(*) Ensanche Bilbo (gara)
150 Jahre Wachstum

Die 1876 geplante Stadterweiterung legte den Grundstein für das moderne Bilbo und bestimmte einen Großteil des Stadtbildes, das bis heute erhalten geblieben ist. Aus der Perspektive des Architekten Patxi García de la Torre und des Kanals „Bilbao Arquitectura“ beleuchtet dieser Bericht die Entstehung des Projekts, die städtebaulichen Ideen, die zur Gestaltung des Plans beitrugen, und die wirtschaftlichen Interessen im Hintergrund. 150 Jahre des Plans, der das Wachstum von Bilbo prägte.

Anfang des 19. Jhs. begannen in Bilbo industrieller Erzabbau und Industrialisierung. Folge war eine massive Zuwanderung von Arbeitskräften, Steigerung des Handels, Entstehung der Oligarchie. Die Stadt musste erweitert werden.

Vor 150 Jahren wurde in Bilbao ein Plan entworfen, der zu grundlegenden Änderungen im Stadtbild führen sollte. Das Stadterweiterungs-Projekt (Ensanche) von 1876 machte Weiden von Abando zum Ort, an dem eine neue, geordnete Stadt entstehen sollte. Abando war damals noch nicht Teil von Bilbao, der Anschluss sollte erst 1890 folgen. Die Architekten und Stadtplaner Pablo Alzola, Severino de Achúcarro und Ernesto Hoffmeyer entwarfen ein neues Stadtmodell, um dem demografischen und wirtschaftlichen Wachstum der Stadt Rechnung zu tragen. Eineinhalb Jahrhunderte später prägen ihre Straßen, Plätze und Häuserblocks das kommerzielle Zentrum von Bilbo. (1)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und nach den Folgen der Karlistenkriege (2) erlebten Bilbao und sein Ballungsraum durch den Eisenerz-Abbau, die entstehende baskische Verarbeitungs-Industrie und die langsame Formierung einer eigenen Industrie-Oligarchie einen wirtschaftlichen Aufschwung, der die Stadt für immer verändern sollte. Der Bergbau und das Wachstum von Industrie, Handel und Hafenbetrieb zog Tausende von Arbeitern aus anderen Teilen des Staates an. Die Stadt, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1300 kaum ausgebreitet hatte, wurde innerhalb ihrer eigenen Grenzen allmählich zu klein. Die bürgerlichen Eliten, die das wirtschaftliche und politische Leben beherrschten, suchten daher nach einer neuen Stadt, die ihren Bedürfnissen und denen einer boomenden Wirtschaft gerecht wurde.

Die Planer und Stadt-Herren wollten sich der Welle anderer europäischer Städte anschließen, die bereits Jahrzehnte zuvor begonnen hatten, die Art und Weise des Wohnens und der Gestaltung des städtischen Raums neu zu überdenken. Paris hatte mit den großen Reformen von Haussmann begonnen, sich zu wandeln. Barcelona hatte seine Erweiterung auf dem von Ildefons Cerdà entworfenen Raster geplant. Und Madrid hatte im Plan Castro einen Weg gefunden, sich über seine historischen Grenzen hinaus auszudehnen. Die Stadterweiterungen wurden so zu einer der großen städtebaulichen Antworten mit konkreten Merkmalen: Rasterförmige Straßenführung, breitere Straßen, Berücksichtigung von Hygiene und Gesundheits-Schutz sowie eine geordnete Verteilung von Wohnraum, Dienstleistungen, Einrichtungen und Freizeitbereichen.

ZWEI VORHERIGE VERSUCHE

Tatsächlich gab es bereits vor 1876 in der Umgebung des heutigen Bilbo Projekte zum Bau einer großen, modernen Stadt. Der erste Versuch entstand im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, ging jedoch von den „Juntas del Señorío de Bizkaia“ (Provinz-Verwaltung) aus, die – wie der Architekt Bernardo Iñigo García de la Torre auf seinem YouTube-Kanal „Bilbao Arquitectura“ erklärt – darauf abzielten, das Monopol über den Seeverkehr erlangen und die Handelsmacht der alten Stadt zu entreißen. „Das Projekt ignorierte die historische Stadt, zu der es nicht einmal eine Verbindungsbrücke vorsah“, erklärt der Architekt. Damals war die Gemeinde Abando (anteiglesia, ohne Stadtrecht) unabhängig von der Stadt Bilbo. Das Projekt wurde vom aragonesischen Architekten Silvestre Pérez geleitet und war unter dem Namen „Puerto de La Paz“ bekannt. Es war ehrgeizig und umfasste eine Fläche, die doppelt so groß war wie die des am Ende durchgeführten Projekts. Allerdings machten Rechtsstreitigkeiten zwischen den Behörden und die Kriege infolge der napoleonischen Invasion (1895 bis 1913) dem Plan einen Strich durch die Rechnung.

Im Jahr 1862 (zwischen den Karlistenkriegen) folgte der zweite Versuch. Diesmal war der Stadtrat von Bilbo der Träger des Vorhabens, gestützt auf ein kürzlich von der spanischen Königin Isabella II. erlassenes Gesetz. Mit dem Projekt wurde der Ingenieur Amado de Lázaro beauftragt, der einen Entwurf vorlegte, der stark vom Cerdà-Plan für Barcelona beeinflusst war. Dieser wurde jedoch schließlich von den Institutionen abgelehnt, da er hinsichtlich seiner Größe als „überdimensioniert“ und als „unrealistisch“ betrachtet wurde, weil er Aspekte wie Eisenbahn-Verbindungen und Industrieflächen nicht berücksichtigte.

DEFINITIVE LÖSUNG

Das Scheitern beider Projekte machte deutlich, dass Bilbao sich ausdehnen musste. Aber auch, dass es nicht ausreichte, eine Stadt nur auf dem Papier zu entwerfen. Notwendig war ein Projekt, das in die Realität der Stadt einfügt werden konnte. Dieses Projekt sollte 1876 kommen, kaum ein Jahr nach dem Ende des zweiten Karlistenkriegs (1872 bis 1875). Der Stadtrat schrieb einen neuen Wettbewerb aus, um die Erweiterung von Bilbo auf der Vega de Abando (Abando-Weiden) zu regeln. Diesmal fiel der Auftrag an drei in Bizkaia etablierte Fachleute mit Profilen, die sich gegenseitig ergänzten.

Der Ingenieur Pablo de Alzola y Minondo (1841–1912) war der Planer einiger Eisenbahn-Strecken und der Eisenbrücke von San Francisco sowie Bürgermeister von Bilbo und Präsident der Provinzverwaltung von Bizkaia. Der Ingenieur Ernesto Hoffmeyer Zubeldia (1841–1910) war an der Wasserversorgung von Bilbao beteiligt und entwarf die Brücken San Antón und La Merced. Der Architekt Severino Achúcarro Mocoroa (1841–1910) führte den Baustil des Eklektizismus in der Stadt ein und war an vielen Gebäuden der Stadt beteiligt, darunter dem Sitz der Sociedad El Sitio in der Calle Bidebarrieta (heute Stadtbibliothek Bidebarrieta), dem Bahnhof La Concordia (unterhalb des Bahnhofs Abando) oder dem Gebäude der Banco de Bilbao.

Für die Stadterweiterung schlugen die drei gemeinsam eine Lösung vor, die wesentlich zurückhaltender war als die von Amado de Lázaro von 1862 und die vor allem an die Gegebenheiten des Gebiets angepasst war. „Es war ein realistischer Plan. Sie verstanden es, die Besiedlung der Vega de Abando zu interpretieren: ihre Topografie sowie die Umstände und Bedürfnisse der Stadt“, erklärte der Architekt Patxi García de la Torre. Zu dem vorgelegten Projekt erstellten sie eine Beschreibung und Begründung, die unter anderem eine historische Analyse der Stadtentwicklung von Bilbao sowie eine Bewertung der nicht umgesetzten Stadterweiterungs-Projekte enthielt. Außerdem umfasste die Analyse Berichte über Zuständigkeitsbereiche, klimatische und hygienische Bedingungen, Volkszählungen und Wachstums-Prognosen. Auch verkehrsbezogene Aspekte wie die Eisenbahn oder die Trassierung der Kaimauern an der Ría (Nervion-Fluss) wurden mit einbezogen. Zudem wurden Überlegungen zur Umsetzung aus wirtschaftlicher Sicht angestellt.

(*) Ensanche Bilbo (gara)

Das Ergebnis war ein etwa 150 Hektar großes Areal, das auf einer klaren geometrischen Struktur und einem Straßennetz basierte, an dem sich noch heute das Grundgerüst des ursprünglichen Projekts erkennen lässt. Die Hauptachse bildete die Gran Vía (die heutige Kommerz- und Banken-Straße von Bilbo), die von der Puente del Arenal aus bis zum Stadtteil San Mamés verlief. Auf diese Weise stellte sie die Verbindung zwischen den beiden Enden der Stadt her: der Altstadt (Casco Viejo) und dem Hafenviertel Olabeaga. Der Eliptika-Platz bildete mit einer senkrecht verlaufenden Straße (Alameda Rekalde) das Zentrum, während die Straßen Ercilla und Elkano zwei Diagonalen bildeten, die die Regelmäßigkeit der Häuserblöcke durchbrachen und die Verbindungen innerhalb der neuen Stadt erleichterten. Zudem wurden links und rechts der Gran Vía zwei Ringstraßen oder Umgehungsstraßen geplant: die Alameda Mazarredo und die Alameda Urquijo.

Eines der charakteristischen Elemente des Plans waren die abgeschrägten Ecken der Häuserblöcke. Anstatt rechtwinklig abzuschließen, wurden die Ecken abgeschrägt, um eine größere visuelle Weite in der Straßenperspektive zu schaffen, den Lichteinfall zu fördern und den Eindruck übermäßig geschlossener Straßen zu vermeiden. In einigen Fällen entstanden durch die Vergrößerung der Abschrägungen kleine Plätze innerhalb des städtischen Rasters. Zudem nutzten die Architekten die Fassaden dieser Abschrägungen, um ihren Bauwerken einen unverwechselbaren Charakter zu verleihen.

Sie reservierten auch Flächen für öffentliche Gebäude, Einrichtungen und Grünflächen, da sie der Ansicht waren, dass eine moderne Stadt Verwaltungs-, Gewerbe-, Wohn- und Freizeit-Funktionen vereinen müsse. Und sie sorgten für Verbesserungen der städtischen Infrastruktur, indem sie Kanalisations- und Wasserversorgungs-Netze sowie weitere für eine Industriestadt unverzichtbare Einrichtungen vorsahen.

STADT DER NEUEN ELITEN

Doch die Stadterweiterung war keine bloße Vergrößerung des Stadtgebiets. Wie García de la Torre betont, stand hinter diesem Projekt auch eine bestimmte Vorstellung von der Stadt und vor allem davon, wer sie bewohnen sollte. Das neue Bilbo, das auf den Territorien der Anteiglesia de Abando geplant wurde, war eng mit der Handels- und Industrie-Bourgeoisie verbunden, die in den vorangegangenen Jahrzehnten an wirtschaftlichem und politischem Gewicht gewonnen hatte und gerade den Karlistenkrieg für sich entschieden hatte (Liberale gegen Traditionalisten). Das Projekt bot den neuen Eliten einen Raum, in dem sie bessere Wohnungen bauen, ihre Geschäfte ansiedeln und neue Formen der gesellschaftlichen Repräsentation entwickeln konnten.

Auch das Grundeigentum spielte eine entscheidende Rolle. Die Grundstücke, auf denen die neue Stadt entstehen sollte, waren kein leerer Raum, der der Verwaltung zur Verfügung stand, sondern ein Mosaik aus Grundstücken und Privatbesitz. Die Interessen der Eigentümer beeinflussten letztendlich einige konkrete Punkte der Stadtplanung. Die Durchführung der Stadterweiterung wurde so auch zu einer Gelegenheit für Immobilien-Geschäfte. Die Erschließung der Gelände von Abando vervielfachte den Wert der Grundstücke und eröffnete einen neuen Markt in einer Stadt, die unaufhörlich wuchs.

In den letzten Jahrzehnten des 19. und den ersten des 20. Jahrhunderts festigte sich das Stadtviertel „Ensanche“ zunehmend als neues wirtschaftliches und soziales Herz von Bilbo und verdrängte nach und nach die Altstadt (bask: Alde Zaharra / span: Casco Viejo). Das Projekt von 1876 hatte die Struktur entworfen; die folgenden Generationen sollten dafür sorgen, sie mit Gebäuden zu füllen.

Das Projekt von 1876 hatte den Rahmen abgesteckt; die folgenden Generationen sollten ihn mit Gebäuden, Leben und Einwohnern füllen. Dieser Prozess vollzog sich nicht von heute auf morgen. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis das Bilbao, das sich Alzola, Achúcarro und Hoffmeyer vorgestellt hatten, vollständig Gestalt annahm. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trugen die Provinzverwaltung und Institutionen wie die Banco de Bilbao oder die Banco de España dazu bei, die Rolle des Ensanche als Finanz- und Verwaltungszentrum der Stadt zu festigen.

Doch das Projekt hatte auch seine Schattenseiten. Wie in „Bilbao Architektur“ dargelegt wird, „berücksichtigte es nicht das gravierende und drängende Wohnungsproblem der Arbeiterklasse und all jener Zuwanderer, die in die Stadt kamen, um im Eisenerz-Abbau und in der Industrie zu arbeiten“. Tatsächlich zeigte sich dies Jahrzehnte später in den Baracken-Vierteln, die sich an den Hängen der Bilbo umgebenden Berge ausbreiteten, wo Tausende von Arbeitern unter prekären Bedingungen lebten.

PLAN FÜR MEHRERE GENERATIONEN

Für den Referenten García de la Torre stellt diese Zeit eine der grundlegenden Phasen in der Stadtgeschichte Bilbos dar. Die Stadt erlebte einen außergewöhnlichen Wandel: Die Einwohnerzahl stieg, die Infrastruktur wurde ausgebaut und Industrie sowie Handel festigten sich. Die Bedeutung des Projekts von 1876 erklärt sich auch durch die Fähigkeit dieses Stadtplans, sich an eine Stadt anzupassen, die sich weitaus stärker verändern würde, als ihre Urheber vorhersehen konnten. „Der Stadtplan besticht durch seine klare Konzeption. Die Geometrie des Gesamtkomplexes, seine Anpassung an die Topografie und die Dimensionen seiner Räume ermöglichten es verschiedenen Generationen, Eingriffe vorzunehmen, ohne seine Identität zu verändern. Das Gebäude mag sich ändern, aber das Gesamtbild dominiert“, erklärt der Architekt.

Die Stadterweiterung wurde mitten in der Industrialisierung konzipiert, als die wichtigsten Wirtschafts-Motoren der Stadt und die bürgerlichen Bedürfnisse in Bezug auf Mobilität, Wohnen und Gewerbe ganz anders waren als heute. Der Wandel des Zyklus sollte erst Jahrzehnte später eintreten. Die Industriekrise und später die Überschwemmungen von 1983 markierten einen Wendepunkt für Bilbo. Die Stadt begann damals, ihr Verhältnis zur Ría (Nervion-Fluss) zu überdenken und nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für Räume zu suchen, die mehr als ein Jahrhundert lang mit Industrie, Lagerhäusern und Hafeninfrastruktur verbunden gewesen waren. Doch das ist bereits eine andere Geschichte.

150 JAHRE SPÄTER: NEUE HERAUSFORDERUNGEN

Heute muss sich die Stadtplanung jedoch mit anderen Themen auseinandersetzen: Mobilität, Zugang zu Wohnraum, der Wandel des Handels, die Alterung der Gebäude und – was immer mehr an Bedeutung gewinnt – die Notwendigkeit, Natur in einen dicht bebauten städtischen Raum zu integrieren. Für García de la Torre sollte dieser letzte Aspekt für die Zukunft eine zentrale Rolle einnehmen. Bilbao, so argumentiert er, habe noch Spielraum, seine Plätze, Straßen und öffentlichen Räume umzugestalten und sie lebenswerter zu machen. Er betont, dass es nicht nur darum gehe, vereinzelt pflanzliche Elemente einzubinden, sondern den Baumbestand deutlich zu erhöhen. „Wir haben zu viel Beton und brauchen viel mehr Bäume“, betont er. Sein Vorschlag sieht vor, eine einfache, aber in Städten immer relevanter werdende Idee wieder aufzugreifen: dass Straßen und Plätze nicht nur Durchgangsorte sind, sondern auch Räume, die Schatten, Schutz und Kontakt zur Natur bieten.

ANMERKUNGEN:

(1) “Die Stadterweiterung, die die Hauptstadt der Provinz Bizkaia veränderte: 150 Jahre des Plans, der das Wachstum von Bilbao prägte“ (Original: El Ensanche que transformó la capital vizcaina: 150 años del plan que marcó el crecimiento de Bilbo), Tageszeitung Gara, Autor: Asier Robles, 2026-11-01 (LINK)

(2) Karlistenkriege: 1834 bis 1839 (erster KK) und 1873 bis 1876 (zweiter KK). Hintergrund der Kriege war die spanische Thronfolge. Die beiden Prätendenten namens Carlos zogen die baskischen Traditionalisten auf ihre Seite, indem sie ihnen die Beibehaltung der Fueros – Selbstverwaltungsrechte aus dem 13. Jahrhundert versprachen. Beide Kriege gingen aus Sicher der Karlisten verloren, ebenso die Fueros.

ABBILDUNGEN:

(*) Ensanche Bilbo (gara)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-11-08)

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