mall01“Durchaus zerstörerisch”

Im November 1936 war die Legion Condor der Nazis einsatzfähig, um im Spanienkrieg eine entscheidende Rolle zu spielen. 20.000 Nazi-Soldaten war 29 Monate lang an den verschiedensten Ort im Einsatz, in hunderten von tödlichen Bombenflügen. Die berüchtigtste Aktion war die völlige Zerstörung der baskischen Stadt Gernika im April 1937. Weniger bekannt ist der Einsatz der Flugstaffel auf der Balearen-Insel Mallorca, wo sogenannte Seeflieger tätig waren, die auch auf der Halbinsel ihre Bomben abwarfen.

Mallorca 1937: Im Spanienkrieg fliegt die hier stationierte nazi-deutsche Legion Condor ihre Einsätze. Von Pollença aus agierte Hitlers Legion auch auf dem spanischen Festland “durchaus zerstörerisch”.

Der deutschstämmige Walter Waiss arbeitet an neuen Veröffentlichungen zur Rolle der Legion Condor auf Mallorca während des Spanienkriegs. Interview mit dem auf der Insel lebenden Forscher über die Bedeutung der fliegenden Kampftruppe des Nazi-Diktators im Mallorca Magazin. (1)

Mallorca Magazin: Sie haben als passionierter Forscher bisher sechs Bände über die Legion Condor veröffentlicht, das sind umfangreiche Dokumenten-Sammlungen mit vielen Originaltexten und Fotos über Hitlers Fliegertruppe im Spanischen Bürgerkrieg. Was reizt Sie an diesem Thema? (2)

mall02Walter Waiss: Ich habe mich generell mit Themen der Fliegerei beschäftigt. Mein direktes Interesse an der Legion Condor wurde dadurch geweckt, dass einer der letzten Adjutanten der dritten Kampfflieger-Staffel K/88, Leutnant Heinz Wolf, mir seine Unterlagen zur Auswertung überließ. Danach habe ich ausschließlich nach Unterlagen, Fotos und Dokumenten aus dem Spanischen Bürgerkrieg gesucht, was zur Folge hatte, dass ich diese sechs Bände veröffentlicht habe. Ein weiterer ist in Arbeit. Er wird noch dieses Jahr erscheinen.

MM: Was sind Ihre Quellen?

Waiss: Die Herren, die noch bei der Legion Condor in Spanien waren, sind längst verstorben, aber ich habe umfangreiche Dokumente, Fotos etcetera aus vielen Archiven bekommen, die ich auswerte. Dazu zählen in meinem Freundeskreis auch Sammler, die mir diese privaten Unterlagen zur Verfügung stellten und stellen.

MM: Warum hat Hitler die Legion Condor aufstellen lassen und sie nach Spanien entsandt?

Waiss: Hitlers gesamte Politik war auf Krieg ausgerichtet. Deutschland stand unter seiner Diktatur und Hitlers größter Gegenpart war Stalin mit Sowjet-Russland. Hier auf Spaniens Boden konnte Hitler Stalin Widerstand entgegensetzen und gleichzeitig Frankreich “in Schach” halten. Der unerwartet ausgebrochene Bürgerkrieg in Spanien bot ihm plötzlich die Gelegenheit, sein militärisches Personal zu erproben sowie das entwickelte Kriegsgerät zu testen. So wie es andere Kriegsteilnehmer, etwa Mussolini, auch machten.

MM: Wie viel Mann waren bei der Legion Condor im Einsatz? Und wie muss man sich den Einsatz vorstellen?

Waiss: Die Soldaten wurden, meist als Zivilisten getarnt, mit Schiffen von Hamburg aus auf die Reise geschickt. Tagsüber hatten die Soldaten unter Deck zu bleiben. Auch die Anlandungen, ob in Vigo oder Cádiz, gingen aus Tarnungsgründen nur nachts vonstatten. Das Aussehen der Soldaten auf der Reise war kurioserweise fast immer gleich, denn sie wurden mit den Zivilanzügen der Kampfrichter der Olympischen Spiele 1936 ausgestattet. Die Soldaten blieben im Regelfall sechs Monate (inklusive Abfahrt bis Rückkehr) in Spanien. Somit hielten sich maximal 5.000 Mann gleichzeitig in Spanien auf. Insgesamt wurden auf diese Weise rund 20.000 Soldaten aus Deutschland in Spanien eingesetzt.

MM: Gab es auch Frauen bei der Legion Condor in Spanien?

Waiss: Nein.

MM: Wie kam es überhaupt zu dem Namen Condor?

Waiss: Das ist nicht eindeutig gesichert. Amtlich lautete die Tarnbezeichnung zunächst “Winterübung Rügen”. Nach allem Abwägen sehe ich es wie mein Forscherkollege Günther Ott als wahrscheinlich an, dass Admiral Wilhelm Canaris, Chef der deutschen Abwehr, den Namen Legion Condor eingebracht hat, als er Ende Oktober 1936 im Auftrag Hitlers abschließend mit General Franco die sofortige Zurverfügungstellung dieser Truppe aushandelte. Canaris war auf deutscher Seite der Einzige mit einem Bezug zur Vogelart Condor. 1915 als Offizier des leichten Kreuzers “Dresden” in Chile interniert, gelang ihm von dort die Flucht nach Deutschland. Dabei überquerte er auf seinem Weg nach Argentinien die Anden, wo bekanntlich der Condor zu Hause ist.

(Anmerkung: Es überrascht, dass ein Legion-Condor-Forscher die Herkunft des Namens nicht zu erklären weiß. Ein Blick auf die Forschungsarbeit des Arbeitskreis Regionalgeschichte in Neustadt bei Hannover liefert hierzu mehr Information. Die dortige Kleinstadt Wunstorf war wichtigster Ausgangspunkt der Legion Condor, die in Nazi-Deutschland ab 1934 unter dem Namen Traditions-Geschwader Boelcke bekannt war, getarnt als zivile Luftfahrt. Denn aufgrund der Auflagen des Versailler Vertrags nach dem ersten Weltkrieg war die deutsche Reichswehr auf 100.00 Mann begrenzt, eine Luftwaffe durfte es nicht geben. Doch deutsche Militärs und Regierungen setzten sich über den Friedensvertrag hinweg und rüsteten heimlich auf, darunter die Unternehmen Junkers und Dornier. Schon zu Zeiten der Weimarer Republik wurde die Zivil-Luftfahrt so organisiert, dass der rasche Aufbau einer Luftwaffe möglich wurde, getarnt in zivilen Flugschulen und Segelflug-Clubs – wie in Wunstorf – wurde Kriegspersonal ausgebildet.

1926 fusionierten die Fluggesellschaften “Junkers Luftverkehr“ und “Deutscher Aero Lloyd“ zur “Deutschen Lufthansa AG“, die bei der Erprobung neuer kriegstauglicher Maschinen eine zentrale Rolle spielte. Ergebnis war das Flugzeug Junkers-52, 1930 fertiggestellt. Die Ju-52 wurde mit zusätzlichen Motoren ausgestattet, sodass problemlos Bomben-Abwurf-Vorrichtungen hinzugebaut werden konnten. Mai 1932 wurde die drei-motorige Version an die Lufthansa ausgeliefert, die sie von ihrem Tochter-Unternehmen “Condor-Syndikat“ auf Langstrecken-Flügen in Mittel- und Süd-Amerika erproben ließ. Vom “Condor-Syndikat“ zur “Legion Condor“ ist kein weiter Weg. Das zeigen auch die Firmen-Logos der Lufthansa, vom Kranich zum Condor. Der Name Condor war somit bereits vier Jahre vor dem Spanienkrieg im Spiel.) (3)

mall03MM: Es ist bekannt, dass die Legion Condor auch in Port de Pollença im Norden von Mallorca stationiert war. Zu welchem Zweck?

Waiss: Es handelte sich um die Teileinheit AS/88, also die Aufklärungs-Staffel See, auch Seeflieger genannt. Sie sollten die spanische Ostküste, Menorca und feindliche Schiffe bombardieren. Die von Pollença aus startenden Flugzeuge waren Heinkel-Maschinen vom Typ He 59. Sie waren zu jener Zeit jedem republikanischen Jäger hoffnungslos unterlegen. Daher griffen diese Wasserflugzeuge, die maximal 1.000 Kilo Bomben tragen konnten, die spanischen Häfen nur nachts an. Auf Städte fanden keinerlei Bombenangriffe statt, denn mit einer maximalen Geschwindigkeit von 230 Stundenkilometer konnten in den Häfen auf Schiffe oder Lagerhäuser nur “Nadelstiche” stattfinden. Allerdings waren diese Kampfflieger in den ost-spanischen Nachschub-Häfen durchaus zerstörerisch. Selbstverständlich wurden auch Bahnhöfe und Bahnlinien angegriffen, aber die Zieltechnik, und dann noch bei Nacht, war ausgesprochen miserabel. Bombenwürfe durften nur auf die ausgewählten und befohlenen Ziele erfolgen. Fand die Flugbesatzung die Ziele nicht, mussten Ausweichziele angegriffen werden; oder die Bomben wurden vor dem Rückflug nach Mallorca ins Wasser geworfen.

MM: Die Legion Condor trug also Krieg und Zerstörung auf das spanische Festland. Gibt es Schätzungen, wie viele Menschen dem Bombenterror zum Opfer fielen?

Waiss: Jeder Luftkrieg ist schrecklich! Aber genaue Zahlen sind nicht gesichert. Sie reichen je nach Autor und Forscher von Hunderten bis zu Tausenden.

(Anmerkung: Bei der Zahl von Opfern muss von Zehntausenden ausgegangen werden. Allein bei der Bombardierung und Vernichtung der baskischen Kleinstadt Gernika starben mehr als 2.500 Menschen. Forschungen der Historiker Xabier Irujo und Angel Villas belegen dies deutlich. Die Nazi-Legion war jedoch im gesamten Staatsgebiet eingesetzt. Mit ihrer technisch bedingten absoluten Luft-Überlegenheit, gegen die es damals keine Abwehrmittel gab, wurde sie kriegsentscheidend.)

MM: Für wie groß bewerten Sie das Ausmaß an Sachzerstörung, für die die Legion Condor verantwortlich ist?

Waiss: Diese Kampfeinheit aus Pollença hat unzweifelhaft große Zerstörungen angerichtet. Aber es waren so gut wie keine Bombenabwürfe direkt auf Städte vorgesehen gewesen. Die bevorzugten Ziele waren Häfen und Bahnhöfe mit den anliegenden Lagerschuppen. Dass bei solchen Angriffen auch Zivilisten zu Tode kamen, liegt auf der Hand.

MM: Von wann bis wann war die Legion Condor in Port de Pollença stationiert? Wie viele Flugzeuge waren dort im Einsatz?

Waiss: Im Frühjahr 1937, nach dem Fall von Málaga im Februar, gab es im südlichen Mittelmeer keine Einsatzmöglichkeit mehr, die Flüge über Wasser rechtfertigen. So wurde auf spanischem Vorschlag hin diese kleine Einheit, nicht mehr als sechs Flugzeuge vom Typ He 59 und ein Aufklärer vom Typ He 60, im Frühsommer nach Pollença verlegt. Die Stationierung blieb dort bis Kriegsende, also April 1939, bestehen.

mall04MM: Und wie viele Flugzeuge waren spanienweit eingesetzt worden? Wurden auch einige vom Gegner abgeschossen? Wie hoch ist die Zahl der Gefallenen der Legion Condor?

Waiss: Die genaue Zahl der Verluste, also die Stückzahl an Flugzeugen, habe ich noch nicht recherchiert. Durch Flak- oder Jägerbeschuss sind aber durchaus Maschinen verunglückt. Die grobe Zahl der Verluste liegt bei zirka 350 Mann für den gesamten Bürgerkrieg.

MM: War die Einheit in Pollença im Vergleich zu den anderen Legion-Condor-Standorten auf dem Festland von herausragender Effizienz oder eher von untergeordneter Bedeutung?

Waiss: Wie oben schon angedeutet, waren die Flieger der AS/88 sehr effizient, obgleich die Gesamtzahl der eingesetzten Soldaten, also fliegendes Personal und Werkstatt-Personal, die Zahl 120 nicht überschritt.

MM: Wie waren die Legionäre in Port de Pollença untergebracht?

Waiss: Sie bezogen Unterkünfte in beschlagnahmten Hotels. Dort genossen sie auch die Unterbringung direkt am Strand, das gute, für sie geradezu exotische Essen, das mediterrane Flair mit Palmen und Kakteen etcetera.

MM: Trugen die Legion-Condor-Angehörigen deutsche oder spanische Uniformen?

Waiss: Die deutschen Legionäre trugen ausschließlich spanische Uniformen.

MM: Gab es intensive Kontakte zu den Mallorquinern?

Waiss: Der Kontakt war sehr begrenzt, weil so gut wie niemand unter den Deutschen Spanisch sprach.

mall05MM: Gibt es Aussagen darüber, wie die deutschen Soldaten und Flieger ihre Einsatzzeit auf Mallorca empfanden?

Waiss: Viele haben diesen Einsatz als ein großes “Abenteuer” angesehen. Dies ist auch an den vielen Landschaftsfotos zu ersehen. Die Seeflieger kamen aus dem Küstenland in Norddeutschland und hatten vorher selten Berge gesehen. Auslandsaufenthalte, so wie wir uns heute Auslands-Urlaube vorstellen, hatten sich nur Offiziere leisten können. Auf Mallorca badeten die Legion-Condor-Angehörigen im Meer, segelten, gingen Wandern, machten Ausflüge ... Es ist anzunehmen, dass nicht wenige von ihnen Jahrzehnte später auf die Insel zurückkehrten – diesmal als Touristen, um die alten Schauplätze noch einmal zu erleben. Ob man will oder nicht, Mallorca hatte es ihnen angetan.

MM: Haben Sie in Ihren Buch-Publikationen eine Botschaft an Ihre Leser?

Waiss: In Bezug auf die Legion Condor: Der Faschismus ist auf allen Ebenen zu bekämpfen! Aber ich differenziere zwischen den Soldaten im Militärdienst und den politischen Akteuren. 

Legion Condor bei Baskultur.Info: "Anthologie: Legion Condor" (LINK)


ANMERKUNGEN:

(1) “Von Pollença aus agierte Hitlers Legion Condor ‘durchaus zerstörerisch‘ auf dem spanischen Festland“, Mallorca Magazin 2024-02-24, Interview von Alexander Sepasgosarian. Infos zum Buch: Walter Waiss: “Legion Condor - Berichte, Dokumente, Fotos, Fakten“. 272 Seiten, 370 Fotos (LINK)

(2) Allein die Tatsache der kriegs-entscheidenden Teilnahme der Legion Condor der Nazis macht den Begriff “Spanischer Bürgerkrieg“ zum Absurdum. Der Krieg hatte seinen Ausgangspunkt zwar in einem Militärputsch ultrarechter spanischer Militärs gegen die legitime Republik, er wurde jedoch von Beginn an von ausländischen Mächten unterstützt. Zu Beginn vom faschistischen Portugal und Mussolinis Italien, anschließend von den Nazis. Auf der anderen Seite gab es die Unterstützung durch die Sowjetunion und später die Internationalen Brigaden. So wurde dieser Krieg zum Stellvertreter-Krieg von sozialistischen und faschistischen Kräften auf breiter Ebene. Der Begriff “Bürgerkrieg“ impliziert “interne Angelegenheiten“, fern von der Realität, der Begriff “Spanienkrieg“ ist weitaus treffender. Kein Zufall ist es, dass der 2. Weltkrieg von den Nazis genau fünf Monate nach dem Ende des Spanienkrieges begonnen wurde. Ein anderer Ausgang des Spanienkrieges hätte die Weltgeschichte in andere Bahnen geleitet – niemandem war dies stärker bewusst als den internationalen Brigadisten, die nicht nur für die spanische Republik in den Kampf zogen, sondern generell gegen den Faschismus.

(3) Quelle: “… Ein voller Erfolg der Luftwaffe. Die Vernichtung von Gernika am 26. April 1937. Geschichte und Gegenwart eines deutschen Kriegsverbrechens“ (Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt). (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Legion Condor (mallorca magazin)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-02-25)

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