agval1Athletic gegen Mallorca

Zwar sind es nicht zwei baskische Clubs, die im Jahr 2024 im Finale um den spanischen Fußball-Pokal stehen, doch vor der Trainerbank stehen sich zwei baskische Trainer gegenüber. “Der Fuchs und die Ameise, zwei gar nicht so gegensätzliche Anführer“, lautet eine Definition, die allerdings einer Erläuterung bedarf. Ernesto Valverde (Athletic Bilbo) und Javier Aguirre (Real Mallorca) haben ebenso viele Gemeinsamkeiten wie Unterschiede. Beide sind Basken, aus der spanischen Extremadura und aus Mexiko-City.

Im Finale um den spanischen Fußball-Pokal stehen sich Real Mallorca und Athletic Bilbao gegenüber, die ersten mit Javier Aguirre, einem “der Baske“ genannten Trainer, die zweiten mit dem in Extremadura geborenen Ernesto Valverde, den die Immigration zu einem baskischen Kicker und Trainer machte.

Beide sind entscheidungsfreudig, aber mit sehr unterschiedlichen Führungsqualitäten. Beide haben ein Feeling für die Situation, für die Spieler und ihre Fähigkeiten, jeder auf seine Art. Beide leben vom Fußball und nehmen diesen Sport dann doch nicht so bierernst wie die meisten Aktiven und Fans, was der Sache sehr gut tut.

agval2Im Sommer 2005 plante ein Journalist aus Navarra ein Buch über Bergrouten. Logischerweise brauchte er einen Fotografen, um die einzelnen Wanderungen zu illustrieren. Nachdem er sein Angebot ausgeschrieben hatte, meldete sich ein Amateur namens Ernesto, der damals arbeitslos war und dem die Idee mit den Wanderschuhen und der Kamera auf der Schulter gefiel. In einem Telefonat vereinbarten sie den Auftrag ohne Probleme. Es stellte sich heraus, dass Ernesto sich wenig bis gar keine Gedanken darüber machte, wie er für diesen Job bezahlt werden würde. Zum Unglück für den Journalisten rief ihn der Fotograf einige Tage vor Beginn des gemeinsamen Projekts an, um sich zu entschuldigen, dass er den Auftrag nun doch nicht ausführen könnte: "Er sagte mir, dass er 'einen kleinen Job' habe".

Der Presseprofi hakte nach, bis er erfuhr, dass dieser “kleine Job“ weit entfernt stattfände, in Italien. Und erst am Ende des Telefonats, nach einigem Drängen, erfuhr der Journalist, dass der Fotograf, der weder auf Ruhm noch auf Geld aus war, den Nachnamen Valverde trug, bereits zwei Spielzeiten als Trainer von Athletic Bilbao hinter sich hatte und vorher fünfzehn Spielzeiten lang als Profi gespielt hatte, teilweise ebenfalls in der bizkainischen Hauptstadt. Ein Anruf aus dem italienischen Parma sollte ihn zurück auf die Trainerbank bringen, obwohl er am Ende bei Espanyol Barcelona landen sollte. Und in der Zwischenzeit wollte Ernesto sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, seinem Hobby nachzugehen, der Fotografie.

Für beide ist Fußball nicht immer die wichtigste Sache der Welt: Valverde wäre gerne Fotograf, und Aguirre sorgt dafür, dass seine Teams nicht einmal im Halbfinale in einem Elfmeterschießen nervös werden.

Die Foto-Anekdote beschreibt perfekt den bescheidenen und kooperativen Charakter, den der "Txingurri" genannte Valverde bis heute nicht verloren hat. Auch wenn er zwischendurch auf so “heißen“ Trainerbänken wie Olympiakos, Valencia und Barcelona saß. Txingurri heißt auf Baskisch Ameise, Valverde wurde der Spitzname wegen seiner akribischen Arbeitsweise zugeordnet.

Die Auswahl einer Episode, die den baskischen Mexikaner oder mexikanischen Basken Javier Aguirre definiert, ist schwieriger, denn seine Karriere könnte Gegenstand einer Enzyklopädie von Anekdoten sein. Die Geschichte, die César Krutxaga, ehemaliger Team-Kapitän von Osasuna erzählt, könnte hilfreich sein.

Nach einem der Erfolge bei Osasuna, die er in jenem Jahr 2005 mit den wegen ihrer Trikots “Rojillos“ (die Rötlichen) genannten Kickern erzielte, bestand Aguirre darauf, seine Spieler sollten ausgehen und feiern. Und zwar mit Stil: bis 4 Uhr morgens hatten sie offiziellen Ausgang. Krutxaga und ein paar andere achteten nicht genug auf die Zeit und um 5 Uhr früh begegneten sie ausgerechnet – ihrem Trainer. "Idioten, habe ich euch nicht gesagt, dass ihr bis 4 Uhr bleiben könnt?", lachte Aguirre über ihre erschrockenen Gesichter. Auch zwei Jahrzehnte später amüsiert sich Aguirre immer noch, und bringt andere zum Genießen. Obwohl er mit 65 Jahren nicht mehr ganz so viel Energie in die Waagschale bringt. "Einen Whisky und dann schlafen gehen, mit zwei Eiswürfeln", sagte er nach dem überraschenden und erfolgreichen Pokal-Halbfinale gegen Real Sociedad im Anoeta-Stadion von Donostia.

Beobachten und anstecken

Wenn man sich die beiden Teams in dieser Saison ansieht, besteht kein Zweifel daran, dass Valverde und Aguirre zwei Führungs-Persönlichkeiten sind, allerdings mit sehr unterschiedlichen, fast antagonistischen Arbeitsformen. Der Trainer von Athletic zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, Abstand zu halten, zu beobachten und zuzuhören.

agval3In Griechenland hat er den Empfang seiner Mannschaft vom Bus aus fotografiert, die Kamera distanzierte ihn vom Lärm und dem Fanatismus. Der ruhige Mann überlebte nicht nur diesen Höhepunkt, sondern gewann mit Olympiakos auch noch zwei Mal die Liga. Selbst im Pokalfinale gegen AEK Athen, das nach 34 Elfmetern entschieden wurde, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen – ein Wahnsinn.

Ein anderes Herzinfarkt-Elfmeterschießen, im Pokal-Halbfinale in Anoeta 2024, löste Aguirre mit einer psychologischen Raffinesse, die zum Gegenstand von Studien werden könnte. Er schaffte das Unmögliche, brachte seine Spieler dazu, lachend, ja fast tanzend, zum Elfmeterpunkt zu gehen, um sich vom Erfolgsdruck zu befreien. Alle fünf trafen, Mallorca qualifizierte sich für das Finale. Was hatte ihnen der Mexikaner gesagt? Es muss etwas sehr Lustiges gewesen sein. Wie das, was er zu einem seiner Spieler in Leganés (2019/2020) nach einem entscheidenden Tor sagte: "Ziegenbock, was für ein Schuss, was für eine verdammte Mutter hat dich geboren". Als ein Schiedsrichter ihn während seiner Zeit als Trainer von Espanyol Barcelona des Feldes verwies, stimmte Aguirre ihm zu: "Ja, ich habe 'Sohn eines verdammten Wichsers' zu Ihnen gesagt, das mache ich 10- oder 15-mal pro Spiel.“

Auf der Suche nach einer technischen Bezeichnung für seine Fähigkeiten könnte Valverdes Führungsstil als "demokratisch" bezeichnet werden, während Aguirres Führungsstil eher in die Kategorie "transformatorisch" passen würde, das heißt, er greift stärker ein und sagt deutlicher, was er denkt. Wenn die beiden mit dem Kriterium Macht gemessen werden, ist Valverde eher "weich", Aguirre jedoch auch nicht unbedingt "hart", sondern stellt eher eine so genannte "Expertenmacht" dar.

Im Vergleich mit der Tierwelt ist der Mexikaner eindeutig ein Fuchs, und Valverde darf seinen Spitznamen txingurri-Ameise behalten. Aber nicht nur wegen seines Äußeren, seiner Statur, sondern mehr noch wegen seiner Qualitäten. Eine Studie der Universität Bristol hat herausgefunden, dass Ameisen zu den intelligentesten Tieren der Welt gehören, weil sie in der Lage sind, Wege zu finden und andere Ameisen auf diesen Wegen zu führen. Die Art und Weise, wie Valverde bei Athletic den richtigen Angriffsweg gefunden hat, indem er Gaizka Guruzeta als Mittelstürmer einfügte, um das Williams-Duo zu optimieren, zeigt genau das.

Kontinuierliche Ausbildung

Wie 90% aller Trainer waren Ernesto und Javier, Aguirre und Valverde, Spieler auf hohem Niveau, bevor sie auf die Trainerbank kamen. Beide haben als Spieler viel Erfahrung gesammelt. Valverde hat alle Stufen von Erfolg und Misserfolg miterlebt, vom mythischen Sestao, das (mit José Luis Mendilibar in der Elf und Jabo Irureta auf der Bank) kurz vor dem Aufstieg in die erste Liga stand, bis zum großen FC Barcelona (von Johan Cruyff), das auf dem Weg zum Dream Team war (1988-1990).

Valverde spricht mit Respekt von der fußballerischen Revolution, die Johan Cruyff herbeigeführt hat, dessen Führungsstil scheint er jedoch nicht zu wiederholen "Er war hart, man durfte keinen Fehlpass spielen". Als er an der Reihe war, auf der gleichen Barca-Bank zu sitzen (2017-2020), ließ Txingurri ein anderes Traumteam auflaufen, das bereits etwas schwächelte, dennoch zwei Ligen gewann und an 81 von 95 Spieltagen, die er leitete, an der Tabellenspitze lag.

Der "Txingurri" hat sowohl im Stadion Las Llanas von Sestao (Vorort von Bilbao) als auch bei Cruyff Erfahrungen gesammelt – der Mexikaner Aguirre hat sein ihm eigenes Charisma in so exotischen Ländern wie Japan oder den Vereinigten Arabischen Emiraten verfeinert.

agval4Javier Aguirre begann seiner Karriere 1979 beim Club America, wechselte später nach Los Angeles Aztecas und ging zurück zu America, wo er 1984 mexikanischer Meister wurde und im letzten Spiel das entscheidende Tor schoss. Nächste Stationen waren der Club Atlante und 1986 die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Danach landete der WM-Teilnehmer Aguirre bei Osasuna im navarrischen Pamplona. Er war klug genug, schnell zu merken, dass er technisch unter dem lag, was man in jenen Jahren von einem ausländischen Spieler verlangte. Aber er gewann die Sympathie der Leute, indem er dort sein Bein hinhielt, wo es niemand verlangte. Bei einem Zusammenprall mit dem Torhüter von Sporting Gijon brach er sich das Schien- und Wadenbein, als er kaum ein Dutzend Spiele für die “Roten“ aus Navarra absolviert hatte. Damit war seine Zeit als Spieler bei Osasuna vorzeitig beendet, nach seiner Genesung ging er zurück nach Mexiko zu Guadalajara. Trotz des nur kurzen Intermezzos bei Osasuna hinterließ er einen so starken Eindruck, dass er 16 Jahre später, im Jahr 2002, als Trainer zurückkehren durfte.

Die Entscheidung hätte nicht besser sein können, aber Aguirre blieb seinem waghalsigen Stil treu. Im Jahr 2003 verpasste er mit Osasuna das Pokal-Halbfinale gegen den damaligen Tabellenletzten Recreativo de Huelva, weil er im Hinspiel das B-Team auflaufen ließ. Zwei Jahre später ließ er sich die gleiche Gelegenheit nicht entgehen, erst im Finale musste sich Osasuna Betis Sevilla geschlagen geben. Und 2006, auf der gleichen Erfolgswelle, brachte Aguirre Osasuna in die Champions-League-Qualifikation, mit einem historischen vierten Platz und neun aufeinanderfolgenden Siegen im heimischen Stadion El Sadar.

Zwei Basken unterschiedlichen Typs

Die Wege des Fußballs kreuzen sich immer wieder – in diesem Finale wird der Sohn eines Bizkaia-Basken auf der Bank von Mallorca sitzen, auch wenn viele das nicht wissen. Und auf der Trainerbank von Athletic wird einer sitzen, der als Spieler kurzzeitig auch das Trikot des Inselclubs getragen hat (1996/1997), auch wenn die meisten das vergessen haben.

Viandar de la Vera in der spanischen Süd-Provinz Cáceres ist das Dorf, in dem Ernesto Valverde vor gerade 60 Jahren geboren wurde, heute hat es weniger als 300 Einwohner*innen. In der mittel-amerikanischen Metropole Mexiko-Stadt hingegen, dem Geburtsort von Javier Aguirre, leben fast 20 Millionen Menschen. Vielleicht erklärt auch dies einige der charakterlichen Unterschiede zwischen dem ruhigen “Txingurri“ und dem vulkanischen "Vasco". Die Fußballwelt hat zwei Arten von Basken vor sich.

Valverde war wenige Monate alt, als er mit seiner Familie auf den Wegen der Arbeits-Immigration in Vitoria-Gasteiz ankam. Dort lernte er in der Schule und später bei Deportivo Alavés das Fußballspiel. Deshalb gilt er als baskischer Sportler und durfte später bei Athletic Bilbao spielen, beim Club, bei dem bekanntlich nur Basken eingesetzt werden. Aguirres Eltern stammen aus Gernika und Ispaster in Bizkaia, in seinen Adern fließt baskisches Blut, was trotz des entfernten Geburtsortes für Athletic ebenfalls gereicht hätte. Zudem war in den 1980er Jahren auch Real Sociedad aus San Sebastian (Donostia) noch von der Philosophie geprägt, dass nur einheimische Spieler dort kicken dürfen.

Basken, aber weltoffene Basken. Es besteht kein Zweifel daran, dass Aguirres natürlicher Verstand durch die Erfahrungen, die er an so entlegenen und komplexen Orten wie den Emiraten, Ägypten oder Japan gesammelt hat, bei zwei Phasen als Trainer der mexikanischen National-Auswahl, bei der qualvollen Rettung Mallorcas vor dem Abstieg vor zwei Jahren, oder durch das Beinahe-Wunder (des Nichtabstiegs) in Leganés geschärft wurde.

Es ist schwierig, ein solches Niveau zu erreichen, aber Valverdes Karriere war auch komplexer, als es seine Spur zum Ausdruck bringt: Barcelona, Olympiakos und Valencia gehören mit Sicherheit zu den zwanzig heißesten Trainer-Bänken in Europa, er hat alle drei unbeschadet überstanden und ist mit Respekt gegangen. Valverde befindet sich auf seiner dritten Etappe als Trainer bei Athletic Bilbao. Die beiden vorherigen Etappen (2003-2005 und 2013-2017) hat er aus eigenen Stücken beendet, obwohl der Club ihn gerne behalten hätte. Mittlerweile hat er den Athletic-Rekord an Spielen als Trainer gebrochen und hat gleichzeitig noch viel vor sich.

Mit über 60 Jahren könnte er der Trainer werden, der Athletic zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder einen großen Pokal beschert. Als Athletic 1984 zum letzten Mal Meister wurde und zudem den Pokal gewann, spielte Valverde noch für Deportivo Alavés aus Vitoria-Gasteiz. Mit Mallorca eine Trophäe zu gewinnen (bisher steht nur ein Pokal aus dem Jahr 2003 in der Vitrine), wäre für Javier Aguirre das vielleicht letzte und gleichzeitig unglaublichste Kunststück.

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus: “El zorro y la hormiga, dos líderes no tan antagónicos” (Der Fuchs und die ameise, zwei gar nicht so gegensätzliche Lider), Tageszeitung Gara, 2024-04-02 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Aguirre-Valverde (collage)

(2) Aguirre-Valverde (infobae)

(3) Aguirre-Valverde (marca)

(4) Aguirre-Valverde (desmarque)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-04-04)

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