aizkolari01Berufs-Traditionen bewahren

Waldwirtschaft hat im Baskenland eine lange Tradition. In längst vergangenen Zeiten wurden Bäume von Hand mit der Axt gefällt. Um diese – und eine lange Reihe anderer – ehemaligen bäuerlichen Tätigkeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wurde daraus ein Sport gemacht, der heute bei keiner baskischen Fiesta und bei keinem Vieh- oder Großmarkt fehlt. Die Rede ist von Herri Kirolak, dem baskischen Landsport, bei dem an Steineheben, Holzfällen, Rudern oder die Arbeit in den Bergwerken erinnert wird.

Aizkolaris wurden in Euskal Herria die Holzfäller genannt, die mit ihren aizkora-Äxten die Bäume flachlegten, um sie anschließend ins Tal zu bringen und zu verarbeiten. Ein Männerberuf, der heute zum Vorzeige und Wettbewerbs-Sport geworden ist, zu dem langsam auch Frauen Zutritt suchen.

Legenden und alte bäuerliche Traditionen spielen im Baskenland bis heute eine große Rolle. Nicht mehr im Alltag, sondern als Folklore und Geschichts-Lektion bei Festen und auf Märkten. Mit der Elektrifizierung und dem Einsatz immer potenterer Maschinen wurde menschliche Arbeitskraft ersetzt, ganze Berufe wurden verdrängt, in den Städten und ihren Fabriken, vor allem aber in ländlichen Gebieten. Weil Euskal Herria eine traditionsbewusste Gesellschaft ist, wurde nach Wegen gesucht, die alten Tätigkeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Neben der fotografischen Erinnerung in Museen wurde begonnen, die alten Berufe in Schau-Veranstaltungen und Wettbewerben wieder aufleben zu lassen, meist verbunden mit festlichen Anlässen, gelegentlich auch mit Wetten und als Meisterschaften.

Weil die gesellschaftliche Arbeit der Frauen in den Haushalten oder Gärten meist unsichtbar war, blieb es vor allem Männern vorbehalten, in diesen beruflichen Rückblicken die Hauptrollen einzunehmen. Das ändert sich langsam, indem junge Frauen wie Oihana Fernández de Barrena aus dem Ort Heredia, zwischen Agurain-Salvatierra und der Provinz-Hauptstadt Vitoria-Gasteiz, in die alten Männerdomänen eindringen. Oihana ist die bislang einzige Holzfäller-Sportlerin der Provinz Araba, spanisch Alava.

Holzfällerin

aizkolari02Aber was heißt schon Holzfällerin! In früheren Zeiten zogen Männer mit ihren Beilen, Sägen und Äxten in den Wald, um “Holz zu machen“, sprich: Bäume zu fällen. Die Bäume wurden gefällt, die Rinde abgehobelt, anschließend wurden die Stämme zur Verarbeitung in die Sägereien geholt oder in Flössen zusammengebunden und über Hunderte von Kilometern zum Verkauf in andere Gebiete gebracht, wie dies im navarrischen Burgi bis heute anschaulich demonstriert wird. (1)

Doch diese Zeiten sind vorbei. Um an den damaligen Beruf zu erinnern, werden selbstverständlich keine Bäume mehr gefällt. Stattdessen werden Stämme von einem Meter Länge auf ein Holzgestell genagelt, der Sport besteht darin, den Stamm von beiden Seiten in der Mitte durchzuhacken. Dies geschieht entweder als Vorführung von Einzelpersonen, oder als Wettkampf, beim dem die Teilnehmer*innen zwischen fünf und fünfzehn solcher Stämme durchtrennen müssen. Mitunter darf auf die erhofften Sieger*innen auch gewettet werden.

Auch im 21. Jahrhundert vergeht in baskischen Gefilden keine Fiesta ohne eine solche Vorführung. In ländlichen Gegenden werden im Wettbewerb ganze Wiesen gemäht, in ehemaligen Bergbau-Gebieten wie an der Nervion-Mündung vor Bilbao wird nicht gesenst, vielmehr werden mit einer schweren Eisenstange Löcher in Steinblöcke gehauen. Ausgerechnet in diesem harten Sport des Steinhauens haben es junge Frauen geschafft, in die kleine Liga einzuziehen, die jeden Sommer von zehn verschiedenen Teams ausgespielt wird. Die Geschichte dieses seltsamen Sports? In diese Löcher wurden vor 100 Jahren Dynamitstangen gesteckt, um auf der Suche nach Eisenerz die Felsen loszusprengen. (2)

Landsport

Als eine von bisher wenigen Frauen hat sich Oihana Fernández dem Aizkolari-Sport gewidmet. “Aizkora“ ist die Axt, mit der das Holz bearbeitet wird, im Begriff steckt das Wort “zuhaitz“, was Baum bedeutet, die Endung “ari“ steht für die Person, die eine entsprechende Tätigkeit ausübt, das gilt auch für “kantari“, “bertsolari“ oder “futbolari“. Oihana ist eine der wenigen Frauen, die Herri Kirolak halbwegs professionell betreiben, ohne davon leben zu können. Dieses Privileg ist bisher nur Männern vorbehalten. Dass Oihana afrikanischer Abstammung ist, macht die Sache für viele Zuschauer*innen des Herri Kirolak noch interessanter. „Herri“ ist Baskisch und bedeutet Dorf oder Volk, “kirolak“ steht schlicht für Sport. Volkssport oder Dorfsport also.

Eigentlich baut Oihana Bohnen und Mais an, hütet Schafe und studiert nebenbei Tourismus. Doch irgendwann hat sie die aizkora-Axt entdeckt und bei einem nicht unbedeutenden Wettbewerb im Baskenland einen dritten Platz belegt. Ihre kapverdischen Wurzeln sind ebenso stark ausgeprägt wie ihre baskischen. Auf dem afrikanischen Archipel der Kapverdischen Inseln, ehemalige portugiesische Kolonie 1.000 Kilometer westlich von Senegal, existiert bis heute eine Familienlinie. Kürzlich hat Oihana dort ihre Urgroßmutter besucht, als die ihren 100sten Geburtstag feierte. Zu Hause, im Baserri (bask: Bauernhof) der Familie in dem kleinen Dorf Heredia in Araba, läuten an einem Oktober-Sonntag die Kirchenglocken, es riecht nach nassem Gras, die Schafe grasen auf einer Wiese. Hier wurde vor 23 Jahren die einzige Aizkolari aus der baskischen Provinz Araba (Alava) geboren. Im Familienbetrieb pflanzt sie Bohnen an, kümmert sich um das Vieh und studiert Tourismus – eine junge Frau, die sich zum Ziel gesetzt hat, mit der Axt am Baumstamm zu den Besten zu gehören. (3)

Gegen den Strom

aizkolari03Praktiziert wird der Aizkolari-Sport auf öffentlichen Plätzen, in Stierkampfarenen oder in großen Pelota-Frontons, die es überall gibt. "Aizkolari, baskisch und schwarz. Ich bin eine etwas untypische Figur, ich weiß das. Ich bemerke die Blicke auf den Plätzen, wenn wir Sport-Vorstellungen machen, aber das stört mich nicht", räumt sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit ein, mit der sie im baskischen öffentlichen Fernsehen EITB beim Abenteuer-Wettbewerb “El Conquistador del Caribe“ zu sehen war (Der Karibik-Eroberer), der seit zehn Jahren hohe Publikums-Quoten erreicht.

"Mein Vater stammt aus Heredia in Araba und meine Mutter kam vor 26 Jahren hierher. Geboren wurde ich in Lissabon, aber mit einem starken baskischen Gefühl", erklärt Oihana mit einem offenen Lächeln, während sie die Äxte ordnet und ihren Werdegang in dieser Disziplin des Herri Kirolak, des baskischen Landsports, erklärt. "Zuerst begleitete ich meinen Freund, der ebenfalls Aizkolari war. Anfangs begann ich, aus Spaß kleine Stämme zu zerhacken. Dann begann ich, ernsthafter zu trainieren. Dieser Sport erfordert eine gute Technik. Ich habe noch gesunde Zehen.“ Bei diesen Worten lacht sie, angesichts der gefährlichen Hackerei mit scharfen Beilen direkt vor ihren Füßen. “Aber ein oder zwei Schuhe sind schon dabei draufgegangen". Konzentration ist so wichtig wie Bewegungsdynamik und Kraft.

Der Anfang

Oihana erinnert sich an ihr Debüt, als wäre es gestern gewesen. Tatsächlich war es erst vor Kurzem. "Am Anfang habe ich rumprobiert, aber ohne die Absicht, auf einen Wettbewerbs-Platz zu gehen. Ich fing an, an Präsentationen in kleinen Städten teilzunehmen, zuerst, um meine Verlegenheit loszuwerden. Mein Debüt war am 21. Januar 2023 in Berriz (Bizkaia) und ich gewann gegen Karmele Gisasola, eine bekannte Herri-Kirolak-Sportlerin, die verschiedene Disziplinen ausübt und mehrfach Meisterin wurde. Da dachte ich, dass ich mit dem Aizkora-Beil vielleicht doch eine bedeutendere Rolle spielen könnte".

Ihr Sommer war ein Hin und Her von einem Vorstellungs-Platz zum anderen. "Es war wie ein Boom für Frauen, besonders bei den Aizkolaris und Harrijasotzailes (Steineheber*innen). Sie bezahlen uns pro Vorführung zwischen 100 und 150 Euro. Wenn wir Holz mitbringen müssen, ist es mehr, weil das zusätzlich Geld kostet. Eine Tonne gesägter und entrindeter Baumstämme kostet 100 Euro. Das ist viel Geld. Es ist ein teurer Sport. Jede Axt kostet mindestens 300 Euro. Du siehst, ich bin ein offenes Buch. Wenn du mir Fragen stellst, erzähle ich dir alles", sagt sie einer Journalistin mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie inzwischen Wettbewerbe gewinnt.

Nach der Teilnahme an einem weiteren attraktiven Wettbewerb, dem Herri-Kirolak-Fünfkampf, bei dem Oihana mit Lur Errekondo zusammen den zweiten Platz belegte", hat sie nun den dritten Platz bei der Baskenland-Meisterschaft gewonnen – eine Belohnung für ihre Anstrengungen und ihre Entschlossenheit. "Ich bin die einzige im Verband angemeldete Aizkolari-Frau in Araba. In Gipuzkoa musste ich eine Lizenz erwerben, um an weiteren Wettkämpfen teilnehmen zu können. Mein Training absolviere ich in Hernani. Ich habe noch viel zu lernen. In Zukunft würde ich gerne meine Erfahrungen aus dem Holzfäller-Sport weitergeben. Doch hier in Araba gibt es keine Schulen und keinen Nachwuchs. Ich würde mir wünschen, dass das in dem Maße gefördert wird, wie es mit dem Steineheben gemacht wird", sagt Oihana mit Nachdruck.

Das Steineheben hat vor allem der aus Leitz in Nafarroa stammende Iñaki Perurena populär gemacht. Der hat es neben dem Kraftsport zum Schriftsteller, Schauspieler und Fernsehstar gebracht, Perurena hat aus dem Steinheben eine Philosophie gemacht, seinen Vorführungen beizuwohnen ist ein absolutes Vergnügen in jeder sinnlichen Dimension.

Landleben

aizkolari04Oihanas Leben war trotz ihrer noch jungen Jahre eine ständige Herausforderung. Sie war Sportlerin, Schwimmerin, und studiert Tourismus. Daneben hilft sie bei der nicht enden wollenden Arbeit auf dem Bauernhof, wo ihre Eltern, Cristóbal und Mónica, sowohl Landwirtschaft wie Viehzucht betreiben. "Bis vor kurzem hatten wir noch Kühe, aber wir haben sie abgeschafft. Dabei müssen viele Voraussetzungen und Regeln eingehalten werden, das ist problematisch. Jetzt hat mein Vater Schafe für die Fleischproduktion. Wir haben uns auch auf Hülsenfrüchte konzentriert, vor allem auf Pinto-Bohnen aus Araba, und daneben Mais, um die Tiere zu füttern. Ich liebe das Landleben, aber davon kann man nicht leben. Mein Vater macht das schon seit 40 oder 50 Jahren, aber es gibt immer weniger öffentliche Unterstützung. Meine Schwester Lorea hat Geologie studiert, aber auch sie wird davon nicht leben können", räumt sie traurig ein.

Wie im Film

Ihre letzten zwei Jahre waren "fast wie ein Film". Denn neben ihrem Engagement für den baskischen Landsport, Herri Kirolak, hat sie noch ein weiteres anspruchsvolles Abenteuer erlebt: sie hat am beliebten Abenteuer-Wettbewerb des baskischen Fernsehens teilgenommen, bei “Der Karibik-Eroberung“, die sich über Wochen hinzieht und in Gruppen organisiert ist. "Ich liebe es, für die aizkora bekannt zu sein, aber ich spreche auch gerne über diese Fernseh-Erfahrung. Es war mein Traum. Ich habe sehr gelitten, habe fast 5 Kilo abgenommen. Ich hatte Hunger und die Moskitos waren schrecklich. Ob ich wieder mitmachen würde? Ich glaube nicht." Der Frauenname Oihana bedeutet auf Baskisch übrigens Dschungel, die männliche Version ist Oihan.


ANMERKUNGEN:

(1) Burgi, Nafarroa: die Almadieros, Baum-Flösser. An jedem ersten Mai-Sonntag wird eine historische Flussabfahrt mit einem langen Floß durchgeführt. (LINK)

(2) “Tradition der Steinhauer. Auf der Suche nach dem Herzen des Steins“, Baskultur.info, 2014-12-01 (LINK)

(3) Information mit Ergänzungen: “La única aizkolari alavesa (Die einzige Holzfäller-Sportlerin aus Alava), Tageszeitung El Correo, 2023-10-29, Autorin: Olga Jimenez (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Aizkolari-Holzfällerin (elcorreo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-10-29)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information