Alles beim Alten
Langsam wird es zur Gewohnheit, dass im baskischen Kicksport nicht die Teams, sondern die Trainer die Stars sind. Mithalten können da nur noch die Tore-Verhinderer, auch Torhüter genannt. Angesichts der politischen Verbrechen, die die Welt in diesen Zeiten kennzeichnen, sind es nur Fußball-Wahn und die hartnäckige Gewohnheit der jährlichen Berichterstattung, die zum Schreiben nötigen. Reine Routine also die Statistik, wer da wo auf die Grashalme spuckt. Ein Meister, ein Aufsteiger und business as usual.
Baskultur.info Sport- und Fußball-Rangliste 2024-2025: Ernesto Valverde, Jose Luis Mendilibar, Mikel Arteta, Oscar de Marcos, Irene Paredes, Imanol Alguacil, Mikel Oyarzabal, Mikel Jauregizar, Sanse Team, Afrika, Jokin Altuna, Urdaibai Bermeo.
Ladies first
Mit dem Damen-Fußball zu beginnen, hat zwei Gründe, erstens Respekt und zweitens fehlende Schlagzeilen. Denn viel Spannendes gab es da nicht. Die drei Teams der ersten Liga hielten die Klasse (Athletic 4, La Real 7, Eibar 8 von 16), Spannung kam nur auf, als die Bilbainas am Ende knapp die Champions-League verpassten. Vorbei ist die Zeit der Trainerinnen, Männer haben wieder Einzug gehalten. Alavés und Osasuna schafften keine Aufstiege aus der Zweiten, so ragt allein die Nachricht heraus, dass Irene Paredes (Ex-Athletic) mit dem FC Barcelona zum x-ten Mal den spanischen Titel und Pokal gewinnen konnte, langweiliger als Saint Germain. In der Champions reichte es für sie diesmal nur zum Vize-Titel, bei der WM im Juli könnte sie mit der ungeliebten Auswahl der “Roten“ einen weiteren Cup holen. Außersportlich zeigte sie, dass Lesben im Profi-Fußball ihren Platz haben, im Gegensatz zu Schwulen.
Zweite Klasse
Auch hier gab es wenig Bemerkenswertes. Eibar als einziger baskischer Vertreter blieb im Mittelfeld, weil kein Geld für bessere Spieler da war, sogar Trainer Joseba Etxeberria wurde entlassen. Den Aufstieg schaffte überraschend Sanse, das zweite Team von Real Sociedad, damit ist der Club aus Gipuzkoa der einzige, der Teams in der Ersten und der Zweiten aufweist. Garantiert ist somit ein Giputxi-Lokalderby, auch nicht schlecht. Mirandes ist zwar kein baskisches Team, sondern aus Miranda del Ebro, doch weil dort Athletic-Akteure erfolgreich sind und die Stadt nur ein paar Kilometer hinter der Grenze in Burgos liegt, ist es schade, das der Club nur knapp den Aufstieg in Liga eins verpasste. Derbys mit dem 10 km entfernten Alaves hätten einen besonderen Reiz dargestellt. Schlimm erging es dem letzjährigen Zweitliga-Absteiger Amorebieta in der Dritten, sie wurden durchgereicht und stiegen trotz Kurz-Trainer Julen Guerrero in die Vierte ab.
Die Übungsleiter
Zu Ernesto Valverde ist eigentlich schon alles gesagt, vielleicht noch das: Was er anpackt, wird zwar nicht zu Gold, aber zu einem Erfolg. Letztes Jahr der historische Pokal-Sieg nach 40 Jahren Dürre, dieses Jahr die Qualifikation zur Champions-League. Mit erstaunlichen Ziffern: die wenigsten Tore, die gleiche Zahl Niederlagen wie Meister Barca und Vize Madrid. Neue junge Spieler wie Jauregizar, Maroan, Paredes eingebaut – der Mann mit dem spärlichen Diskurs ist zum Rekord-Trainer und zum Athletic-Phänomen geworden.
Nach sieben von Erfolg geprägten Jahren trat Imanol Alguacil bei Real Sociedad den Rückzug an. Nicht gerade auf dem Höhepunkt, sondern weil die Gefahr eines weiteren Absturzes besteht. Beim Abschied noch gefeiert, überraschte er Tage später mit einem Lobgesang auf die Nachwuchsarbeit von Athletic, was in der blauen Gemeinde reichlich Unverständnis hervorrief. Zweite Überraschung, dass er nach Saudi Arabien wechseln wird, um dort sein Wissen unter die Leute zu bringen. Für gutes Geld versteht sich.
Osasuna-Abgänger Jagoba Arrasate bleibt auch bei Mallorca in der Erfolgsspur und hielt das mittelmäßig besetzte Team in der oberen Hälfte, mit Kontakt zu Europa-Plätzen. Iñigo Perez aus Nafarroa war bei Rayo “Blitz“ Vallecano einst Assistent von Andoni Iraola und trat vor 16 Monaten das dortige Traineramt an. Dass er das starfreie Team für die Conference-League qualifizieren konnte, darf als Sensation begriffen werden, während Großkotzer wie Sevilla oder Valencia gegen den Abstieg spielten. Ein historischer Erfolg für den beliebten Madrider Vorstadt-Club.
Ein Jahr lang war Xabi Alonso aus Tolosa der gefragteste Trainer Europas, jetzt ist die erfolgreiche Wunderdroge von Leverkusen auf seiner zweiten großen Trainer-Station bei Real Madrid gelandet, um das gescheiterte Star-Team zur Ordnung zu rufen. Die Kasse stimmt sicher, ob sich der Erfolg dazu gesellt, bleibt angesichts der jugendlichen Leichtigkeit bei Barca offen. Xabi weiß, dass dort nur der erste Platz zählt, alles andere ist die Hölle. Daneben sind im nächsten Spieljahr auch Eder Sarabia (aus Bilbao) mit Neuaufsteiger Elche und Sergio Francisco (aus Irun) bei Real Sociedad aktiv – macht zusammen sechs baskische Übungsleiter bei 20 Erstliga-Clubs (zumindest zu Beginn).
Jose Luis Mendilibar aus Zaldibar darf trotz Xabi Alonso derzeit als erfolgreichster baskischer Trainer bezeichnet werden. Jeweils als Ersatzmann 2023 (mit Sevilla) und 2024 Europapokal-Sieger, schaffte er aktuell bei Olympiakos Piräus mit Meisterschaft und Landespokal ein griechisches Double. Da werden Erinnerungen an Europameister Otto Rehagel wach. In der Champions-League könnte es demnächst zum Duell mit Athletic kommen.
Mikel Arteta aus Donostia feiert seit sechs Jahren Erfolge bei Arsenal London, in diesem Jahr die Vize-Meisterschaft hinter Liverpool. In der Champions-League kam das favorisierte Team bis ins Halbfinale. Für die kommende Saison hat sich der Club bei La Real bedient und Jungstar Mikel Zubimendi verpflichtet. Auch Unai Emery aus Hondarribia sitzt bei Aston Villa fest im Sattel. Platz sechs klingt nach wenig, doch die Öl-Dollar-Konkurrenz in England ist bekanntlich enorm. Auch Andoni Iraola geht beim AFC Bournemouth weiter seinen englischen Weg. Platz zehn ist für den Kleinclub ein Erfolg, Aston Villa, City und ManU konnten besiegt werden. Weniger Erfolg hatte Julen Lopetegi als Coach bei West Ham United, nach wenig überzeugenden Leistungen seines Teams wurde er im Januar 2025 entlassen. Seit Mai bringt er in Katar jungen Männern bei, wie Kicken geht. Didier Deschamps aus Baiona (Bayonne) will es bei der WM 2026 noch einmal versuchen, mit der französischen Auswahl etwas Großes zu gewinnen, dann gibt er das rot-weiß-blaue Staffelholz weiter.
La Liga
Deportivo Alaves aus Vitoria-Gasteiz stritt eine weitere Saison gegen den Abstieg, was mit zwei Punkten Vorsprung erreicht wurde. Auf der neben-sportlichen Ebene unterstrich die Vereinsführung ihren schlechten Ruf, als sie zu Weihnachten den erfolgreichen und sympathischen Trainer Luis Garcia Plaza entließ, der immerhin für den Aufstieg verantwortlich gezeichnet hatte und unter Tränen die letzte Pressekonferenz bestritt.
Real Sociedad San Sebastian, der Club aus Donostia mit dem Rüstungs-Fabrikanten Jokin Aperribay an der Spitze konnte nach sechs Jahren zum ersten Mal kein Ticket lösen für die Teilnahme an einem europäischen Turnier, der 11. Platz war die magerste Ausbeute seit Jahren. Der Abgang zweier Stars – Mikel Merino zu Arsenal und Robin Le Normand zu Atletico, beide Nationalspieler – war ein Rückschlag, der Spuren hinterließ. In der neu organisierten Europa-League konnte zwar die Vorrunde gemeistert werden, in der zweiten KO-Runde (Viertelfinale) war jedoch Schluss gegen Manchester United. Im heimischen Pokal stand das Team nach einem 4:4 im Halbfinale bei Real Madrid vor einer Sensation, doch war das Hinspiel verloren gegangen. In der kommenden Saison muss das Team auch auf Neu-Nationalspieler Mikel Zubimendi verzichten, den es nach London zu Arsenal zieht, wo der Baske Arteta Coach ist und Kollege Merino bereits vor einem Jahr anlandete. Hoffnung macht, dass der Club eine beachtliche Jugendarbeit macht und immer wieder junge Talente im Anoeta-Stadion auflaufen. Nationalspieler Oyarzabal verdient einen Treue-Orden, er ist nun der einzige Star, der den Blau-Weißen (txuri-urdin) geblieben ist.
CF Osasuna aus Iruñea-Pamplona spielte im Jahr eins nach Jagoba Arrasate erneut eine gute Saison und verpasste eine Europa-Qualifikation punktgleich mit Rayo. Höhepunkt war das Pokal-Achtelfinale gegen Athletic, das Osasuna auswärts mit 3:2 für sich entscheiden konnte. Leider war im Viertelfinale gegen La Real Ende der Pokal-Vorstellung. Auch wenn dies für den neuen Trainer Vicente Moreno (Valencia) ein Erfolg war, wurde die Zusammenarbeit friedlich beendet, weil die Chemie nicht stimmte. Nachfolger wird der Italiener Alessio Lisci, der mit Miranda am Aufstieg schnupperte.
Ein Pokalsieg nach 40 Jahren Flaute drängte bei Athletic Bilbao verschiedene Fragen auf: Kann der Cup verteidigt werden? Nach dem Höhepunkt ein Tiefgang? Das Team unter Trainer Valverde überraschte alle. Nach 1998 und 2014 wurde wieder die Champions-League erreicht, sechs Niederlagen (wie Real und Barca), die wenigsten Tore in der Liga kassiert, die zweit-wenigsten in den großen Ligen Europas. Dazu kommt die Teilnahme am fragwürdigen “spanischen“ Supercup in Saudi Arabien. Nur der Pokal konnte nicht verteidigt werden, ausgerechnet gegen Osasuna im Heimspiel ging der Traum baden, doch viele werden ohnehin nicht daran geglaubt haben, den Heldenstreich wiederholen zu können, die übernächste Generation wird es erleben. Das Abenteuer Europa-League stand kurz vor einem genialen Abschluss, denn das Finale fand im heimischen San-Mames-Stadion statt. Doch schiedsrichterliche Fehlentscheidungen machten das Heim-Endspiel im Halbfinale unmöglich.
Der Verlust eines nicht zu ersetzenden Symbols ist der Abgang von Club-Legende Oscar de Marcos, der ehrlichste aller ehrlichen Kicker trat nach 16 Jahren ab. Mit Nico, Iñaki, Adama, Djalo, Maroan spielen mittlerweile fünf Schwarze im Team, ohne dass die Club-Philosophie (ausschließlich Basken) Risse erhalten hätte. Auf die letzte Integration des Marokkaners Maroan reagierte die baskische Presse (möglicherweise ohne sich bewusst zu sein) mit rassistischen Beschreibungen. Aufgrund seiner Statur und Spielweise kamen die Begriffe “Panzer“ und “Elefant“ ins Spiel. Zum Alptraum für Athletic werden nach dem Sommertheater vor 12 Monaten die Abwerbe-Versuche von Barcelona, die zwar eine vornehme Summe in die Kassen spülen, aber eine nicht zu schließende Lücke hinterlassen. Eine fußball-kapitalistische Prophezeiung, die sich selbst erfüllt.
Torhüter-Fabrik ist einer der Begriffe, der zur Beschreibung der Talentschmiede im Athletic-Sportzentrum Lezama benutzt wird. Dass der baskische Fußball nicht nur erfolgreiche Trainer, sondern auch Tore-Verhinderer hervorbringt bewies Athletic Bilbao erneut in den vergangenen Jahren. In die Fußstapfen von Jose Angel Iribar (1:2 bei der WM 1966 gegen Deutschland) oder Andoni Zubizarreta (4 x WM) getreten sind in den vergangenen Jahren fast ein Dutzend Torsteher. In der zu Ende gegangenen Saison waren sieben davon in ersten Ligen tätig: Unai Simon und Julen Agirrezabala abwechselnd bei Athletic, Alex Remiro bei La Real, Kepa Arrizabalaga bei AFC Bournemouth, Aitor Fernandez bei Osasuna, Raul Fernandez bei Miranda und Alex Padilla bei Pumas-Mexiko.
Rote Karte - Ein Europa-Endspiel in der eigenen Stadt zu erleben, mag für viele Kicker-Fans ein großes Ereignis darstellen. Das Finale der Europa-League in Bilbao wurde hingegen zum doppelten Fiasko. Erst schied Athletic im Halbfinale aus und verpasste das Finale im heimischen Stadion, dann qualifizierten sich auch noch zwei englische Teams, die die These, dass Fußball auf der Insel erfunden wurde, eindeutig ad absurdum führten. Was sportlich bereits eine tiefe Enttäuschung war, stürzte die Hauptstadt Bizkaias in eine einzige Hooligan-Fete. Teile der 80.000 “Fans“, die Hälfte ohne Eintrittskarten, brachen Rekorde beim Bierkonsum, räumten Ampelanlagen und Restauranttische ab, vandalierten mit zionistischen Sprüchen durch die Stadt und zahlten dafür horrende Unterkunfts-Preise, die teilweise das 50fache des Üblichen betrugen. Die UEFA war von Steuern befreit, die Hotelketten verdienten so viel wie nie, Kneipeneinrichtungen mussten ersetzt werden, die Stadtverwaltung war hochzufrieden. Einmal mehr hatte sie ein massen-touristisches Highlight gesetzt und ihrer Stadtbevölkerung deutlich gemacht, dass sie überflüssig ist, sofern sie nicht direkt und schlecht bezahlt ins Spektakel integriert war. Wer irgendwie konnte, blieb zu Hause, mit heruntergelassenen Rollläden und zählte den Countdown rückwärts. Ein Alptraum, der sich nach Ansicht der Verwaltung 2030 zur Fußball-WM mehrfach wiederholen soll. Im Vorfeld hatten baskische Träumer von einem Finale mit Athletic und La Real geträumt. Denn abgesehen davon, dass es auf jeden Fall einen baskischen Gewinner gegeben hätte, wären alle Hoteliers und sonstigen widerlichen Geschäftemacher auf ihren Doppelzimmern sitzen geblieben und hätten jämmerlich geheult.
Bemerkenswert ist außerdem …
… dass neben Trainer Mendilibar auch Dani Garcia mit Piräus, und Iñigo Martinez (beide Ex-Athletic) mit dem FC Barcelona Landesmeister geworden sind … dass baskische Spieler zu den Leistungsträgern der spanischen Auswahl zählen: Simon, Remiro, Merino, Williams, Oyarzabal, Laporte, Vivian; bei der Nations-League im Juni sprang ein zweiter Platz heraus … dass bei der Club-WM in den USA Cesar Azpilicueta von Atletico Madrid und Trainer Xabi Alonso die einzigen baskischen Vertreter waren … dass teure Spieler wie Kylian Mbappe nicht ausreichen, um erfolgreichen und attraktiven Fußball zu spielen, zeigte Real Madrid nach einer verkorksten Saison, Abgeber-Club PSG hingegen gewann zum ersten Mal die Campions-League.
Nebensächlich
Die baskische Auswahl von Pelota Vasca (baskisches Pelota) durfte nach einer bei spanischen Ultras missbilligten Gesetz-Änderung zum ersten Mal an einem internationalen Turnier teilnehmen, bei dem in Gernika auch die spanische und die französische Auswahl mitspielten. Skurril dabei: die Akteur*innen aller drei Teams waren baskischen Ursprungs, die aus dem Süden mussten sich entscheiden, für welche Auswahl sie auftreten wollten, baskisch oder spanisch. Das baskische Team war das erfolgreichste des Mini-Turniers in drei Disziplinen von Cesta Punta oder Jai Alai. Die Zuschauer waren begeistert und pfiffen nur bei der spanischen Hymne, baskische Fußball-Fans können von solchen Turnieren mit internationaler Anerkennung bisher nur träumen.
Die Sieger in den vier Disziplinen von Esku Pilota / Pelota Mano in dieser Saison waren: (Männer) Joseba Ezkurdia / Beñat Rezusta im Doppel, Unai Laso im Einzel 4 y Medio, und Jokin Altuna bei Manomanista. Goiuri Zabaleta gewann das Turnier 4 y Medio bei den Frauen. (*) Die “spanische“ Ruder-Meisterschaft (Liga Eusko Label), an der 12 Teams aus Galizien, Asturien, Kantabrien und Euskadi teilnehmen können und die am Atlantik in 18 Regatten ausgetragen wird, gewann bei den Männern erneut Urdaibai aus Bermeo (Bizkaia), bei den Frauen Donostia Arraun Lagunak. Die Regatten stellen ein viel beachtetes Sportereignis dar und werden alle live übertragen. (*) Der Basketball-Club Bilbao Basket gewann den FIBA Europe Cup, nach der Champions-League das zweitwichtigste Basketball-Turnier des Internationalen Verbands auf europäischer Ebene. Wichtiger sind allerdings die privat-wirtschaftlich ausgetragenen Euroliga und Eurocup.
ABBILDUNGEN:
(1) Mendilibar (ouest france)
(2) Irene Paredes (gayles)
(3) Ernesto Valverde (relevo)
(4) Jauregizar (as)
(5) Jokin Altuna (diario navarra)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-06-27)
