(*) Fermin Muguruza (dokfilm)
Jubiläums-Tour dokumentiert

Nach der erfolgreichen Tournee zum 40. Bühnen-Jubiläum von Fermin Muguruza war zu erwarten, dass es einen Nachschlag geben würde: ein Dokumentarfilm. Ander Merino Etxebeste hatte bereits einige solche Streifen über Musiker gedreht, aber noch keinen von der Größenordnung von „Muguruza 40 FM Tour“. Über ein Jahr lang drehte Etxebeste quer durch das Baskenland, im spanischen Staat (wo FM mehrfach verboten und boykottiert wurde) und in Lateinamerika. Im September 2026 feiert der Film seine Premiere.

„Fermin Muguruza schafft ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl“ ist das Resümee des Filmemacher Ander Merino Etxebeste, der aus der „Muguruza 40 FM Tour“ einen Dokumentarfilm gemacht hat. Ein Interview.

Weniger als einen Monat vor der Premiere beim Filmfestival Zinemaldia in Donostia-San Sebastian erzählt Ander Merino einige der wichtigsten Aspekte des ambitionierten Dokumentarfilms „Muguruza 40 FM Tour“: wie der Entstehungsprozess verlief, was die intensivsten Momente der Tour waren und auch die schwierigsten. Vor allem aber, welche Erwartungen er angesichts der Tatsache hat, dass die Premiere an einem so symbolträchtigen Ort wie dem Velodrom von Anoeta stattfindet. Gara-Interview mit dem Filmemacher Extebeste. (1)

Wie verlief der Dreh dieser Tournee? Ich kann mir vorstellen, dass eine riesige Menge an Filmmaterial entstanden ist.

AME: Fermin gab uns einige Vorgaben, darauf aufbauend haben wir bei jedem Konzert eine Vorauswahl an Aufnahmen getroffen, um am nächsten Tag ein Video zusammenzustellen. Diese Videos haben wir dann für den Schnitt des Dokumentarfilms verwendet und dabei erneut jene Momente ausgewählt, die live während der Konzerte unserer Meinung nach die größte Wirkung hatten. Das war unsere Vorgehensweise, wir hatten weder eine vorgefasste Idee noch ein Drehbuch.

Laut Fermin war die Tournee voller bewegender Momente. Welcher der im Dokumentarfilm gezeigten Momente spiegelt diese Verbindung zum Publikum am treffendsten wider?

AME: Da gibt es mehrere, aber ich würde mich zweifellos für das Konzert in Santiago de Chile entscheiden. Ich hatte noch nie zuvor eine solche Power seitens des Publikums erlebt. Der Moment, als sie anfingen, „La familia Iskariote“ mitzusingen, vor allem den Teil mit „Sabotage! Rebellion!“, war so überwältigend, dass ich mich daran erinnere, gedacht zu haben: „Was ist das denn?“ Da wurde mir bewusst, was Fermin durch seine Lieder erreicht: Er schafft ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl. Danach gab es noch andere bewegende Konzerte, vor allem die im Baskenland, in Miribilla (Bilbao), Anoeta (Donostia) oder in Navarra Arena (Iruñea-Pamplona), mit dem wir die Tournee abgeschlossen haben. Aber an diesen Moment in Chile, von dem ich dir erzähle, erinnere ich mich noch sehr lebhaft. (Anm: Das Lied „La familia Iskariote“ stammt von Kortatu, der ersten Rockgruppe von Fermin Muguruza aus dem Jahr 1985. Der Refrain lautet: ¡Sabotaje! ¡Rebelión! ¡Desobediencia! ¡Agitación! (Sabotage! Rebellion! Ungehorsam! Agitation!)

In ganz Lateinamerika hat Fermin eine treue und begeisterte Anhängerschaft, worüber hier im Staat wenig gesprochen wird.

AME: Nicht nur das, er hat dort auch Menschen, die in gewisser Weise Teil seiner Laufbahn sind. Ich fand es unglaublich, dass er in jedem Land, in das wir kamen, wenn er uns jemandem vorstellte, sagte: „Schau mal, das ist derjenige, der hier das erste Konzert von Negu Gorriak auf die Beine gestellt hat“ oder „Diesen anderen kenne ich schon seit ich weiß nicht wann“. Das verdeutlicht dieses Gemeinschaftsgefühl, von dem ich dir zuvor erzählt habe. Für Fermin gilt: Wenn du zu seinem Team gehörst und seinen Kampf teilst, gehörst du zu den Seinen, und er kümmert sich darum, diese Verbindungen aufrechtzuerhalten.

Es gab auch Momente der Spannung, die sich, wie ich mir vorstellen kann, im Film widerspiegeln.

AME: Nun, letztendlich denke ich, dass er selbst am meisten unter diesen Momenten der Spannung leidet. Vor allem, wenn er kritisiert wird oder wenn aus bestimmten Kreisen dazu aufgerufen wird, seine Konzerte zu boykottieren. Ich habe die Auswirkungen all dessen von außen mitbekommen. Wenn man sieht, dass sich in einem ganz bestimmten Zeitraum immer wieder dieselbe Abfolge von Ereignissen wiederholt. Da knirscht es dann irgendwie, aber es ist etwas, das fast schon Teil seines Lebens ist, und sein Leben besteht ja gerade darin, sich aufzulehnen.

Eine andere Sache war die Geschichte in Mexiko, damit hatten wir ehrlich gesagt zuletzt gerechnet. Ich sah, wie Fermin sich in den hinteren Teil der Bühne zurückzog. Da wurde mir klar, dass etwas Außergewöhnliches vor sich ging, denn das ist sonst nicht seine Art. Man sagte uns, dass draußen jede Menge Militärs standen. Ich dachte, das wäre wohl nichts Besonderes, aber als ich nach oben ging und auf die Straße schaute, war ich total geschockt. Die Soldaten saßen in Autos, mit Maschinenpistolen. Das war echt beängstigend. Zum Glück blieb das Publikum ruhig und benahm sich cool, denn diese Leute warten nur darauf, dass etwas eskaliert, um dann zu behaupten, du seist der Bösewicht. All das ist in der Dokumentation zu sehen.

Welche Verbindungen gibt es deiner Meinung nach zwischen Kino und Musik, dass es in letzter Zeit so viele Dokumentarfilme gibt, die sich mit dem musikalischen Schaffensprozess oder den Live-Auftritten bestimmter Künstler beschäftigen?

AME: Es gibt viele Arten von Dokumentarfilmen über Musik oder Musiker*innen. Unser Film ist ein Dokumentarfilm, in dem es zwar Aufnahmen von vielen Konzerten gibt, aber auch Momente der Stille spielen eine große Rolle. Ebenso Szenen, in denen Fermin in die Kamera spricht oder sich mit Oihana Barrena (2) unterhält. Wir wollten weder einen Musik-Dokumentarfilm im Stil eines Musikvideos noch einen Dokumentarfilm mit sprechenden Porträts drehen. Es gibt einen narrativen Faden, der ein wenig die Richtung vorgibt, die wir einschlagen wollten. Aber klar ist, dass die Musik einen zentralen Platz einnimmt. Sowohl für Fermin als auch für mich ist Musik Teil unseres Lebens.

Aber ist es möglich, dass der Film diese Magie eines Live-Auftritts einfangen kann?

AME: Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Ich glaube, wir haben es dank Fermin geschafft. Er hat viel Erfahrung und weiß, wie man die Kamera positioniert, um die besten Aufnahmen zu erzielen. Er sagte mir immer: „Film mich aus dem Pogo heraus“, denn 1993 wurde von dort aus ein Konzert mit Negu Gorriak gefilmt, und man sieht, dass das sehr eindringliche Bilder sind, die es einem ermöglichen, sich dem Erlebnis dieses Moments anzunähern.

Du hast zuvor die Mitwirkung von Oihana Barrena im Film erwähnt. Warum wurde sie als roter Faden gewählt?

AME: Das ergab sich ganz natürlich. Oihana wirkte in dem Werbevideo für das Konzert in Anoeta mit, während das Stück „Aizkora bat behar dut“ (Ich brauche eine Axt) lief. Da dieses Video zu den ersten Materialien gehörte, die wir verwendeten, entstand daraus die Idee. Später, während der Tournee, war sie bei mehreren Konzerten dabei und hackte auf der Bühne Holzstämme – sie war also eine, die das Projekt unterstützte. Da weder Fermín noch ich diese Figuren mögen, die in die Kamera reden und Dinge erklären, dachten wir, dass ein Dialog und eine Begegnung zwischen den beiden genau der narrative Faden sein könnte, nach dem wir gesucht hatten.

Außerdem verkörpert Oihana als Person sehr gut all jene Werte der Vielfalt und Multikulturalität, für die Fermín sich stets eingesetzt hat: Sie ist eine Frau und „Aizkolari“, eine Disziplin, die seit jeher von Männern dominiert wurde; sie ist Baskin, hat aber kapverdische Wurzeln. Das heißt, sie verkörpert dieses Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln, aber auch zur kulturellen Mischung, zu der Vereinigung verschiedener Kulturen, die im selben Kampf zusammenfließen, für den sich Fermin stets eingesetzt hat.

Was bedeutet es für euch, dieses Werk an einem Ort wie Anoeta im Rahmen des Zinemaldia zu präsentieren?

AME: Einfach der Hammer … Es stimmt zwar, dass Fermin kein Neuling ist, da er dort bereits „Black is Beltza“ uraufgeführt hat. Aber Anoeta hat für ihn eine so große symbolische Bedeutung, dass ich sagen würde, er ist von allen am meisten begeistert davon, dass dieser Dokumentarfilm, den wir gedreht haben, dort seine Premiere feiert (lacht).

Zudem schließt sich damit der Kreis, oder? Denn in Anoeta fand eines der ersten Konzerte der Tour statt – es ist, als kehre man an den Ort zurück, an dem alles begann. Mir macht es besonders viel Freude, den Film vor 2.000 Menschen zu zeigen. Denn das schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Was ich dir auf jeden Fall sagen kann: es war Fermins klare Absicht, dass die Premiere dort stattfinden muss. Und wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat oder eine Sache klar vor Augen hat … oft weiß man nicht, wie, aber am Ende schafft er es. Was mich an dieser Erfahrung mit ihm am meisten beeindruckt hat, dass ich seine Arbeitsweise aus nächster Nähe miterleben konnte – wie er sich engagiert, wie er die Dinge organisiert.

Außerdem verleiht die Präsentation beim Zinemaldia dem Dokumentarfilm eine film-historische Dimension, oder? Er holt euer Werk aus der Nische „Film für Fans des Künstlers“ heraus, zu der solche Arbeiten oft verdammt zu sein scheinen.

AME: Richtig. Genau das war eines unserer Ziele: dass dies ein Dokumentarfilm wird, den die Zuschauer genießen können, auch wenn sie sich nicht für die Person Fermin interessieren oder seine Musik nicht mögen … Er sagte uns immer: „In dem Dokumentarfilm geht es um die Tour, oder? „Er handelt nicht von mir“, und das hat unsere Arbeit geprägt. Auch wenn es natürlich sehr schwer ist, den Fokus nicht auf ihn zu richten. Denn auf dieser Tour feierte er sein 40-jähriges Bühnenjubiläum. Aber wir wollten auf jeden Fall ein Werk schaffen, das für jedes Publikum unterhaltsam ist.

FERMIN MUGURUZA

Weitere Publikationen bei Baskultur.info zu Fermin Muguruza:

Fermin Muguruza im Gespräch – “Ich gehöre der Kulturfront an“ (2024-11-22) 
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Fermin Muguruza – 40 Jahre Kortatu (2024-07-04)
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Esne Beltza letzter Akt – “Schwarze Milch“ Abschiedstour (2023-12-02)
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Fermin Muguruza filmt – Black is Beltza, Teil zwei (2022-01-05)
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Fermin Muguruza – Irun meets New Orleans (2015-12-22)
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ANMERKUNGEN:

(1) “Fermin Muguruza schafft ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl” (Original: “Fermin Muguruza genera un sentimiento de comunidad brutal”), Tageszeitung Gara, 2026-08-18, Autor: Jaime Iglesias (LINK)

(2) Oihane Fernández de Barrena Cardoso (1999) ist Aizkolari (Sport-Holzhackerin). Sie lebt in Heredia in der baskischen Provinz Álava, pflegt jedoch enge Beziehungen zu ihrer Familie mütterlicherseits auf den Kapverden. Sie arbeitet auf dem Familienbauernhof und widmet sich den baskischen Landsportarten, insbesondere dem Holzhacken mit der Axt, aber auch dem Steineheben. Bei verschiedenen Wettbewerben im Holzhacken mit der Axt hat sie das Finale erreicht. Auch bei verschiedenen Feierlichkeiten und Stadtfesten treten die Aizkolaris auf öffentlichen Plätzen auf und stellen ihr Können zur Schau.

(3) Das Internationale Filmfestival von San Sebastián nennt sich offiziell in baskischer Sprache Donostiako Zinemaldia. Das einwöchige internationale Filmfestival findet seit 1953 jährlich im September in Donostia-San Sebastián statt. Die Filme werden in verschiedenen Lokalitäten der Stadt präsentiert. U.a. steht auch das Velodrom von Anoeta dafür zur Verfügung. Es handelt sich um eine Sporthalle mit einer Kapazität für 5.500 Zuschauer*innen. Sie wird vor allem für Leichtathletik, Motocross-Veranstaltungen und Konzerte genutzt. Sie wurde 1965 eröffnet und war bis 1973 ein Freiluft-Velodrom, bevor sie überdacht wurde.

ABBILDUNGEN:

(*) Fermin Muguruza (dokfilm)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-08-19)

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