Jugend in Militaristen-Zeiten
Europäische Regierungen betreiben einen aggressiven militaristischen Diskurs, Feindbilder werden entwickelt, verbreitet und gepflegt. Die Militär-Haushalte werden drastisch erhöht, die Sozialausgaben gekürzt. Die Einführung der Wehrpflicht steht vor der Tür. Längst gehen Militärs an die Schulen und werben unwidersprochen für ihre militaristischen Vorstellungen und betreiben Konflikt- und Feind-Propaganda. “Kriegstüchtigkeit“ ist mittlerweile das Zauberwort, mit dem der Krieg herbeigeredet wird.
Gegen Ende der Schulzeit stehen tausende junger Menschen vor der Entscheidung über ihre berufliche Zukunft. In Sommer der großen militaristischen Diskurse drängt sich wie nie zuvor die Bundeswehr in den Blick als Ausbildungs- und Arbeitsplatz.
Auf dem Arbeitsmarkt ist das Militär im Begriff, sich als boomende Branche darzustellen. Nach immensen Investitionen in die Rüstung bedarf es nun großer Mengen an Personal, das diese bedient. Das Militär macht jungen Menschen Berufsangebote, die es wahrhaftig zu bedenken gilt. Die Jugend ist gefragt – gleichzeitig kann zurückgefragt werden. Ein Ratschlag: “Ihr Jungen in der Zeitenwende seid gefragt, wie kaum je zuvor. Neben Industrie und Handwerk, die schon lange händeringend Fachkräfte suchen, tritt in offensiver Weise die Bundeswehr an Euch heran, ob im Klassenzimmer, auf Volksfesten oder via Social Media. Wenn das Militär auf Euch zu kommt, um sich Euch vorzustellen, seid bereit! Seid bereit selber Fragen zu stellen.“ Das empfiehlt die Theologin Monika Kauer-Hahn bei Overton-Magazin. “Dazu findet Ihr demnächst in einer Fortsetzung dieses Artikels einen Katalog mit Vorschlägen für Fragen. Den könnt Ihr nutzen, wenn die Bundeswehr zum Beispiel zu Euch in die Schule kommt. Doch zunächst haben auch wir Älteren unsere Hausaufgaben zu machen. Den harten Fragen, mit denen Ihr Jüngeren konfrontiert werdet, sollten wir uns erst mal selber stellen.“ (1)
Fragen an die Bundeswehr
Fragt! Das ist eine dringende Bitte, denn die Zeit drängt, oder wird gedrängt. Die Zeitenwende ist ausgerufen, die Wehrpflicht ist schon in Aussicht gestellt. Ein Bedrohungsszenario wird ausgemalt. Fragt nach, solange Ihr noch könnt. Millionen vor uns, die wir im Frieden aufgewachsen sind, war es nicht vergönnt. Weder wurden sie selbst gefragt, noch konnten sie selber Fragen stellen, bevor sie eingezogen wurden. Antworten waren vorgegeben, Befehle wurden erteilt. Bevor Euch ein Einsatzbefehl ereilt, fragt, selbst wenn ihr schon Antworten kennt. Fragt noch mal nach, immer wieder. Militärische Antworten bleiben und waren schon immer eine Frage der Zeit.
Was hat sich gewendet in dieser Zeit, dass wir sie Zeitenwende nennen? Wer wessen Freund oder Feind ist oder sein soll, das ändert sich von Zeit zu Zeit. Frühere Generationen lernten in der Schule zum Beispiel, dass Frankreich unser Erbfeind ist. Ich erinnere mich gut an mein kindliches Staunen, als meine Oma mir das erzählte, während an der Schule meiner älteren Geschwister gerade ein Austausch mit einer französischen Schule stattfand.
Was werdet Ihr Euren jüngsten Enkeln erzählen, während die älteren vielleicht zum freundlichen Schüleraustausch in St. Petersburg sind? Ich kann nur hoffen, dass es überhaupt dazu kommt, dass ihr Enkel haben könnt. Wir haben ja aus der Geschichte gelernt. Gemeinsam mit dem früheren Erbfeind Frankreich pflegt Deutschland heute noch das Gedenken auf den einstigen riesigen Schlachtfeldern, wo man buchstäblich steht auf der dünnen Erde über den zerfetzten Leibern der jungen Männer, die damals keine große Wahl hatten zwischen Einberufung oder anderem Beruf. Sie wurden als Kanonenfutter verheizt – und später im Gedenken geehrt mit dem großen Versprechen: Nie wieder! – Jedenfalls nicht zwischen uns, Franzosen und Deutschen. Wir stehen heute Seite an Seite – gemeinsam gegen andere Feinde.
Uns wird eine neue Bedrohung genannt; aber ist das an sich etwas Neues? Das geschieht immer wieder von Zeit zu Zeit mit wechselnden Positionen. Dass man die Jugend in Stellung bringt, geschieht seit zahllosen Generationen. Wohin wollen wir uns wenden in unserer Zeit und welche Kurve wollen wir kriegen? Wollen wir wirklich noch eine weitere Runde auf die Rüstungsspirale verwenden?
Was hat sich gewendet in unserer Zeit?
Es heißt, dass Deutschland sich wieder verteidigen muss. Das wäre tatsächlich eine Wende, nachdem wir die letzten beiden Male (Deutschland provozierte zwei Weltkriege) doch recht deutlich im Angriff waren. Wer entscheidet für uns, wer der Feind ist? Im Gedenken wird das oft erwähnt: Von Deutschland darf nie wieder Krieg ausgehen. Verschwiegen wird im Gedenken derweil, welche Nation in der Abwehr des letzten großen (nazideutschen) Angriffs auf die Welt den größten Blutzoll geleistet hat und davon selbst noch Narben trägt (die Sowjetunion / Russland). Sogar zur Gedenkfeier der Befreiung von Ausschwitz wurde Russland offiziell ausgeladen.
Russen historisch als Befreier zu sehen, passt nicht zur modernen Feindbildpflege. Wir sollen Russen für Feinde halten, die uns sicher bald überfallen. Der Bedrohung durch sie als unsere Feinde können wir angeblich nur begegnen, in dem wir selber mehr und schneller drohen. – Wollen wir mal sehen, für was sie uns dann halten? Je weiter wir fragen nach Feind und Freund, nach Angriff und Verteidigung, wer wo wie angefangen hat und wer sich wehrt, umso weniger werden wir Antworten finden, die morgen noch wie gestern stimmen. Zeitlos bleiben nur die Fragen. Wer hat angefangen, sich zu wehren? Ab wann genau wird zurückgeschossen? Wer zu unserer Zeit unser Feind sein soll, entscheiden dieselben Volksvertreter, die auch für uns unterscheiden, was ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg ist und was ein völlig legitimer Präventivschlag (Israel), der zur Selbstverteidigung dient und dabei noch für uns die “Drecksarbeit“ übernimmt (Israel laut Kanzler Merz).
An welcher Stelle treten wir ein in den “gerechten Krieg“? Für welche Werte sollen unsere Jungen mit Leib und Leben treu dienen? Bei Bedarf auch zur Drecksarbeit? In wessen Interesse sollten wir auf der einen oder andere Seite stehen im Kampf von einer Nation oder Religion gegen die andern? Es gibt mehr als genug, wofür wir global gemeinsam kämpfen könnten.
Was ist an der Zeit? – Berufe für Helden
Kriegstüchtigkeit ist angeblich das höchste Gebot unserer Zeit. Andere Bedrohungen unseres Lebens, wie zunehmend Feuer- und Flutkatastrophen, erscheinen inzwischen nachgeordnet, als wären sie vernachlässigbar. Geredet wird lieber von Kriegsgefahr – in der Branche ist mehr zu holen. Da brummt die Wirtschaft, da brauchts Personal, da warten die größten Gewinne – also für die, die in Rüstung investieren. Interessiert uns noch, was unseren jetzigen Kanzler in seinem früheren Beruf zum Millionär gemacht hat? Mit einem Job in welcher Branche hat er wohl seine Privatjets finanziert?
Würdet Ihr auch gerne selber fliegen? Wenn es nicht geht zum Privatvergnügen, wie wäre es dann mit einem Beruf als Held oder Heldin der Lüfte? Die könnten wir nämlich wirklich brauchen, Helden wir Ihr, wie sie die Bundeswehr sucht: Hast Du den Grips, das Geschick und den Mut, selbst unter Feuer ein Flugzeug zu fliegen? Dann denke bitte mal nach über eine Karriere als Löschflugzeug-Pilotin. Wenn Du mehr auf Transport-Hubschrauber stehst: Wie wäre es, statt Kriegsgerät an die Front zu liefern, Menschen von den Dächern ihrer überfluteten Häuser zu retten? Traust Du Dir zu, in unwegsamem Gelände schwere LKWs zu steuern, auch unter Beschuss? Damit kannst Du zum Beispiel bei der UN-Hilfsgüter-Transportfahrer werden.
Wenn Du lieber mit Tieren arbeitest: Natürlich gibt es bei der Bundeswehr Hunde und Pferde. Doch bevor Du Dich da an eines zu sehr gewöhnst, guck‘ erst mal den Film “Gefährten“. Mit einer zivilen Rettungshundestaffel könntest Du Menschen aus Trümmern bergen, statt ihre Häuser in Trümmer zu legen. Du hast keine Angst vor Explosionen, oder meinst zumindest, Du kannst damit umgehen? Dann werde doch Bombenentschärfer (m/w/d). Damit kannst Du echt Heimat, Land und Leute beschützen. Es liegen noch jede Menge Bomben vom letzten Weltkrieg rum. Das wäre also ein Job mit Zukunft – wenn auch vielleicht nicht allzu lang Deine.
Wenn das zynisch klingen mag – wie finden wir erst die Werbung für die Bundeswehr? Ihr von der jungen Generation habt uns das alles nicht eingebrockt, was heute an Krisen zu managen ist; und doch sind so viele von Euch bereit, sich für uns alle einzusetzen. Statistiken zeigen, die Jugend von heute ist engagiert und beherzt, nicht nur politisch, auf der Straße. Viele sind im Ehrenamt beim Roten Kreuz, im THW, beim Katastrophenschutz, in der Freiwilligen Feuerwehr vor Ort. Ihr seid schon so viele gute Kameraden. Respekt! Den sollten wir Alten Euch Jungen erweisen. Das haben wir viel zu lange versäumt.
Eine Frage der Ehre
Die Ehre, die Euch längst gebührte, greift jetzt die Bundeswehr-Werbung ab. Natürlich begegnet man Euch mit Respekt für Eure Bereitschaft zu “dienen“. Ihr werdet ja nicht als Kanonenfutter angefragt, sondern als Fachkräfte, die komplexe Maschinen bedienen. So viel Aufmerksamkeit und Anerkennung, wie Euch das Militär jetzt schenkt: wann habt Ihr die zuletzt erfahren – oder überhaupt je – von Eurem Staat, Eurer Regierung (die ihr nicht mitwählen durftet) und einer Gesellschaft, in der die Alten überwiegen? Wie ernst hat man Euch bisher genommen, in der Pandemie, beim Wahlrecht ab 16, beim Schutz Eurer Ressourcen und bei Investitionen in Eure Zukunft?
Es soll Euch eine Ehre sein, mit Eurem jungen Leben den Alten zu dienen, die schon nach einer Wehrpflicht für Euch rufen, wenn Ihr nicht bald freiwillig kommt. Die Ehre, die man Euch verspricht, könnte schon früh die letzte sein. Die letzte Ehre erscheint gemeißelt in Stein auf Tafeln für gefallene Helden. So war es zumindest früher. Ob es für euch noch Gedenk-Steine geben wird? Das können wir nicht versprechen. Doch dazu ein Vorschlag:
Gedenktafeln für nach 2000 Geborene
Wenn die Bundeswehr kommt, um an Eurer Schule zu werben, bereitet schon mal Listen vor, um Euch mit Namen einzutragen – Namenslisten von Euch selbst, gestaltet in Form von Kriegerdenkmälern. Als Hintergrund-Design sei besonders empfohlen: Euer jeweils eigenes Kriegerdenkmal vor Ort. Da werdet Ihr viele Eurer Familiennamen schon in der Vorlage finden. Die Vornamen ändern sich mit der Zeit, zeitlos bleiben die Fragen über Generationen.
Ein Lieddichter, der Euer Opa sein könnte, sprach schon vor 45 Jahren in einem Lied einen jungen Mann an – “Du warst nicht mal 19 Jahre alt“ –, der selbst wiederum vom Geburtsjahr her sein Großvater hätte sein können, wäre er nicht schon 1916 gefallen. Genau genommen spricht Hannes Wader in diesem Lied ein Grab an. Jugend in der Zeitenwende, Ihr werdet hier vorab angesprochen:
Es ist an der Zeit
“Soldat, gingst du gläubig und gern in den Tod? Oder hast du, verzweifelt, verbittert, verroht, deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluß? Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuss. / Oder hat ein Geschoß dir die Glieder zerfetzt? Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt, bist du auf deinen Beinstümpfen weitergerannt, und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand? / Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen, so wie sie es mit uns heute immer noch tun. Und du hast ihnen alles gegeben – deine Kraft, deine Jugend, dein Leben. / Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein, dann kann es geschehn, dass bald niemand mehr lebt, niemand, der die Milliarden von Toten begräbt. / Doch längst finden sich mehr und mehr Menschen bereit, diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit!“ (Hannes Wader)
Junge Menschen in der Zeitenwende, Ihr seid gefragt, also fragt zurück. Bevor Ihr Euch einberufen lasst, geht bitte zur Berufsberatung. Infos und Beratung findet Ihr auch bei der DFG-VK, Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen. Last not least: Bitte fragt Euch selbst, wofür Ihr bereit seid, alles zu geben.
ANMERKUNGEN:
(*) “Jugend in der Zeitenwende – zwischen Einberufung und Berufswahl“. Overton Magazin, Autorin: Monika Kauer-Hain, 11. August 2025 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Bundeswehr (discogs)
(2) Kriegerdenkmal (monumente)
(3) Bundeswehr (mdr)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-08-16)
