
Archäologie und Sprachforschung
Die Ausgrabungen bei der ehemaligen Siedlung Irulegi, westlich von Pamplona-Iruñea, liefern weitere Ausgrabungsfunde, die auf die lange Geschichte der baskischen Sprache hinweisen. 2021 wurde dort die „Hand von Irulegi“ gefunden, eine Metallplakette in Form einer Hand, die erkennbar und lesbar mit baskischen Schriftzeichen versehen war. Jetzt, 2026, wurden am selben Ort weitere Elemente gefunden, die ebenfalls Schriftzeichen aufweisen und auf die damalige Nutzung von Zahlen hinweisen.
Irulegi ist eine Ausgrabungsstätte in Navarra. Gegraben wird in einer Siedlung aus der Eisenzeit des 1. Jahrhunderts vor Christus am Fuße der Ruinen der Burg in Navarra.
Die „Hand von Irulegi“ war ein archäologisches Fundstück, das 2021 am Fuße der Ruinen der Burg von Irulegi entdeckt wurde. Es handelte sich um eine Bronzetafel in Form einer ausgestreckten Hand, auf deren Rückseite eine vierzeilige Inschrift zu sehen ist. Ein Teil der Schrift ist in einer unbekannten Schrift graviert, eine Zeile ist als Baskisch identifizierbar. Unklar, ob es sich um ein rituelles Symbol, etwa über einem Hauseingang handelte oder um ein Kampfsymbol. Der Fund wurde im November 2022 der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Ausgrabung der Siedlung, die während des Sertorius-Krieges in Brand gesteckt und zerstört worden war, wurde von der Wissenschaftlichen Gesellschaft Aranzadi durchgeführt.
Mittlerweile hat die Fundstätte Irulegi weitere Hinweise auf die baskische Sprache geliefert. Bei einem Keramikfund wurde der Text „abar“ entdeckt, der möglicherweise der erste Beleg für eine Ziffer in dieser Sprache ist und dem heutigen „(h)amar“ (zehn) im Baskischen entsprechen würde. Wenige Monate vor dem vierten Jahrestag der öffentlichen Vorstellung der „Hand von Irulegi“ hat die Wissenschafts-Gesellschaft Aranzadi am Donnerstag einen weiteren bedeutenden Fund an derselben Fundstätte im Zusammenhang mit dem Baskischen bekannt gegeben. Diesmal handelt es sich um die Inschrift „abar“ auf einem Tongefäß.
Dieser neue Fund wurde im Rahmen einer Pressekonferenz im Civivox Pompelo in Iruñea (Pamplona) vorgestellt, wo derzeit die Ausstellung „Von Irulegi nach Pompelo. Die Ursprünge einer Stadt“ zu sehen ist. In diese Ausstellung wurden das genannte Exponat sowie ein weiteres Stück mit der Inschrift „basi“ aufgenommen, bei dem es sich um einen abgekürzten Namen handeln dürfte. An der Präsentation beider Funde nahmen Mattin Aiestaran, Leiter der Ausgrabungsstätte von Irulegi, Javier Velaza, Professor an der Universität Barcelona teil, sowie Joseba Asiron, Bürgermeister von Iruñea, und Manolo Romero, Bürgermeister des Aranguren-Tals.
IM SELBEN HAUS DER HAND
Zu den Umständen der Funde erklärte der Leiter der Ausgrabungsstätte, dass die Fundstücke bei Arbeiten in diesem Gebiet im Jahr 2020 entdeckt wurden und dass die Experten Velaza und Gorrochategui nach der Reinigung eine erste Interpretation vornahmen. Anschließend wurden sie restauriert, was bereits Anlass zu einer tiefergehenden epigraphischen und sprach-wissenschaftlichen Interpretation der Funde gab. In Bezug auf „abar“ erklärte Aiestaran, dass das Keramikfragment im Inneren desselben Hauses gefunden wurde, in dem auch die „Mano de Irulegi“ entdeckt wurde; es war in zwei Teile zerbrochen und entspricht dem Rand eines Vorratsgefäßes, das vor Ort oder in der unmittelbaren Umgebung hergestellt wurde. Zum Text führte Velaza aus, dass dieser „in einer paläohispanischen, wahrscheinlich baskischen Schrift geschrieben ist, nämlich a[ba]r oder abar, und möglicherweise die Angabe seines Fassungsvermögens darstellt“.
Der Professor erklärte, dass die Entzifferung der Inschrift zunächst eine zusätzliche Schwierigkeit darstellte, da sie in zwei Teile zerbrochen war, dass der Text jedoch gelesen werden konnte, sobald die Teile gereinigt und wieder zusammengefügt worden waren. Sollte die Interpretation zutreffen, „wäre die Inschrift der erste Beleg für eine baskische Ziffer, deren Form zudem exakt mit der übereinstimmen würde, die jüngste Studien auch der Ziffer 10 im Iberischen zugeschrieben haben, für die eine Entsprechung zum baskischen (h)amar (10) vorgeschlagen wurde“. Er fügte hinzu, dass das Dokument „von großer Bedeutung für das Verständnis der Beziehungen zwischen dem Baskischen und dem Iberischen sowie der Beziehungen beider Sprachen zum historischen Baskisch (dem Euskera in seinen alten oder rekonstruierten Phasen) und zum heutigen Euskara“ sei. Velaza führte aus, dass sich dieses „abar“ auf das Fassungsvermögen der Keramik beziehe, die eine Menge von 10 einer „unbekannten Einheit“ enthalten würde. Er erinnerte daran, dass das Vorkommen einer numerischen Angabe am Rand eines Gefäßes nicht ungewöhnlich sei, da ähnliche Funde entdeckt worden seien, auf denen ein lateinisches X zur Angabe derselben Menge zu sehen sei.
Zur Aussprache erklärte der Professor, dass es zwar als „abar“ geschrieben sei und „wir es auch so lesen“, das „m“ jedoch weder im Iberischen noch im Baskischen existierte, „weshalb es möglich ist, dass es ‚amar‘ ausgesprochen wurde“, wie die heutige Zahl 10 im Baskischen. In Bezug auf die Verbindungen zwischen beiden Sprachen erinnerte Velaza daran, dass es bemerkenswerte Parallelen zwischen den Zahlen im Iberischen und im historischen Baskischen gibt, die durch zwei Theorien erklärt werden sollen. Die eine geht davon aus, dass zwischen beiden eine „genetische Verwandtschaft“ bestehe, dass es sich um Schwestersprachen handele oder dass die eine aus der anderen hervorgegangen sei. Die zweite Theorie besagt, dass es zu einem Wort-Anleihe zwischen den beiden Sprachen gekommen sei, „und dafür gibt es viele Beispiele“. Von diesen beiden Theorien neigt der Sprachexperte zunehmend zur „genetischen Verwandtschaft“, da „es immer mehr Belege dafür gibt“. Er tut dies jedoch mit Vorbehalt, da „wir über zu wenig Material verfügen, um zu fundierteren Schlussfolgerungen zu gelangen“.
DER NAME DES EIGENTÜMERS?
In Irulegi wurde eine weitere Inschrift gefunden, die ebenfalls vorgestellt wurde. Sie wurde außerhalb desselben Wohnhauses entdeckt und stammt in diesem Fall von „dem äußeren Boden eines importierten Gefäßes für den persönlichen Gebrauch, das der glockenförmigen Typologie mit schwarzer Glasur oder Bemalung entspricht und aus Italien stammt“, erklärte der Leiter der Ausgrabungsstätte. Dieses Fragment trägt den Text „basi“, der „einem abgekürzten Namen entsprechen könnte, vielleicht dem des Besitzers des Gefäßes und des Hauses“, erklärte Professor Velaza. Er relativierte die Bedeutung dieses Fundes als „relativ“, hob jedoch hervor, dass „damit bestätigt wird, dass in Irulegi geschrieben und gelesen wurde und es eine Schriftkultur gab“. Die epigraphische und sprachwissenschaftliche Untersuchung der Funde wurde von Velaza und Joan Ferrer von der Universität Barcelona sowie von Joaquín Gorrochategui von der Universität des Baskenlandes (Euskal Herriko Unibertsitatea) durchgeführt und wird in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift „Palaeohispanica“ veröffentlicht. Der Professor betonte, dass „diese beiden neuen Zeugnisse zu der epigraphischen Bronzetafel der so genannten Hand von Irulegi, den Texten auf den Münzen und dem im selben Siedlungsgebiet gefundenen ‚Stylus‘ hinzukommen und die Präsenz der Schrift im Alltag der baskischen Siedlung bestätigen“.
NEUE HINWEISE
Der Bürgermeister von Iruñea betonte seinerseits, dass die Funde „eine unerwartete und bedeutende Überraschung“ gewesen seien. Zu der Inschrift mit der möglichen baskischen Ziffer erklärte er, dass sie „eine Tür von enormem wissenschaftlichem Interesse öffnet, da dieses Fundstück neues Licht auf die sprachlichen Wurzeln dieses Gebiets und auf die Beziehung zwischen dem Iberischen, dem Baskischen und dem historischen Baskischen werfen kann“. Er fügte hinzu, dass diese Entdeckung für Iruñea auch einen ganz besonderen symbolischen Wert habe, „denn sie erinnert uns daran, dass die Geschichte unserer Stadt nicht plötzlich beginnt und sich auch nicht anhand eines einzigen Zeitpunkts erklären lässt. Vor Pompelo gab es ein bewohntes Gebiet, eine Gemeinschaft, eine Sprache, Lebensweisen und eine materielle Kultur, die wir heute dank der archäologischen und wissenschaftlichen Arbeit ein wenig besser kennenlernen können“. Der Bürgermeister des Aranguren-Tals wies seinerseits darauf hin, dass zu Beginn der Ausgrabungen im Jahr 2018 „die Erwartungen minimal waren, wir aber große und sehr positive Überraschungen erlebt haben“. Er hob das „wunderbare“ Team hervor, das an der Fundstätte arbeitet, was eine Garantie dafür sei, dass alles, was ans Licht kommt, „gründlich untersucht wird“.
Dies sind einige der herausragendsten Ergebnisse der archäologischen Untersuchung, die derzeit an der Siedlung Irulegi durchgeführt wird, die im Rahmen des Sertorianischen Krieges im 1. Jahrhundert v. Chr. angegriffen und zerstört wurde. Die Arbeiten begannen 2017 auf Initiative der Stadtverwaltung des Aranguren-Tals mit Unterstützung des Kulturministeriums der Regierung von Navarra und werden von der Wissenschaftlichen Gesellschaft Aranzadi in Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten geleitet.
Bislang wurden drei Wohnhäuser mit einer Fläche von jeweils etwa 75 Quadratmetern ausgegraben, in denen zahlreiche materielle Überreste geborgen wurden: Waffen, Keramikgefäße, Münzen, Tierknochen, Mühlen … Eine Reihe dieser Fundstücke ist in der Ausstellung im Civivox Pompelo zu sehen, die bereits von 24.775 Besuchern besichtigt wurde und noch bis zum 27. September geöffnet bleibt; hinzu kommen die beiden am Donnerstag vorgestellten Funde. Aranzadi organisiert den ganzen Sommer über bis zum 12. September Führungen durch diese Ausstellung und sogar zur Ausgrabungsstätte von Irulegi. Dazu muss man sich im entsprechenden Bereich auf der Website anmelden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese archäologischen Arbeiten kennenzulernen, die mit ihren Funden zum Baskonischen die Geschichte neu schreiben.
BISHERIGE PUBLIKATION:
In einer früheren Publikation bei baskultur.info vom 19. November 2023 informierten wir über die Ausgrabungen und Euskara-Funde im navarrischen Irulegi, unter dem Titel: "Die Hand von Irulegi - Euskara-Geschichte verlängert".
ANMERKUNGEN:
(*) Original-Titel: “Hallada en Irulegi una cerámica con el texto «abaŕ», primer testimonio de un numeral vascónico”, Tageszeitung Gara, 2026-06-25 (LINK)
ABBILDUNG:
(*) Baskisch (collage baskultur)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-06-25)
