42mumia142 Jahre in Haft

Am 9. Dezember 2023 jährt sich zum 42sten Mal die Verhaftung des Black-Panther-Aktivisten und Journalisten Mumia Abu-Jamal. Bei seinem nächtlichen Nebenjob als Taxifahrer in Philadelphia begegnete er zufällig seinem Bruder, der von einem Polizisten misshandelt wurde. In der Folge kam es unter den Anwesenden zum Streit, der Polizist schoss auf Mumia, ein anderer erschoss den Polizisten – die Tat wurde dem halbtoten Taxifahrer Mumia untergeschoben, der nach einem Lungenschuss nur knapp überlebte.

Auch zweiundvierzig Jahre nach seiner Inhaftierung und einundvierzig nach seiner Verurteilung gehen Menschen nach wie vor weltweit für Mumia Abu-Jamal auf die Straßen. Für seine Freilassung und die Abschaffung der rassistischen Todesstrafe in den USA.

Der 9. Dezember wird auch in diesem Jahr in vielen Ländern der Welt ein Tag der Erinnerung an die Verhaftung des US-Bürgerrechtlers Mumia Abu-Jamal. Zum 42. Jahrestag ruft das Solidaritätskomitee Libérons Mumia am 6. Dezember zu einer Kundgebung in Paris auf der Place de la Concorde in der Nähe der US-Botschaft auf. Wie zu Beginn jedes Monats wird auch diese Aktion “eine Gelegenheit sein, die US-Behörden und die des Bundesstaates Pennsylvania daran zu erinnern, dass unsere Mobilisierung erst nach Mumias Freilassung aufhören wird“, heißt es im Aufruf des Komitees. Die Aktivisten erinnern daran, dass in den frühen Morgenstunden des 9. Dezember 1981 im Stadtzentrum von Philadelphia “ein Polizist getötet und Mumia schwer verletzt“ wurde. Obwohl der Radiojournalist und Vorsitzende der Vereinigung schwarzer Journalisten seiner Heimatstadt immer seine Unschuld beteuert hatte, wurde er ein halbes Jahr später verurteilt. Trotz fehlender Tatbeweise schickte der als “Henker in Richterrobe“ berüchtigte Albert Sabo den Ex-Black Panther am Ende eines rassistischen und sehr kurzen Prozesses wegen “Polizistenmordes“ in die Todeszelle. (1)

“Freedom Now“ 1990

42mumia2Ein Mitglied der Baskultur-Redaktion erinnert sich an die Anfänge der Mumia-Solidarität: “Im Dezember 1990, neun Jahre nach Mumias Verhaftung, waren wir zu Besuch in New York und nutzten die Gelegenheit zu einem Besuch bei Mumia im 500 Kilometer entfernten Gefängnis von Huntingdon, im US-Staat Pennsylvania. Wir hatten eine Einladung zum Internationalen Menschenrechts-Tribunal Freedom Now im New Yorker Hunter College. Thema war die Situation der politischen Gefangenen und Kriegsgefangenen in den Vereinigten Staaten. Das Besondere an diesem Tribunal war, dass sich die verschiedenen Befreiungs-Bewegungen des Landes zu diesem Tribunal zusammengeschlossen und eine internationale Jury eingeladen hatten, die über die Situation urteilen sollte. Vertreten waren somit neben Organisationen von Black Americans, auch Puertoricaner, Chicanos, weiße Anti-Imperialisten und die American Indian Bewegung. Zum Besuch bei Mumia begleitete uns ein Kollege von der New African Peoples’s Organization (NAPO) durch die ost-amerikanische Winterlandschaft.“

"Wir fuhren die Nacht hindurch und kamen morgens in Huntingdon an. Mein deutscher Kollege hatte eine Besuchserlaubnis, Jahre zuvor hatte er einen Kleinverlag geründet, um über oppositionelle Bewegungen in den USA zu publizieren. So war er auch auf den Fall Mumia gestoßen. Ich selbst hatte keine Genehmigung, also musste ich ein paar Stunden warten, während unser Begleiter sich im Auto aufs Ohr legte. Ich nutzte die Stunden für einen Spaziergang durch den kleinen Ort, der mich schwer beeindruckte. Das Gefängnis lag etwas außerhalb, der Ort bestand aus Holzgebäuden. Ich kam vorbei am Büro des Sheriffs, an der nationalen Rekrutierungs-Station, an einem Zentrum für Kriegsveteranen und anderen derartigen Einrichtungen. Am frühen Morgen war niemand auf der Straße, was mir als Fremdkörper ganz recht war, ich traute mich kaum, meine Kamera auszupacken, um ein paar Eindrücke dieses unheimlich wirkenden Ortes in Bildern zu dokumentieren. Später hörte ich, dass fast der ganze Ort in dieser verlassenen Gegend vom Gefängnisbetrieb lebte, das hatte seine Logik. Schwarze Bevölkerung gab es hier nicht, außer hinter Gittern.“

Mahanoy

42mumia3Nach der Aufhebung seines skandalösen Todesstrafen-Urteils im Jahr 2011 wurde Mumia Abu-Jamal in ein anderes Pennsylvania-Gefängnis verlegt, nach Mahanoy, auf halbem Weg Richtung New York, aber fast gleich weit entfernt von seiner Heimatstadt Philadelphia. Dort soll er auf Lebenszeit eingesperrt bleiben. Die 32 Jahre seit dem Freedom-Now-Tribunal in New York waren ausreichend Zeit, eine weltweite Solidaritäts-Bewegung zu schaffen, die unermüdlich über Mumias Situation berichtet und die Kampagne um seine Freilassung am Leben hält. (1) 

Zwar war Mumia in Mahanoy fortan nicht mehr von der Exekution bedroht, dennoch war sein Leben mehr als einmal in Gefahr. In diesem Fall durch eine schlampige und lebensgefährdende Gesundheitsversorgung, die in den privaten Knästen der USA nichts anderes als einen störenden Kostenfaktor darstellt, den es zu minimieren gilt. Er durchlitt eine schwere Hepatitis C und eine Hautkrankheit, die sich auch auf seine Augen niederschlug. Trotz dieser Schikanen und Gefahren hörte Mumia nie auf, seine regelmäßigen Kolumnen zu schreiben, sie über Telefon weiterzugeben, damit sie in unterschiedliche Sprachen übersetzt werden.

Zwei Filme markierten 2008 und 2012 gewisse Höhepunkte der Bewegung für Mumias Freilassung, weil sie eine internationale Projektion erreichten und den Fall weiter bekannt machten: "In prison my whole life von Marc Evans ist eine hervorragende Erzählung von Mumias Fall, integriert in die persönliche Geschichte des Regisseurs. Er schildert den Skandal-Prozess und das rassistische Justiz-System der USA, ebenso wie die unermüdlichen Versuche von Anwaltsteams, den Prozess neu aufzurollen. Zu Wort kommen Persönlichkeiten wie Angela Davis, Noam Chomsky, Howard Zinn oder die Musikern Snoop Dog und Mos Def. Beim zweiten Film handelt es sich um “Long Distance Revolutionary“ von Stephen Vittoria, unter Mitwirkung von Cornel West, Alice Walker, Amy Goodman und erneut Angela Davis. Seit 1996 wurden Mumias regelmäßige Kolumnen-Texte in auch in Form von Büchern publiziert und in verschiedene Sprachen übersetzt, unter anderem Deutsch, Baskisch, Französisch und Spanisch.

Aktuell

Amnesty International, die UN-Menschenrechtskommission, das EU- sowie zahlreiche nationale Parlamente haben auf Drängen der internationalen Solidaritäts-Bewegung das rassistische Urteil von 1982 immer wieder angeprangert. Abu-Jamal saß drei Jahrzehnte in der Todeszelle in Isolation. Zweimal waren Hinrichtungs-Befehle gegen ihn verhängt worden: Dank der Intervention seiner Verteidigung und der internationalen Mobilisierung wurden diese wieder aufgehoben. Erst 2011 entschied ein US-Bundesgericht, die Todesstrafe sei “verfassungswidrig“, wandelte das Todesurteil jedoch nur in eine lebenslange Haftstrafe um. (1)

42mumia4Abu-Jamals Hoffnung, dass sein Fall juristisch noch einmal aufgerollt werden könnte, wurde im April 2023 enttäuscht. Die zuständige Richterin habe sich “kategorisch geweigert, die zahlreichen neuen Beweismittel der Verteidigung zu prüfen“, protestiert Libérons Mumia gegen diese „Brüskierung und Negierung grundlegender Rechte“. Die von der Verteidigung eingelegte Berufung könne indes die Verschlechterung des Gesundheitszustands des 69jährigen politischen Gefangenen nicht aufhalten. “Ohne ernsthafte medizinische Versorgung und Pflege“ sei “sein Leben in Gefahr“, so das Pariser Komitee.

Neueste Nachrichten besagen, dass sich die sanitären Bedingungen im Staatsgefängnis Mahanoy in Frackville, Pennsylvania, “erheblich verschlechtert“ haben. Das Wasser in den Zellen sei “ohnehin kaum trinkbar“, durch defekte Leitungen zum Waschen oft nicht mehr zugänglich “und heißes Wasser nicht verfügbar“. Neben diesen Erschwernissen für eine medizinische Pflege kranker Gefangener wie Abu-Jamal sei das Anstaltsessen generell von sehr schlechter Qualität und besonders für die medizinisch notwendige Diät Abu-Jamals “völlig ungeeignet“. Besucher berichteten deshalb “mit Besorgnis von seinem anhaltenden Gewichtsverlust“. Angesichts dieser “äußerst besorgniserregenden Situation“ plädiert Libérons Mumia für eine Intensivierung der internationalen Mobilisierung, um den Aktivisten “aus dieser tödlichen Hölle zu befreien“.

Die Kampagne “100 Künstler in Solidarität mit Mumia“ arbeitet derzeit an einem Buch mit Werken von Profi- und Amateurkünstler*innen, das mit einem Vorwort von Angela Davis erscheinen soll. Zudem will die französische Ad-hoc-Initiative “1.000 Unterstützer für Mumias sofortige und bedingungslose Freilassung“ in Kürze den US-Behörden die Liste der Unterzeichner überreichen. Der 42. Haft-Jahrestag Abu-Jamals erfordere in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt viele Initiativen dieser Art, so der mahnende Aufruf aus Paris.

In Berlin findet die Kundgebung “Free Mumia – Free Them All!“ am 9.Dezember 2023 von 17 bis 18 Uhr vor der US-Botschaft am Pariser Platz statt. Auch im bilbainischen Arbeiterstadtteil Bilbo Zaharra (Bilbao La Vieja), wo seit zehn Jahren ein Graffiti die Wand eines Platzes ziert, wird an die Geschichte und Aktualität von Mumia Abu-Jamal erinnert.

ANMERKUNGEN:

(1) “Mumia-Solidarität lebt. Jahrestag der Inhaftierung: Weltweit gehen Menschen für Abu-Jamal auf die Straße“, Autor Jürgen Heiser, Tageszeitung Junge Welt, 2023-12-04 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Mumia (collage)

(2) Geburtstag (chiapas)

(3) Long Distance Film (LDR)

(4) Graffiti Bilbo Zaharra (FAT)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-12-05)

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