Der inszenierte Völkermord
Am vergangenen 11. Juni 2024 veröffentlichte der israelische öffentlich-rechtliche Rundfunk Kan einen Bericht, nach dem der israelische Inlands-Geheimdienst schon vor dem 7. Oktober von den Angriffs-Plänen der islamistischen Hamas-Bewegung wusste. Drei Wochen vor dem Hamas-Anschlag lag der Bericht auf dem Tisch, darin erscheint die Formulierung, dass der Mossad “mit hoher Genauigkeit" über die Pläne und Bewegungen von Hamas informiert war. Die Angriff wäre also problemlos zu verhindern gewesen.
Dass der Hamas-Angriff zu verhindern gewesen wäre, wirft ein trübes Licht auf den “als Antwort“ deklarierten Völkermord-Krieg, den Israel gegen Gaza entfacht hat. Ohne den Überfall und die Geiselnahme wäre die “Legitimation“ für diesen Genozid mit mehr als 40.000 Toten entfallen.
Der israelische Geheimdienst wusste "mit einem hohen Maß an Genauigkeit" vor dem 7. Oktober von den Plänen der Hamas-Bewegung, Zivilist*innen und Militärangehörige zu entführen. Dieser verhinderbare Angriff wurde dann zur Legitimierung herangezogen für eine “massive israelische Reaktion“, bei der offiziell bereits mehr als 37.000 Palästinenser*innen im Gazastreifen getötet wurden, darunter auch hunderte von Presse-Leute, humanitären Helfer*innen und UNO-Angehörigen – inoffizielle Quellen sprechen von deutlich mehr Getöteten.
Der israelische Fernsehsender zeigte am Montagabend (10.6.2024) einen Geheimdienst-Bericht, der drei Wochen vor dem Angriff auf israelischen Boden bekannt wurde, bei dem zuerst bei dem Hamas-Angriff und danach bei der “Befreiungs-Aktion“ der israelischen Armee ungefähr 1.200 Menschen getötet und 251 weitere entführt wurden.
Die jetzt erneut publizierte Untersuchung berichtet über die Ausbildung von Milizionären zur Infiltration von Armeestützpunkten, die sich vor dem 7. Oktober auf das Eindringen von Dutzenden von Milizionären an drei Punkten vorbereitete, ein kleineres Szenario als die 3.000, die bei dem Angriff israelisches Gebiet tatsächlich teilnahmen.
Versagen der israelischen Armee und des Geheimdienstes
Der Oberste Gerichtshof Israels ordnete am Sonntag (16.6.2024) an, die Ermittlungen zu den Versäumnissen der Armee und des Inlands-Geheimdienstes Shin Bet, die den Einmarsch von Hamas ermöglichten, vorübergehend einzustellen, da dies kontraproduktiv sei, solange der Krieg noch andauere. Eine eher seltsame Begründung.
"In Anbetracht der komplexen Realität und des Umfangs der geplanten Untersuchung, die den Kämpfen schaden wird, sollte die Untersuchung zum jetzigen Zeitpunkt ausgesetzt werden", entschied Richter Canfy-Steinitz auf Antrag der Bewegung für eine Qualitäts-Regierung in Israel und des Israel Defence Shield Forum. Das Gericht fällte somit keine juristische, sondern eine militär-strategische Entscheidung. Die israelische Armee hat angeblich eine eigene interne Untersuchung zu den Versäumnissen eingeleitet, die den Hamas-Angriff ermöglichten, und erwartet die Ergebnisse im Juli.
Der Begriff “Versäumnisse“ deutet allerdings bereits in die falsche Richtung. Denn wenn die Angriffs-Pläne bekannt waren und der angriff dennoch nicht verhindert wurde, müsste vielmehr davon ausgegangen werden, dass dies bewusst geschah, das bewusst Tote und Geiseln in Kauf genommen wurden, um öffentlich eine sattelfeste Argumentation für einen brutalen Krieg gegen Zivilbevölkerung in die Hand zu bekommen. Bereits der Angriff von Hamas gehörte damit zu einer Inszenierung, die dann in einen Völkermord überging, der bis heute andauert.
Konsequenzen für Netanjahus Regierung
Die durch den 7. Oktober verursachte angebliche “Beeinträchtigung der israelischen Sicherheit“, bzw. das bewusste Inkaufnehmen von Geiseln und Toten hatte nur geringe Auswirkungen auf die Verantwortlichen, nur zwei hochrangige Militärs traten zurück. Premierminister Benjamin Netanjahu hat bisher keinerlei politische Verantwortung übernommen.
Eine breite Bürgerbewegung und die Opposition fordern Netanjahu auf, wegen dieser “Versäumnisse“ und wegen der Art der Kriegsführung vorgezogene Wahlen auszurufen. Konsequenterweise könnte dem zionistischen Regierungschef auch Beihilfe zum Mord vorgeworfen werden, oder gar Hochverrat, denn immerhin wurde der Hamas-Angriff als Attacke auf die Existenz des Staates interpretiert, was durch Nicht-Reaktion unmittelbar begünstigt wurde.
Unterdessen befindet sich der israelische Regierungschef weiterhin in einem Umfeld großer Instabilität und unter dem Druck der extremen Rechten innerhalb seiner Regierung. Der Rücktritt des als “moderat“ geltenden Ministers Gantz und die Strategie von Regierung und Militär, allein auf Vernichtung zu setzen, hat Netanjahu dazu veranlasst hat, das israelische Kriegskabinett aufzulösen.
Das übliche Argument der israelischen Behörden für die Verschiebung dieser Untersuchungen ist also, dass sie mit dem Krieg im Gazastreifen kollidieren, in dem Zehntausende von palästinensischen Zivilist*innen getötet wurden.
Der erste Rücktritt in Folge der Anschläge erfolgte am 22. April, als der Chef des israelischen Militär-Geheimdienstes, General Aharon Haliva, nach 38 Jahren Militärdienst zurücktrat. Unklar jedoch, ob dies aus „“Verantwortung“ über die Versäumnisse im Oktober oder aus Unzufriedenheit mit der Art der Kriegsführung geschah.
Der zweite Rücktritt erfolgte am 9. Juni, als Brigadegeneral Avi Rosenfeld zurücktrat, angeblich, weil es ihm nicht gelungen war, "die Grenz-Gemeinden des Gazastreifens, Tausende von Einwohnern, Tausende von Teilnehmern des Reim-Musikfestivals und die auf Außenposten stationierten Kräfte" zu schützen. Im Oktober entschuldigte sich der Chef des Inlands-Geheimdienstes Shin Bet, Ron Bar, für die Vorfälle vom 7. Oktober und übernahm die Verantwortung, vorerst bleibt er jedoch im Amt. (1)
Alte Geschichte
Die Publikation im öffentlichen israelischen Fernsehen ist im Übrigen nicht die erste, die von der Vor-Information des Geheimdienstes über militärische Bewegungen von Hamas berichtete. Bereits am 1. Dezember 2023 berichtete die New York Times in ähnlicher Weise. “Israel wusste schon vor mehr als einem Jahr von den Plänen der Hamas. Die Times prüfte einen Plan mit einer detaillierten Beschreibung der Anschläge, den israelische Beamte ablehnten, weil sie nicht glaubten, dass die bewaffnete Gruppe in der Lage war, sie auszuführen“, heißt es in der New Yorker Publikation in spanischer Sprache. (2)
Direkt nach dem 7. Oktober hatten – unabhängig von solchen Geheimdienst-Informationen – unabhängige Beobachter*innen erhebliche Zweifel daran geäußert, dass die Vorbereitung einer Aktion von solcher Dimension durch Hamas dem hochgerüsteten Überwachungs- und Militärapparat des Kolonialstaates entgangen sein könnte.
Bereits zu jenem Zeitpunkt, fünf Wochen nach der Grenz-Attacke, war von israelischer Seite und in den Reihen der westlichen Unterstützer-Staaten keinerlei Interesse vorhanden, dieser Spur nachzugehen. Dem schlossen sich die großen westlichen Medien an, die „“Versäumnisse“ wurden unter den Teppich gekehrt, um dem Staat Israel nicht sein Haupt-Argument zu nehmen – Rache und Vernichtung von Hamas bis zum letzten Kämpfer. Die damalige “Betroffenheit“, einschließlich der internationalen Empörung über den “terroristischen Angriff“, waren Teil einer großangelegten Inszenierung durch die Israelis, unter zuverlässiger Mitarbeit der großen Masse der unterwürfigen Medien.
ANMERKUNGEN:
(1) “La inteligencia israelí conocía ‘con alto grado de precisión’ los planes de Hamás antes del 7 de octubre” (Der israelische Geheimdienst kannte die Pläne der Hamas schon vor dem 7. Oktober ‘mit großer Genauigkeit’), Publico, 2024-06-18 (LINK)
(2) “Israel sabía de los planes de Hamás hace más de un año” (Israel wusste schon vor mehr als einem Jahr von den Plänen der Hamas), NYT, 2023-12-01 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Völkermord (publico)
(2) Völkermord (zdf)
(3) Völkermord (brf)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-06-18)
