Die endlose Reise
Mehr als hundert Flüchtlinge aus Mali und anderen Ländern südlich der Sahara sind erst auf spanischem festland und jetzt im Baskenland angekommen. Ein Teil lebte in Donostia, mehr schlecht als recht, auf der Straße und wurde nun in Oñati willkommen geheißen. Ein anderer Teil, etwa fünfzig Migranten, kam in die baskische Hauptstadt Vitoria-Gasteiz als vorübergehendem (oder endgültigem) Zufluchtsort. Mit Essen versorgt werden sie, wie eine andere Gruppe vor 10 Jahren in Bilbo, von Freiwilligen.
Die Mali-Migranten sind aus ihrer Heimat geflohen, weil das Leben dort unerträglich geworden ist, weil sie mit dem Tod bedroht werden. Nach ihrer Ankunft im spanischen Staat und im Baskenland müssen sie Asyl beantragen, um ihren Aufenthalt zu legalisieren. Bürokratie.
Solange sie auf die behördliche Bearbeitung warten, leben die Afrikaner weiter auf der Straße, weil sie ohne Papiere an keine Wohnung kommen. Alle wollen arbeiten, um ein Dach über dem Kopf zu haben und ein neues Leben aufzubauen. Seit Monaten, in manchen Fällen sogar seit Jahren sind sie auf einer scheinbar endlosen Reise, getrennt von ihren Familien. Die Situation in Araba (Álava) ist nicht das, wovon sie geträumt hatten. Sie leben auf der Straße, verteilt auf die Arkaden der Stadtteile Zaramaga, Salburua und Gazalbide, schlafen und duschen, so gut es geht. Sie warten darauf, dass die Nationalpolizei ihnen einen Termin zuteilt, um den langen Weg durch die bürokratischen Hürden zu beginnen, die mit einem Asylantrag verbunden sind. Die Wartezeit dauert Wochen und Monate. Essen bekommen sie dank der Spenden aus der Nachbarschaft. Sechs dieser Personen berichten von den Schwierigkeiten einer Reise, die noch nicht zu Ende ist. (*) Nach letzten Meldungen sollen die Bewerber aus Mali nach Oñati und Tolosa umquartiert werden, die dortigen Aufnahme-Zentren sind jedoch voll besetzt. Die heiße Kartoffel wird von einer Seite zu anderen geschoben.
Pathé Sidibe (Guinea)
”Sie wollten mich töten und ich musste aus dem Land fliehen.“ Pathé zeigt ein Foto von sich, als er Gold verkaufte. Pathé ist einer von etwa fünfzig Betroffenen, die auf den Straßen der baskischen Hauptstadt von Vitoria-Gasteiz schlafen. In seinem Fall sind es zwei Wochen, in denen er sich nicht duschen konnte und nur wenig zu essen hatte. Aber sein Fall ist anders als der der anderen. Er kommt aus der Republik Guinea. Dort herrscht kein offener Krieg, man hört keine Bomben und keine Kämpfe, aber er ist sich sicher, dass man ihn töten wird, wenn er zurückkehrt. In seinem Land arbeitete er als Gold-, Diamanten- und Mineralien-Verkäufer. Dieser Beruf hat Familientradition. Sein Vater war ebenfalls in diesem Bereich tätig und brachte ihm das Handwerk schon in jungen Jahren bei. ”Wir verdienten gutes Geld. Warum sollte ich zur Schule gehen?“, sagt er in einfachem Englisch, das ausreicht, um sich verständlich zu machen. Jahrelang drehte sich sein Leben um die Minen, bis eines Tages alles schiefging. Als er 30 Kilo Gold aus Bodié – einer Stadt im mittleren Westen des Landes – transportierte, wurde er von mehreren bewaffneten Söldnern überfallen. Sie raubten ihm seine Ladung und nahmen ihm fast das Leben. „Als ich meinen Chefs erzählte, was mir passiert war, glaubten sie mir nicht. Sie wollten mich töten, und ich musste aus dem Land fliehen.“
Seine Abreise erfolgte überstürzt, ohne Zeit für Abschiede. Er ließ seine Familie, seine Freunde und eine Lebensweise zurück, die ihm damals gefiel und ihm ein gutes Leben ermöglichte. Heute ist seine Vorstellung klar. ”Ich möchte in Vitoria bleiben, hier leben und arbeiten. Ich möchte nicht mehr zurückkehren. Ich würde gerne eine Schule besuchen, um schreiben zu lernen.“ Und ein neues Leben beginnen? „Ja, genau, ich möchte hier leben, ich fühle mich hier sicher.“ Pathé ist jung, ”etwa 30 Jahre alt“, sein genaues Alter kennt er selbst nicht – und er hat ”große Lust“, sich zu integrieren.
Mohammed Traoré, 40 Jahre (Mali)
”Nach 10 Jahren sieht man alles schwieriger, man weiß es nicht.“ Mohammed wartet vor der Polizeistation in Betoño darauf, aufgerufen zu werden. Er war Taxifahrer und verließ Mali vor zehn Jahren – etwa 2015 –, um eine sicherere Zukunft für sich und seine Familie zu suchen, die noch immer in einem Land auf ihn wartet, das in einem blutigen, endlosen Krieg versunken ist. Seitdem hat er Libyen, Italien und Frankreich durchquert und dabei zahlreiche Schwierigkeiten überwunden, die sich mit seiner Ankunft in Vitoria-Gasteiz allmählich zu klären scheinen, auch wenn die Bedingungen hier nicht die besten sind.
Er hat eine Frau und fünf Kinder, er hofft, bald wieder mit ihnen vereint zu sein. ”Ich möchte hier leben und meine Familie nachholen”, sagt er und bringt damit einen Wunsch zum Ausdruck, der seit einem Jahrzehnt unerfüllt bleibt. Das Leben auf der Straße und die tägliche Ungewissheit sind nicht leicht zu bewältigen. Trotz allem hebt er die Freundlichkeit der Einwohner von Vitoria-Gasteiz hervor. ”Die Menschen hier sind nett“, sagt er und bedankt sich für die Unterstützung von Nachbarn und Freiwilligen, die ihm in seiner prekären Lage helfen. Der Lebensstil ist sehr eingeschränkt. ”Es gibt keinen Ort, an dem man duschen kann, das ist sehr ärgerlich“, weshalb jede Geste der Hilfe wertvoll ist. Während einer Etappe seiner Reise war er in Málaga, hofft aber, dass sein endgültiges Ziel die Hauptstadt von der baskischen Provinz Araba sein wird. Er ist zuversichtlich, Arbeit zu finden und sich niederzulassen, nachdem er gehört hat, dass die Bearbeitung im Norden schneller geht. Im Moment ist das Warten für ihn jedoch ziemlich schwer zu ertragen. ”Pro Tag werden neun Personen betreut, das ist unzureichend. Wir würden uns wünschen, dass es mindestens doppelt so viele wären“, wendet er sich an die Institutionen.
Doua Coulibaly, 32 Jahre (Mali)
”Nach dem, was ich dort gesehen habe, ist eine Rückkehr unmöglich.“ Mit seinem Rucksack ruht sich Doua auf einer Bank aus. Am 27. Juni wurde Vitoria-Gasteiz zu Douas ”Zuhause“, auch wenn es weder ein Dach noch Wände hat. In diesen anderthalb Monaten hat er es geschafft, eine Routine zu entwickeln, die seinem Leben eine gewisse Ordnung verleiht. ”Ich stehe auf und dusche. Dann gehe ich zu dem Verein, wo sie mir eine Unterkunft versprechen. Danach gehe ich direkt zur Polizeistation, um zu sehen, ob ich mit den Papieren Glück habe”, erklärt er. In dieser Situation ist Essen ein knappes Gut, aber untereinander zögern sie nie, miteinander großzügig zu sein. ”Wenn jemand etwas zu geben hat, teilen wir es”, berichtet er über die Solidarität, die unter seinen Leuten üblich ist.
”Nach dem, was ich in Mali gesehen habe, ist es unmöglich, dorthin zurückzukehren. Es ist nicht sicher.“ Und warum bist du weggegangen? ”Weil es keine Zukunft gibt. Man hat keine Sicherheit. Die Dschihadisten sind im Norden und es gibt viel Gewalt. Ich will nicht mehr dort bleiben“, sagt der Mann, der seinen Lebensunterhalt mit verschiedenen Handwerks-Berufen verdiente. Hier hat er die Ruhe gefunden, nach der er gesucht hat. ”Vitoria-Gasteiz gefällt mir. Hier bleiben zu können, wäre unglaublich. Mal sehen, ob das möglich ist“, sagt er. Er hat keine Frau und keine Kinder, hält mehr oder weniger regelmäßigen Kontakt zu seiner Familie und hofft, sie nachholen zu können, sobald er seine Situation stabilisiert hat. Er hat noch keinen Termin, hofft aber, bald einen zu bekommen. ”Die Tage, Wochen oder Monate auf der Straße werden nicht einfach sein, aber ich hoffe, dass sie so schnell wie möglich vorbei sind. Die Leute helfen mir, und ich möchte nicht zurück“, erklärt er auf Französisch durch einen Dolmetscher.
Diaguely Nimaga, 27 Jahre (Mali)
”Endlich habe ich ein Zimmer, nachdem ich auf der Straße gelebt habe.“ Diaguely schläft auf einer Bank im Viertel Zaramaga und wartet auf eine Entscheidung. Im letzten Monat ist er durch Zaramaga gestreift, auf der Suche nach ein wenig Ruhe zwischen unbekannten Straßen und Gesichtern, die er kaum erkennt, aber er sich sicher, dass ”sie mich schon vorgeladen haben“. Er wird bis zum 3. November warten, ein Datum, das ihm einen Schub an Zuversicht und eine gewisse Ruhe angesichts der Unsicherheit gegeben hat, die ihn seit seiner Ankunft in der Stadt begleitet. Außerdem hatte er letzten Mittwoch ein Vorstellungsgespräch für ein Zimmer und ”sollte dort bis November bleiben können”, eine kleine Zuflucht, die es ihm ermöglicht, sich auszuruhen und neue Kraft zu tanken.
Dennoch zieht er es vor, diese Strapazen auf sich zu nehmen, anstatt in sein Land zurückzukehren, wo er Gefahr liefe, rekrutiert oder in den andauernden Krieg verwickelt zu werden. ”Dort kann man nicht leben”, sagt er in einer Art Mantra, das so viele seiner Leidensgenossen wiederholen. Diese lassen sich in folgendem Satz zusammenfassen: ”Unser größtes Problem ist, dass wir auf der Straße leben.” Außerdem hatte er kürzlich ein fast dramatisches Missgeschick. ”Neulich wurde mir mein Handy gestohlen. Ohne habe ich keine Möglichkeit, mit meiner Familie zu kommunizieren. Das ist ein großes Problem.” Dennoch hat er Unterstützung bei einer Gruppe von Nachbarn aus dem Viertel gefunden, die ihm und einigen anderen Essen, Decken und etwas Gesellschaft gegeben haben. ”In diesen Wochen ging es uns sehr gut, aber das ist jetzt vorbei“, erklärt er und führt dies darauf zurück, dass viele der Freiwilligen in den Urlaub gefahren sind.
Djawara Fousseinou (Mali)
”Bis ich den Termin bekam, waren es sehr harte Zeiten.“ Djawara posiert lächelnd mit ihrem lang ersehnten Termin. Djawara ist seit zwei Jahren ohne festen Wohnsitz durch ganz Spanien gezogen, hat sein Leben in einem Koffer mit sich herumgeschleppt und geschlafen, wo er konnte. Er verbrachte zwei Monate in Katalonien. „Man sagte mir, dass es ohne Meldebescheinigung unmöglich sei, einen Termin zu bekommen.“ Beim Roten Kreuz riet man ihm, eine andere Stadt mit mehr Möglichkeiten zu suchen. So kam er nach Vitoria-Gasteiz, wo er nach zwei Wochen Wartezeit endlich den lang ersehnten Termin bekam, am 15. Oktober. An diesem Tag wird er interviewt, um den Grund für seinen Asylantrag zu erklären und seine persönliche Geschichte zu erzählen, in der Hoffnung, internationalen Schutz zu erhalten. ”Ich wurde verfolgt, man drohte mir, mich zu töten, wenn ich nicht für sie kämpfte. Ich musste weg.“
Ab Oktober ”werde ich wohl weiterhin auf der Straße leben, aber jetzt, wo ich den Termin habe, bin ich erleichtert. Es waren sehr schwere Zeiten.“ Sein Plan ist derselbe wie der vieler anderer in seiner Situation. Er will sich in Vitoria-Gasteiz niederlassen, um eines Tages seine Familie nachzuholen, die derzeit noch in Mali lebt. Er denkt oft an diejenigen, die dasselbe durchmachen, und wünscht sich, dass der Prozess für sie schneller vonstattengeht. ”Wir konnten seit einer Woche nicht mehr duschen“, sagt er resigniert. „Die Müdigkeit macht uns sehr zu schaffen.“ Inmitten dieser prekären Lage ist ein Café im Stadtteil Salburua sein improvisierter Zufluchtsort. „Wir trinken etwas, um auf die Toilette gehen zu können.“ Dort, zwischen dem Duft von Kaffee und der Wärme des Lokals, findet er eine Atempause in einem Leben, das aus Tag für Tag besteht. Hat er Heimweh? ”Natürlich.“
Abdul Aziz, 21 Jahre (Mali)
”Ohne Visum ist es unmöglich, etwas zu bekommen.“ Er verbringt seine Tage zusammen mit Doua und Diaguely vor dem Friedhof Santa Isabel. In seinem jungen Alter musste Abdul seine Familie in Mali zurücklassen, eine Trennung, die ihm immer noch wehtut, aber angesichts der Umstände in seinem Land unvermeidlich war. Er erklärt auf Französisch, mithilfe eines Dolmetschers, dass es seine Angehörigen waren, die ihn dazu drängten, das Land zu verlassen, weil sie dachten, dass jedes Abenteuer außerhalb seines Landes besser wäre. Jetzt hat er in Vitoria-Gasteiz einen gewisse Ruhe gefunden. ”Ich habe lange auf den Termin gewartet.“ Er kam am 4. Juli, und seitdem waren die Bedingungen alles andere als einfach. Glücklicherweise war er einer der ersten, der einen Termin bekam, obwohl er bis zum 7. Oktober warten muss, um das Interview zu absolvieren, das ihm erlaubt, Asyl zu beantragen und die Tür zu einem stabilen Schutz zu öffnen, sobald er als Flüchtling anerkannt ist.
”Sie geben dir keinen Unterkunfts-Schein, bevor du ein Papier von der Polizei vorlegst.“ Er sagt, dass sie diese Berechtigung brauchen, damit ihnen ein Platz garantiert wird. ”Ohne das bekommst du nichts“, erklärt er ohne zu zögern. Dennoch gibt er die Hoffnung nicht auf und klammert sich an die Vorstellung, dass er nach der Erfüllung dieser Schritte endlich ein einigermaßen geregeltes Leben führen kann. Er sei bereit, die Sprache und einen Beruf zu lernen, alles kleine Schritte, um sich eine Zukunft aufzubauen. Wie alle Befragten träumt er davon, ”die Familie wiederzuvereinen. Es wird lange dauern, das weiß ich, aber in Mali kann man nicht leben“, betont er.
Baskische Regierung wird aktiv
Nach Wochen von Ignoranz sollen die Migranten aus Mali, die in Gasteiz auf der Straße leben, jetzt in die Aufnahmezentren nach Oñati und Tolosa gebracht werden (wie die Presse am 20. August berichtete). Dieser Plan ist jedoch davon abhängig, ob die spanische Regierung etwas unternimmt, um diese Zentren zu entlasten. Denn die Vertreterin der Aufnahmestelle Zehar Errefuxiatuekin erklärte einen Tag zuvor, dass die beiden Aufnahme-Zentren des Vereins in Oñati mit 100 Plätzen und in Tolosa mit 30 Plätzen bereits "gesättigt" seien, so dass diese Einrichtungen zunächst "entlastet" werden müssten. Diese Situation ist das Ergebnis der "langsamen" Reaktion der spanischen Regierung, die die baskische Regierung zur Weiterleitung der Asylbewerber an Zentren in benachbarte spanische Regionen aufgefordert hat. Nach Angaben des Ministeriums könnten Migranten, die bereits einen Erstantrag auf Anerkennung als Flüchtling gestellt haben, an jedem anderen Ort im spanischen Staat betreut werden, ohne dass sie Oñati und Tolosa passieren müssten. Doch niemand will sie. Denn das Baskenland ist rundherum von Regionen mit rechten Regierungen umgeben, die sich wiederum teilweise auf die Vox-Faschisten stützen. Bleiben also einmal mehr nur das aufnahmebereite Baskenland, wo sich die Regierung ebenfalls unwillig zeigt, sich jedoch nicht traut, gegen den Willen der sehr aktiven Flüchtlings-Bewegung eine rassistische Deportation vorzunehmen.
ANMERKUNGEN:
(*) “De Malí a Vitoria, el viaje interminable” (Von Mali nach Vitoria, die endlose Reise), Tageszeitung El Correo, 2025-08-17 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Mali-Migranten (elcorreo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-08-18)
