neander1100.000 Jahre Steinzeit

Eine Studie von Neandertaler-Zähnen aus der Axlor-Höhle von Dima (Bizkaia) steht im Mittelpunkt einer Veröffentlichung im Journal of Human Evolution. Die Höhle nahe der Bizkaia-Kleinstadt Dima war im Mittel-Paläolithikum bewohnt. Das haben Ausgrabungen in Axlor ergeben. Wissenschaftler datierten die ältesten menschlichen Überreste, die bisher in Bizkaia gefunden wurden, nun auf die Zeit vor 100.000 Jahren. Möglich gemacht wurden die Alters-Bestimmungen nicht zuletzt durch neuartige Techniken.

Die Axlor-Höhle nahe Dima ist ein beliebtes Ausflugsziel. Unter anderem deshalb, weil sie offen und von zwei Seiten her zugänglich ist. Die sommerlichen Ausgrabungen haben Aufschlüsse ermöglicht über die ältesten Bewohner*innen der baskischen Provinz Bizkaia.

Die Schriftstellerin Jean M. Auel ist Autorin des prähistorischen Bestsellers "Der Clan des Höhlenbären" und verschiedener Fortsetzungen. Als sie 2009 die Höhle von Axlor bei Dima besuchte, hielt sie inne, um den schönen Wasserlauf zu betrachten, in dem sich diese von Neandertalern im Mittel-Paläolithikum bewohnte Stätte befindet. "Sie ist sehr gut geschützt. Es ist ein großartiger Ort, um Jagden zu veranstalten und darauf zu warten, dass die Tiere hier durchkommen", sagte sie. Sie hatte Recht. Einer ihrer Begleiter bei dieser Gelegenheit war der Archäologe Jesús González Urquijo, der heute zusammen mit der Archäologin Talía Lazuen die Ausgrabungen in dieser Höhle leitet. Beide haben soeben in der Fachzeitschrift "Journal of Human Evolution" einen Artikel über drei an diesem Ort geborgene Zahnstücke veröffentlicht, den sie gemeinsam mit vier weiteren internationalen Spezialisten unterzeichneten.

Wie aus der Studie hervorgeht, stammen zwei dieser Zähne "aus einer der ältesten Erdschichten von Axlor, das heute auf 100.000 Jahre datiert wird". Das macht sie laut González Urquijo, Professor an der Universität Kantabrien und Direktor des dortigen Instituts für Vorgeschichte (IIIPC), zu "den ältesten menschlichen Überresten in Bizkaia".

Mittel-Paläolithikum

neander2Bei der Fundstätte Axlor handelt es sich um eine etwa 100 Meter lange Höhle, die im Laufe der Jahrtausende mit Geröll gefüllt wurde, das der heutige Indusi-Bach mit sich führte. Im unteren Teil der Höhle liegen riesige Steinbrocken unter dem dreißig Meter hohen Eingang, das obere Ende mit den Bach-Zufluss ist einfacher zugänglich, mit flachem Boden und übersichtlich. Die Höhle liegt 315 Meter über dem Meeresspiegel und etwa 30 Kilometer von der heutigen Küste entfernt, der Indusi ist ein Nebenfluss des Ibaizabal-Nervíón-Systems, das nach Bilbao führt. Der legendäre baskische Anthropologe und Archäologe José Miguel de Barandiarán (1891-1989) entdeckte Axlor 1932 und arbeitete dort zwischen 1967 und 1974. "Es war die letzte Fundstelle, die er ausgrub. Als er seine Arbeit beendete, war er sehr alt, er war 83 Jahre", sagt González Urquijo, der zwischen 2000 und 2008 und in einer neuen Forschungsphase ab 2019 die Grabungsarbeiten leitete.

Bewohnt war die Höhle im Mittel-Paläolithikum, dem mittleren Abschnitt der Altsteinzeit in Europa, dem Zeitraum, in dem die ersten bekannten menschlichen Siedlungen auf dem Gebiet des heutigen Bizkaia entstanden. Die zeitlichen Grenzen dieser Periode wurden auf etwa 300.000 bis 200.000 Jahre festgelegt, obwohl in der kantabrischen Region die nachgewiesenen Spuren älterer Besiedlungen selten 100.000 Jahre überschreiten. Dies ist die Zeit des "homo neanderthalensis", des Neandertalers. In Bizkaia ist etwa ein Dutzend solcher mittel-paläolithischer Fundstätten bekannt, sowohl in Höhlen als auch unter freiem Himmel. Axlor sticht wegen seines archäologischen Reichtums und seiner guten Erhaltung hervor.

Ein langer Film

"Am Anfang interessierte uns in Axlor vor allem das Ende des Mittel-Paläolithikums, also vor etwa 40.000 Jahren", erinnert sich González Urquijo. Das ist die Zeit, in der die Neandertaler mit den modernen Menschen zusammentrafen und erstere schließlich verschwanden. Zunächst ging man davon aus, dass es einen Austausch gab, "einen Wettbewerb zwischen den beiden Arten, bei dem die Neandertaler verloren". Aber das hat sich geändert. Vieles hat sich geändert. Zunächst einmal "gibt es jetzt Beweise für eine Vermischung zwischen den beiden Spezies".

Jetzt "ist die Geschichte der Neandertaler nicht mehr die Geschichte 'der anderen'. Es ist eine Geschichte von uns selbst. Sie sind Teil unseres menschlichen Daseins. Und im Fall Axlors hat sich diese Geschichte als "ein langer Film erwiesen, der von einer langen Kontinuität der Besiedlung handelt. So können wir sehen, dass die Neandertaler auf ihrem Weg dorthin sehr unterschiedliche Dinge unternommen haben".

In Axlor können wir sehen, "wie die Neandertaler vor 100.000 Jahren lebten, also in einer Warmzeit, ähnlich den heutigen Bedingungen, vielleicht etwas kühler, und wie sie in jüngerer Zeit, vor 70.000 Jahren, in einer außerordentlich kalten Periode lebten, einer der kältesten in der Geschichte des Planeten". Sie nutzten den Ort und seine Ressourcen in jeder dieser Phasen anders und passten ihre Überlebens-Strategien an die jeweiligen Umwelt-Bedingungen an.

Zwei der jetzt datierten Zähne stammen aus der frühesten, wärmsten Zeit und wurden in der Erdschicht namens Ebene N geborgen: ein unterer rechter Eckzahn, der zu einem etwa 10-12 Jahre alten Kind gehört, und ein vierter oberer linker bleibender Backenzahn (Prämolar) von einem jungen Erwachsenen, der über 14 Jahre alt ist. Das dritte Stück, das aus der jüngeren Ebene F stammt, ist ein unterer rechter vierter Prämolar von einem Kind im Alter von etwa 10-12 Jahren und ist etwa 80.000 Jahre alt.

Neues Datierungssystem

neander3"Lange Zeit haben wir uns auf die Kohlenstoff-14-Datierung verlassen", erklärt González Urquijo. Aber nach 40.000 Jahren versagt diese Methode, "die Fehlerspanne ist zu groß". Um das Alter dieser Zahnstücke, die im Arkeologi Museoa in Bilbo aufbewahrt werden, zu bestimmen, hat man auf "eine neue Methode zurückgegriffen, die optisch stimulierte Lumineszenz (OSL im englischen Kürzel). Sie ermöglicht es, das Alter der Quarzkristalle in den Sedimenten zu bestimmen", in denen das zu datierende Objekt vergraben ist. Mit diesem System konnte der “Film“ von Axlor, der bisher als kürzer angenommen wurde, um etwa 55.000 Jahre "verlängert" werden.

Der Artikel, der im "Journal of Human Evolution" veröffentlicht wurde, zeigt nicht nur, dass die drei Stücke von drei verschiedenen Individuen stammen, sondern auch, dass "die überwiegende Zahl der Anhaltspunkte auf die Neandertaler-Verwandtschaft der drei Individuen hinweist", heißt es in den Schlussfolgerungen. Die drei Fundstücke "dokumentieren die Anwesenheit der Neandertaler auf der Iberischen Halbinsel während einer Periode, von der relativ wenig Information existieren. Sie sind eine wichtige Ergänzung im Register aufgefundener Fossilien und haben große Bedeutung für zukünftige Analysen der zeitlichen und geografischen Variation der Neandertaler.

Feuerstein aus entfernten Orten

Neandertaler werden im Volksmund immer noch als grobschlächtige Höhlenbewohner angesehen, ein Bild, das die Wissenschaft schon vor Jahrzehnten revidiert hat. "Die archäologischen Beweise zeigen, dass die Neandertaler komplexe Dinge vollbrachten, genauso komplex oder komplexer als die heutigen 'Sapiens', wie zum Beispiel die Entwicklung von Steintechniken oder die Verwaltung von Territorien", sagt González Urquijo.

In Axlor fällt auf, dass der Feuerstein, aus dem sie ihre Werkzeuge herstellten, teilweise aus weit entfernten Orten wie Barrika (Bizkaia), Urbasa (Navarra) und Treviño (Araba) geholt wurde. Je nach Epoche transportierten sie entweder bereits produzierte Werkzeuge – hergestellt mit filigranen Techniken wie der Levallois-Methode. Oder sie holten ganze Stein-Blöcke, die sie dann "zu Hause" bearbeiteten. Die Orte der Feuerstein-Vorkommen wurden je nach Epoche unterschiedlich genutzt, die Neandertaler wählten sie nicht zufällig aus. Bei den erforderlichen Wegen handelt sich um einen der niedrigsten Zugänge zwischen den nördlichen und südlichen Hängen der kantabro-pyrenäischen Linie. Es ist ein Durchgangsgebiet für Tiere, "der Punkt, an dem Schnee und Eis zuerst schmelzen, derjenige, der die geringste Anstrengung erfordert" und wo es das ganze Jahr über Wasser gibt. Ideal für Gruppen von Jägern und Sammlern. Ihre Beute? “In jenen Gebieten gab es viele Rehe. Dann gibt es noch andere Arten, Pferde, Ziegen, Bisons in den kälteren Perioden". In jener kalten Zeit zeigten sich die Bewohner von Axlor mobiler und holten Feuerstein von weiter her, dafür müssen sie ihre Siedlungen sporadischer und wahrscheinlich in kleineren Gruppen genutzt haben als in den wärmeren Perioden.

ANMERKUNGEN:

(1) “Científicos datan hace 100.000 años los restos humanos más antiguos hallados en Bizkaia” (Wissenschaftler datieren die ältesten menschlichen Überreste, die in Bizkaia gefunden wurden, auf die Zeit vor 100.000 Jahren), Tageszeitung El Correo, 2024-03-10 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Neandertaler (dlf)

(2) Axlor-Ausgrabung (elcorreo)

(3) Neandertaler (elcorreo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-03-10)

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