87. Jahrestag der Vernichtung
Heute, am 26. April 2024, wird der 87. Jahrestag der Bombardierung und fast vollständigen Vernichtung der baskischen Stadt Gernika begangen. Der Tag war auch in diesem Jahr von einer gemeinsamen Erinnerung geprägt, die auf dem Friedhof, im Kulturhaus und auf den Straßen stattfand. Abgeschlossen wurde der Tag mit der Verleihung der Gernika-Friedenspreise, mit einer Kerzen-Demonstration und mit der Anprangerung des “kolossalen Schwindels“, der 1937 von einem franquistischen Militär verbreitet wurde.
Erst zum zweiten Mal in der Geschichte nach dem Franquismus war bei den Erinnerungsfeiern für die Vernichtung der baskischen Stadt Gernika ein offizieller Vertreter der spanischen Regierung anwesend. Die postfranquistische PP hat die faschistische Verantwortung für die Bombardierung bis heute nicht anerkannt.
Die übliche Lichter-Demonstration, zu der die Aufarbeitugns-Kommission Gernika Batzordea aufgerufen hat, schließt an diesem Freitag die Gedenk- und Trauerfeiern zum 87. Jahrestag der Bombardierung der Stadt. Auf institutioneller Ebene ist die Anwesenheit eines spanischen Ministers zum zweiten Mal in Folge ein Höhepunkt. War es im letzten Jahr Félix Bolaños, der diesen Schritt unternahm, so war es 2024 der Leiter der Regierungs-Abteilung “Demokratisches Gedenken“, Ángel Víctor Torres, der auf besondere Weise, den “kolossalen Schwindel“ anprangerte, den der Franquismus nach dem Massaker verbreitet hatte, indem versucht wurde, die Verantwortung für das Kriegsverbrechen gegen die baskische Zivilbevölkerung den “Roten und Separatisten“ zuzuschreiben. Denn der Angriff der nazi-deutschen Legion Condor hatte aufgrund der Anwesenheit internationaler Journalisten eine weltweite Empörung hervorgerufen, auf die Nazis und spanische Aufständische mit einer Lüge reagierten, die vierzig Jahre Bestand haben sollte.
Im Rahmen des umfangreichen Programms, das das Friedens-Forschungszentrum Gernika Gogoratuz für diese Tage organisiert hat, wurden am Morgen die Gernika-Preise für Frieden und Versöhnung verliehen. In diesem Jahr wurde die Arbeit der Organisationen “Kämpfer für den Frieden“ und “Die Gerechten des Mittelmeers“ gewürdigt. Die Preise wurden bereits zum neunzehnten Mal vergeben.
An der Veranstaltung der Preis-Übergabe nahmen zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen Lebens teil, darunter die Ministerin für Gleichheit, Justiz und Sozialpolitik der baskischen Regierung, Nerea Melgosa, der Abgeordnete von EH Bildu, Julen Arzuaga, der spanische Minister für Territorialpolitik und Demokratisches Gedächtnis, Ángel Víctor Torres, der Bürgermeister von Gernika, José María Gorroño, und die Stadträte der Gemeinde, um nur einige zu nennen.
Hommage an William Kelly
Die Preisverleihung fand am Vormittag im Lizeo-Theater statt. Der Liedermacher Inun, begleitet von Sergio Mayoral an der Trompete, eröffnete die Zeremonie mit einem Lied für den Frieden. Die Veranstaltung diente nicht nur der Verleihung der Gernika-Preise, sondern auch dem Gedenken an den Aktivisten William Kelly. Kelly ist im vergangenen Sommer verstorben, zusammen mit dem baskischen Künstler und Gernika-Gogoratuz-Mitarbeiter Alex Carrascosa hatte er die Zeichnung für die Gernika-Preise geschaffen.
Nach einem weiteren Auftritt von Inun und Mayoral wurde die Arbeit der Organisationen gewürdigt, die ausgezeichnet werden sollten. “Kämpfer für den Frieden“ ist eine 2006 gegründete Freiwilligen-Organisation, die sich aus Israelis und Palästinensern zusammensetzt, die sich mit gewaltfreien Mitteln gemeinsam für den Frieden einsetzen. Ihr Ziel ist der Aufbau eines soliden sozialen Gefüges und die Beendigung der israelischen Besatzung in Palästina sowie die Förderung einer gerechten Lösung für eine friedliche Koexistenz.
“Die Gerechten vom Mittelmeer“ ist der Name der gemeinsamen Kandidatur von 53 humanitären Organisationen und Fischern (wie Stratis Valamios und Athanasios Marmarinos, die heute in Gernika anwesend waren), die zusammen Männer, Frauen und Kinder auf der Flucht aus den Gewässern des Mittelmeers gerettet haben. Diese Organisation war 2018 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Gaza, mehr als präsent
Bevor er zur Preisverleihung überging, unterstrich Gernika-Bürgermeister Gorroño die Bemühungen, die in Gernika unternommen werden, um eine Friedensbotschaft in die Welt zu senden. Er dankte denjenigen, die die Bombardierung der Stadt miterlebt haben, für die Arbeit, die sie über lange Jahre hinweg bei der Übermittlung der Botschaft geleistet haben, und bat um eine Schweigeminute für sie und die Opfer des Massakers. In Bezug auf den Völkermord am palästinensischen Volk forderte er ein Ende der “unrechtmäßigen Angriffe beider Seiten“. Hunger dürfe keine Kriegswaffe sein, humanitäre Hilfe müsse nach Gaza zugelassen werden, es dürfe keine weiteren Bombardierungen geben und der Internationale Strafgerichtshof müsse “die Verantwortlichen verurteilen“.
Iris Gur und Sulaiman Khatib nahmen die Auszeichnung im Namen von “Kämpfer für den Frieden“ entgegen, überreicht von Frank Fillbrunn, Bürgermeister der deutschen Gernika-Partnerstadt Pforzheim. Gur dankte der Stadt dafür, dass sie die Welt gelehrt habe, “die Vergangenheit zu verzeihen, ohne sie zu vergessen“. Sie rief dazu auf, “sich für den Frieden zu entscheiden und weder pro-Israel noch pro-Palästina zu sein“. Khatib rief zu einer Schweigeminute für den Gazastreifen auf und bedauerte, dass “wir Zeugen sind von sich immer wiederholenden Gräueltaten“. Er beendete seine Rede mit den Worten: “Keiner von uns wird frei sein, solange wir nicht alle frei sind“.
Anschließend nahmen die Fischer Statis Valamios und Thanassis Marmarinos den Ehren-Preis im Namen von „Die Gerechten vom Mittelmeer“ entgegen, überreicht vom Bürgermeister von Gernika. Beide gehören zu dem Netzwerk von Fischern, die sich nicht nur dem Fischfang, sondern auch der Rettung von Flüchtlingen in den Gewässern vor der griechischen Insel Lesbos widmen. Valamios hielt eine kurze Rede, in der er betonte, dass “Frieden und Versöhnung die Zutaten für eine bessere Welt sind“. Marmarinos sagte, dass heute in Gernika die Solidarität der Fischer gewürdigt werde, die wie er „nie aufgehört haben, denjenigen die Hand zu reichen, die auf unserer Insel angekommen sind“.
Auf dem Friedhof
Die Preisverleihung endete mit einem Aurresko-Ehrentanz für die Preisträger. Am Nachmittag wurden die Veranstaltungen zum Gedenken an die Bombardierung mit dem Läuten der Glocken und der Sirene um 15:45 Uhr fortgesetzt, in Erinnerung an dden Beginn der Bombardierungen durch die Legion Condor. Anschließend wurde um 16.30 Uhr auf dem Friedhof von Zallo ein Kranz für die Opfer des Kriegsverbrechens niedergelegt, an dem neben anderen Vertretern der baskischen Regierung auch der amtierende Lehendakari (Ministerpräsident), Iñigo Urkullu, und die Senatorin Melgosa teilnahmen.
Vor der Preisverleihung gab Urkullu bekannt, dass seine Regierung eine Vereinbarung über den Erwerb von Gebäuden in der Umgebung der Casa de Juntas in Gernika (Parlamentsgebäude bei der Gernika-Eiche) getroffen hat, um sie in einen “Raum der Erinnerung“ umzuwandeln und so “dem Friedensmuseum der Stadt neue Impulse zu geben“. Eines dieser Gebäude ist das Klarissen-Kloster, eines der wenigen Gebäude, die von der Bombardierung von 1937 verschont geblieben sind.
Nach der Verleihung der Friedens- und Versöhnungs-Preise von Gernika bezog sich der spanische Minister Torres auf die Entscheidung von Ministerpräsident Pedro Sánchez, bis zum Wochenende seine Verpflichtungen zu streichen, um über einen möglichen Rücktritt nachzudenken, nachdem bekannt wurde, dass ein Gericht ein Verfahren gegen seine Frau Begoña Gómez eingeleitet hat, aufgrund einer Klage der ultrarechten Organisation Manos Limpias (Saubere Hände).
Torres wies darauf hin, dass wir in einer Zeit leben, in der “die Gesellschaft reagieren muss“ auf das, was er als “Lügen“ bezeichnete. In diesem Sinne erklärte er, dass dies auch bei der Bombardierung von Gernika der Fall gewesen sei, wo “jahrzehntelang und bis 1975, bis zum Tod des Diktators, die Medien versuchten, einen Schwindel, eine Unwahrheit und eine Lüge aufrechtzuerhalten“. Während die Stadt in Wirklichkeit “von nazi-deutschen und italienischen Truppen auf Befehl Francos bombardiert wurde“.
ANMERKUNGEN:
(1) “Aniversario en Gernika con recuerdo popular, premios por la paz y denuncia del ‘bulo colosal‘" (Jahrestag in Gernika mit Gedenken der Bevölkerung, Friedenspreisen und Anprangerung des "kolossalen Schwindels"), Tageszeitung Gara, 2024-04-26 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Guernica (Picasso)
(2) Gernika 1937 (onda vasca)
(3) Gernika 2024 (onda cero)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-04-26)
