(*) Reiseziel Andalusien (elpais)
Das große Fluss-Sterben

Der Massentourismus gefährdet die Fauna und Flora zahlreicher Fluss-Landschaften, mit zerstörten Flussbetten und Müll-Ansammlungen. Die Flüsse Andalusiens liegen wegen des Tourismus im Sterben: „Man sieht nichts mehr, alles ist tot“. Die rechte-ultrarechte Regionalregierung von PP und VOX kontrolliert nur einige Flussläufe. Gleichzeitig wird bereits geplant, den Fluss Chíllar wieder für die allgemeine Öffentlichkeit zu öffnen, sein Zugang war seit drei Jahren verboten.

Während der Tourismus überall mit Millionen-Geldern angeheizt wird, bleibt der Naturschutz auf der Strecke: zu viele Besucher, zu viel Müll, keine Rücksicht auf die Fauna. Natur- und Brandschutz zeichnet sich aus durch verhängnisvolle Haushalts-Kürzungen.

Erfrischendes, klares und sauberes Wasser. Enge Schluchten, Wasserfälle und Wasserbecken inmitten dichter Vegetation. Der Fluss Chíllar in Nerja (Provinz Málaga, 22.187 Einwohner*innen) bietet fast alles, was sich Sommerurlauber nur wünschen können. Einschließlich guter Parkmöglichkeiten und geringer technischer Anforderungen. Deshalb strömten dort täglich bis zu 3.000 Menschen hin. Ein regelrechtes Spektakel. Aus diesem Grund verbot die Stadtverwaltung von Nerja im August 2023 den Zugang, um das Gebiet zu schützen. Obwohl der Besuch noch nicht erlaubt ist, plant die ultrarechte Regionalregierung von Andalusien bereits die Wiedereröffnung mit Einschränkungen.

Wegen der starken Auswirkungen, die die Anwesenheit von Menschen erneut auf die Artenvielfalt haben, wurde heftige Kritik laut. Gleichzeitig bewerben sich zwei Unternehmen um die Verwaltung. „Der Tourismus zerstört das Leben“, fasst Rafael Yus, Sprecher von Ecologistas en Acción (Umweltschützerinnen in Aktion), zusammen. Er weist darauf hin, dass viele andere Flüsse in der gesamten Region aufgrund des touristischen Drucks dem gleichen Risiko ausgesetzt sind.

Derzeit ist es ruhig im Gebiet um den Fluss Chíllar. Es gibt keine Menschenmassen mehr, aber dennoch einige Personen, die weiterhin unkontrolliert in die Route eindringen – aufgrund mangelnden Bewusstseins und unzureichender Überwachung, die sich die örtliche Polizei von Nerja und die wenigen Beamten des Naturparks teilen müssen. Für eine geschützte Fläche von 40.600 Hektar stehen gerade mal 18 Einsatzkräfte zur Verfügung. Abgesehen vom ökologischen Problemen beschloss die Verwaltung, den Zugang zu sperren, nachdem die Umwelt-Staatsanwaltschaft und der Plan zur Bekämpfung von Waldbränden vor der Gefahr für Menschen im Brandfall gewarnt hatten. Unter anderem deshalb, weil der Fluss der einzige Fluchtweg wäre.

Seitdem verfolgt die öffentliche Verwaltung das Ziel, die Besucherzahlen am Fluss durch den Einsatz von privaten Unternehmen zu reduzieren. Zwei Firmen bewerben sich bereits: Travelnatura und Sando. Sie sehen maximal 500 Besucher*innen pro Tag vor, obwohl die ursprüngliche Vorstellung der Regionalregierung nur bei 300 lag. Die erste Bewerbung sieht Eintrittskarten für zehn Euro vor, das zweite für 4,90 Euro. Beide versprechen eine ständige Instandhaltung des Flussbetts und Notfall-Protokolle. Bei der letzten großen Säuberungsaktion im Jahr 2017 wurden 450 Kilogramm Müll und Tausende von Turnschuhen entfernt, die an den Stromleitungen der Gegend hingen.

Das Verfahren zur Entscheidung, wer den Auftrag erhält, wird voraussichtlich lange dauern – zwischen einem und zwei Jahren. Diejenigen, die mit der Situation vertraut sind, hoffen, dass diese Zeit dazu genutzt wird, das Projekt für einen Fluss, der zum Fluss-Naturschutzgebiet erklärt wurde, noch einmal zu überdenken. „Das Zertrampeln des Flussbetts und der Ufer zerstört alles, weil es keinen anderen begehbaren Weg gibt. Es wäre kein Problem, wenn er länger geschlossen bliebe: Seit 2023 hat niemand mehr protestiert“, erklärt Yus. Er betont, dass „Ecologistas en Acción“ Einwände gegen die Wiedereröffnung eingereicht hat, deren Argumente sich auf das dortige Biodiversitäts-Schutzgebiet stützen. „Er ist einer der wenigen Flüsse in der Gegend, die das ganze Jahr über Wasser führen, und sein Ökosystem ist sehr interessant. Er sollte unter höchstem Schutz stehen“, bestätigt Andrés Vicente Pérez Latorre, Professor im Fachbereich Botanik und Pflanzen-Physiologie der Universität Málaga. Er ist der Ansicht, dass es „zerstörerisch“ wäre, täglich 500 Personen Zutritt zu gewähren. „Es sollten vielleicht fünf Besucher pro Tag zugelassen werden, die naturkundlichen Zwecken dienen, niemals touristischen“, empfiehlt er.

Baltasar Cabezudo ist ebenfalls Botaniker und war bereits in ganz Andalusien tätig. Er kennt die Gegend gut und versichert, dass die Umgebung des Chíllar einzigartig sei. Er hält die vorgeschlagenen Bewirtschaftungs-Maßnahmen für „eine Mogelpackung“, die ausschließlich der touristischen Ausbeutung diene. „Es gibt etwa 50 Arten, die sehr empfindlich auf Tritt, Verschmutzung und den Urin der Menschen reagiere. Denn man darf nicht vergessen, dass es dort keine Toiletten gibt“, warnt er. „Früher gab es im Oberlauf Reiher, viele Fische, Krebse, Libellen und mehr. Jetzt taucht man eine Unterwasserkamera ein und sieht keine Larven, Man sieht gar nichts, alles ist tot“, berichtet eine Quelle, die sich mit dem Thema bestens auskennt, aber aus Angst vor möglichen Repressalien lieber anonym bleiben möchte. „Sie haben den Fluss Chíllar zerstört und werden nicht aufhören damit: Das Gleiche wird mit vielen anderen Flüssen passieren, die jetzt in Mode gekommen sind“.

Vom Río Verde bis zum Cebollón

Es sind in der Tat nicht wenige. Auf Instagram findet man leicht Hunderte von Beiträgen über Wasserbecken, Teiche und Flüsse, eingebettet in paradiesische Postkarten-Landschaften in ganz Andalusien. Hinter diesen Bildern stehen Tausende von Menschen, wie beispielsweise am Río Verde in der Nähe von Otívar (Granada) am östlichen Rand des Naturparks „Sierras de Tejeda, Almijara y Alhama“. Die enorme Zahl von Besucherinnen der letzten Jahre hat die andalusische Verwaltung dazu gezwungen, den Zugang auf 100 Fahrzeuge pro Tag zu beschränken. Die Regelung wird von der Genossenschaft „Sociedad Cooperativa de Cázulas“ durchgesetzt, die Eigentümerin der Grundstücke ist, durch die der Weg zum Flussbett führt. Sie erhebt fünf Euro pro Person und fünf pro Auto. Im Sommer ist die Kapazität unter der Woche fast täglich ausgeschöpft; samstags und sonntags ist die Obergrenze bereits vor 11 Uhr morgens erreicht. Die Tour verläuft in der Regel am Ufer entlang, doch jenseits der türkisfarbenen Wasserbecken wandern viele Besucher auch im Inneren des Flussbetts – wie beispielsweise die von Aktiv-Tourismus-Unternehmen geführten Canyoning-Gruppen. Zum großen Nachteil für das Ökosystem. Auch Verletzungen kommen häufig vor. Die Daten der Guardia Civil von Granada für diesen Sommer verzeichnen die Rettung von bis zu 12 Personen, die den Weg aufgrund von Prellungen, Verletzungen oder Traumata nicht fortsetzen konnten.

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In derselben Provinz ist der Fluss Dúrcal ein weiterer, der darunter leidet, was ebenfalls von „Ecologistas en Acción“ angeprangert wurde. „Kein Naturraum kann dieser Überfüllung über einen längeren Zeitraum standhalten“, betonte die Organisation in einer scharfen Erklärung. Darin wird auch auf den Verlust von Arten und Lebensräumen an den Flüssen Castril und Lanjarón in der Sierra Nevada hingewiesen. Weiter südlich, in der Nähe von Fornes, ist am Fluss Cebollón das Begehen des Flussbetts bereits verboten, obwohl am Ufer entlang gegangen werden darf und das Baden am Wasserfall des Staudamms erlaubt ist, wie die andalusische Verwaltung selbst mitteilt. Auch an anderen Flüssen wie dem Río de la Miel, dem Majaceite oder dem Bocaleones (alle in Cádiz) gelten Einschränkungen. An letzterem, mitten im Naturpark Sierra de Grazalema, beklagen Umweltschützer zudem die Anwesenheit von mehr als 50 Personen pro Tag – eine von der Verwaltung festgelegte Obergrenze – sowie Musik, lautes Geschrei oder Hunde, die den Ort „in einen Themenpark“ verwandeln. Trotz all dieser Beschwerden gibt es seitens der Regionalregierung von Andalusien keinen konkreten Plan für die Bewirtschaftung dieser Flüsse.

Zurück in Málaga ist die Situation an Flüssen wie dem Patalamara (Cómpeta), dem Cástor und dem Padrón (Estepona), dem Higuerón (Frigiliana) oder dem Wasserloch „Cueva del Gato“ (Benaoján) ähnlich – ein Wasserloch, zu dem Familien Plastikmatten mitbringen und viel Müll zurücklassen. Auch am Genal werden ohne Genehmigung Dämme errichtet, um Wasserbecken zu schaffen, die die Tierwelt beeinträchtigen. Noch gravierender ist die Situation am Guadalmina (Benahavís), nur einen Katzensprung von Marbella entfernt und den ganzen Sommer lang überfüllt. Weiter im Landesinneren, bereits im Nationalpark Sierra de las Nieves, bietet der Fluss Turón ebenfalls einen Wanderweg mit mehreren Wasserbecken, zu denen die Regionalregierung von Andalusien die Zufahrt mit dem Auto verboten hat, sodass man sie nun nur noch zu Fuß erreichen kann. „Diese Maßnahme hat die Situation erheblich verbessert“, erklärt Helios Muñoz, Biologe und Fachreferent des Gemeindeverbands der Region.

Eingreifen erforderlich

Dennoch hören die Probleme nicht auf. „Es gibt Familien mit Kindern, die Fische in Eimern fangen, es laufen Hunde frei herum, es gibt Leute, die ihren Müll einfach überall liegen lassen. Wenn ich dorthin gehe, streite ich mich ständig mit den Besucher*innen, und deshalb habe ich beschlossen, erst nach dem Sommer wiederzukommen“, sagt Mariló Narváez, Bürgermeisterin von El Burgo (1.761 Einwohner*innen). Sie kritisiert auch diejenigen, die im Flussbett selbst spazieren gehen, da dies dem Ökosystem schadet. „Letztendlich verlangen wir nichts weiter als Sensibilisierung. Man kann zum Baden kommen, den Tag hier verbringen, aber man muss dabei stets die Umwelt respektieren“, betont sie, bevor sie darauf hinweist, dass sich immer mehr Menschen dafür entscheiden, flussaufwärts über die Dämme hinauszugehen – was früher niemand tat. Diese Praxis gefährdet den Oberlauf des Turón, der aufgrund der geringen menschlichen Eingriffe zum Fluss-Naturschutzgebiet erklärt wurde. Dort leben endemische Fischarten wie der „Cacho malagueño“, der zur Familie der Strahlenflosser gehört, sowie Krebse und Otter. Allerdings hat ein Projekt des Nationalparks die Installation von zwei Kameras zur Erfassung der Besucherzahlen vorangetrieben, was zu einer Verbesserung des Managements beitragen kann.

„Hier leben viele Menschen, und nach Andalusien kommen sehr viele Touristen. Alle wollen die Natur genießen, die zwar Veränderungen verkraften kann, aber auch ihre Grenzen hat. Es bleibt keine andere Wahl, als Vorschriften zu erlassen“, erklärt Antonio Herrera, Geschäftsführer des Umweltberatungs-Unternehmens Mediodes und Vorstandsmitglied der Stiftung „Nueva Cultura del Agua“ (Neue Wasserkultur). „Die Auswirkungen so vieler Menschen auf die Fluss-Ökosysteme sind enorm. Von Müll über Sonnencreme bis hin zu vielen anderen Schadstoffen.

Es bleibt nichts anderes übrig, als Vorschriften zu erlassen und gleichzeitig das Bewusstsein zu schärfen, aufzuklären und genau zu erklären, warum diese Maßnahmen ergriffen werden“, fordert Herrera die Behörden auf. Er schlägt Initiativen wie eine (kostenlose) Vorabgenehmigung vor, die die Regionalregierung von Andalusien von denjenigen verlangen könnte, die Wanderungen wie die zum Pinsapar von Grazalema oder den Wanderweg am Río Bailón im Naturpark Sierras Subbéticas machen wollen. Das würde dazu dienen, die Besucherzahlen zu kontrollieren. (*) Die Region Asturien im Norden des spanischen Staates ist mit ihren Schutzmaßnahmen bereits deutlich weiter. Das weitläufige Wald und-Berggebiet im Süden der Region wird kontrolliert, ins Innere der Schutzgebiete dürfen nur beschränkte Kontingente von Besucherinnen, viele Gebiete sind nur in Begleitung von Ökolog*innen zugänglich.

ANMERKUNGEN:

(*) „Die Flüsse Andalusiens sterben wegen des Tourismus – man sieht nichts, alles ist tot“ (Original: „Los ríos de Andalucía agonizan por el turismo: No ves nada, está todo muerto”, Tageszeitung El País, 2026-08-19, Autor: García-Santos, Übersetzung baskultur.info (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Reiseziel Andalusien (elpais)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-08-21)

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