles“ Züge und Straßenbahnen, die mittlerweile aus der halben Welt bestellt werden. Zuletzt kam ein Auftrag aus Neapel, für 630 Millionen Euro die Metro zu modernisieren, wenige Tage zuvor kam ein historischer Auftrag aus Belgien, für einen Milliardenbetrag die Zugflotte des Landes zu erneuern – Aufträge für Jahrzehnte, dazu eine Arbeitsplatz-Garantie für die Belegschaft. Die könnte hochzufrieden sein, wenn es nicht diesen verfluchten Auftrag aus Israel gäbe, zwischen Jerusalem und dem West-Jordanland eine Apartheid-Straßenbahn zu bauen, die Palästinensern versperrt bleibt. Die Straßenbahn ist Teil der völkerrechts-widrigen Kolonisierung Palästinas, das beklagt die UNO. Beklagt wird die Durchführung des Auftrags auch vom Betriebsrat von CAF, der zurecht eine Komplizenschaft beim zionistischen Völkermord in Palästina sieht. Deshalb ist CAF auch im Visier der internationalen BDS-Boykott-Kampagne. Die Boykott-Liste ist lang, von Lidl über Coca-Cola bis zu Intel, im Baskenland konzentriert sich die Kampagne auf die französische Supermarktkette Carrefour. Heftig kritisiert wird auch der Stahlproduzent Sidenor (Gasteiz), der gegen das bestehende Exportverbot Material in Millionenhöhe an israelische Rüstungs-Konzerne verkauft hatte.

ERDBEBEN

Dass im Dezember in der Provinz Araba die Erde bebte, ist zwar ein seltener, aber nicht unbekannter Zwischenfall. Das Beben der Stärke 4,5 mit Epizentrum in Iruña de Oca war stark genug, um die Anwohner*innen aufzuwecken und Straßen zu spalten. Das Erdbeben war in weiten Teilen der Provinz zu spüren. Ein Bewohner des wenige Kilometer entfernten Zentrums von Vitoria berichtete fassungslos, was passiert war. “Es war wie eine lautlose Explosion, das ganze Gebäude hat gewackelt, und in meiner Wohnung hat sich die ganze Küche und im Schlafzimmer das Bett bewegt.” In Iruña de Oca habe man “zwei Explosionen“ gespürt. Das Nationale Geografische Institut (IGN) teilte mit, das Erdbeben habe in einer “sehr geringen“ Tiefe von 5 Kilometern stattgefunden. Das letzte Beben dieser Stärke ereignete sich am 13. August 1967. Experten zufolge befindet sich Álava in einer Zone mit mittlerem Risiko für solche geologischen Phänomene. Ein zweites großes Erdbeben ereignete sich am 18. März 1817 mit einer Stärke von VIII, ähnlich der aktuellen Einstufung, und erschütterte die Stadt Arnedo, 84 Kilometer von Vitoria entfernt.

ERNAI

bl2025cNach der Neugründung der baskischen Linken besteht diese aus der Partei Sortu, der Gewerkschaft LAB und der Jugend-Organisation Ernai, alle alten Strukturen wurden abgewickelt. Dabei wurde der Jugend die Funktion stiller Zuarbeiter*innen und des parlamentarischen Nachwuchses zugeteilt – ganz im Gegensatz zu ihrer Rolle zu ETA-Zeiten, als Rebellentum und militanter Widerstand zum Tagesgeschäft gehörten. Diese Arbeit hat die neu gegründete GKS-Jugendbewegung übernommen (Gazte Koordinadora Sozialista), mit derartigem Erfolg, dass Ernai bereits reihenweise Mitglieder verloren hat und ernsthafte Nachwuchsprobleme aufweist. Vor diesem Hintergrund ist die Aktions-Kampagne zu sehen, die die linke Jugend im Herbst praktizierte: faschistische Kreuze gefällt, spanische Fahnen geklaut und verbrannt, Osborne-Stiere von der Autobahn entfernt. Medial fanden diese Aktionen starke Beachtung, gleichzeitig wurden sie von der Presse weitgehend verurteilt und polemisch in alte ETA-Zeiten projiziert. Sogar die eigene Partei hat sich davon distanziert, sodass abzuwarten bleibt, ob das jugendliche Rebellentum ernst gemeint war oder nur ein Zwischenfeuer darstellt.

ERTZAINTZA

In der baskischen Regionalpolizei Ertzaintza – wörtlich: Hüter des Volkes – herrschen chaotische Zustände. Schon länger als brutaler Schlägertrupp bekannt, kamen im vergangenen Kurs neue Skandale hinzu. Was Polizei-Gewerkschaften wie Jusapol, Erne, Esan fordern und verlautbaren, könnte auf einem Schreibtisch der faschistischen VOX-Partei formuliert worden sein. Einzelne Beamte wurde bereits erwischt mit Faschisten-Kontakten. Nachdem vor 13 Jahren der Fußball-Fan Iñigo Cabacas durch ein Polizeigeschoss getötet (ermordet) wurde, gerieten zuletzt linke Gruppen und Demonstranten ins Gewalt-Visier. Bei einer Besetzungs-Räumung in Bilbo-Rekalde wurden einem Beobachter schlichtweg gezielt die Eier weggeschossen. Bei einem Faschisten-Auflauf in Gasteiz profiliierte sich die Einheit erst durch Faschisten-Nähe, dann durch Unfähigkeit und am Ende durch Brutalität, einem linken Demonstranten wurde aus 10 Metern Entfernung der Kiefer weggeschossen. Einem Jugendlichen in Tolosa wurde beim Fasching ohne Zwischenfälle ein Auge herausgeschossen. Auf solcherart Vorgehen reagiert die politische Führung unfähig und nicht in der Lage, auch nur interne Untersuchungen anzustellen. Deutlich wird dies auch an der großzügigen Lohnerhöhung um 10%, die ohne große Streiks beschlossen wurde, jedoch sicher mit massiven internen Drohungen.

Als unlängst eine Frau in Donostia, die vor 30 Jahren bei einem Polizeieinsatz zu Tode kam, von den baskischen Behörden als Opfer von unmäßiger Polizeigewalt anerkannt wurde, kam es zu peinlichen Beleidigungen aus den Reihen der Ertzaintza. Die Behörde hat längst die Kontrolle verloren über die Dynamik des Polizeikörpers. Einzelne rechtslastige Gruppen drohen offen mit Widerstand oder Dienstverweigerung. Gegenüber Migrant*innen fährt die Ertzaintza eine fragwürdige rassistische Strategie, das Kontroll-Profiling gegen schwarze und muslimische junge Männer ist seit der Pandemie zum Tagesgeschäft geworden. Dass Ertzainas immer wieder als Drogendealer oder sexistische Frauenschläger in Erscheinung treten, verbessert das Bild ebenfalls nicht. Die linksliberale Koalition EH Bildu fordert ein neues Polizei-Konzept, ohne zu konkretisieren, wie dies aussehen soll. Dass der Partei-Chef intern angedacht hat, eine Debatte über die Zulassung von Abertzalen in die Schlägertruppe zu starten (bisher streng verboten), setzt dem Skandal die ironische Krone auf.

ETA

Die ehemalige baskische Untergrund-Organisation ist nicht nur Vergangenheit, sondern auch ein in der Gegenwart dauerpräsentes Thema. Zur Erinnerung: deren letzte Aktion war 2009 (vor 16 Jahren), 2011 (14J) erklärte sie ihren definitiven Gewaltverzicht, 2016 (9J) fand die Waffenabgabe statt und 2018 (7J) wurde die Auflösung erklärt. Bemerkenswert ist, dass die Sanchez-Regierung die beiden ETA-Mitglieder (Otaegi, Txiki), die 1975 zum Tode verurteilt und exekutiert wurden, als Opfer des Franquismus anerkannt und ihre Urteile als unrechtmäßig und für nichtig erklärt haben. Nach der Verlegung von allen politischen Gefangenen in baskische Gefängnisse und der Resozialisierungs-Politik der baskischen Behörden sind es mittlerweile weniger als hundert Gefangene, die ihre Strafen verbüßen, nur einer ist noch außerhalb, in Frankreich.

bl2025dAnsonsten ist ETA ein Dauerthema, die Abgeordneten von EH Bildu werden als Etarras bezeichnet (Pedro Sanchez als Kommunist), die Madrider Ultrarechte Ayuso behauptet, ETA habe über EH Bildu die Regierung in Madrid unterwandert. Beim geringsten gewalttätigen Auftreten von Jugendlichen auf der Straße wird die “kale borroka“ beschworen, der frühere Straßenkampf der linken Jugend. Der spanischen Rechten ist mit ETA der Lieblings-Feind verloren gegangen, den sie mit allen Mitteln und mit Hilfe der starken ultrarechten Medien wiederbeleben will. In den sozialen Medien wird dies folgendermaßen kommentiert: “ETA hat sich aufgelöst und ihre Waffen abgegeben. Jetzt muss sich nur noch die PP auflösen und all das gestohlene Geld zurückgeben.“

EUSKARA

Die Justiz im Baskenland (spanische Richter) ist zum Hauptakteur gegen die Gleichstellung der baskischen Sprache Euskara geworden. In einer langen Reihe von Urteilen wurden öffentliche Ausschreibungen für unrechtmäßig erklärt, bei denen die Kenntnis der offiziellen Sprache gefordert wurde. Dies sei eine Diskriminierung der Spanisch-Sprachigen. Von den vom Zentralstaat eingesetzten Richtern, die diese Urteile fällen, spricht keiner Baskisch. Galicisch, Katalan und Baskisch gesprochen darf neuerdings im spanischen Parlament – eine Geste der Sanchez-Regierung im Austausch für positives Stimmverhalten der baskischen Parteien zu seinen Gunsten.

Wie weit die demokratische Toleranz spanischer Ultra-Nationalisten reicht, machte die Madrider PP-Chefin Ayuso bei einem Treffen der regionalen Ministerpräsidenten deutlich. Als der Baske Pradales ein paar Sätze in Euskara sagte, verließ die rechtsextreme Frau die Konferenz, um der Presse mitzuteilen, diese Sprache zu hören sei unerträglich, sie fühle sich wie eine Fremde im eigenen Haus. Der baskische Lehendakari reagierte kurz darauf mit dem Reim “Ayuso entzun, Euskadi euskaldun“ (Ayuso, hör zu, Euskadi ist baskisch-sprachig). Was die korrupte Ayuso vollends zum Toben brachte, weil sie hinter dem Reim eine ETA-Parole zu erkennen glaubte.

FASCHISMUS

Iparralde hinter den Pyrenäen ist das baskische Gebiet, in dem Faschisten bei Wahlen die meisten Stimmen erhalten, in diesem Fall die Rassemblement National der Faschistin Le Pen. Im rechtslastigen Navarra sitzen zwei VOX-Abgeordnete im Parlament, im baskischen Parlament in Gasteiz eine Abgeordnete. Auf die Straße trauen sich Faschisten selten, weil sie entschiedenes Entgegentreten befürchten müssen. So beschränken sie sich auf Graffitis und punktuelle Provokationen. Eine Umfrage ergab kürzlich, dass ein Großteil der Jugend nicht mehr weiß, wer Franco war, von denen, die es wissen, sind einige der Meinung, er sei gar nicht so schlecht gewesen und hätte im Baskenland zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen. Solche und ähnliche Haltungen sind nicht dem baskischen Schulsystem anzulasten, sondern dem Einfluss der sozialen Medien, auf die die faschistische Rechte setzt.

Denn dem Baskenland geht der Ruf voraus, Faschismus-resistent zu sein, bis hin zur rechten PNV wollen alle Antifaschisten sein. Tatsache ist, dass die spanischen Faschisten von VOX keinen öffentlichen Auftritt durchführen können (bevorzugt in Barrios mit Migrant*innen), ohne Demonstrant*innen vor sich zu haben und von der Polizei eng geschützt zu werden. Von den Behörden erlaubt werden Auftritte wie die der Falange Española in Gasteiz im November, obwohl klar ist, dass dabei verbotene Führergrüße gezeigt werden und verfassungs-feindliche Symbole. Die sich den Faschisten entgegenstellen sind Autonome, Anarchist*innen und die Jugend von GKS. Ernai protestiert in weiter Entfernung. Bei Ausschreitungen werden Linke festgenommen und Faschisten freundschaftlich aus der Stadt begleitet.

FOLTER

Die Abwesenheit von ETA hat sicher dabei geholfen, dass die systematische Folter, die seit den 1960er Jahren im Franquismus und der sogenannten Demokratie praktiziert wurden, endlich untersucht werden. Im Baskenland schon länger, jetzt werden auch in Nafarroa Folteropfer anerkannt und entschädigt. Sie spanische Rechte, ihre Justiz und die Guardia Civil zeigen sich als Verantwortliche betroffen und sehen den Rechtsstaat in Gefahr. Im Baskenland wird davon ausgegangen, dass es mehr als 10.000 Folterfälle gab, in den wenigsten folgten darauf Anklagen. Folter war somit nicht ein Mittel zum Erpressen von Aussagen, sondern ein Instrument zur Einschüchterung breiter Massen der Bevölkerung.

FRANCO

Zwischen Francos Tod 1975 und 2025 liegen 50 Jahre völlig unzureichender Demokratie, die von A bis Z von den alten Franquisten konditioniert war und ist. Darüber täuscht auch die Präsenz von Podemos oder Sumar in der Zentralregierung nicht hinweg. “Regime von 1978“ ist der weiter gebräuchliche Begriff für den alten Wein in neuen Schläuchen. Die Sozialdemokraten wollten den unsäglichen Jahrestag für eine Werbekampagne nutzen, die die Vorzüge des demokratischen Systems herausstreicht. Doch Hunderttausende Neo- und Post-Faschisten und ihre Sympathisanten im Staat haben den Jahrestag in gegenteiliger Hinsicht begangen, die Arme zum Führergruß erhoben und “verfassungs-feindliche Symbole“ gezeigt. Das haben im Oktober hundert Freunde der franquistischen Falange in Gasteiz deutlich gemacht, sie zogen alle verbotenen Register, verhaftet wurden linke Gegendemonstranten.

GERNIKA

bl2025eDass sich die “demokratischen“ Regierungen des spanischen Staates in 50 Jahren nie für das bekannteste Kriegsverbrechen – Gernika, Legion Condor – entschuldigt haben, wiegt im Baskenland bis heute schwer. Von den Reaktionären Suarez, Aznar und Rajoy als Postfranquisten war dies ohnehin nicht zu erwarten, Sozialdemokraten wie Gonzalez, Zapatero und Sanchez schlossen sich der Verweigerung an. Vor diesem Panorama schlug der Besuch des deutschen Präsidenten Steinmeier in der einst vernichteten baskischen Kleinstadt ein wie … nein, nicht wie eine Bombe, eher wie ein vergiftetes Geschenk. Ohne Angst vor möglichen Reparations-Ansprüchen und wahrscheinlich zwischen zwei Fototerminen bei Rüstungs-Unternehmen, räumte der BRD-Oberste unumwunden ein, dass die Nazis Scheiße gebaut hätten und ihm das Leid täte. Im Baskenland war mann und frau hoch erfreut über diese Art von Mitgefühl, dabei wurde geflissentlich vergessen, dass der Mann aus einem Land kommt, das derzeit einen Krieg gegen Russland vorbereitet und Einsätze plant, denen gegenüber die Zerstörung von Gernika wie ein Sandkastenspiel erscheinen könnte. Auch der Wunsch nach Anerkennung kann blind machen. Lehendakari Pradales nutzte die Gunst der Stunde jedenfalls, den Deutschen über den Klee zu loben und Richtung Madrid auszuteilen – Surrealismus pur.

GEWERKSCHAFTEN

In spanischen Gewerkschaftskreisen werden die baskischen Arbeiter*innen-Vertretungen mit Neid betrachtet, weil sie in der Lage sind, dem kapitalistischen System halbwegs die Stirn zu bieten. Die baskische Bevölkerung stellt 3% der spanischen, in baskischen und navarrischen Betrieben werden jedoch 50% der Streiks im Staat organisiert. Nicht zuletzt dank der Solidar-Kasse, die sich die größte Gewerkschaft ELA erarbeitet hat, um Streikenden einen Unterhalt zu bezahlen. Die Region CAV führt die Rangliste an mit den besten neuen Tarifverträgen, die im Schnitt um 3,6% erhöht wurden (Araba 2,7%, Bizkaia 3,7%, Gipuzkoa 4,4%). Im Reststaat konnte nur in Lugo-Galicien die 4%-Grenze übertroffen werden.

Doch nicht alle sehen diese Arbeitskämpfe positiv. Ausgerechnet die Führungen der spanischen Gewerkschaften CCOO (ex-kommunistisch) und UGT (sozialdemokratisch) kritisieren offen die Streikhäufigkeit und fallen ELA, LAB, Stelas, ESK, EHNE etc. in den Rücken. Ein Problem der betriebsübergreifenden Tarifverträge ist, dass es häufig nationale und regionale Tarife gibt, wobei die nationalen in der Regel niedriger sind, weil die baskischen Gewerkschaften hartnäckiger sind. Im Baskenland wird deshalb unter anderem gefordert, diese Priorität spanischer Tarifverträge aufzuheben. Wie notwendig Streiks und Arbeitskämpfe sind, zeigt die Tatsache, dass von den in der CAV geleisteten Überstunden skandalöserweise weniger als die Hälfte (!) bezahlt wird.

Auseinander gehen die Meinungen zwischen spanischen und baskischen Gewerkschaften auch bei der Frage von politischen Streiks, also solchen, die nicht direkt mit Tarifkonflikten zu tun haben. Die Rede ist von Generalstreiks. Nach dem feministischen Generalstreik im November 2024 wurde für März 2026 erneut ein Generalstreik ausgerufen – von den baskischen Gewerkschaften für die baskischen Regionen. Nicht zum ersten Mal sehen die spanischen Sindicatos keinen Anlass, obwohl es um die Einführung eine Erhöhung des garantierten Mindesteinkommens geht – längst haben baskische Gewerkschaften begriffen, dass es nicht nur um die Vertretung der Rechte ihrer in Arbeit stehenden Mitglieder geht, sondern um die Verteidigung sozialer Rechte insgesamt.

GUGGENHEIM URDAIBAI

Im Baskenland vielleicht die Nachricht des Jahres: Der Plan der baskischen und der Provinz-Regierung Bizkaia, im Biosphären-Reservat Urdaibai mitten ins Feuchtgebiet ein neues Doppelmuseum Marke Guggenheim zu bauen, ist gescheitert. Nicht, weil Geld gefehlt hätte, sondern weil eine starke Basisbewegung deutlich gemacht hat, dass ein solches Projekt, das dem Einzug des Massentourismus in eine schützenswerte Zone dienen sollte, nur Zerstörung und Verschmutzung bringt. Dazu kamen legale Hindernisse wie Natur- und Vogelschutz. Die Betreiber des Projekts sind nun um Schadensbegrenzung bemüht und behaupten, es seien allein technische Probleme gewesen, die den Schiffbruch verursacht hätten. Denn die Politik fürchtet Basisbewegungen wie der Teufel das Weihwasser, wie es im Volksmund heißt.

JUGEND

Die baskische Jugend hat keine rosigen Zeiten vor sich. Abgesehen von der aufziehenden Kriegswolke gibt es trotz guter Ausbildung keine große berufliche Zukunft. Was brummt sind Dienstleistung, Gastronomie und Tourismus – Bereiche, die bekanntermaßen von Prekarität geprägt sind. Ohne Job ist der Erwerb oder die Anmietung einer Wohnung kaum denkbar, wie nirgendwo sonst leben junge Leute deshalb bis 30 Jahre oder länger im Elternhaus. Im Ausland leben 60.000 junge Akademiker*innen, die zurückkehren wollen, aber mangels Angeboten nicht können. Die Regierung solle für bezahlbare Mieten sorgen, sagen die Unternehmer – die Unternehmen sollen bessere Löhne bezahlen kontert der Ministerpräsident.

Dazu wird die linke Hegemonie in der Jugend immer mehr in Frage gestellt. Die Hintergründe sind umstritten: die Pandemie habe autoritäre Denkmuster inszeniert; die rechtslastigen sozialen Medien würden die Geister vergiften. Junge Männer fühlten sich in ihrer Rolle in Frage gestellt, weil der Feminismus zu sehr gepuscht werde. Die Privat-Universität Deustu stellte in ihrem letzten Barometer fest, dass 25% der Jugend davon ausgeht, dass der spanische Diktator Franco dem Baskenland “Stabilität und wirtschaftlichen Wohlstand” gebracht habe. Die Diktatur sei eine Zeit gewesen, die durch “starkes Engagement in den Bereichen Stadtplanung, Wohnungsbau, Sport und Beschäftigung gekennzeichnet“ gewesen sei. Während mehr als 78% der über 45-Jährigen Franco als Diktator betrachten, sank dieser Anteil bei Teenagern und Twens auf 58%. Auch ihre Wahrnehmung des Caudillos als Unterdrücker der Rechte und Freiheiten der Bevölkerung ist bei Jugendlichen deutlich geringer als bei älteren Menschen. Ein klares “Generations-Ungleichgewicht”.

bl2025fDie jungen Menschen seien konservativer geworden als ihre Eltern. Dies sei auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen. “Sie haben sich während dieser Zeit an Autorität und Kontrollmaßnahmen gewöhnt. Sie glauben mehr an diese Maßnahmen, weil sie ihnen Sicherheit gaben”. Ultrakonservative Botschaften über soziale Netzwerke kämen bei jungen Menschen leicht an und hinterließen Spuren. “Die extreme Rechte hat diesen Raum in den sozialen Netzwerken vor anderen politischen Positionen schneller erobert. Sie haben sich besser positioniert. Dies hat dazu geführt, dass die Ultrarechte einen größeren Einfluss auf Zwanzigjährige hat, die in den sozialen Netzwerken nach Gewissheiten suchen, die ihre konservativen Ideen bestätigen, die sie beschäftigen“. Daneben gebe es eine Geschlechterkluft: Junge Männer sind für rechtsextreme Ideen eher anfällig als junge Frauen.

KORRIKA

“Korrika egin“ ist Baskisch und heißt “laufen“. Verstanden wird unter Korrika gewöhnlich ein Solidaritäts-Lauf für die baskische Sprache Euskara, der ohne Unterbrechung zehn Tage und neun Nächte lang dauert und alle zwei Jahre im März organisiert wird. Bei der Ausgabe von 2024 mischte sich eine weitere Art von Solidarität in den Lauf. Weil der französische Staat keine Migranten haben will und deshalb die Grenzen dicht macht, nutzten einige Migranten den grenzüberschreitenden Lauf, um den Wächtern ein Schnippchen zu schlagen. Es folgte ein Prozess gegen die für die illegale Einreise angeblich Verantwortlichen: von der Staatsanwaltschaft gefordert wurden 10 Jahre Knast und die Kleinigkeit von 750.000 Euro Strafe. Es kam zu einer massenhaften Selbst-Beschuldigung von Tausenden von Personen, die ebenfalls am Lauf teilgenommen hatten. Der Prozess wurde vertagt und bei seiner Wiederaufnahme auf kleinerer Flamme gekocht. Am Ende waren es noch 1.500 bzw. 1.000 Euro pro Angeklagten, die im Urteil standen.

KUNST (MAINSTREAM)

Das Museum der Schönen Künste Bilbao geht großen Zeiten entgegen. Nach Plänen des Pritzker-Preisträgers und Metro-Designers Norman Foster wird es erweitert, die Stadt soll definitiv zum Ersatz-Paris gemacht werden. Das Guggenheim-Museum an gleichem Ort konnte zuletzt keine neuen Besuchs-Rekorde melden, dafür einen Personalwechsel an der Spitze. Der bisherige Chef Vidarte ging in Rente und wurde ersetzt durch Miren Arzalluz, Tochter des eigenwilligen PNV-Führers Xabier. Ihr war es vorbehalten, dem baskischen Publikum eine gute und eine schlechte Nachricht zu vermelden, gut für die Bevölkerung des Naturschutzgebietes Urdaibai, schlecht für die Guggenheim-Stiftung: das zweite Doppelmuseum Gernika-Urdaibai wird nicht gebaut.

MILITARISMUS

Während antimilitaristische Überzeugungen nach wie vor weit verbreitet sind, ist die baskische Rüstungs-Industrie (mit kräftiger Unterstützung durch die neoliberale PNV) nach der in Madrid die zweitstärkste im Staat – baskische Waffentechnologie ist am Völkermord in Gaza beteiligt. Baskische junge Männer haben vor 35 Jahren maßgeblich die Insumisión-Bewegung geprägt. Die damaligen Totalverweigerer sprengten die Justiz- und Gefängnis-Kapazitäten und zwangen die Zentralregierung, den Pflicht-Wehrdienst abzuschaffen. Eine Reihe dieser alten Anti-Mili-Gruppen sind bis heute erhalten und vorbereitet auf künftige Militarisierungs-Versuche.

Was in Madrid Florentino Perez, ist im Baskenland Jokin Aperribay – eine Doppel-Persönlichkeit nach dem klassischen Prinzip von Jekyll and Hide. In der Öffentlichkeit wohl bekannt als der freundliche Präsident des Fußball-Clubs Real Sociedad San Sebastian – hinter den Kulissen Miteigentümer des SAPA-Rüstungskonzerns mit Blut an den Händen. Derzeit bemüht sich das Unternehmen, einen Fuß in die Entwicklung eines europäischen Panzers zu stellen, um am derzeit vorbereiteten Krieg gegen Russland mitzuverdienen. Weshalb es gegen diesen Kriegsgewinnler keine Kampagne gibt, lässt sich nur mit Fußballwahn erklären. Deutsche Zustände wie Soldaten an Schulen sind in EH unvorstellbar – Schüler*innen, Eltern, Lehrer*innen und Gewerkschaften würden auf die Barrikaden gehen. Eine Demonstration gegen die NATO für den 14. März ist bereits angekündigt. An diesem Termin jährt sich zum 30. Mal das spanische Referendum über die NATO-Mitgliedschaft: die wurde in Nafarroa und dem Baskenland mit zwei Dritteln abgelehnt. Der Kulturverein Baskale aus Bilbo hat einen ausführlichen Reader zum Thema Militarismus herausgegeben, Baskultur hat mehrere Artikel zur baskischen Rüstungs-Industrie publiziert.

MUJICA

bl2025gDer aus baskischer Sicht bemerkenswerteste Todesfall ereignete sich auf einem anderen Kontinent. Als Pepe Mujica, der Ex-Tupamaro-Guerrillero und Ex-Präsident im Januar starb, war die Bevölkerung im Baskenland fast so betroffen wie die in seinem Heimatland Uruguay. Nicht nur, weil Pepe als einer der wenigen ehrlichen und bescheidenen Politiker galt, sondern auch, weil seine Vorfahren aus dem Baskenland ausgewandert waren. Nicht aus dem Bizkaia-Ort Muxika, wie zuerst angenommen wurde, sondern aus einem Bauerngehöft namens Mujica in Gipuzkoa, wie Nachforschungen ergaben. Von linken wie rechten Baskinnen und Basken wurde Pepe jedenfalls als „einer der ihren“ betrachtet und in Ehren verabschiedet.

MUSIK

Auch nach dem Ende der navarrischen Rockgruppe Berri Txarrak ging die Reihe der Abschieds-Konzerte nicht zu Ende. Fermin Muguruza füllte mit seiner 40-Jahre-Kortatu-Tour Stadien und Konzerthallen in der halben Welt, bevor er in seiner Heimatstadt Irun den Schlusspunkt setzte. Gero arte sagten auch die drei von Gatibu nach 25 Jahren on stage. Dass diese Abschiede keinen Einbruch im Zuschauerzuspruch bedeuten, dafür ist mit dem kometenhaften Aufstieg von Zetak bereits gesorgt. Mit einem neuen Konzept von Musik, Show, baskischer Mystik und vielen beteiligten Künstler*innen füllt der Navarro Peio Reparaz die größten Hallen des Baskenlandes. Als Dank durfte der neue Megastar gleich noch das Lied für die Korrika 2026 komponieren, den 10-tägigen Soli-Lauf für die baskische Sprache im März: ein gelungenes Werk, das in den nächsten 15 Jahren seinen festen Platz findet in den Playlisten der eusko-philen Radios.

PALÄSTINA

In allen Sphären der baskischen Gesellschaft war das Thema Palästina und Völkermord vertreten. Tausende von Balkonen sind beflaggt, hunderte von Mobilisierungen bis ins kleinste Dorf, keine Demonstration (zu welchem Thema auch immer) ohne die vier Pali-Farben. Der Einlauf der Spanien-Radtour in Bilbo wurde unmöglich gemacht, die Straßenbahn mit Liege-Einlagen blockiert, auch bei der Solidaritäts-Flotilla nach Gaza gab es baskische Beteiligung. Beim Internationalen Filmfestival Zinemaldia in Donosti ging nicht nur das Volk gegen den Völkermord auf die Straße, sondern eine lange Reihe von Regisseur*innen und Schauspieler*innen gleich mit und voraus. Während sich der Kulturbereich in anderen Ländern selbst das Denken verbietet, geht er im Baskenland und im spanischen Staat mit gutem Beispiel voran.

Die Krönung war im November ein solidarisches Länderspiel der Euskal Selekzioa mit der palästinensischen Auswahl, das im Stadion San Mames für Ausverkauf (52.000) und weltweit für Schlagzeilen sorgte. Zum Jahresende erhielt die Italienerin Francesca Albanese – sichtbares Gesicht der UNO bei der Verteidigung der Menschenrechte in Palästina – den baskischen Menschenrechts-Preis René Cassin. Leider führte die wohlgemeinte Solidarität zu einem Protagonismus-Syndrom, wodurch die Bewegung zersplittert wurde, statt der gewohnten Großdemonstrationen ging der Überblick mit unzähligen Kleinkundgebungen weitgehend verloren und artete in inhaltsleerem Aktivismus aus. So führte der propagandistische falsche “Friedens-Plan“ zu einer augenblicklichen Demobilisierung von Teilen der Bewegung, die nun orientierungslos auf israelische Großangriffe warten.

PICASSO

Pablo Picasso würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen könnte, wie Regierungschef Sanchez mit dem Faschisten Zelenski vor seinem Bild in Madrid posiert, wie dies im November geschah. Im Dienste der europäischen Kriegs-Propaganda ist alles recht, was die Geschichte verfälscht oder lächerlich macht. Wie der Besuch des Deutschen Steinmeier in Gernika.

POLITIK

In der rechts-nationalistischen PNV wurde in der Region Baskenland (CAV) nach dem Ministerpräsidenten-Wechsel auch die Partei neu strukturiert und verjüngt, der Vorsitz erneuert, nur Kenner der Materie wissen, was diese Wechsel zu bedeuten haben. Bei der mittlerweile linksliberalen Koalition EH Bildu wurde das Urgestein Arnaldo Otegi im Amt des Generalsekretärs bestätigt, die neue baskische Linke (Sortu) steht vor einem Kongress ohne innere Widersprüche, nachdem kritische Strömungen bereits vor Jahren ausgesondert oder verboten wurden. Dabei gehen die Uhren in Nafarroa anders als in der CAV, wo Bildu nach wie vor das Feindbild Nummer eins darstellt, vor der PP und den VOX-Faschisten. In der Region mit dem Namen des alten Königreichs hingegen ziehen alle an einem Strick: Ministerpräsidentin ist eine pragmatische Sozialdemokratin, unterstützt von PNV, Podemos und Bildu; im Rathaus Iruñea-Pamplona haben sich dieselben Kräfte zur Unterstützung eines Bildu-Bürgermeisters zusammengefunden. Neben dem Wohnungsproblem stellen die Hindernisse gegen die Weiterverbreitung des Euskara die größten Sorgen der Bevölkerung dar, auf die die Politik keine Antworten weiß.

RASSISMUS

In Euskal Herria sind rassistische Verhaltensweisen nicht hoffähig. Dennoch muss festgestellt werden, dass es zu Zwischenfällen kommt, vor allem unter Jugendlichen, die den rassistischen Botschaften der sozialen Medien stärker Glauben schenken. In der CAV sind 76.900 junge Menschen (unter 24 Jahren) Nachkommen von Migrant*innen, aus Afrika, Lateinamerika oder Europa. 60% von ihnen sind in der CAV geboren, viele sehen sich selbst nicht mehr als Migrant*innen, sind aber dennoch von rassistischen Verhaltensweisen betroffen, von Seiten von Mitschüler*innen und Lehrer*innen. Allgemein bekannt ist der Rassismus in der baskischen Ertzaintza-Polizei, die Wahrscheinlichkeit, dass ein 20-jähriger Schwarzer oder Marokkaner auf der Straße einer Leibesvisitation unterzogen wird, ist etwa 50 Mal höher als bei einem gleichaltrigen Weißen. Die dabei verwendeten Titulierungen sind unerträglich. Teil des behördlichen Rassismus ist auch, öffentliche Essensausgabe an Migrant*innen und Obdachlose mit fadenscheinigen Begründungen zu verbieten, in Donostia (und Madrid) geschah dies nach Anzeigen von ultrarechten Organisationen.

bl2025hNGOS und soziale Bewegungen beklagen diesen Rassismus regelmäßig, die Behörden schließen die Augen. Dies ist kein Wunder, weil auch in der rechts-nationalistischen PNV ausländer-feindliche Töne angeschlagen werden. So meinte CAV-Ministerpräsident Pradales auf einer internationalen Konferenz in Bilbo, das Baskenland bräuchte die Einwanderung, nur leider könne man sich nicht aussuchen, wer da kommt – in klarer Anspielung auf die Boatpeople, die bei ihren Überfahrten keine Universitäts-Abschlüsse in der Tasche haben. PNV-Provinz-Politikerinnen wie die Bizkaia-Chefin Etxanobe beklagen sich ständig über die große Zahl der Nicht-Begleiteten-Minderjährigen, für die die Provinz-Behörden aufkommen müssen. Die baskische Rechtspresse (El Correo) nimmt diese xenophoben Diskurse gerne auf und kultiviert sie im Tagesrhythmus. Zwar existieren viele Aufnahme-Gruppen für Migrant*innen, die deutlich machen, dass Migration generell positiv gesehen wird, doch tun sich vor allem in der Jugend Risse auf in diesem positiven Bild.

RÄUMUNGEN

Zwangsräumungen von säumigen Mieter*innen oder Wohnungs-Besetzer*innen sind die direkten Folgen der Wohnungsmisere. Sie zeigen jedoch gleichzeitig die fehlende Bereitschaft der Behörden, an der Situation etwas zu ändern. Im Gegenteil, sie gießen Öl ins Feuer, wenn leerstehende Fabriken oder Klöster auf Befehl baskischer Behörden geräumt werden. Dies geschah erst kurz vor Jahresende in Bilbo-Zorrotzaurre und in Donosti-Martutene, wo jeweils mehr als 100 Personen geräumt wurden. In Bilbo wurde nur ein Teil der Betroffenen in städtischen Unterkünften untergebracht, in Donostia die Hälfte. Mit brutaler Gewalt geräumt wurde auch das Gaztetxe-Jugendhaus in einer leerstehenden Fabrik in Bilbo-Rekalde, das mehr als 10 Jahre besetzt war. Aus spanischen Gebieten geschickt werden seit einigen Jahren faschistische Trupps, die unter dem Namen “Desokupa“ (das Unternehmen des spanischen Faschisten Daniel Esteve) Mieterinnen gewaltsam aus ihren Wohnungen holen oder ihnen das Leben zur Hölle machen sollen. Auch wenn der Innensenator dies bestreitet, ist erwiesen, dass die Ertzaintza mit solchen Trupps zusammenarbeitet.

RENE-CASSIN-PREIS

René Cassin (Baiona 1887 / Paris 1976) war ein baskischer Jurist und Richter, sowie Hauptverfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Im Jahr 1968 wurde er mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet. Cassin war Mitgründer der UNESCO und Präsident des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Nach ihm benannt ist der baskische Menschenrechts-Preis, der von der baskischen Regierung jährlich verliehen wird: 2025 an Francesca Albanese (*1977), italienische Juristin mit Spezialisierung auf Internationales Recht und Menschenrechte, seit 2022 UN-Sonder-Berichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas. Die entschiedene Verteidigerin der Menschenrechte hat sich die gesamte zionistische Welt und den Faschisten Trump zum Feind gemacht mit ihrer gründlich erarbeiteten Expertise, in der sie einen israelischen Völkermord in Gaza feststellt. Dass sie in den USA Einreiseverbot hat und weltweit kein Bankkonto mehr führen kann, hat die baskische Kommission nicht an der Preisvergabe gehindert, anders als der unsägliche Oslo-Preis für die venezolanische Faschistin – den Kreis schließt Cassin selbst mit seinem Preis von 1968.

SCHIFFBAU

Ein Schiff der ganz besonderen Art wird seit mehr als 10 Jahren in der Albaola-Werft von Pasaia gebaut: eine Nachbildung des Walfängers Nao San Juan aus dem 16. Jahrhundert, der 1565 in Red Bay vor der kanadischen Küste unterging und dessen fast komplette Reste 1978 wiedergefunden wurden. 2013 begann der Nachbau der Nao, in derselben Form, mit denselben Werkzeugen und Materialien, ohne moderne Technologie. Dieses Meisterstück der Schreinerei und Zimmerei sollte 2016 zum Prunkstück des Programms von Donostia als Europäischer Kultur-Hauptstadt werden, was sich angesichts der komplizierten Bauweise als unmöglich herausstellte. Im November lief das Schiff vom Stapel und wird nun auf dem Wasser vollendet. Albaola ist gleichzeitig ein Museum – eines der interessantesten in Euskal Herria.

bl2025iSCHNELLZUG

Der Abiadura Handiko Trena (AHT) oder Tren de Alta Velocidad (TAV) soll einst mit Hochgeschwindigkeit durch das Baskenland sausen, auf einer Strecke in Y-Form, weshalb er auch das baskische Ypsilon genannt wird. Seit zwanzig Jahren wird gebaut, wegen den Besonderheiten der baskischen Geografie vor allem Tunnel und Brücken. Doch sind das Ende der Bauarbeiten und der Beginn des Ticketverkaufs nicht abzusehen. Die gelegentlichen Sabotage-Akte tragen dazu nur wenig bei. Während über die Fortsetzung des umstrittenen Zuges über Nafarroa nach Osten schon verhandelt wird, sind auf dem Ypsilon noch nicht einmal die Bahnhöfe gebaut, was im Fall von Bilbo und Donostia jeweils die urbane Landschaft neu strukturieren wird. Während die Ausschreibung für die Hochspannungs-Leitungen vor der Tür steht, beginnen die ersten Streckenteile bereits zu vergammeln. Der Zug ist anti-ökologisch, völlig überteuert und stellt für das Baskenland selbst keine Transport-Option dar, weil er nur die Hauptstädte miteinander verbindet, die mittleren Städte jedoch links liegen lässt. Nur die Zement-Industrie freut sich über die fortschreitende Überteuerung des Projekts.

SPORT

Große Triumpfe waren in der Saison nicht zu verzeichnen. Im Rudersport wechselte die Dominanz von Bermeo zu Orio, bei Pelota-Mano gewannen die üblichen Verdächtigen. Zum Höhenflug angesetzt hat das Ur-Pelota-Spiel Jaia Alai, oder Cesta Punta, das nach Jahrzehnten aus dem US-amerikanischen Frontons nach Euskal Herria zurückgekehrt ist und mit ordentlich Promotion durch das Fernsehen ein breites Publikum anspricht. Auf internationaler Ebene offiziell werden künftig die Auftritte des baskischen Pelota-Teams, gegen den erklärten Willen des spanischen Verbandes, der bisher ein Veto gegen die Aufnahme der Basken ausgesprochen hatte. Eine Gesetzes-Änderung nach einem politischen Deal zwischen Pedro Sanchez und der PNV machte den lang gehegten Wunsch möglich. Lange genug war es ein Unding, dass ein Sport mit dem Namen Pelota Vasca ausgerechnet ohne die Vascos ablaufen musste. Beim ersten internationalen Aufeinandertreffen von Spanien und Euskal Herria spielten dann Basken für Spanien gegen Basken für das Baskenland – die Welt ist kompliziert, sogar im Sport. Aus dem Rahmen der Erfolge fiel das ansonsten eher durchschnittliche Bilbao Basket. Auf europäischer Ebene gewannen die Riesen einen drittklassigen Pokal, den zwar niemand kennt, der jedoch die Anschaffung einer Erfolgs-Vitrine nach sich zog.

SOZIALE BEWEGUNGEN

Viele im Baskenland sind der Ansicht, dass die Sozialen Bewegungen seit den 1980er Jahren viel von ihrer Aktions- und Mobilisierungs-Kraft verloren. Tatsächlich haben Kapitalismus und Konsum-Gesellschaft auch in Euskal Herria ihre negativen Spuren hinterlassen. Im Gegensatz zu diesem Niedergang sind auswärtige Beobachter*innen (sei es aus Berlin oder aus Santander) nach wie vor beeindruckt über den Elan baskischer Bewegungen. Bestes Beispiel die Aste Nagusia, die Fiesta in Bilbo, die weiterhin maßgeblich von Tausenden von Freiwilligen organisiert wird. Oder die Mobilisierungskraft der Bewegung Guggenheim-Urdaibai Stop, die es geschafft hat, das geplante Doppelmuseum Gernika-Murueta im Biosphären-Reservat Urdaibai zum Scheitern zu bringen. Auch die Bewegung baskischer Rentner*innen, die seit acht Jahren unermüdlich würdige Renten fordert, vor allem für Witwen.

Eine neue sozialistische Jugendbewegung mit den Abkürzungen EHKS und GKS war in der Lage, vielen kritischen Jugendlichen und Nicht-Mehr-Ganz-Jugendlichen wieder einen Ort zur Organisierung zu bieten, zur Mobilisierung, zur kritischen Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Patriarchat und Faschismus, zur Rezeption von marxistischen Konzepten. Eine beachtliche Zahl von Basis-Gruppen unterstützt baskische und migrantische Personen bei der Regelung ihrer Problemen auf dem kapitalistischen Wohnungsmarkt, mehr als eine Zwangsräumung konnte mit solidarischer Mobilisierung verhindert werden. Ähnliche Gruppen gehen Probleme bei der Arbeit an, sie organisieren und unterstützen Arbeitsnehmer*innen dort, wo die Gewerkschaften nicht hinkommen. Vor allem in Araba hat sich eine neue Ökologie-Bewegung formiert, die gegen gefährliche Windkraft-Projekte kämpft und gegen Elektrizitäts-Autobahnen. In jeder relevanten Stadt existieren Gruppen, die Migrant*innen praktisch und materiell dabei unterstützen, mit der Polizei, der Bürokratie, der Armut und der Obdachlosigkeit fertig zu werden (Beispiel “Ongi Etorri Errefuxiatuak“, Herzlich willkommen Flüchtlinge, in Bilbo). Die enorme Bewegung, die den Völkermord am palästinensischen Volk bekämpft, wird an anderer Stelle gewürdigt. Basis-Organisierung auf allen Ebenen also, nur im Bereich Antifaschismus lässt die Dynamik zu wünschen übrig.

SOZIALPOLITIK

Kapitalismus und Neoliberalismus sind geprägt durch Ausbeutung, Privatisierung, Sozialabbau. Wie weit diese Prinzipien in einer Gesellschaft durchgesetzt werden, hängt ab von der Mobilisierungs- und Organisierungs-Fähigkeit der Bevölkerung, nicht zuletzt von ihren Gewerkschaften. Dass im baskischen Gesundheits-System noch nicht Zustände herrschen wie in Madrid oder Andalusien, wo die öffentliche Versorgung von rechten Regierungen weitgehend zerschlagen wurde, hat mit dem starken Widerstand der Beschäftigten, der Patient*innen und der Gewerkschaften zu tun. Dennoch gelten im Baskenland 30% der Menschen als arm, 10% sind von sozialem Ausschluss bedroht, das sagen nicht nur sozialistische Kollektive, sondern auch die politisch unverdächtige Caritas. Die baskische Regierung hat eine große Chance verpasst, der Initiative der Rentner*innen-Bewegung zu folgen und einen eigenen Weg zu suchen für würdige Renten. Die Bewegung hatte beachtliche 145.000 Unterschriften gesammelt für eine so genannte außerparlamentarische Gesetzes-Initiative, die wurde von der Regierungs-Koalition (baskische Rechte und Sozialdemokraten) nicht einmal im Parlament diskutiert, sondern ging direkt in den Papierkorb. Ähnliches passierte mit einer Initiative der Gewerkschaften für einen Minimallohn – Zeichen von absoluter Ignoranz gegenüber Basis-Bewegungen und der Vertretung der Arbeiterschaft.

Die autonomen Basisgruppen und die Gewerkschaften sind sich bewusst, dass sich die Rahmenbedingungen in den kommenden Jahren weiter verschärfen, werden angesichts des Rüstungs-Wettlaufs, der Milliarden-Ausgaben für Kriegs-Vorbereitung und der daraus folgenden Versuche, den Sozialstaat zu reduzieren und zu zerschlagen. Um sich diesen Herausforderungen zu stellen, steht der baskischen Gesellschaft auch das Mittel des Generalstreiks zur Verfügung, im März 2026 wird mit einem solchen Streik die Einführung eines Mindestlohnes gefordert, bezeichnenderweise beteiligen sich die spanischen “linken“ Gewerkschaften nicht an dieser Mobilisierung.

STREIKS

Auch im Jahr 2025 arbeiteten Gewerkschaften und Arbeitnehmer*innen hartnäckig daran, die berühmte Streikfreudigkeit der Baskinnen unter Beweis zu stellen, mit freundlicher Unterstützung durch die Unternehmerschaft, die durch ungenügende Verhandlungsbereitschaft den Titel als eigentliche Streikprovokateure verdienen. Ein stenografischer Abriss über einige Streiks: Die Ärzt*innen bei Osakidetza (Gesundheit), städtische Gärtner in Vitoria-Gasteiz, die Reinigung der Metro Bilbao, Altersheim-Pflegekräfte in Gipuzkoa, die Lehrer*innen in Nafarroa, 0bei der Metal Group Legutio-Abadino wird wegen Entlassungsplänen unbefristet gestreikt. Baskisch-französische Bauern blockierten aus Protest gegen den Mercosur-Vertrag der EU im Dezember den Grenzübergang Biriatu und provozierten tagelang eine bis zu 13 km lange Blockade, die das europaweite LKW-Fahrerfeld zur Verzweiflung brachte. Die Schließung der Firma Sunsundegi in Altsasu (Nafarroa) konnte im Januar verhindert werden. Der Streik in der US-Glasfabrik Amurrio konnte die Werkschließung nicht verhindern, bei Bridgestone in Basauri stimmten die Betroffenen schließlich einem abgemilderten Entlassungsplan von einem Drittel der Belegschaft zu, entlassen wurden nur jene, die sich gegen Abfindung freiwillig meldeten.

Wegen seiner gesellschaftlichen Folgen herausragend war der Streik der Lehrkräfte, die 15 Jahre nach Abschluss des letzten Tarifvertrags für höhere Gehälter, weniger Unterricht und mehr Personal kämpften. Der Druck – auch durch Schüler*innen und Eltern – war so groß, dass die baskische Regierung 7% mehr Bezahlung einräumte, Neueinstellungen versprach und die Gewerkschaften von einem “historischen Abschluss“ sprachen. Surrealistisch der Streik in der Raffinerie Petronor, wo die Betriebsleitung den Standort der Umkleideräume arbeitnehmerfeindlich verlegen wollte; der Streik wurde abgebrochen, weil seine Legalität in Frage stand, dafür urteilte ein Gericht, die Maßnahme des Unternehmens sei illegal.

TOURISMUS

bl2025jTourismus im Baskenland nimmt immer breitere Ausmaße an, in immer mehr Orten. Weiterhin werden Zahlenrekorde erzielt, bei Besuchen, Flügen, Belegungen. 2024 stellte mit 4,7 Millionen “Gästen“ einen Rekord dar, der 2025 übertroffen wurde (genaue Zahlen werden zur Fitur-Tourismus-Messe in Madrid Ende Januar bekannt gegeben. In Bilbo und Donosti sollen keine neuen Tourismus-Wohnungen mehr registriert werden, doch die bisher gemeldeten sind bereits zu viel, die Dunkelziffer geht ins Doppelte. In Bilbo werden jährlich zwischen zwei und vier Hotels neu eröffnet. Während die T-Wohnungen auf die Individual-Touristen zugeschnitten sind, haben Hotels die Funktion, in Konkurrenz zu anderen Städten Megaevents an Land zu ziehen. In mühsamen Verhandlungen hat die Zentralregierung erreicht, dass Airbnb die illegalen (nicht registrierten) T-Wohnungen aus seinen Seiten löscht, gleichzeitig wurde der Anbieter wegen seiner schmutzigen Geschäftspraxis zu einer Millionenstrafe verurteilt. Kleineren Orten abseits der Metropolen, aus denen die Jugend mangels Zukunfts-Perspektiven abwandert, fällt nichts anderes ein, als ebenfalls auf Tourismus zu setzen, um sich zu verkaufen. Wie weit die Branche um sich greift, wird deutlich an der Tatsache, dass nur 3 der 113 Gemeinden in Bizkaia noch nicht an Airbnb o.ä. angeschlossen sind, das Register spricht von offiziell 2.863 Tourismus-Wohnungen, die Dunkelziffer dürfte doppelt so hoch liegen.

Der Flughafen Bilbo-Loiu schreibt Rekorde und soll schrittweise ausgebaut werden, von behördlichem Stolz begleitet wurde eine erste Direktlinie mit New York eingerichtet. Hit des Jahres war das Europa-League-Finale zwei englischer Clubs in Bilbao mit 80 Tausend Fans und offiziell 40 Millionen Einnahmen, für die nicht annähernd ausreichend Schlafplätze bereitgestellt wurden, machten die Stadt unsicher, nahmen Restaurants und Ampelanlagen auseinander und hinterließen ein Chaos. Dennoch musste die verantwortliche Stadtverwaltung um schlechte Presse nicht fürchten, weil der Schlammassel in den Medien heruntergespielt wurde. Wichtig waren nur die Einnahmen und der Erfolgs-Eintrag in die Stadt-Chronik. Dagegen wirkt das Scheitern eines zweiten Guggenheim-Museums in Gernika als neuer Massen-Attraktions-Hit an einer breiten Protest-Bewegung wie ein Pyrrhus-Sieg.

WIRTSCHAFT

Wenn Gewerkschaften die Einführung eines baskischen Mindestlohnes fordern, wenn die Rentner*innen-Bewegung nach würdigen Renten schreit, dann sind das keine revolutionären Forderungen, die den baskischen Kapitalismus an den Rand seiner Existenz bringen würde, es sind reformistische Anliegen, die alles andere als unbezahlbar wären. Alles eine Frage des politischen Willens. Im staatlichen Vergleich sind Nafarroa und die CAV relativ gut funktionierende kapitalistische Volkswirtschaften (Iparralde steht dem nicht nach), in denen diese Forderungen problemlos erfüllt werden könnten – es geht lediglich ums Prinzip. Die baskische Wirtschaft ist – entgegen häufigen Behauptungen – alles andere als de-industrialisiert (VW, Mercedes, Michelin, Sidenor, CAF, Rüstungs-Industrie, Petronor, Windenergie). In der CAV gab es (trotz gleichbleibender Bevölkerungszahl und einer zunehmenden Veralterung der Gesellschaft) noch nie so viele Arbeitnehmer wie heute: in der Sozialversicherung verzeichnet sind 1,036 Millionen Beitragszahler*innen. Problematisch ist die zunehmende Bedeutung von Dienstleistung, Gastronomie und Tourismus, weil in diesen Sektoren keine Qualitäts-Arbeitsplätze angeboten werden.

WOHNUNGSNOT

In Der Region Baskenland (CAV), so die spanische Statistik-Behörde CIS sind die Mieten um etwa 30% gestiegen (ähnlich wie in Asturien und Kastilien-Leon). Der Markt gibt nicht das her, was nötig wäre, also steigen die Preise. Dem gegenüber steht der Wohnungs-Leerstand. Von Donostia und Gasteiz liegen keine Zahlen vor, doch in Bilbao stehen trotz diesem katastrophalen Wohnungsproblem offiziell 9.000 Wohnungen leer. Einerseits können viele Personen mit geringem Einkommen ihre Mieten nicht mehr bezahlen, werden aus ihren Wohnungen und Vierteln gedrängt oder zwangsgeräumt. Andererseits lehnen viele Eigentümer die Vermietung ihrer Objekte ab, “weil Mieter immer Probleme schaffen“. Einkommensschwache werden auf dem Wohnungsmarkt marginalisiert und ignoriert, Sozialwohnungen werden nicht annähernd ausreichend angeboten. Folge: die Zahl der Obdachlosen, Leute, die auf der Straße leben müssen, steigt dramatisch, vor allem Migrant*innen sind betroffen. Als Gegenmaßnahme hat die Stadt Bilbo für leerstehende Immobilien die Grundsteuer erhöht, Zahlen aus den vergangenen Jahren zeigen jedoch, dass diese letztendlich geringfügige Sanktion keine Wirkung hat. Die Stadt hätte die Möglichkeit, leerstehende Immobilien zeitweise zu enteignen, doch Privateigentum ist heilig im Kapitalismus, die bürgerlichen Vertreter trauen sich nicht, lieber nehmen sie tote Obdachlose in Kauf. Auch die Erklärung von Spannungs-Zonen in Nafarroa und der CAV, in denen die Mieten staatlich kontrolliert werden, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Weil auf dem kapitalistischen Markt weiterhin mit heftigem Widerstand zu rechnen ist, kann es nur die Aufgabe der Behörden sein, mit Sozialwohnungen für Abhilfe zu sorgen. Denn Ideen sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die baskische Regierung versucht in Bilbo-Miribilla und Leioa auf bereits fertig gebaute Häuser (mit öffentlicher Förderung) weitere Stockwerke zu setzen. Diese Wohnungen sollen zu einem Teil der geplanten 2.000 neuen Wohneinheiten in der CAV werden. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

ZABALZA

Im Herbst jährte sich der Mord der Guardia Civil an Mikel Zabalza zum 40sten Mal. Der Busfahrer aus Donostia und drei weitere Personen waren 1985 mit ETA-Mitgliedern verwechselt, verhaftet und in der Kaserne von Intxaurrondo brutal gefoltert worden. Drei wurden nach Tagen wieder freigelassen, Mikel verschwand. Die Kasernierten behaupteten, er sei bei einem Ortstermin am Bidasoa-Fluss geflüchtet. Niemand glaubte die Geschichte. Es folgten Wochen von vergeblicher Suche von Freunden und Feuerwehren am Fluss, alles wurde abgesucht. Nach drei Wochen wurde Mikels Leiche an einem Ort im Wasser entdeckt, der zuvor mehrfach abgesucht worden war. Die Guardia Civil hatte ihn zu Tode gefoltert und nachts ins Wasser gelegt. Ermittlungen gegen die Verantwortlichen verliefen im Sand, nie wurde jemand für den Mord zur Rechenschaft gezogen. Der Fall ist unvergessen und zu einem Fanal geworden für alle, die sich seit Jahren darum bemühen, Licht in das Dunkel der Straflosigkeit zu bringen, das die Policia Nacional und die Guardia Civil mit 10.000 Folterfällen seit den 1960er Jahren umgibt. Mittlerweile gibt es zwei Dokumentarfiilme, die die Ereignisse um Mikel Zabalza darstellen. Jon Artetxe, ein weiterer Betroffener von Intxaurrondo, beschreibt eindrucksvoll die Praxis der spanischen Polizei.

HERRIALDEAK – PROVINZEN

Bilbo: Zum 20.Mal in Folge erlitt die Stadt ihr BBK-Live Musik-Festival, zu dem erneut mehr als 100.000 Touristen die Stadt heimsuchten. Der zweite Makro-Event bestand aus einem europäischen Fußball-Finale, für das sich nicht wie erhofft das Heimteam Athletic qualifizierte, sondern zwei profane englische Clubs. Unvorstellbar, wie viel CO2 und Anwohner-Stress hätte gespart werden können, wenn das Spiel nach London verlegt worden wäre. Somit durften 80.000 englische Machos, ein Teil sichtlich gewaltbereit, die Innenstadt verdrecken und zerlegen, was des Bürgermeisters Stimmung deshalb erhöhte, weil auch Hooligans Geld ausgeben und so Millionen in die Stadtkassen gespült wurden.

Donostia (San Sebastian): Vom einfachen Pinxto zur Elite-Gastronomie, dies ist die Autobahn, auf der DSS weiter mit Hochgeschwindigkeit fährt. Nicht, dass Gefahr bestünde, den Ruf als Gastronomie-Hauptstadt zu verlieren, aber weil Stillstand Rückschritt ist, soll alles dafür getan werden, dass die neue Elite direkt vor Ort gepflanzt und aufgezogen werden kann. Dafür war bisher das BCC zuständig, das Basque Culinary Center – dazu kommt jetzt der BCC-Ableger Gastronomy Open Ecosystem – GOE: Von der Ausbildung zur Forschung – die Michelin-Sterne sollen nicht vom Concha-Himmel verschwinden. Dass dies in Rekordzeit gegen den Willen der Bevölkerung im Stadtteil Gros gebaut wurde, ist ziemlich egal, Elite hat ihren Preis. Mit diesem und anderen Problemen muss sich künftig ein neuer Bürgermeister herumschlagen, nachdem der vorige verbraucht war und mitten in der Amtszeit das Handtuch warf. Nirgendwo anders sind die Auswirkungen des Massentourismus so verderblich wie hier. Auch der Stopp für Neu-Anmeldungen von Tourismus-Wohnungen ändert nichts, die Altstadt wird zunehmend unbewohnbar. Eine rassistische Anzeige hat dafür gesorgt, dass eine nachbarschaftliche Essensversorgung auf der Straße für arme Leute verboten wurde, aus hygienischen Gründen, hieß es als Vorwand. Aus der ehemaligen Folterkammer der Guardia Civil soll ein Erinnerungs-Museum gemacht werden. Dass es gegen den Donosti-Promi Jokin Aperribay noch keine Rufmord-Kampagne gibt, ist peinlich: er ist nicht nur Chef des örtlichen Fußball-Clubs, sondern auch einer der bedeutendsten baskischen Rüstungs-Unternehmer.

bl2025kGasteiz (Vitoria): Außer dem Besuch der franquistischen Falange hatte die Hausbesetzungs-Stadt ein ruhiges Jahr: das Gaztetxe feiert bald seinen 40. Geburtstag und der Okupa-Stadtteil Errekaleor soll nun offenbar doch nicht geräumt werden. Vom architektonischen Juwel der Stadt wissen außerhalb nur wenige: seit 25 Jahren wird die alte Kathedrale renoviert, hat deshalb aber nicht die Luken dicht gemacht, sondern funktioniert nach dem Motto “Wegen Umbau geöffnet“. Die angebotenen Rundgänge vermitteln ein einzigartiges Bild von der Geschichte der Stadt, der mittelalterlichen Stadtmauer und den Veränderungen der Kirche selbst, von den unsinnigen Baumaßnahmen, die fast zum Zusammenbruch des Gebäudes führten und seiner wundersamen Genesung. Bekannter als die Kathedrale ist das Polizei-Massaker, das die spanische Polizei nur wenige Wochen nach Francos Tod in Gasteiz verübte, als die Arbeiter-Versammlung in einer Kirche scharf beschossen wurde, was fünf Tote und hunderte Verletzte zur Folge hatte. Zwar soll die mittlerweile entweihte Kirche zum Museum werden, doch bis zum 50. Jahrestag am 3. März 2026 wird es wohl nicht reichen, denn das Gebäude ist voller Müll. Zum “Jubiläum“ steht somit im Raum, dass der Verein der 3M-Opfer den gemeinsamen Memorial-Verband verlässt und die Behörden allein dastehen. Was wiederum deutlich macht, wie wenig sich die politische Klasse der Stadt mit dem antifranquistischen Erbe verbunden fühlt.

Iparralde: Eher still erleidet das Baskenland nördlich der Pyrenäen einen fortwährenden Rentner- und Massen-Tourismus. Im Verband baskischer Gemeinden, Euskal Hirigune Elkargoa (EHE), der einzigen offiziellen baskischen Institution (ohne große Kompetenzen und Haushalte) herrscht unspektakuläres business as usual. Weil die spanischen Sozialdemokraten der 1980er Jahre mit der Guardia Civil bezahlte Killer und Todesschwadronen geschickt hatten, um die vielen baskischen politischen Flüchtlinge zu ermorden und einzuschüchtern, gab es auch 2025 eine Reihe von Gedenk-Veranstaltungen für die im Auftrag der spanischen Gonzalez-Regierung Ermordeten durch die GAL (Grupos Antiterroristas de Liberación – Antiterroristische Befreiungs-Gruppen). In Baiona zum Beispiel wurde an die Toten der Monbar-Gaststätte erinnert, dort waren am 25. September 1985 vier Personen erschossen worden. Sogar aus den Reihen der baskischen Sozialdemokraten kamen Entschuldigungs-Botschaften. In der größten nordbaskischen Stadt hat die sozialistische Organisation EHKS das leer stehende Atalanta Kino besetzt, um dort ein politisches Zentrum aufzubauen. Kulturell stehen die drei kleinen Provinzen Lapurdi, Nafarroa Beherea und Ziburu zwei Mal im Jahr im Mittelpunkt des Interesses: am ersten Mai-Sonntag zum Ikastola-Schulfest in Senpere, zu dem sich 100.00 Fiesta-Willige einfinden; Ende Juni zum von Jugendlichen organisierten Musik-Festival Euskal Herria Zuzenean (EHZ) an wechselndem Ort; und Ende Juli zum Stadtfest in Baiona (Bayonne), das mittlerweile Eintritt kostet und regelmäßig Schlagzeilen von Übergriffen gegen Frauen und Schwule liefert. Mehr als im baskischen Süden kämpfen die euskaldunen Iparraldekoak um das Recht auf ihre Sprache, die im chauvinistischen Staat nie offiziell anerkannt wurde.

Nafarroa: Im Gegensatz zur CAV regieren im alten baskischen Königreich alle Kräfte links von der spanischen Rechten gemeinsam und ohne Polemik. In der Hauptstadt Iruñea-Pamplona tobt weiter die Debatte um den Abriss eines franquistischen Palastes, in dem die Faschisten-Generäle Mola und Sanjurjo begraben waren. Dass die raus mussten, darin waren sich alle einig, der Streit geht jetzt um Abriss oder nicht. Der linksliberale Bürgermeister Asiron will ein Memoria-Museum einrichten lassen, für die Memoria-Bewegung hingegen ist der Ruf des Gebäudes derart ruiniert, dass sie mehrheitliche den Abriss fordert. Volk gegen Behörde, das ist kein gutes Zeichen für die linke Koalition EH Bildu, die ihren Macht-Tribut bezahlt, indem sie sich über die aktive Basis hinwegsetzt.

AUSBLICK 2026

Bisher hat unter den baskischen Metropolen nur Bilbo einen Makro-Event für das kürzlich angeböllerte Jahr 2026 bekannt gegeben: das Final-Four-Finale der Rugby-Campions-League – ein schmackhafter Leckerbissen im Tourismus-Geschäft, denn im besten Fall sind Fans aus vier Ländern zu erwarten, bevorzugt aus Irland, Schottland, Frankreich und England. Beim ersten Finale dieser Art in Bilbo durften 84.000 Touristen begrüßt werden. Dazu will die event-verwöhnte Stadt (im Vorfeld der Fußball-WM 2030) wie 2024 im Jahr 2028 erneut das Champions-League-Finale der Frauen an Land ziehen, ein eher kleinerer Fisch, aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

Die drei bisher angekündigten politischen Highlights 2026 konzentrieren sich alle auf März. Der beginnt mit dem 50. Jahrestag des Polizei-Massakers in Gasteiz am 3. März 1976 und entsprechend umfangreich angelegten Erinnerungs-Feierlichkeiten. Es folgt am 14. März eine Demonstration gegen NATO und Rüstungs-Politik, zum Jahrestag des Referendums über den Verbleib Spaniens im westlichen Militärbündnis. Der antimilitaristischen Mobilisierung folgt ein Generalstreik der baskischen Gewerkschaften für ein baskisches Minimaleinkommen. Danach widmen sich die Verfechter*innen der baskischen Sprache der zweijährig organisierten Korrika, ein Solidaritäts-Lauf für das Euskara, der 10 Tage und neun Nächte ohne Zwischenstopp durch alle Gebiete des historischen Baskenlandes führt. KORRIKA! Zuvor ruft EHKS am 31. Januar zu einer Großdemo gegen Faschismus nach Bilbo. Die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA im Juli wird in Euskal Herria weitgehend ignoriert werden, da die baskische Auswahl nicht antreten darf.

ANMERKUNG:

Zur Mehrzahl der in diesem Rückblick angerissenen Themen hat Baskultur.info während des Jahres 2024 (und vorher) ausführliche Artikel publiziert. Bei der thematischen Suche helfen die Schlagworte der Webseite. Mehr Berichte zu diesen Themen sind zu finden im Blog Baskinfo, viele auf Spanisch oder Baskisch, ebenfalls mit Schlagworten und Etiketten.

ABBILDUNGEN:

(*) Baskultur.info / Foto Archiv Txeng

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-01-05)

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