Frauen, Arbeiter, Soldaten
Soldaten, Arbeiter und sonstige Männer sorgten in Bilbao für die Existenz von Prostitution. Die Historikerin Marina Segovia (Bilbao, 1993) untersucht die Regeln und Spannungen des “fröhlichen Lebens“ im alten Bilbao, des Bilbao der Minengebiete und der Arbeiterklasse im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Prostituierten sollten “aus dem Sichtfeld, aber in Reichweite der Kunden“ sein. Neben der Notwendigkeit der Existenz der Prostitution sollte der bürgerliche Schein um jeden Preis gewahrt werden.
In Zeiten der Industrialisierung wurden Tausende Arbeiter in Bilbao von Tausenden von Soldaten bewacht, um den Klassenkampf zu befrieden. Einzige Gemeinsamkeit war der Besuch bei Prostituierten. Politik und Militärführung waren besorgt über die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten.
Weil dort besonders reichhaltiges Eisenerz gefunden wurde, wurde Bilbo Zaharra (Bilbao La Vieja), das der Altstadt gegenüber liegende Arbeiter- und Fischer-Viertel, zum Zentrum der Industrialisierung in Bilbo. Der Berg in Richtung Pagasarri-Gipfel wurde langsam abgetragen, unten am Fluss wurde das Erz auf Schiffe verladen, daneben “hausten“ die Arbeiter. Viele hatten sich von entlegenen Regionen auf den Weg gemacht, in der Hoffnung in Bilbao oder Bizkaia eine bessere Zukunft zu finden. Häufig waren es junge Männer, die allein gekommen waren.
In der Nachbarschaft von Bilbo Zaharra lag etwas höher das Arbeiterviertel San Francisco (nach dem dortigen Franziskaner-Kloster aus dem Jahr 1490 benannt). Beides gehörte bis (zur Annexion) 1890 nicht einmal zur Stadt Bilbao, sondern zur Kirchengemeinde Abando. In San Francisco lebte die Masse der Arbeiter, dort wurde anstelle des abgerissenen Klosters eine Militärkaserne gebaut, nicht zuletzt, um die Arbeiter, die sich gegen ihre schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen aufzulehnen begannen, zu kontrollieren.
Das vielleicht einzige gemeinsame “Freizeit-Vergnügen“ von Arbeitern und Soldaten war der Besuch bei Prostituierten, die im ganzen Barrio verteilt arbeiteten, konzentriert jedoch in der legendären Cortes-Straße. Bis heute existieren dort entsprechende Rotlicht-Kneipen, Frauen stehen auf der Straße. Schnell breiteten sich Geschlechts-Krankheiten aus, in solcher Zahl, dass die Obermilitärs eine gesundheitliche Wehrkraft-Zersetzung befürchten mussten und Druck auf die Politik machten, dass dem Ausgangspunkt dieser Ausschweifungen ein Ende bereitet oder zumindest die Auswirkungen in Grenzen gehalten werden sollten. Neben der bürgerlichen Volksgesundheit hatte die Politik das Interesse, die zwangsläufig geduldete Sex-Tätigkeit zumindest aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit zu verbannen.
Die Historikerin Marina Segovia erklärt, dass es schwierig ist, sich einen Überblick über die Frauen zu verschaffen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert einem Gewerbe nachgingen, da diese Arbeit oft unter die vage Kategorie “typische Frauen-Arbeit“ fiel. Die Frauen, die der Prostitution nachgingen, haben dagegen eine klare Spur in den Registern und Gerichtsakten hinterlassen, in denen “ihr Name, ihr Alter, ihr Gesundheitszustand und so intime Details wie die Anzahl ihrer Krankenhaus-Aufenthalte“ festgehalten wurden. Dieses von der Verwaltung erstellte Profil ist jedoch schmerzlich unvollständig und erlaubt nicht, ihre soziale Herkunft, ihre persönliche Geschichte oder “die Freundschafts- und Solidaritäts-Bande, die sie untereinander geknüpft haben“ zu rekonstruieren, mit anderen Worten: “die Aspekte ihres Lebens außerhalb von Repression und Strafe“. (1)
Die Historikerin hat ihre Dissertation, mit der sie kürzlich an der Universität La Rioja promovierte, dem faszinierenden Bilbao der Jahrhundertwende gewidmet, das in den Zeiten der industriellen Revolution einen radikalen wirtschaftlichen, sozialen und städtebaulichen Wandel erlebte. “Der Bau der Ensanche (Stadterweiterung auf der linken Seite des Nervion-Flusses) und die Neugestaltung des Stadtzentrums verstärkten die sozialen Unterschiede“, berichtet Segovia, die sich in ihrer Arbeit mit der Anwendung der damals von Ärzten und Reformern vertretenen hygienischen Grundsätze in der Bizkaia-Hauptstadt befasst hat. Diese Grundsätze dienten beispielsweise als Grundlage für die vier Verordnungen zur Kontrolle der Prostitution, die zwischen 1873 und 1916 in Bilbao erlassen wurden, um “zwei Arten von Ansteckung zu verhindern, die körperliche und die moralische“. Einerseits sollte verhindert werden, dass sich Bürger-Männer im Kontakt mit den Prostituierten mit Krankheiten ansteckten, die mit der “Entartung der Arbeiterklasse“ zusammenhingen. Andererseits sollte die Normalisierung von sexuell ausschweifendem Verhalten unter Frauen verhindert werden.
“Um die öffentliche Ordnung zu gewährleisten und Bilbao in eine zivilisierte Stadt zu verwandeln, die den großen europäischen Städten ebenbürtig ist, mussten die Prostituierten aus dem Blickfeld der Passanten ferngehalten werden, auch wenn sie sich in Reichweite der Kunden befanden“, so die Historikerin, die darauf hinweist, dass die für die Prostituierten aufgestellten Regeln (das Verbot, sich von Balkonen zu lehnen, sich unanständig zu kleiden oder in betrunkenem Zustand herumzulaufen) schließlich das Verhalten anderer alleinstehender und berufstätiger Frauen beeinflussten, die in der Folge gezwungen waren, sich zu beschränken, “um Verwirrung zu vermeiden“.
Der Pferdestall von la Maña
Die erste dieser Bestimmungen aus dem Jahr 1873 unterschied zwischen den Häusern, in denen Prostituierte als Schülerinnen oder “Zöglinge“ wohnten, und den Bordellen, die von Gelegenheits-Prostituierten benutzt wurden. Die Preise wurden in drei Kategorien eingeteilt. In der ersten Kategorie betrug der Preis mehr als fünf Peseten, in der zweiten Kategorie zwischen zwei und fünf Peseten und in der dritten Kategorie weniger als zwei Peseten. Die Häuser mit niedrigerem Rang, die von den Arbeitern aufgesucht wurden, wurden “Tank“ (tanques) oder “Pferdestall“ (potreros) genannt, wie die von La Maña und La Pacha. Die Vorschriften verlangten, dass ein Arzt die Frauen wöchentlich untersuchte und ihre Einweisung anordnete, sobald ein Fall von Geschlechts-Krankheit festgestellt wurde. Spätere Verordnungen legten ein Mindestalter für die Tätigkeit als Prostituierte fest: 17 Jahre im Jahr 1894 und 23 Jahre im Jahr 1916.
Die Behörden verfolgten vor allem die illegale Prostitution, sowohl im Gebiet von Bilbao La Vieja (Bergbaugebiet direkt neben dem Fluss) und Cortes (die legendäre Prostitutions-Straße). Die Gegend war damals als “barrios altos“ bekannt, die “Oberen Viertel“. Wie in den Txakoli-Kneipen um die Alameda San Mamés Straße. Es handelte sich um ein heimliches Netzwerk, das letztendlich viel größer war als das “offizielle“. In der Tat hat die Autorin eine ungewöhnliche Beschwerde mehrerer “Bordell-Hausfrauen“ entdeckt – so stellten sie sich in einem an den Bürgermeister gerichteten Schreiben selbst vor. Darin bezichtigten sie “Hausfrauen des Empfangs oder der Verabredung“ mit Kunden außerhalb der Vorschriften der Verordnungen und ohne die üblichen Abgaben zu bezahlen, unlautere Konkurrenz also. “Heute gibt es kaum eine Straße in Bilbao, in der es nicht eine dieser Höhlen der erhabensten Heuchelei gibt, in denen die Tugend der Frauen wirklichen Angriffe erleidet“, beklagten die Damen, die versuchten, die Gutbürger mit ihrer Prognose zu erschrecken, dass “Bilbao bald von einer verderblichen Plage befallen sein wird, als Geschlechts-Krankheit bekannt, und als modernes Babylon bezeichnet wird“.
Korrupte Bourgeoisie
Die Historikerin hat als Überschrift für ein Kapitel ihres Werkes ein Zitat aus der sozialistischen Zeitung “La Lucha de Clases“ (Der Klassenkampf) gewählt. Dort heißt es 1894: "In Bilbao gibt es zwei Arten von Prostitution: die eine, die klassische, für das Proletariat, und die andere für die Bourgeoisie, die ihren besten Markt in der Correo-Straße hat. Schneiderinnen, Büglerinnen, Hutmacherinnen, Zigarettenmacherinnen und viele andere gehen dorthin, angezogen von den trügerischen Worten der korrupten Bourgeoisie (...) und dorthin strömen sie, wie die Fliegen der Geschichte, die ganze Phalanx der schamlosen Herren, die nur die Kunst beherrschen, die Mädchen zu täuschen". Wie Journalisten deutlich machten, wurden die ärmsten Arbeiterinnen oft zur Prostitution gezwungen. Es war eine Zeit tiefer sozialer Spaltung, mit einer “Feminisierung der Armut“. Die Situation verwandelte im schlechtesten Fall die “Witwenschaft, Waisenschaft oder die Tatsache, nicht verheiratet zu sein, in das Vorzimmer der Prostitution“.
Frauen waren besonders von Armut betroffen und von den Umständen oftmals regelrecht zur Prostitution gezwungen, teilweise mit Wissen ihrer Männer. Wohnungen für die Neuankömmlinge gab es nicht, alle wohnten in Barracken nahe der Erzminen. Die Neuen wurden “zu Gast“ bei anderen Arbeiterfamilien aufgenommen, die Frauen sorgten für den Haushalt, das Waschen der Wäsche und manches mehr. Viele der damaligen Prostituierten waren zuvor als Dienstmädchen in Haushalten tätig gewesen, aber es gab auch Schneiderinnen und natürlich junge Frauen, die einfache Hafenarbeiten verrichteten und an ein elendes Leben gewöhnt waren.
Marina Segovia zeichnet die Namen und Lebensumstände einiger dieser Frauen nach, darunter eine Gruppe, die im Juli 1849 wegen Prostitution inhaftiert wurde: Leoncia Avellano, eine verwaiste vierundzwanzigjährige Ladearbeiterin (carguera), die sich keine Herberge leisten konnte und nur gelegentlich bei ihrem Bruder, einem Seilmacher, übernachtete; Engracieta Unzueta aus Araba, ebenfalls eine Carguera, die mit einigen Begleiterinnen in der Gegend am El Arenal umherzog, dem altstadt-nahen Park direkt neben dem alten Hafen; Manuela Susaeta, eine verwitwete Wäscherin aus Deusto, die Soldaten die Wäsche machte, sich aber nicht einmal ein Zimmer leisten konnte; oder Dominga Malax, eine Tagelöhnerin in einer Stecknadel-Fabrik, um nur einige zu nennen. Nachbarn und Verwandte “sagten zu ihren Gunsten aus, dass sie sich zwar prostituierten, dies aber nicht in der Öffentlichkeit taten und keinen Skandal verursachten“, das Verfahren wurde schließlich eingestellt.
ANMERKUNGEN:
(1) “Las prostitutas del viejo Bilbao, «fuera de la vista, pero al alcance de los clientes” (Die Prostitueirten des alten Bilbao, aus dem sichtfeld, aber für Klienten erreichbar), Tageszeitung El Correo, 2025-04-05 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Jose Gutierrez Solana: Prostituierte
(2) Frauen 19. Jh. (euskonews)
(3) Cortes, San Francisco (naiz)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-04-17)
