
87 Camper getötet
Am 7. August 2026 jährt sich zum 30. Mal das Sturz-Hochwasser, das den Campingplatz von Biescas in Aragon verwüstete. Dabei kamen 87 Menschen ums Leben Zelten, Autos und Wohnwägen weggeschwemmt wurden. Experten waren sich einig, dass dort niemals ein Campingplatz hätte errichtet werden dürfen. Hinterher. Doch bis heute noch werden kritische Infrastrukturen in gefährdeten Gebieten geduldet. 30 Jahre sind vergangen seit der Tragödie vom Campingplatz Biescas: Der Preis, die Gewalt der Pyrenäen zu ignorieren.
Biescas ist ein kleiner Ort mit 1.500 EW am Fuße der Aragon-Pyrenäen. Bis 1996 nur unter Camping- und Wander-Freunden bekannt; nach 87 Toten am 7. August im ganzen Staat.
Die Geschichte beginnt mit einem Sanddorn, den der CSIC-Biologe Pedro Montserrat Recoder wie folgt beschrieb: „Es ist ein Strauch, der Unheil verheißt, der zu reißenden Gewässern und ungezähmten Flussbetten passt, die eines Tages wieder zu ihrer alten Kraft zurückfinden werden; ich wünschte, ich wäre ein schlechter Prophet.“ Dieser Satz wurde für die „Enciclopedia Temática Aragonesa“ verfasst, acht Jahre vor der Tragödie auf dem Campingplatz von Biescas, die sich heute, am 7. August 2026, zum 30. Mal jährt. Der Botaniker bezog sich mit Entsetzen auf den Ort, an dem dieser Campingplatz damals entstehen sollte und der für eine Wohnsiedlung vorbereitet wurde. Dieser Ort war voll mit dieser verhängnisvollen Pflanze. „Es lohnt sich, sie genauer zu betrachten, denn wir verdanken ihr den Schutz vor instabilen Böden, vor unwirtlichen Geröllfeldern, und sie hat dazu beigetragen, den Schwemmkegel in der Schlucht von Arás unterhalb des Sobremonte wieder zu besiedeln, indem sie das Instabile festigt – etwas, das jeden Tag wieder herunterrutschen und die geplante Wohnsiedlung unter sich begraben könnte. Es gibt gefährliche Orte, und unsere Pflanze heilt die Wunden der Landschaft, doch ihre Anwesenheit muss uns warnen.“
Montserrat Recoder war das, was sie nicht sein wollte: die verhängnisvollste aller Prophetinnen. Ein Sturm harrte zwei Tage lang über den Pyrenäen-Gipfeln, die den Fluss Gállego speisen, und löste eine Sturzflut aus. Die Flut überflutete die 42 vorhandenen Schutzdämme, riss 27 davon mit und nahm die Sedimente mit, die sich dort über Jahrzehnte angesammelt hatten. Die Flutwelle aus Wasser und Schlamm kostete 87 Camping-Gästen das Leben und hinterließ weitere 187 Verletzte. 27 der Toten waren Minderjährige. Die Flutwelle aus dem von den Dämmen gestauten Schlamm, aus Baumstämmen, Felsen und braunem, tobendem Wasser warf Autos und Lieferwagen um, riss Zelte und Wohnwagen mit sich, begrub den Campingplatz im Schlamm und verschüttete ganze Familien.
Das schnelle Eintreffen eines Teams von „Televisión Española“ sorgte dafür, dass sich die Bilder von schlammbedeckten Leichen, die von Anwohnern, Feuerwehrleuten, Angehörigen der Guardia Civil und der Armee mit bloßen Händen geborgen wurden – ohne Zensur und sensationalistisch –, tief ins Unterbewusstsein mehrerer Generationen einprägten. Dort lassen sie sich nicht mehr entfernen.
„Als wir ankamen, haben wir nicht gesehen, wie Leichen aus den Autos und aus der Erde geborgen wurden“, erzählt Joxe Lacalle, der Fotograf der linken baskischen Tageszeitung EGIN, der zusammen mit den Redakteuren Alazne Basañez und Fernando Alonso in die Ortschaft in der Provinz Huesca gereist war. Doch für Lacalle steht fest: „Ich hätte sie auch nicht fotografiert.“ Mehr noch als die Leichen ruft die Erwähnung von Biescas bei dem erfahrenen Fotografen aus Navarra das „Chaos“ und den „Trubel“ in Erinnerung, die in der Nähe des Rathauses herrschten – eine Folge der Tränen Dutzender Angehöriger, die lautstark ihre Verzweiflung zum Ausdruck brachten, weil sie keine Nachrichten von ihren Liebsten hatten. Luis Estaún war damals Bürgermeister für die Partido Aragonés. Er war jung: 28 Jahre alt und erst seit 15 Monaten im Amt. „Jedes Mal, wenn mich ein Journalist deswegen anruft, muss ich antworten; ich empfinde das als eine Pflicht, die ich immer haben werde“, versichert er.
Estaún blickt auf das Jahr 1996 zurück und nutzt die Gelegenheit, dass es sich um ein baskisches Medium handelt, um den Feuerwehrleuten und Rettungskräften zu danken, die aus dem Baskenland angereist waren, um Biescas während der Tragödie zur Seite zu stehen. Der ehemalige Bürgermeister, der nach einem Amt im Tourismusbereich zwischen 1999 und 2003 für weitere 20 Jahre das Ruder wieder übernahm, hält die Prophezeiung des Sanddorns für eine Anekdote. Was geschah, war seiner Meinung nach unvorhersehbar. Damit liegt er ziemlich falsch, vielleicht mit Absicht.
„Es hat uns alle überrascht“, erklärt er. „Niemand hätte sich einen Sturm von solchem Ausmaß und solcher Heftigkeit vorstellen können. Wir haben daraus gelernt. Was passiert ist, erinnert uns daran, wie verwundbar so empfindliche Einrichtungen wie die eines Campingplatzes gegenüber einem Unwetter, gegenüber der Kraft der Natur sind. Ein Wohnwagen oder ein Zelt vermitteln uns nachts ein Gefühl der Sicherheit, aber das ist eine trügerische Vorstellung.“
Die aus Beton und Ziegeln errichteten Gebäude dieses Campingplatzes hielten dem Hochwasser und den Tonnen von Sediment stand. Die Gemeinschaftssanitäranlagen wurden Jahre später abgerissen, doch das Hauptgebäude des Campingplatzes „Las Nieves“ steht noch immer. Es ist Teil eines verfallenen Komplexes, der einfach nur eingezäunt wurde. Auf die Frage, warum diese gespenstischen Bauwerke noch immer dort stehen, gesteht Estaún, dass Biescas im Laufe der Jahre verschiedene Projekte in Betracht gezogen habe, um sie zu nutzen. Doch keines davon sei realisiert worden.

Wissenschaft und Taubheit
Zu diesen Zäunen reist jedes Jahr Alfredo Ollero, Professor für Physische Geographie an der Universität Zaragoza, mit seinen Studenten. „Ich unterrichte das Fach Naturgefahren. Die Studenten werden immer jünger, aber die Tragödie ist in Aragón nach wie vor präsent. Der Tod von 87 Menschen ist etwas wirklich Dramatisches. In Aguilón 1921 starben 17 Menschen bei einem weiteren Sturz-Hochwasser. Bis 1996 war Aguilón die größte Tragödie gewesen“, erklärt er. Er versichert, dass man nach diesem Ereignis viel über Sturz-Hochwasser in den Pyrenäen gelernt habe. Zahlreiche Wissenschaftler untersuchten den Fall. Es wurde festgestellt, dass ein solches Hochwasser in der Schlucht von Arás, wo sich der Campingplatz „Las Nieves“ befand, zweimal pro Äon auftritt und dass die Wahrscheinlichkeit, dass es erneut zu einem solchen kommt, bei eins zu 500 liegt.
Es ist, als hätten die Einwohner von Biescas einen Korb mit 499 weißen Kugeln und einer schwarzen. Weiß für Nichts-passiert, schwarz löst den reißenden Strom aus. Jedes Jahr wird in den Korb gegriffen und eine dieser Kugeln gezogen. Der Campingplatz wurde 1988 eröffnet: Die schwarze Kugel kam sinnbildlich bereits im achten Jahr zum Einsatz. „Die Wissenschaft reagiert jedes Mal, wenn es zu einer Tragödie kommt, und sie stellt sich stets der Herausforderung. Gerade jetzt sind viele Kollegen wegen des Unwetters in Valencia am 29. Oktober 2024 in Aktion getreten und haben die Ursachen der DANA-Katastrophe mit 222 Toten untersucht. Aber eine andere Sache ist es, ob man uns mit unseren Analysen und Ergebnissen dann auf gesellschafts-politischer Ebene Beachtung schenkt“, sagt Ollero.
Der Professor vertritt die Ansicht, dass das, was bei der Unwetterfront und in Biescas geschehen ist, im Wesentlichen dasselbe ist – unabhängig davon, dass es sich an dem einen Ort um einen Campingplatz in einem Gebiet mit Gelbdornen handelt und am anderen um Wohnsiedlungen, die in von Wildbächen ausgehöhlten Schluchten errichtet wurden. Oder um Industriegebiete, die stillgelegte Flussbetten einnehmen, die jedoch eines Tages wieder zum Leben erwachen können wie in Valencia. „Wir müssen den Menschen die Vorstellung aus dem Kopf schlagen, dass bestimmte Gebiete nutzbar sind, denn die Natur hat uns gelehrt, dass dies nicht der Fall ist“, bekräftigt Ollero. Er kritisiert in diesem Zusammenhang, dass der erste Impuls der Institutionen darin besteht, alles wieder aufzubauen, um das Gewissen zu beruhigen, wobei derselbe Fehler erneut begangen wird – und das zudem so schnell wie möglich. Er betont, dass sich dies wiederholen kann, da jedes Jahr dieselben Kugeln im Loskorb liegen und metaphorisch immer wieder eine gezogen wird.
In Biescas gab es einen ähnlichen Impuls. Die Forstingenieure bauten alle 42 Staudämme oberhalb des Tals wieder auf und verstärkten sie. Sie schätzten die Wassermenge, die am 7. August 1996 die Schlucht hinuntergestürzt war, und gruben Kanäle, um das Wasser umzuleiten, falls sich eine genau gleiche Sturzflut wiederholen sollte. Ein Irrsinn. Nur ohne Campingplatz. Deshalb zitterte Estaún und den Dorfbewohnern die Hand, bevor sie das Hauptgebäude des Campingplatzes abrissen. Hätten sie es nicht jetzt nutzen können, da scheinbar alles gesichert war? Der Professor der Universität Zaragoza ist der Ansicht, dass das Risiko trotz all dieser Bauarbeiten weiterhin besteht. Er erklärt, dass wissenschaftliche Studien nach der Tragödie gezeigt hätten, dass diese Staudämme, anstatt Schutz zu bieten, das zerstörerische Potenzial des Wildbachs noch verstärkt hätten, da sie ihm noch mehr Sedimente und Gesteinsbrocken zuführten.
Die Schlucht von Arás hat nach Ansicht von Ollero genau diese Form, weil die Pyrenäen über sie das überschüssige Wasser aus den Gipfelregionen ableiten müssen. Es ist so, weil es so sein muss, weil die Natur es so bestimmt hat. Deshalb werden die Staudämme (von denen es Tausende ähnlicher in der gesamten Gebirgskette gibt) weiterhin Sedimente ansammeln, zunehmend an Stabilität verlieren und brechen, sobald die Natur genügend Kraft gesammelt hat. Doch der Verzicht auf Grundstücke unter Berufung auf die Natur und unkalkulierbare Risiken widerspricht der kapitalistischen Logik. „Wir haben nach wie vor Dörfer, die an Flussbetten und Wasserläufen liegen, weil sie in den Augen der Menschen attraktiv sind und sie deshalb einen wirtschaftlichen Wert haben. Wir wissen daher, dass die nächste Tragödie mit Sicherheit kommen wird. Wir müssen nur noch erfahren, wo und wann“, urteilt Ollero.
Der Bericht vom 4. August 1986
Die Justiz bestätigte die These dieses Professors. Die Angehörigen der Toten und die Überlebenden begannen einen Rechtsstreit, um Gerechtigkeit einzufordern. Zunächst wandten sie sich an die Strafjustiz, doch 1999 stellte das Gericht von Jaca das Verfahren ein: Diese Tragödie sei nicht vorhersehbar gewesen. Es kam nicht einmal zu einer Verhandlung. Justiz im Dienste kapitalistischer Verwertung. Weder der Besitzer des Campingplatzes noch die für die Erteilung der Genehmigungen verantwortlichen Personen wurden belangt.
Daraufhin wurde ein zweites Verfahren auf dem Verwaltungsweg eingeleitet, und überraschenderweise tauchte der sogenannte Bericht vom 4. August 1986 auf – zehn Jahre und vier Tage vor der Katastrophe –, in dem der Forstingenieur Pedro Pérez de Bujarrabal Amón eine ablehnende Stellungnahme zur Genehmigung eines Campingplatzes in einem Gebiet mit „extrem hohem“ Risiko für Sturzfluten abgab. Dieses zweite Verfahren endete mit einem 2005 verkündeten Urteil. Die Wasserwirtschafts-Behörde des Ebro und die Regionalregierung von Aragón mussten den Betroffenen eine Entschädigung in Höhe von 12 Millionen Euro zahlen. Angesichts dieser Entscheidung ist es völlig falsch, dass das Hochwasser nicht vorhersehbar gewesen sei, wie Ex-Bürgermeister Estaún weiterhin behauptet.
Lorena Cajal (PSOE) übernahm 2024 dank eines Misstrauensantrags das Amt der Bürgermeisterin von Biescas. „Ich kann nicht als Bürgermeisterin darüber sprechen, sondern nur als Kind. Ich war damals 11 Jahre alt. Meine Familie hat sich, wie alle anderen auch, an den Rettungsmaßnahmen beteiligt und Familien aufgenommen. Es waren Tage des anhaltenden Schocks. Das Dorf war am Boden zerstört“, erinnert sie sich. Cajal weist darauf hin, dass es zu diesem 30. Jahrestag weder eine Gedenkfeier noch eine offizielle Zeremonie geben wird. „Was wir jedoch im Juni verabschiedet haben, ist ein Hochwasser-Plan mit Protokollen und Frühwarnsystemen. Wir verstehen dies auch als Gedenken an die Opfer und Überlebenden“, erklärt sie.
Heute sieht sich Biescas ebenso wie der Rest der Pyrenäen mit dem Gespenst der Entvölkerung und Flucht in die Städte konfrontiert. Das kommt zu den 87 Opfern hinzu, die das Dorf seit 1996 verfolgen. „Junge Menschen finden keine Wohnungen, auch wenn sie Arbeit haben. Die Immobilienpreise sind um weitere 10% gestiegen, aber 80% der Häuser werden nur saisonal genutzt“, beklagt sie – ein Panorama, das sich auch in vielen baskischen Küsten- und Tourismus-Orten wiederholt: Gorliz, Plentzia, Bermeo, Lekeitio. Etwas kryptisch stellt die Sozialdemokratin fest, dass „Biescas nach vorne schauen“ müsse – was das heißen soll, bleibt ihr Geheiminis. Die Verhältnisse bleiben unangetastet.
ANMERKUNGEN:
(*) Information aus: „30 Jahre seit der Tragödie von Biescas: Der Preis dafür, die Kraft der Pyrenäen zu unterschätzen“, Original-Titel: „30 años desde la tragedia de Biescas: el coste de ignorar la fuerza del Pirineo”, Autor: Aritz Intxusta. Keine Übersetzung, 2026-08-07 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Katastrophe Biescas (gara)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-08-07)
