Widerstand gegen syrische Islamisten
Seit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien hat sich auch in diesem Nahost-Land das politische Panorama stark verändert. Die gemäßigten Islamisten des neuen Regimes arbeiten mit dem Westen zusammen, ihr Anführer wurde in Washington empfangen. Israel hält an seinen Phantasien von einem Groß-Israel fest und hält nordsyrische Gebiete besetzt. Nun greifen die Islamisten die kurdischen Selbstverwaltungs-Gebiete an, um sie trotz anders lautenden Absprachen zu liquidieren. Die USA haben die Fronten gewechselt.
Seit einer Woche führt die HTS-Regierung Syriens einen groß angelegten Angriff auf Rojava und drängt Truppen der Syrian Democratic Forces stark in die Ecke. Während westliche Mächte die kurdische Selbstverwaltung im Stich lassen, zeigt sich internationale Solidarität.
Die Selbstverwaltung Rojavas ist ein Dorn im Auge der vom Islamisten Ahmed al-Sharaa geführten syrischen Zentralregierung. Der Übergangspräsident, der Ende 2024 an die Macht kam, ist beinharter Islamist und Anführer der gleichgesinnten HTS-Miliz, einem Ableger von Al-Qaeda. Mit der Machtübernahme ging ein Rebranding einher, um sich die Unterstützung der NATO-Mächte zu sichern: Mit diesem Imagewechsel wurden deren Botschaft und politische Positionierung geändert, um ihr negatives Image zu korrigieren und sich auf Kosten der alevitischen Minderheit und der Kurd:innen an der Macht zu halten.
Am 10. März des vergangenen Jahres unterzeichneten das HTS-Regime und die kurdische SDF ein Abkommen, dass die Bürgerrechte, den Schutz und die Integration der Kurd:innen in die Verwaltung des syrischen Staates garantieren sollte. Im Gegenzug sollte sich die SDF und alle zugehörigen Strukturen in die Syrische Armee und das Innen-Ministerium integrieren. Umgesetzt wurde das jedoch nie.
Nun will al-Jolani – so al-Sharaas Kampfname als islamistischer Fundamentalist – sich endlich des Dornes Rojava entledigen und die Macht auf dem Staatsgebiet Syriens sichern. Dementsprechend fahren syrische Regierungstruppen derzeit eine Offensive gegen die Syrian Democratic Forces (SDF) und nehmen immer mehr Gebiete der kurdischen Selbstverwaltung ein. Bei der SDF handelt es sich um einen Zusammenschluss verschiedener Milizen, die sich die Vertreibung des IS und den Schutz der Selbstverwaltungs-Gebiete auf die Fahne geschrieben haben.
Doch auch andere Kräfte haben ihre Finger im Spiel. Die Türkei etwa bekämpft seit jeher vehement alle Bestrebungen der Kurd:innen auf Selbstverwaltung und einen eigenen Staat. Immerhin liegt Kurdistan zu großen Teilen in der Türkei und steht deren Expansions-Vorstellungen diametral gegenüber. Daher unterstützt die Türkei nicht nur mehrere der angreifenden syrischen Milizen, sondern auch fliegt auch selbst Luftangriffe auf Stellungen der SDF.
SDF weit zurück gedrängt
Die Regierungstruppen und angegliederte Milizen rückten in nur sechs Tagen von den kurdischen Vierteln Aleppos in Nord West Syrien bis über den Euphrat ins Herz der kurdischen Selbstverwaltung vor, die von der SDF verteidigt werden. In den ersten Tagen nahmen die Islamisten zahlreiche Städte und strategische Stützpunkte ein, wie die Städte und teilweise Regionen Dayr Hafir, Rakka, Maskanah und auch die Stadt Tabqa, sowie den dort gelegenen Tishreen-Staudamm, der für einen großen Teil der Wasserversorgung in der Region wichtig ist.
Als Antwort gab die Führung in der Selbstverwalteten Region die General-Mobilmachung bekannt. Dennoch rückten die Kräfte des neuen syrischen Regimes weit hinter den Euphrat vor. Al-Omar und Al-Tanak – die größten Ölfelder Syriens, die sich im Osten des Staatsgebiets befinden – wurden ebenfalls eingenommen. Ein Grund für das schnelle Vorrücken der HTS-Truppen und ihrer Verbündeten ist dabei, dass die USA diese gewähren lässt. Eigentlich waren die US-Truppen seit langem mit der SDF verbündet, so kämpfte man im Syrienkrieg beispielsweise gemeinsam gegen den IS. Nun verweigerten die USA aber jegliche militärische Hilfe und verhinderte laut SDF-Angaben den Einsatz gewisser Waffen.
Nachdem sich die gewendeten Islamisten des HTS-Regimes gemäßigt und dem Westen gegenüber geöffnet haben, sieht man dort scheinbar nicht mehr die Notwendigkeit zur Unterstützung für die kurdischen Selbstverwaltungs-Gebiete und serviert die SDF auf einem silbernen Tablett. Der US-Gesandte für Syrien, Tom Barack, erklärte Anfang Januar ganz offen, dass die USA kein Interesse mehr an einer eigenständigen Rolle der SDF und der demokratischen Selbstverwaltung haben.
Zwei brüchige Waffenstillstände und die “rote Linie“
Nach kurzen Verhandlungen in Damaskus stimmte die SDF am Wochenende einem Waffenstillstand zu, der einen Teil der verlorenen Gebiete als syrisches Hoheitsgebiet anerkennt und zog sich zurück. Der Waffenstillstand soll aber von Regierungsanhängern und Milizen mit Verbindungen zur türkischen Besatzung immer wieder gebrochen worden sein. Nach weiteren Kämpfen gab Mazloum Abdi, der Oberbefehlshaber der SDF, am Dienstag bekannt, man habe sich in die mehrheitlich kurdisch dominierten Gebiete zurückgezogen – diese stellen eine “rote Linie“ dar, hinter die man nicht zurück fallen werde, um die Zivilbevölkerung vor Massakern zu schützen.
Die noch von der Selbstverwaltung kontrollierten Gebiete um Kobanê und im tiefen Nordosten sind mittlerweile durch Angriffe auf die M4 Autobahn voneinander getrennt und die Region Kobanê damit belagert. Nach zwischenzeitlichem Abbruch der Verhandlungen einigten sich HTS und SDF vorgestern erneut auf einen Waffenstillstand für 4 Tage. Es kam jedoch immer noch zu Angriffen auf die verbleibenden kurdischen Gebiete.
Wiedererstarken des Islamischen Staats
Besonders Kobanê hat dabei eine symbolische Bedeutung: Die Stadt, die seit Tagen ohne Strom und Internet ist und in der jetzt das Essen und Wasser knapp wird, wurde bereits 2014 belagert. Kobane wurde zum Wendepunkt im Krieg gegen den IS. Die Stadt fiel nicht in die Hände der Fundamentalisten, sondern wurde zu ihrem Grab. Ein Ergebnis jenes Sieges waren diverse Gefängnisse und Lagerkomplexe in denen tausende ehemalige IS-Kämpfer und ihre Unterstützer:innen unter Aufsicht der SDF eingesperrt sind. Sie sind nun ein stark umkämpftes Ziel, dass die Regierungstruppen zu erobern versuchen.
Einige Lager und Gefängnisse, die von der SDF verwaltet wurden, werden noch in harten Gefechten gegen die angreifenden Islamisten der Regierung verteidigt – wie zum Beispiel das Al-Aqtan-Gefängnis. Andere sind bereits verloren, so etwa das Al-Hol Lager, das Angehörige und Unterstützer:innen von IS-Kämpfern hält. Die Insassen wurden teils freigelassen oder ihre Freilassung steht bevor. Wenig verwunderlich, denn manche der Regierungskämpfer sind auf Bildern im Internet mit IS-Abzeichen zu sehen. Die USA nutzen die Waffenruhe derweil, um Tausende IS-Häftlinge in den Irak zu überstellen. Der HTS traut man scheinbar nicht genug bei die Bewachung von IS-Kämpfern.
Nicht jede Hoffnung für Rojava verloren
Doch Rojava und die SDF stehen in ihrem Kampf nicht alleine. Die HPG-Miliz der PKK, die sich in einem Entwaffnungs-Prozess befand, hat angekündigt der Verteidigung Rojavas “bedingsnungslose Unterstützung“ zuzusichern. In einer langen Stellungnahme prangert ihr Kommandant Murat Karayilan die westlichen imperialistischen Mächte für die Angriffe an – allen voran, die USA, die Türkei, Deutschland und Frankreich. Sie seien mitverantwortlich, da sie die Angriffe von HTS und dem IS durch diplomatische Deckung unterstützen oder zumindest billigen.
Er gibt jedoch auch Hoffnung gegen die scheinbare Übermacht des angreifenden Blocks. Die SDF, YPG, YPJ und HPG verfügen über erfahrene und gut ausgebildete Kämpfer:innen. Es bestehe eine weitverzweigte Tunnel-Infrastruktur für militärische Zwecke und von überall kommt Solidarität. Nach einer Demonstration überquerten am Dienstag hunderte Menschen bei Nusaybin die türkische Grenze nach Rojava, um sich dem Widerstand anzuschließen. Dabei schossen Grenzsoldat:innen auf die Menge und verletzten sieben Menschen. Auch an anderen Stellen der Grenze kam es Demonstrationen und zu Auseinandersetzungen mit Grenzsoldat:innen und Polizei.
Auch am Donnerstag marschierten solidarische Demonstrant:innen in Suruç erneut auf die Grenze zu. Der Marsch wurde von der oppositionellen DEM organisiert und auch die sozialistische ESP beteiligte sich. Die türkische Polizei griff die Demonstration schließlich erneut an, teils mit Wasserwerfern. Internationale Solidarität erhält die kurdische Selbstverwaltung also allemal, welchen Beitrag diese leisten kann, ist noch offen. Insgesamt bleibt die Lage in und um Rojava dynamisch, eine Eingliederung der SDF scheint angesichts der Kampfhandlungen vorerst vom Tisch zu sein. (*)
ANMERKUNGEN:
(*) “Rojava-Revolution in Gefahr – Widerstand gegen die Islamisten vor den Toren Kobanês“, Rojava Information Center / Perspektive, 2026-01-22 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Kurdische Kräfte (rote fahne news)
(2) Kurdische Kräfte (perspektive)
(3) Kurdische Kräfte (perspektive)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-01-22)
