atoch1Die tödliche Demokratie Spaniens

Das Massaker von Atocha 1977 war ein faschistischer Terroranschlag, der in der Nacht des 24. Januar 1977 von einer rechtsextremen Gruppe im Zentrum von Madrid verübt wurde. Einer der vielen Anschläge, die während des so genannten Übergangs von der Diktatur zur Demokratie verübt wurden. Sechs Personen wurden ermordet, Arbeits-Rechtsanwälte der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE) und der kommunistischen Gewerkschaft CCOO. Das Attentat konditionierte die Forderung nach Amnestie nach Francos Tod.

Eine rechtsextreme Kommandogruppe drang in eine Madrider Anwaltskanzlei für Arbeitsrecht der Gewerkschaft CCOO und Mitglieder der KP Spaniens (PCE) in der Calle Atocha ein und eröffnete das Feuer auf die Anwesenden, wobei fünf Menschen getötet und vier verletzt wurden.

Nach den Enthüllungen des italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti im Oktober 1990 über das ultrarechte Gladio-Netzwerk, sprach ein Bericht des italienischen CESIS, dass der Faschist Carlo Cicuttini an dem Massaker von Atocha beteiligt gewesen sei. Dies hatte die italienische Zeitung Il Messaggero bereits im März 1984 publiziert, eine These, die dann in einem offiziellen italienischen Bericht bestätigt wurde. Carlo Cicuttini war ein italienischer Neofaschist, der der Organisation Gladio (einem von der CIA geführten anti-kommunistischen Untergrund-Netzwerk nahestand). Cicuttini war nach einem Anschlag von Peteano 1972, den er zusammen mit Vincenzo Vinciguerra verübt hatte, ins franquistische Spanien geflohen, wo er die spanische Staatsbürgerschaft annahm. Die ermordeten Anwälte waren Enrique Valdelvira Ibáñez, Luis Javier Benavides Orgaz und Francisco Javier Sauquillo. Außerdem wurden der Jurastudent Serafín Holgado und der Verwaltungsangestellte Ángel Rodríguez Leal getötet. Miguel Sarabia Gil, Alejandro Ruiz-Huerta Carbonell, Luis Ramos Pardo und Lola González Ruiz wurden bei dem Anschlag schwer verletzt. (*)

Der Anschlag

atoch2Die Terroristen klingelten am 24. Januar 1977 zwischen 22:30 und 22:45 Uhr an der Tür der Kanzlei. Anscheinend suchten sie den kommunistischen Führer Joaquín Navarro Fernández, Generalsekretär der Transport-Gewerkschaft CCOO in Madrid, der zuvor Streiks organisiert hatte, die die sogenannte Franco-Mafia im Transportwesen weitgehend zerschlagen hatten. Da sie ihn nicht antrafen, weil er kurz zuvor gegangen war, beschlossen sie, die Anwesenden zu töten. Es handelte sich um zwei junge Männer mit Schusswaffen, die von einer dritten Person begleitet wurden, die dafür zuständig war, die Telefonkabel zu durchtrennen und die Büros zu durchsuchen. In derselben Nacht überfielen mehrere Personen auch ein Büro der sozialdemokratischen Gewerkschaft UGT, das leer war.

Durch die Schüsse kamen drei Anwälte, ein Jurastudent und ein Angestellter ums Leben. Schwer verletzt wurden vier weitere Personen. Eine der Anwältinnen der Kanzlei, Manuela Carmena, konnte dem Anschlag entgehen, weil sie gebeten worden war, an einem Treffen in einem anderen Büro teilzunehmen. 38 Jahre später war Manuela Carmena von 2015 bis 2019 Bürgermeisterin von Madrid, der Stadt des Massakers. Heute erinnern Straßen und Plätze in 23 Städten der Autonomen Gemeinschaft Madrid an die Opfer des Anschlags.

Legalisierung der PCE

Tausende Menschen versammeln sich, um den Trauerzug für die Opfer des “Massakers von Atocha” (Madrid, 26. Januar 1977) zu begleiten. Diese stille und friedliche Demonstration (viele Menschen erhoben ihre Fäuste, als die Leichenwagen vorbeifuhren) war ausschlaggebend dafür, dass Regierungs-Präsident Adolfo Suárez (ein alter Franquist) zweieinhalb Monate später beschloss, die Kommunistische Partei Spaniens zu legalisieren. Denn bis dahin war die PCE war weiterhin illegal. Der Generalsekretär der KP Spaniens, Santiago Carrillo, war im Februar 1976 heimlich aus dem Exil zurückgekehrt. Monate später war seine Anwesenheit jedoch allgemein bekannt, seine Verhaftung diente dazu, die Anerkennung und Legalisierung der PCE zu erzwingen. Er wurde am 20. Dezember 1976 verhaftet, und da es keine rechtlichen Gründe gab, ihn in Haft zu halten oder aus Spanien auszuweisen, wurde er wenige Tage später wieder freigelassen.

In den beiden Tagen vor dem Atocha-Massaker, die als “Schwarze Woche von Madrid” bekannt sind, waren zwei weitere Personen mit Verbindungen zu linken Bewegungen ums Leben gekommen: Arturo Ruíz durch die Hand derselben Faschisten-Gruppe “Triple A“ und Mariluz Nájera durch einen Rauchgranatenwurf der Polizei aus kurzer Entfernung während einer Demonstration wegen des Todes von Ruiz. Aufgrund all dieser Ereignisse wurde eine gewalttätige Reaktion befürchtet, die den politischen Übergang weiter destabilisieren könnte. Von Seiten der alten Franquisten, der Militärs und der Polizei war dies durchaus beabsichtigt.

Mehr als hunderttausend Menschen nahmen an der Beerdigung der Opfer von Atocha teil. Es war die erste Massen-Kundgebung der Linken nach dem Tod des Diktators Franco, die ohne Zwischenfälle verlief. Es folgten bedeutende Streiks und Solidaritäts-Bekundungen im ganzen Land sowie ein nationaler Streik der Arbeitnehmer am Tag nach dem Anschlag. Bei diesen Macht-Demonstrationen kam es zu der paradoxen Situation, dass die Sicherheitskräfte sogar die Mitglieder einer noch illegalen Partei schützten und damit maßgeblich – manche halten dies sogar für den entscheidenden Moment – zu ihrer Legalisierung beitrugen. Im April 1977, drei Monate später, wurde die Legalisierung an dem Tag offiziell, der als “Sábado Santo Rojo” (Heiliger Roter Samstag) bekannt ist, da es sich um einen Samstag in der Karwoche handelte, einem katholischen Feiertag, um so einen Teil der politischen und militärischen Opposition in den Ferien auszunutzen und zu schwächen. Im Februar hatte die Regierung von Adolfo Suárez bereits begonnen, andere Parteien wie die sozialdemokratische PSOE oder die baskisch-nationalistische PNV zu legalisieren.

atoch3Das Massaker von Atocha ist vielleicht der schwerwiegendste Moment der verschiedenen Gewalt-Ereignisse jener Zeit, in der auch die baskische Untergrund-Organisation ETA und die revolutionäre GRAPO aktiv waren, oder die Bewegung für die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit der Kanarischen Inseln (MPAIAC). Im Juni 1977 wurden die ersten demokratischen Parlamentswahlen nach der Diktatur abgehalten, in einer Atmosphäre großer sozialer und politischer Unruhe.

Im November 1977 wurde die Mehrheit der politischen Gefangenen amnestiert, wie eine landesweite Bewegung dies zwei Jahre lang gefordert hatte. Gleichzeitig mit der Amnestie der politischen Gefangenen beschloss die Regierung eine Amnestie für alle Kriegsverbrechen, Menschenrechts-Verbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit der franquistischen Repressivkräfte. Von der UNO wird dies bis heute als illegal bezeichnet, aufgrund der Amnestie wurde bis heute kein einziges Verbrechen des Franquismus aufgeklärt oder vor Gericht gestellt. Von Menschenrechts- und Memoria-Gruppen wird dies als Anzeichen gewertet, dass der spanische Staat bis heute an franquistischer Straffreiheit leidet und keine wirkliche Demokratie darstellt.

Festnahmen

Die Mörder, die sich durch ihre politischen Kontakte zu faschistischen Kreisen gut geschützt glaubten, machten sich nicht einmal die Mühe, aus Madrid zu fliehen. Sie wussten nicht, dass es für die postfranquistische Regierung Suarez eine Priorität war, sie zu fassen, um das Vertrauen in den demokratischen Übergangs-Prozess (Transición) zu stärken. Innerhalb weniger Tage verhaftete die Polizei José Fernández Cerrá, Carlos García Juliá und Fernando Lerdo de Tejada als Täter. Daneben wurde auch Francisco Albadalejo Corredera als Drahtzieher festgenommen, er war Provinzsekretär der Gewerkschaft “Sindicato Vertical del Transporte“, einer alten franquistischen Gewerkschaft mit engen Verbindungen zur Transportmafia. Ebenfalls festgenommen wurden Leocadio Jiménez Caravaca und Simón Ramón Fernández Palacios, ehemalige Kämpfer der Blauen Division (Spanier im Dienst der Nazis im Feldzug gegen die Sowjetunion im 2. Weltkrieg), wegen der Lieferung der Waffen. Daneben Gloria Herguedas, die Freundin von Cerrá, als Komplizin. Die Polizei-Beamten selbst verzichteten darauf, die Belohnung für ihre Festnahme anzunehmen. Während des Prozesses wurden bekannte Führer der extremen Rechten wie Blas Piñar und Mariano Sánchez Covisa als Zeugen vorgeladen.

Es gab jedoch Zweifel und Kontroversen darüber, ob nicht andere eine größere Verantwortung für die Anschläge trugen. Der zuständige Richter der Audiencia Nacional, Rafael Gómez-Chaparro Aguado, weigerte sich, über die genannten Angeklagten hinaus zu ermitteln. Die Flucht von Lerdo de Tejada vor dem Prozess, dessen Aufenthaltsort trotz der Verjährung seines Verbrechens im Jahr 1997 weiterhin unbekannt ist, während eines seltsamen Hafturlaubs zu Ostern, den Richter Gómez-Chaparro ihm im April 1979 gewährt hatte, trug dazu bei, diese Zweifel zu vertiefen, sie bestehen bis heute. Außerdem starb Simón Ramón Fernández Palacios am 23. Januar 1979. Die meisten der Verbrecher standen den Fuerzas del Estado nahe, den alten franquistischen Repressionskräften.

Die Audiencia Nacional verurteilte die Angeklagten zu insgesamt 464 Jahren Haft. José Fernández Cerrá und Carlos García Juliá, die Täter, wurden zu jeweils 193 Jahren Haft verurteilt; Francisco Albadalejo Corredera – der 1985 im Gefängnis starb – zu 63 Jahren; Leocadio Jiménez Caravaca – der 1985 an Krebs starb – zu vier Jahren und Gloria Herguedas Herrando zu einem Jahr. Einer der Verletzten des Massakers, Miguel Ángel Sarabia, äußerte sich 2005 dazu wie folgt: “Auch wenn es heute unbedeutend erscheint, war der Prozess gegen die Mörder von Atocha im Jahr 1980 – trotz der Arroganz der Angeklagten, die in blauen Hemden (Falange) und mit vielen Begleitern, ebenfalls in Uniform, erschienen waren – das erste Mal, dass die extreme Rechte auf der Anklagebank saß, vor Gericht gestellt und verurteilt wurde”.

García Juliá floh 14 Jahre später ebenfalls, nachdem ihm Bewährung gewährt worden war, obwohl er noch mehr als 3.800 Tage oder etwa 10 Jahre Haft zu verbüßen hatte. Er wurde 2018 in Brasilien festgenommen und am 7. Februar 2020 an Spanien ausgeliefert. Fernández Cerrá wurde nach 15 Jahren Haft freigelassen, einige behaupten, er arbeite in einer Sicherheitsfirma. Jaime Sartorius, Anwalt der Privatkläger, erklärte Jahre später: “Die Drahtzieher fehlen. Sie haben uns nicht ermitteln lassen. Für uns deuteten die Ermittlungen auf die Geheimdienste hin, aber sie deuteten nur darauf hin. Mehr kann ich nicht sagen.“

Verurteilung

atoch4Das Gericht, das am 4. März 1980 das Urteil fällte, befand, dass die Angeklagten Francisco Albadalejo – Sekretär der Gewerkschaft Sindicato Vertical del Transporte Privado de Madrid und verbunden mit der FET und den JONS , José Fernández Cerrá, Carlos García Juliá und Leocadio Jiménez Caravaca eine „aktivistische und ideologische Gruppe, die eine radikalisierte und totalitäre politische Ideologie vertrat und mit dem institutionellen Wandel in Spanien nicht einverstanden war”. Das Urteil verurteilte José Fernández Cerrá und Carlos García Juliá zu jeweils insgesamt 193 Jahren Haft und Francisco Albadalejo zu insgesamt 73 Jahren Haft. Carlos floh 1994 nach Brasilien, nachdem er 12 Jahre im Gefängnis verbracht hatte und auf Bewährung freigelassen worden war, aber 2020 wurde seine Auslieferung beantragt. Am 7. Februar 2020 wurde er von Interpol nach Spanien überstellt und in Soto del Real inhaftiert.

Preise der Atocha-Anwälte

Die Preise der Abogados de Atocha zeichnen Institutionen oder Personen aus, die sich in der Verteidigung der Menschenrechte und im Kampf für die Freiheit hervorgetan haben. Sie werden von der Gewerkschaft CCOO Kastilien-La Mancha und ihrer Stiftung verliehen und sollen das Andenken an die 1977 in Madrid von der extremen Rechten ermordeten Arbeitsrechtsanwälte bewahren und daran erinnern, dass keiner der Verurteilten seine Strafe vollständig verbüßte. Preisträger waren unter anderen: der brasilianische Dominikaner Frei Betto (*1981) oder der Kommunist Marcelino Camacho (1918-2010), die bekannte Schriftstellerin Almudena Grandes (1960-2021) und die humanitäre Organisation Open Arms.

In Madrid steht die Skulptur “El abrazo“ (Die Umarmung), bekannt als Denkmal für die Anwälte von Atocha, eine Bronzeskulptur, auf dem Plaza de Antón Martín. 2024 wurde im Palacio de la Prensa in Madrid der Dokumentarfilm “Las armas no borrarán tu sonrisa“ (Waffen werden dein Lächeln nicht auslöschen) von Adolfo Dufour uraufgeführt, der von Manuel Ruiz, dem Bruder von Arturo Ruiz (am Vortag bei einer Demonstration in Madrid ermordet), initiiert und vom Kollektiv Los Olvidados de la Transición (COT) produziert wurde. Der Dokumentarfilm, dessen Ziel es ist, einige der Verbrechen bekannt zu machen, die während des spanischen Übergangs zur Demokratie begangen wurden, und zu verhindern, dass die Opfer in Vergessenheit geraten, enthält ein Interview mit Ruiz-Huerta, in dem er erzählt, wie sich der Anschlag ereignet hat.

ANMERKUNGEN:

(*) Information aus: “Matanza de Atocha de 1977”, Wikipedia. Übersetzung: Baskultur.info. Es handelt sich um keine wörtliche Übersetzung, sondern um einen Text mit vielen Ergänzungen (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Atocha-Massaker (wikipedia)

(2) Atocha-Massaker (infobae)

(3) Atocha-Massaker (wikipedia)

(4) Atocha-Monument (wikimunoobrero)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-01-25)

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