Mumia Abu-Jamal
Der Musik-Journalist Dave Zirin interviewte für die US-Musik-Zeitschrift Rolling Stone am 17. Juni 2025 Mumia Abu-Jamal, den seit 1981 in Pennsylvania / USA inhaftierten afro-amerikanischen Journalisten, der wegen eines erfundenen Polizisten-Mordes seit fast 44 Jahren inhaftiert ist. In einem ausführlichen Interview sprachen sie über Trumps Amerika, ultrarechte Politik und Neoliberalismus, die Verquickung von Staat und Kapitalismus, die Wallstreet, Karl Marx, Bob Marley und über neue Revolten.
Interview mit Mumia Abu-Jamal in der Musik-Zeitschrift Rolling Stone (Dave Zirin). Deutsche Übersetzung des Interview vom Team Mumia Abu-Jamal, Heidelberg / Berlin, publiziert von Mumia-Hoerbuch.de.
Exklusivbericht
Der ehemalige Black Panther wurde 1982 wegen Mordes an einem Polizisten in Philadelphia zum Tode verurteilt. Seine Freilassung ist für Musiker*innen heute kein prominentes Anliegen mehr – aber Mumia verfolgt immer noch, was in der Welt geschieht. (1) (2)
Sieben Minuten vom idyllischen Molly Maguire Historical Park in Frackville, Pennsylvania entfernt liegt die Staatliche Strafvollzugsanstalt SCI Mahanoy. Hinter öde-grauen Betonmauern und Stacheldraht befindet sich, in einer Situation, die er als "Leben mit einem Todesurteil in Zeitlupe" beschreibt, der Gefangene AM 8335, Mumia Abu-Jamal. Abu-Jamal war einmal Mittelpunkt einer internationalen Kampagne; er verbrachte beinahe drei Jahrzehnte im Todestrakt Pennsylvanias, von wo aus er auf seiner Unschuld beharrte und Millionen zu der Forderung nach seiner Freilassung inspirierte.
Heute, mehr als 40 Jahre, nachdem er für den angeblichen Mord an dem Polizeibeamten Daniel Faulkner verurteilt wurde, bleiben er und sein Fall ein heißes Eisen in der Politik Philadelphias. Der Polizeiverband Fraternal Order of Police hat sich jahrzehntelang erst für die Hinrichtung Abu-Jamals und dann für die Fortsetzung seiner Inhaftierung stark gemacht, weil er einen der ihren getötet haben soll. Amnesty International bezieht keine Stellung zu seiner Schuld oder Unschuld, kam aber zu der Feststellung, sein Verfahren sei durch polizeiliches, staatsanwaltliches und richterliches Fehlverhalten charakterisiert gewesen. 2011 wurde sein Todesurteil aufgehoben und der Bezirksstaatsanwalt Philadelphias beschloss, von seiner Exekution abzusehen und sich mit einem Urteil von Lebenslänglich ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung zufrieden zu geben. Abu-Jamal ist jetzt 71 und mit der Dringlichkeit bevorstehender Hinrichtungs-Termine hat sich auch die Zahl derer, die für seine Freilassung demonstrieren, verringert. Aber auch wenn wir ihm keine Aufmerksamkeit schenken, können wir uns darauf verlassen, dass er uns sehr wohl beobachtet. "Es gibt da dieses Gefühl einer großen Unordnung, dass alles ziemlich aus der Bahn geraten ist", meint er. "Babylon steckt in echten Schwierigkeiten.
Mumia Abu-Jamal spricht mit einer direkten, ruhigen Dringlichkeit und hat viel zu sagen über den Niedergang der Rechtsstaatlichkeit, die Heucheleien der Verfassung und den langen politischen Weg, der uns in die gegenwärtige Krise geführt hat. Bevor er im Todestrakt landete, war Abu-Jamal als junger Mann eine führende Person bei den Black Panthers in Philadelphia und später ein preisgekrönter Reporter für National Public Radio (NPR), der über Kultur, Wohnprobleme und Musik berichtete. Er war zum Zeitpunkt seiner Festnahme Präsident der Philadelphia Association of Black Journalists und hatte eine hoffnungsvolle Zukunft vor sich. Genau das machte Abu-Jamals Verhaftung wegen der Ermordung des Polizeibeamten Faulkner so merkwürdig und schwer zu glauben.
Im Prozess behauptete die Anklage, der Polizist Faulkner habe Abu-Jamals Bruder William Cook an den Straßenrand gewinkt und Abu-Jamal, der damals auch als Taxifahrer arbeitete, sei zufällig vorbeigekommen und habe ebenfalls angehalten. Nachdem es, wie die Polizei und einige weitere Zeugen der Anklage berichteten, zu einer physischen Auseinandersetzung kam, rannte Abu-Jamal laut der Staatsanwaltschaft über die Straße, feuerte dabei eine Waffe ab und tötete Faulkner, während er selbst durch eine Kugel in die Brust verletzt wurde. Die Staatsanwaltschaft legte dem Gericht Beispiele für politische Äußerungen Abu-Jamals aus seiner Zeit als Panther vor, die ihrer Meinung nach seine feindselige Haltung gegenüber der Polizei belegten. Abu-Jamal hat immer darauf bestanden, dass er ein politischer Gefangener ist, der sich aufgrund einer reaktionären Kampagne von Polizei und Staatsanwaltschaft gegen radikale Kräfte in Philadelphia hinter Gittern befindet. Sein Verfahren und seine zahlreichen Berufungs-Versuche waren haben nicht dazu geführt, dass er frei kam, auch nachdem sich neue Augenzeugen meldeten, die der Tatversion der Polizei widersprachen.
Als 1995 und 1999 zwei Hinrichtungstermine näher rückten, wurde der Fall Abu-Jamals zu einem zentralen Anliegen der Musik-Community. Rage Against The Machine, die Beastie Boys, KRS-One, Anti-Flag und viele andere produzierten Singles oder gaben Konzerte, bei denen sie sich für seine Freilassung einsetzten. Aber nachdem er zu einem "Lebenslänglich" ohne einen Hinrichtungs-Termin wurde, verschwand sein Fall weitgehend aus der Öffentlichkeit. Auch wenn die Rufe "Freiheit für Mumia" leiser geworden sind, weiß Mumia die Unterstützung, die er immer noch genießt, zu schätzen. "Ich höre immer noch von vielen Leuten und ich bin weiter froh über jeden einzelnen Rap, jedes einzelne Wort", sagt er.
Abu-Jamal ist laut eigener Auskunft ein "Geschichts-Freak" und “C-Span-Junkie" und hat im Gefängnis 15 Bücher geschrieben oder herausgegeben, darunter den jüngst erschienenen Band “Beneath The Mountain: An Anti-Prison Reader“, der bei City Lights erschien. Derzeit beendet er eine Doktorarbeit an der University of California Santa Cruz (UCSC) über den höchst einflussreichen Arzt und Revolutionär Frantz Fanon. Hier haben wir jemanden, der über die hässlichsten Seiten unseres Landes nicht nur schreibt, sondern sie auch jeden Tag erlebt. Mumia und ich (Dave Zirin) als Journalist von Rolling Stone haben uns persönlich in Frackville getroffen und diese Konversation wurde später durch ein auf Band aufgenommenes Telefongespräch ergänzt. Ich hatte ihn vor 15 Jahren schon einmal interviewt, aber jetzt, angesichts des derzeitigen politischen Aufruhrs in den USA, steht noch wesentlich mehr auf dem Spiel, diskutierten wir doch, ob der vielbeschworene "Weg zum Faschismus" schon an sein Ziel gekommen ist.
Dave Zirin: Wie sieht dein Leben in einer Situation aus, die du als "Todesstrafe in Zeitlupe" bezeichnet hast?
Mumia Abu-Jamal: Es ist sicherlich ruhiger, aber auf sehr persönliche Art auch intensiver. Ich habe den größten Teil meines Lebens im Todestrakt verbracht, und der Todestrakt war mein Zuhause. Er war außerdem mein Büro. Er war ein Ort, an dem ich unablässig arbeitete, indem ich las und studierte. Ich erinnere mich, dass ich zeitweise zwei Bücher am Tag las, und das über Wochen und Monate. Nicht wegen des Bildungs-Programms eines Colleges, sondern aus Neugier und weil ich wissen wollte, wie die Welt organisiert war und weil ich die Freiheit hatte, zu studieren und die Antwort auf einige dieser Fragen zu finden. Nichts macht den Geist konzentrierter als der Tod. Und wenn man im Todestrakt ist, kann man dahin reisen, wo der eigene Geist ist: Wenn ich im Todestrakt las, befand ich mich in anderen Ländern und anderen Epochen. Was die jetzige Zeit betrifft, ist der Todestrakt in Zeitlupe immer noch ein Todestrakt. Es ist kein Ort, wo es Licht am Ende des Tunnels gibt, sondern nur noch mehr von diesem Tunnel und noch mehr Dunkelheit (er lacht). Es ist eine lang ersehnte Freude, seine Kinder zu umarmen und seine Frau zu umarmen und Freunde zu umarmen und mit ihnen zu reden, besonders nach 29 Jahren ohne Körperkontakt, aber es ist immer noch ein Leben in einem Käfig und das ist keine Art zu leben.
Dave Zirin: Wie verstehst du das, was sich derzeit politisch außerhalb der Gefängnismauern im Land abspielt?
Mumia Abu-Jamal: Es ist schwer, sich die Welt von heute zu betrachten und nicht das Gefühl eines tiefgreifenden Chaos zu empfinden, das einen jeden Tag erfasst. Das liegt zum Teil daran, dass das, wofür dieses Land sich entschieden hat, eine Art von Politik des Wahnsinns, der Niedertracht und – entschuldige, wenn ich das sage, aber ich bin zutiefst davon überzeugt – eine Art von Massenignoranz ist, die man nicht übersehen kann. Das ist das Wesen dieser Sache. Es ist ein außergewöhnlicher und Schrecken erregender Moment.
Dave Zirin: Trump sagt, er wisse nicht, ob er mit der Verfassung übereinstimmt, fundamentale Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, ein fairer Prozess oder eine Jury von Gleichgestellten scheinen jetzt zu Opfern seines Justizministeriums zu werden.
Mumia Abu-Jamal: Die Wahrheit in dieser Sache ist, dass es schon immer diese Rhetorik über einen ordentlichen Prozess, das Recht auf eine Jury von Gleichgestellten und andere von der Verfassung garantierte Rechte gab. Aber es kommt nicht darauf an, was die Verfassung sagt, sondern darauf, was in der Praxis stattfindet. Es gibt die Rhetorik und es gibt die Realität, diese beide Ströme fließen nur selten zusammen. Wenn ich etwas von Rechtsstaatlichkeit höre, denke ich nicht automatisch an mich und meinen Fall zurück, sondern an Fred Hampton, den ehemaligen Vorsitzenden der Chicagoer Ortsgruppe der Black Panther Party, der vom Staat in seinem Bett ermordet wurde, nur weil er ein Panther war. Das war am 4. Dezember 1969. Ich spreche hier als jemand, der nicht nur Artikel darüber gelesen hat. Ich war einer von vier Panthers aus Philadelphia, die sofort, nachdem wir von seiner Ermordung gehört hatten, nach Chicago fuhren, und wir standen nur Stunden nach der Hinrichtung Fred Hamptons in diesem Haus. Wir standen nur einen halben Meter von seiner blutdurchtränkten Matratze und nicht weit von der Tür entfernt, die wie ein Schweizer Käse aussah, weil das Feuer aus automatischen Waffen sie in den frühen Morgenstunden zersiebt hatte. Also von wegen Rechtsstaatlichkeit.
Dave Zirin: Sie deportieren jetzt auch Gefangene, die ohne Verfahren auf unbegrenzte Zeit festgehalten wurden, an ein Arbeitslager in El Salvador, das von Geo Group gebaut wird.
Mumia Abu-Jamal: Das ist die Erweiterung eines gefängnis-industriellen Komplexes, der sich nicht damit zufriedengibt, in seinen eigenen Landes-Grenzen zu verbleiben, auf den Rest der Welt. Wir sehen jetzt außerdem, wie leicht es ist, diese privaten Gefängnisse in Orte der Repression, der Folter und des Todes zu verwandeln. Diese Gefängnisse, die Aktien an der New Yorker Börse verkaufen, sind die neuen Pioniere dessen, was man früher Black Sites genannt hat. Black Sites waren von der CIA betriebene Geheimgefängnisse. Wir wussten nie, wo sie sich befanden, weil sie nie in den Nachrichten auftauchten und wir sagten: "Reden wir doch mal darüber, wo die Black Sites sind." Jetzt trompeten sie es hinaus und sagen: "Wir werden da drüben ein Gefängnis aufmachen. Und da noch eines und da noch eins." Das ist wirklich die Privatisierung von Gefängnissen in durchgedrehter und weltweiter Form. Man denke an die Leute aus Deutschland und Südafrika, die vor etwa einem Jahrhundert in die Vereinigten Staaten kamen, um das Jim-Crow-System zu studieren, damit sie ihr eigenes System rassistischer Ungleichheit und Unterdrückung perfektionieren konnten. Die USA sind ein Exporteur von Ketten.
Dave Zirin: Die Brutalität Trumps haben wir in den letzten Jahren oft auch bei von Bürgermeister*innen der Demokraten gesehen, die Angriffe befahlen auf Protestierende von Occupy Wall Street, von Black Lives Matter, oder gegen Cop City.
Mumia Abu-Jamal: Auch hier kommt es wieder nicht darauf an, was die Verfassung sagt, sondern was die gängige Praxis ist. Heute ist der 40. Jahrestag der Bombardierung von MOVE in Philadelphia. Es war ein liberaler Bürgermeister der Demokraten in Philadelphia, der ein Haus mit Männern, Frauen, Kindern und Tieren bombardieren und mehrere Häuserblocks abbrennen ließ und der Feuerwehr befahl, das Wasser abzustellen. Und die taten es. Elf Menschen, darunter fünf Kinder, starben durch Feuer und Gewehrschüsse. Um einmal sarkastisch zu sein: Wie viele dieser Leute, die in der fünft-größten Stadt der USA einen Massenmord begingen, kamen dafür in den Todestrakt?
Dave Zirin: Als Person, die einmal der bekannteste Todestrakt-Gefangene in den USA war – was sagst du zu den Bemühungen von Trump, mit aller Macht die Todesstrafe zurückzubringen?
Mumia Abu-Jamal: Auch das ist wieder die Politik der Repression, ganz groß geschrieben und in Farbe. Trumps Justizministerium spricht auch von der Wiederinkraftsetzung der Todesstrafe für Menschen, deren Urteil umgewandelt wurde. Wir befinden uns in einem Zeitalter des Wahnsinns. Der Wahnsinn erscheint mittlerweile normal, oder? Wenn man jedem Tag eine Dosis von Wahnsinn verabreicht bekommt, vergisst man nach einer Weile fast, wie wahnsinnig man ist und wie irrsinnig alles um einen herum ist, weil es normalisiert worden ist (er lacht.) Es kann nur irrsinnig werden, weil es vor 30 Jahren mit einer Art von Irrsinn begann.
Dave Zirin: Was meinst du, wenn du sagst, "weil es vor 30 Jahren mit einer Art von Irrsinn begann"?
Mumia Abu-Jamal: Wir hätten diesen gegen die Verfassung gerichteten Law-and-Order-Trumpismus nicht ohne Clinton. Bill Clinton war der Pate der Massen-Einkerkerung, und man kann nicht von der Erweiterung der Todesstrafe sprechen, ohne sie als eine Erweiterung der Massen-Einkerkerung zu verstehen. Es hätte in den USA auch keine Massen-Einkerkerung geben können, wenn in den 1990er Jahre nicht schon der Neoliberalismus die Ökonomie bestimmt hätte. Und der Neoliberalismus ist dem Wesen nach Konservatismus, weil es sich bei ihm um eine enge Verbindung zwischen Staat und Konzernen handelt, was wiederum eine sehr treffende Definition für Faschismus ist. Neoliberalismus ist wie eine Art höflicher Faschismus. Er ist nicht so niederträchtig, hat aber dasselbe Ziel und dieselbe Absicht. Wir hätten jetzt nicht den Ausnahmezustand der Trump-Politik, wenn es nicht zuvor die Clinton-Biden-Gesetzesvorlagen zur Verbrechensbekämpfung und die gewaltige Expansion der Gefängnisse gegeben hätte, die den Weg dorthin gebahnt haben.
Dave Zirin: Leben wir jetzt im Faschismus? Du weißt, das ist ein Wort, dass meiner Meinung nach in der Vergangenheit zu oft verwendet worden ist.
Mumia Abu-Jamal: Ja, es ist Faschismus. Wir haben das Wort in den 1960ern wegen seines politischen Effekts verwendet. In Wirklichkeit benutzten wir es nicht, um unsere politische Analyse zu vertiefen, sondern um unsere Rhetorik aufzupeppen. Wir sind jetzt in einem anderen Zeitalter. Mein Verständnis von Faschismus war immer, dass er eine Ehe zwischen Staat und Unternehmen ist. Wenn man sich alles betrachtet, was um uns herum geschieht, wird diese Ehe immer wieder geschlossen. Die Konzerne sind in unserem politischen Leben die wichtigste Quelle der Macht. Die Gesetze werden für sie geschrieben, ganz gleich, worum es sich handelt. Und der Oberste Gerichtshof hat verkündet, dass Konzerne verfassungsmäßige Rechte haben und dass es sich bei ihnen letztlich um Personen handelt, die verfassungsmäßigen Schutz genießen.
Dave Zirin: Gibt es einen Weg, eine Bewegung aufzubauen, um diese faschistische Trump-Agenda zu besiegen?
Mumia Abu-Jamal: Den Wellen der Repression muss mit Wellen des Widerstandes begegnet werden und wir haben es jetzt mit Wellen des Wahnsinns zu tun. Jede Bewegung wird die Jugend brauchen und die heutige Generation ist in vieler Hinsicht ganz wunderbar. Es ist die Jugend, die auf den Plan tritt und auf eine Art von "Freiheits-Träumen" spricht, wie es ihre Eltern nicht wagen. Wenn man jung ist – besonders, wenn man jung ist und ans College geht – ist das die freiste Zeit im Leben. Das eigene Gehirn wir auf eine Weise genährt, wie das in der Zeit an der Highschool nicht geschah und wie es in der Zeit nach dem College nicht mehr sein wird. Viele haben noch keine Kinder, sie sind nicht dem Druck einer Karriere oder eines Jobs ausgesetzt, und daher befinden sie sich auch nicht auf eine Weise kontrolliert, wie das bei einem Großteil der Arbeiter*innenklasse der Fall ist. Sie sind frei und sie können auf eine Art sprechen, die nicht nur von ihrem Willen, sondern von ihrem Herzen und ihrem Geist ausgeht, und daher sind sie in der Lage, wie niemand sonst klar zu sehen und zu rebellieren.
Man denke nur daran, was geschah, als eine 17-jährige in Minneapolis sich ihr Telefon schnappte und auf Video aufnahm wie ein Polizeibeamter jemanden direkt vor ihren Augen tötete. Sie verschickte es über Livestream und es ging um die ganze Welt. Wir erlebten die größten Demonstrationen seit Jahrzehnten und sie fanden überall auf der ganzen Welt statt. Es war, als reiste George Floyd rund um die Welt und ginge dabei von Telefon zu Telefon, das löste eine bemerkenswerte Bewegung aus. Eine 17-jährige hatte das möglich gemacht. Ich finde diese jungen Leute wirklich unglaublich, und aufgrund dieses mächtigen Kommunikations-Instruments konnten sie Dinge tun, von denen Huey Newton und Eldridge Cleaver nur träumten, die sie aber nicht realisieren konnten! (Er lacht.) Weil die Kommunikationsmittel sich verändert haben.
Dave Zirin: Du hast davon gesprochen, dass du Karl Marx zum ersten Mal im Alter von 41 Jahren gelesen hast. Vielleicht kannst du einmal davon sprechen, was der Marxismus als Analyse unseres gegenwärtigen Chaos zu bieten hat.
Mumia Abu-Jamal: Als ich ein junger Panther war, versuchte ich, Marx zu lesen. Er war vollkommen unverständlich. Ich versuchte, Das Kapital zu lesen, aber ich kam nicht weiter als bis zur zweiten Seite. Es brachte mich zum Einschlafen! Aber Jahre später, als ich schon im Todestrakt war, nahm ich es mir noch einmal vor und ich lernte einige Dinge, die ein 14- oder 15-jähriger unmöglich verstehen konnte, wenn er sich mit dieser Materie beschäftigt hätte. Ich begann, die Kraft zu sehen, die darin lag, eine ökonomische Analyse zu haben, um zu verstehen, wie die Welt organisiert ist. Marx sagte, der Kapitalismus selbst sei eine revolutionäre Idee, die sämtliche chinesischen Mauern niederreißt. Er ist eine destruktive Kraft, die "Dingen" einen Preis, aber keinen Wert zuschreibt. Diese wirtschaftliche Kontrolle über unser Leben – und unsere Versklavung durch das Auf und Ab ökonomischer Krisen wird nicht aufhören, solange die Menschen nicht anfangen, auf andere Art nachzudenken. Dieser Punkt ist wichtig, weil der Kapitalismus Gangstertum in globalem Maßstab bedeutet und weil man sich dem entgegenstellen muss.
Dave Zirin: Richtig, jedes Mal, wenn es eine Krise gibt, wird Marx im Wall Street Journal zitiert.
Mumia Abu-Jamal: (Lacht) Was beweist, dass sie Marx lesen!
Dave Zirin: Sie sagen dann: "Wir stimmen mit der wirtschaftlichen Analyse des Kapitalismus überein und haben bloß etwas gegen den Teil mit der Revolution und dem Sturz des Systems!"
Mumia Abu-Jamal: Genau. Aber sie kennen seine destruktive Macht, weil sie selbst Teil davon sind. Und wir sehen die Resultate eines Systems in einem permanenten Zustand der Krise jeden Tag: in der Welt und ganz gewiss in der Politik in diesem Land. Wir befinden uns inmitten einer weißen nationalistischen Konterrevolution in Washington. Denk mal an all die Staatsangestellten, die jetzt angegriffen werden. Denkt da einer, die seien wirklich ein Haufen von linken Verrückten und Sozialisten und Liberalen? Nein. In Wirklichkeit sind sie konservativer als der Durchschnitts-Beschäftigte, aber dieses Regime behandelte sie wie Müll, weil es Steuer-Erleichterungen für die Ultrareichen durchsetzen will. Und sie behandelten diese Leute, die sich den Arsch abarbeiteten, wie Abfall – diese Leute, die zur Schule gingen, um die Qualifikation für einen Job zu erwerben und dann ihr Bestes zu tun, um das Land zu unterstützen. Man denke einmal daran, wie Leute heute über Lehrer reden. Einer der härtesten Jobs der Welt ist es, junge Leute zu unterrichten. Das ist eine der härtesten und eine der am schlechtesten bezahlten Arbeiten im Land. Und wenn man Politiker über Lehrer sprechen hört, reden sie über sie, als seien sie Dreck.
Dave Zirin: Aber warum hassen sie Lehrer so sehr?
Mumia Abu-Jamal: Zum Teil, weil Lehrer einen gebildeten Teil der Arbeiter*innenklasse darstellen, der die Aussagen kritisch infragestellt, die Politiker so von sich geben. Man denke an den Krieg gegen die Universitäten, wahrscheinlich das Beste, was die Gesellschaft je im Bereich der höheren Bildung hervorgebracht hat. Faschismus ist leichter mit ungebildeten Arbeitskräften durchzusetzen. Trump hat gesagt: "Ich mag die Ungebildeten. Das sind meine Lieblingsleute." Vor ihm habe ich einen Politiker noch nie solche Worte sagen gehört. Aber er meint das ernst! In meiner Zelle denke ich darüber nach, wie viele der Bewegungen der 1960er Jahre ihren Ursprung an Universitäten hatten – Berkeley, San Francisco State, Columbia. Die Trump-Leute befinden sich in einem permanenten Krieg gegen die 1960er Jahre, die wahrscheinlich freieste Zeit des 20. Jahrhunderts. Und sie befinden sich in einem Krieg mit der höheren Bildung, weil sie die Camps für Palästina gesehen haben und so etwas in Zukunft nicht noch einmal sehen wollen.
Dave Zirin: Ich schreibe für Rolling Stone und du warst ja unter anderem auch Musikreporter. Ich weiß, dass du eines meiner Idole interviewt hast: Bob Marley. Ich habe gehofft, du könntest ein bisschen erzählen, wie das war.
Mumia Abu-Jamal: Das war eines der bemerkenswertesten Interviews, die ich damals geführt habe. Mein jüngster Bruder, meine Frau und ich gingen uns zu einem großen Hotel in Center City, Philadelphia. Wir hatten mit Marleys Manager Arrangements getroffen und kamen hoch, im Raum liefen Rastas umher und hörten Reggae-Musik, im Schlafzimmer befand sich Robert Nesta Marley. Wir setzten uns hin und ich muss zugeben, dass er einen Riesen-Joint hervorzog, und ich schaltete mein 90-Minuten-Band an, um ihn aufzunehmen. Er redete einfach immer weiter. Wir sprachen in diesen 90 Minuten über alles auf der Welt, bis ich kein Band mehr hatte, dann sprachen wir noch eine Stunde. Es war zum Teil der Joint, den er bereitwillig mit uns teilte, aber noch mehr war es der weit offene, globale Geist Bob Marleys. Es war bemerkenswert. Er erzählte uns einfach, wie er die Dinge sah. "Wenn ich nach Amerika komme, Mann, möchte ich hier Leute sehen, die rebellisch sind, Mann, Leute auf Rasta."
ANMERKUNGEN:
(1) “Mumia Abu-Jamal über Trumps Amerika: Babylon ist in ernsten Schwierigkeiten", Mumia-Hoerbuch, Originaltext von Dave Zirin, 17. Juni 2025, Übersetzung: Team Abu-Jamal, Heidelberg/Berlin (LINK)
(2) Quelle im englischen Original: “Mumia Abu-Jamal on Trumps’s America: All is not well in Babylon“, Rolling Stone, Dave Zirin, June 17, 2025 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Mumia Hoerbuch
(2) Mumia (rolling stone)
(3) Bob Marley (radio concierto)
(4) Mumia (hoerbuch)
(5) Mumia (rolling stone)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-08-03)
