urdaiez11Naturschutz geopfert

Die Behörden Bizkaias stehen vor der Entscheidung, das Urdaibai-Biosphären-Reservat entweder zu schützen wie es Gesetze vorsehen, oder das Gebiet dem profanen Geschäft zu opfern. Die Reservats-Verwaltung, die Institutionen und die Guggenheim-Stiftung sind mit dem Dilemma konfrontiert, den Grundprinzipien des Ökosystems, zu dessen Schutz ein Gesetz verabschiedet wurde, entweder treu zu bleiben oder die Tür zum Schlachthof zu öffnen, um das legendäre Vogelschutz-Gebiet dem Tourismus zu opfern.

Je umfangreicher die Einnahmen, die durch Tourismus in Kassen fließen, desto hemmungsloser der Heißhunger der Politik, mit Sieben-Meilen-Stiefeln durch das Tor der ökologischen und sozialen Katastrophe zu schreiten. Ein Guggenheim in Bizkaia ist nicht genug, ein zweites soll mitten ins Naturschutzgebiet Urdaibai gepfählt werden. (Edorta Jimenez)

1989 verabschiedete das baskische Parlament einstimmig das erste und bisher einzige Gesetz zum Schutz eines bestimmten Gebiets in der Autonomen Region Baskenland. So entstand das Biosphären-Reservat Urdaibai, dessen geografische Ausdehnung weder mit einer bestehenden noch mit einem historisch existierenden Gebiet übereinstimmt. Heute (2024) steht dieses Biosphären-Reservat vor dem Bau von zwei Einrichtungen in seinem Schutzgebiet, die als "Erweiterung des Guggenheim-Museums Bilbao (GMB) in Urdaibai" bezeichnet werden.

Reise nach Urdaibai

urdaiez22Wer auf den Straßen von Bizkaia unterwegs ist, stößt auf Schilder mit der Aufschrift "Urdaibai 14". Eines dieser Schilder befindet sich in Amorebieta-Etxano (bask: Zornotza), an der Landstraße BI-635, im Kreisverkehr am Ortsausgang. Zwei Kilometer von diesem Schild entfernt befindet sich die südwestlichste Grenze des Schutzgebiets Urdaibai, das zweiundzwanzig Gemeinden umfasst, zwölf ganz und zehn teilweise, darunter Amorebieta-Etxano. Hier beginnt die weitere Suche nach "Urdaibai 14".

Nach zwölf Kilometern erreichen wir die Umgehungsstraße Gernika-Lumo. Unterwegs gibt es keinen einzigen Hinweis darauf, dass wir durch das Biosphären-Reservat Urdaibai fahren. Früher gab es welche, das ist Vergangenheit. In Gernika erreichen wir die Renteria-Brücke, wo wir uns laut Schild der Provinz-Verwaltung Bizkaia (DFB) bereits in Urdaibai 14 befinden. Weniger als hundert Meter entfernt, am linken Ufer des Flusses Oka, sehen wir eine ehemalige Fabrik, deren Name noch deutlich sichtbar ist: die Besteckfabrik Dalia (im Juni 2024 wurde mit ihrem Abriss begonnen). Dort halten wir an, fast im Zentrum von Gernika.

Leichen unter den Trümmern von Dalia?

Für die meisten Menschen im Baskenland ist Gernika eine alte Stadt voller Symbolik, für den Rest der Welt ist der Name Gernika mit dem Gemälde von Pablo Picasso verbunden, das seinen Namen trägt, geschrieben “Guernica“. Wir erinnern uns, dass am 26. April 1937 Bomben-Flugzeuge deutscher und italienischer Faschisten in einer gemeinsamen Aktion das historische Gernika und einen Teil von Lumo in Schutt und Asche legten.

Die faschistischen Verantwortlichen für diese Barbarei behaupteten zunächst, es seien “die Roten“ gewesen, die baskischen “Bolschewiken“, die die Stadt in Brand gesetzt hätten. Später, als sie mit den Beweisen für die Bombardierung konfrontiert wurden, erklärten sie, das Ziel der Bombardierung sei die Brücke gewesen, die jedoch von den Bomben verschont blieb und später erneuert wurde. Auch das Industriegebiet, in dem wir uns befinden und wo nach dem Willen von politischen und spekulativen Interessen in der nahen Zukunft eine der beiden Erweiterungen des Guggenheim-Museum Bilbao (GMB) in Urdaibai errichtet werden soll, wurde nicht getroffen. Sicher kein Zufall.

Wir kommen zur ehemaligen Dalia Besteckfabrik. In diesem Gebiet, das Bekoibarra (bask: unterhalb des Flusses) genannt wird, wurde ein Teil des Schutts der zerstörten Stadt abgelagert, der von der anderen Seite der Eisenbahnlinie hierher gebracht wurde. An dieser Stelle wagen wir den Versuch, uns die angekündigte erste Erweiterung des Guggenheim-Museum Bilbao vorzustellen. Dabei stoßen wir auf eine irritierende Frage: Lagen in den Trümmern womöglich auch Leichen der bei der Bombardierung ermordeten Menschen aus Gernika? Anders gefragt: Wo sind die unbestatteten Toten geblieben, die 1937 nicht auf dem städtischen Friedhof begraben wurden? Und wie viele starben überhaupt 1937 bei jenem damaligen Vorgeschmack auf das globale Grauen?

Es ist möglich, dass die Trümmer der Besteckfabrik Dalia, auf denen des Museums erster Teil gebaut werden soll, ein heiliger Sarkophag für die nach der Bombardierung von Gernika zurückgelassenen Leichen sind. In jedem Fall ist es wichtig zu wissen, was mit den Toten geschehen ist. Dass einige von ihnen unter den Trümmern zurückgelassen wurden, ist völlig klar. Denn die Stadt wurde zu 90% zerstört, mehr als 2.500 Menschen wurden in Stücke gerissen. Wo sind die geblieben, fragen wir uns hier, vor den Überresten der Besteckfabrik Dalia, am linken Ufer des Oka, unter einem bleigrauen Himmel. Um das Heute zu verstehen, müssen uns an das Gestern erinnern.

Guggenheim-Zweigstelle

Vor der Bombardierung war Gernika eine Industriestadt mit Fabriken wie Astra, Unceta und anderen, die Waffen und Mörser herstellten. Nach der Besetzung durch die franquistischen Truppen wurden diese Unternehmen weitergeführt, an diesem Ufer des Oka-Flusses siedelten sich neue Unternehmen verschiedener Branchen an, wie zum Beispiel das der Haushaltswaren-Industrie. Die Wirtschaftskrise der 1980er Jahre setzte einigen von ihnen ein Ende. Dalia war eines der letzten Unternehmen, das schließen musste. Seine Grundstücke und Gebäude, einschließlich des ersten aus dem Jahr 1957, befinden sich heute im Besitz der Provinz-Verwaltung. Die will den Komplex jetzt in den ersten Standort der Museums-Zweigstelle umwandeln.

Dies sind Absichten, über die die große Mehrheit der Bevölkerung keine Informationen hat. Abgesehen von den Betreibern des Projekts und von denjenigen, die die Amtsblätter von Bizkaia, des Baskenlandes oder das offizielle staatliche Bulletin (BOE) lesen. Der Rest der Leute ist auf die lokale Presse angewiesen, die durchgesickerte oder gezielt lancierte Informationen publiziert. Hauptsächlich handelt es sich dabei um die rechte Tageszeitung El Correo, gefolgt von der ebenfalls rechten Tageszeitung Deia und der Bezirks-Wochenzeitung Busturialdeko Hitza (Das Wort von Busturia).

Ganz generell wäre davon auszugehen, dass über geplante Projekte öffentlich informiert wird, dass etwaige Einsprüche in Betracht gezogen und einer entsprechenden Analyse unterzogen werden. Und dass solche Projekte die Institutionen durchlaufen, wie die Generalversammlung, das baskische Parlament oder das Europäische Parlament. Leider trifft diese generelle Annahme nur in geringem Umfang zu.

Am 1. Januar 2019 beauftragte der Provinzialrat von Bizkaia (DFB) die Abteilung Infrastruktur (Azpiegitura) mit dem Abriss der Dalia-Fabrik. Drei Jahre nach der Auftragserteilung war dieser Auftrag noch nicht ausgeführt worden, erst jetzt im Jahr 2024. Wir wollen wissen, ob in der Zwischenzeit etwas gefunden wurde, was sich unter dem Boden der alten Fabrik befindet, neben der Ablagerung von Schutt, vielleicht ein heiliger Sarkophag, der versteckt liegt unter der Pyramide, die in den Jahrzehnten von Leerstand immer mehr verkommen ist. Über das Thema der Verschütteten will niemand sprechen, es muss erzwungen werden. Zumindest dann, wenn sich erfüllt, was Ministerpräsident Urkullu einst sagte und später wiederholte: es wird einen neuen Standort für das Friedens-Museum Gernika-Lumo geben, das bislang im Zentrum ist, am Rathausplatz. Die gleichgeschalteten Medien wiesen sofort auf das Gebiet um Dalia als wahrscheinlichsten Standort hin. Erneut die Frage: Kommt irgendjemand auf die Idee, vor dem Bau des Museums (das auch schon als "Bombardierungs-Museum" bezeichnet wurde) im Untergrund nach schlecht beerdigten Leichen zu suchen?

Wasser!

urdaiez33Nach den Erklärungen des Ministerpräsidenten (Lehendakari) von 2022 hatte die bisherige baskische Regierung ihre Unterstützung für eine mögliche Erweiterung der Museums-Zweigstelle in Gernika-Lumo eingeschränkt. Zunächst müsse die Wasserversorgung über die baskische Wasserbehörde URA sichergestellt werden. Der Sommer 2022 war der trockenste seit Beginn amtlicher Aufzeichnungen, und der Herbst folgte in ähnlicher Weise (erst 2023 folgte eine gewisse Erleichterung). Fast zwei Monate lang lieferte ein für den Transport von Trinkwasser umgebauter Gas-Tanker über den Hafen von Bermeo Millionen von Kubikmetern an das Netz des Wasser-Konsortiums Bilbao-Bizkaia. Das Konsortium selbst bezifferte die Kosten der Aktion auf 1,5 Millionen Euro ohne Mehrwert-Steuer.

Wasser hin oder her, die Stadtverwaltung von Gernika-Lumo hatte in diesem komplexen Spiel längst eine Entscheidung getroffen und das Projekt einer neuen Straße neben der Dalia-Fabrik zur öffentlichen Information vorgelegt. Diese Straße würde am linken Ufer neben der Fabrikruine verlaufen. Doch unterliegen das Dalia-Gebiet und der so genannte Grüne Weg, der von Dalia zum zweiten Standort des Guggenheims in Urdaibai führen würde (in Murueta), einer Vielzahl von Gesetzen und Richtlinien zum Schutz der Küste und der Biosphäre selbst.

Das für die Öffentlichkeit vielleicht spektakulärste Element, das in dieser Gegend immer in Betracht gezogen werden muss, ist die Überschwemmungs-Gefahr des gesamten Gebiets der projektierten Erweiterungen. Ohne weit zurückblicken zu müssen, erst im Januar 2018 hat die Strömung des Oka-Flusses die Renteria-Brücke erreicht und wäre beinahe über die Ufer getreten. Ganz zu schweigen von den Überschwemmungen in den Jahren 1975, 1977 und 1983, die allen Bewohner*innen noch frisch in Erinnerung geblieben sind. Die angesichts dieser Gefahr vorgeschlagene Lösung würde darin bestehen, am linken Oka-Ufer eine Mauer und am rechten Ufer einen Damm zu errichten. Es besteht kein Zweifel daran, dass eine solche doppelte Barriere gegen Überschwemmungen nicht nur starke Auswirkungen auf die Landschaft hätte, sondern auch ein Versuch wäre, die Landschaft, in diesem Fall das Flussbett der Oka, mit Toren zu versehen.

Schlagzeilen in New York

Nachdem wir Dalia hinter uns gelassen haben, erreichen wir wenige hundert Meter hinter der Brücke das Ende des Oka-Flusses, der sich nun feinädrig ins Feuchtgebiet ergießt und Ebbe und Flut ausgesetzt ist. An dieser Stelle sind die Reste der alten Ziegelei von Murueta zu sehen. Von diesem Punkt aus ist bereits der Standort der zweiten geplanten "Museums-Erweiterung Urdaibai" zu sehen. Dort befindet sich das noch aktive Unternehmen Astilleros de Murueta, eine Werft, die Schiffe von beträchtlicher Größe baut (und eigentlich überhaupt nicht in ein Naturschutz-Gebiet passt, die entsprechende Genehmigung erteilten einst die franquistischen Behörden in den 1940er Jahren).

Der zwischen Dalia und der Ziegelei verlaufende Weg wäre, mit Abstrichen, identisch mit dem geplanten Grünen Weg, der die beiden Museums-Standorte miteinander verbinden soll: ein Fußweg von etwa fünf Kilometern Länge, mit einer 1.600 Meter langen Fußgängerbrücke in Form eines Stelzenhauses, die über Sümpfe, Marschland und die Wasserfläche der Flussmündung gebaut werden würde. Es sei daran erinnert, dass wir uns hier nicht nur im Herzen des Biosphären-Reservats befinden. Diese Umgebung ist auch durch das europäische Netz Natura 2000 geschützt (um nur ein europäisches Gesetz zu zitieren). Große Worte, die niemand gerne ausspricht.

Stellen wir uns eine Schlagzeile in der New Yorker Presse vor, die in etwa so lauten könnte: "Die Salomon R. Guggenheim-Stiftung dringt in Europas wichtigstes Umweltschutz-Netz ein". Im Untertitel könnten die Bestimmungen zum Schutz der Umwelt aufgeführt werden. Das Gebiet ist als ZEPA eingestuft, in spanischer Abkürzung “Zona Especial de Protección de Aves“, ein “besonderes Schutzgebiet für Vögel“. Was bedeutet, dass es unter die Ramsar-Konvention zum Schutz von Feuchtgebieten fällt. Oder: dass es ein Brutgebiet für den europäischen Nerz ist. “Was der Mensch sät, das wird er auch ernten“ – aber lassen wir die biblischen Träumereien, kommen wir zum irdischen Projekt.

Neben der erwähnten Initiative des Gemeinderats von Gernika-Lumo und jener für einen Grünen Weg von Seiten der Provinz-Verwaltung gibt es zwei weitere wichtige Initiativen, die für ihre Pläne grünes Licht fordern. Bei der ersten handelt es sich um die "Teil-Berichtigung des regionalen Raumordnungs-Plans Gernika-Markina", um "die Initiative zur Erweiterung des Guggenheim-Museums (Ampliación del Museo Guggenheim, AMG) auf städtischen und industriellen Flächen in den Gemeinden Gernika und Murueta" zu ermöglichen.

Gesetze dem Projekt anpassen

Die zweite Initiative, die hervorzuheben ist, ist jene der PNV-Fraktion im spanischen Parlament (die PNV ist die maßgebliche Partei in der baskischen Regierung und stellt den Präsidenten). Die PNV schlug der spanischen Regierung Sanchez ihre Unterstützung für den allgemeinen Staatshaushalt für 2023 vor, als Gegenleistung dafür, dass Madrid die Verringerung des Küstenschutzes von derzeit 100 auf 20 Meter (von der Küstenlinie entfernt) akzeptiert und gleichzeitig 50 Millionen des Staatshaushalts "für das künftige Guggenheim-Museum in Urdaibai" bereitstellt, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Beide Bedingungen wurden erfüllt.

Die Ministerin sagte zu, noch bevor sie sich mit den möglichen Einsprüchen befasste. Obwohl nach ihrer eigenen Aussage "das Projekt dem Urdaibai-System irreversible Schäden zufügen könnte". Es scheint, dass die Ministerin und ihr Team eine der Grundlagen der europäischen Umweltpolitik aufgegeben haben: die Unumkehrbarkeit des Schutzniveaus. Die Einsprüche mussten bereits auf ihrem Schreibtisch gelegen haben. Ebenso ein Brief von baskischen PSOE-Partei-Vertreter*innen, in dem sie aufgefordert wird, die Operation zu stoppen.

Ohne die Erweiterungs-Projekte im Detail zu bewerten, hat die Links-Koalition Euskal Herria Bildu bereits öffentlich gemacht, dass sie keine Absenkung des Schutzniveaus des Biosphären-Reservats Urdaibai akzeptieren wird. Dasselbe gilt für die Partei Elkarrekin-Podemos, wie im Protokoll der Sitzung des Umwelt-Ausschusses der Provinz festgehalten wurde. Eine Abgeordnete sagte wörtlich, sie habe "keine Kenntnis von dem Dossier". Geheimhaltung ist die Strategie der Projekt-Betreiber.

20 Meter

urdaiez44Würde das Museums-Erweiterungs-Projekt innerhalb dieser 20 Meter passen? "In den Teil des derzeitigen Standorts der Murueta-Werft, der vor Jahren als städtisch erklärt wurde", behaupten die Befürworter des Projekts. Sie unterschlagen die Tatsache, dass dem Unternehmen zwar das Gebäude gehört, nicht aber das Land, auf dem es sich befindet. Das Land gehört zur Öffentlichen Küsten-Land-Behörde (Dominio Público Marítimo Terrestre, DPMT), wie der Oberste Gerichtshof in einem Verwaltungs-Urteil vom 12. April 2012 festgestellt hat. Das Urteil erging nach einem langwierigen Prozess, den Astilleros Murueta S.A. im Jahr 2004 angestrengt hatte wegen der Abgrenzung des Grundstücks, auf dem sich das Unternehmen befindet. Es gibt keinen Spielraum für eine erneute Revision der Abgrenzung, und es gibt dort auch kein städtisches Grundstück. Diejenigen, die darauf beharren, dass "bei der Abgrenzung von 2004 Fehler in der verwendeten Kartographie aufgetreten sind", ignorieren dieses Urteil.

"Sobald die Konzession von Astilleros Murueta abgelaufen ist, sollte der Überhang verschwinden und das Land, die ehemaligen Sümpfe und Sumpfgebiete, zurückgewonnen und an den Staat vor der Konzession zurückgegeben werden".

Im Fall der Murueta-Werft stammt die Betriebserlaubnis vom 16. Juni 1943 und wäre somit im Juni 2018 abgelaufen, da die Konzessionen in den Gebieten der Küstenschutzes (DPMT) eine maximale Gültigkeitsdauer von 75 Jahren haben. Nach Ablauf dieses Konzessions-Zeitraums sollte die Fabrikhalle verschwinden; das Land, in diesem Fall ehemalige Sümpfe und Marschland, sollten wieder in den Zustand vor der Konzession zurückversetzt werden. Eine Vorstellung von diesem ehemaligen Zustand bieten die Fotos der gesamten Halbinsel, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgenommen wurden von der US-Luftwaffe, die nach dem Spanienkrieg und der Etablierung der franquistischen Diktatur damals ein Eingreifen offenbar nicht ausgeschlossen hatte. Jene Aufnahmen stammen konkret aus dem Jahr, in dem die Bau-Arbeiten der Werft abgeschlossen wurden, zwischen 1945 und 1946.

Nach dem Rückzug der Werft von jenem Küstengelände, auf dem sich Astilleros Murueta im Jahr 1943 anfangs auf 1,3 Hektar ausgebreitet und später auf 3,9 Hektar ausgedehnt hatte, müssen in jedem Fall die Probleme beseitigt werden, die unter der Oberfläche der großen Fabrik und ihrer Nebengebäude begraben sind. Dies gilt auch für den Fall einer möglichen Museums-Erweiterung – es geht um vergifteten Boden aus der Zeit des Werftbetriebs.

Selbst im Bericht "Morphodynamische Überwachung der Mündung des Oka (Biosphären-Reservat Urdaibai) Mai 2005 / April 2006" der baskischen Regierung wird festgestellt, dass bei mindestens drei der acht Ablage-Baggerungen in der Fahrrinne vor der Werft, die zwischen 1973 und 2003 in der Mündung durchgeführt wurden, Schlamm (1987), Sand und Schlamm (1988/1999), mehr Sand und mehr Schlamm (2003) abgelagert wurden. Zu Ort und Inhalt des Schlamms heißt es in dem Bericht lediglich, dass "der Schlamm aus den Entnahme-Proben aufgrund des Vorhandenseins von Schwermetallen außerhalb des Feuchtgebietes deponiert wurde, nachdem er zuvor auf einem an die Werft angrenzenden Grundstück getrocknet wurde". Keine weiteren Angaben. Zum Plan gehörte, dass der Schlamm, nachdem er durch die Regenfälle ausgewaschen wurde, gefahrlos an andere Orte gebracht werden konnte. Aber die Realität ist hartnäckig: nach mehr als zwanzig Jahren ist der Schlammberg, der nach der letzten Ausbaggerung aufgehäuft wurde (was wir täglich erlebt haben), immer noch da und mit Vegetation bedeckt – für alle Interessierten sichtbar. Was die beiden anderen in dem Bericht erwähnten Lagerstätten betrifft, so wird ihr Standort nicht genannt, doch beim Internet-Portal GeoEuskadi existieren Fotos für alle, die das Thema interessiert.

Willkür-Entscheidungen

In Artikel 25.2 der bisher gültigen Version des Küsten-Gesetzes von 1988 heißt es: "In der Regel sind in diesem Gebiet (DPMT) nur Bauwerke, Anlagen und Tätigkeiten zulässig, die aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht an einem anderen Ort angesiedelt werden können, wie zum Beispiel Meeresanbau-Betriebe oder Meer-Salinen, oder solche, die für die Nutzung des öffentlichen maritim-terrestrischen Bereichs notwendige oder zweckmäßige Dienstleistungen erbringen, sowie Sportanlagen im Freien".

Angesichts dessen stellt sich die Frage, ob die Erweiterung des Bilbo-Museums nicht auch an einem anderen Ort als Murueta stattfinden könnte (was eindeutig der Fall ist). Oder ob das Projekt ein Element beinhaltet, das eine der beschriebenen Ausnahmen rechtfertigen würde. Dies ist in der Tat der Hauptvorwurf, der gegen die von der baskischen Küstenbehörde auf Ersuchen der Provinzverwaltung eröffneten Untersuchungs-Akte erhoben wird: Diese Behörde hätte die Reduzierung des Schutzes eines Abschnitts des Murueta-Ufers von 100 auf 20 Meter niemals akzeptieren dürfen, dafür gäbe es kein Argument.

Auch kann gefragt werden: Hat die Justiz wie ein Kind mit verbundenen Augen willkürlich ihren Finger auf die Landkarte gelegt und genau auf diese Stelle in Murueta gezeigt? Gilt dasselbe für Gernika-Lumo? Willkürlich und nach dem Zufallsprinzip? In Erwägung, dass dieselben Befürworter der heutigen Urdaibai-Pläne bereits 2008 vorschlugen, eine wahnwitzige Erweiterung des G-Museums im Biosphären-Reservat durchzudrücken – in jenem Fall im Ort Sukarrieta, dafür sollte eine riesige Ferienkolonie aus den 1920er Jahren abgerissen werden – müssen wir davon ausgehen, dass hinter der Entscheidung kein Kind mit verbundenen Augen steckt, sondern rücksichtloser Ehrgeiz. Es macht den Eindruck, als gäbe es für die langjährigen Befürworter der Erweiterung des Museums keinen anderen Standort als "Urdaibai".

2022 verkündete ausgerechnet Provinz-Präsident Unai Rementeria von der neoliberalen PNV, einer der Hauptbetreiber des Projekts, dass er nach dem Ende seiner Amtszeit im Mai 2023 nicht mehr in der Politik tätig sein werde. Wenig später wurde der Name von Elixabete Etxanobe, Abgeordnete für institutionelle Beziehungen, als Kandidatin für die Nachfolge bekannt gegeben (mittlerweile im Amt). Im vergangenen Jahr ist die PNV dazu übergegangen, aus den unterschiedlichen von ihr dominierten Behörden und Funktionen verschiedene Botschaften in die baskische Öffentlichkeit zu schicken: dazu gehören Zweifel am Projekt, Zweifel an seiner Durchführbarkeit … oder Durchhalteparolen: man werden die Idee weiter verfolgen, koste es was es wolle.

Sollte der Provinzialrat von Bizkaia das Projekt womöglich fallen lassen? Der baskische Regierungssprecher Bingen Zupiria sagte einst, "dass es nur ein Projekt ist, von dem es im Moment nichts Konkretes gibt". Mit solch verwirrenden Aussagen soll nichts anderes erreicht werden als die Täuschung der öffentlichen Meinung, so als wäre tatsächlich noch nichts entschieden. Doch weshalb werden dann Bebauungs-Pläne geändert, Küstengesetze manipuliert und das Fabrikgebäude abgerissen und über den Kaufpreis des Werftgeländes gefeilscht? Sicher nicht aus Langeweile.

All dies geschieht vor unseren Augen, ohne zu berücksichtigen, was das Europäische Parlament zu diesem Thema zu sagen hat. Die Fraktion der Grünen hat das Dossier auf dem Tisch, es bleibt abzuwarten, was die UNESCO (UN-Organisation für Erziehung, Kultur, Wissenschaft) zu diesen Maßnahmen sagen wird, zum beabsichtigten schwerwiegenden Eingriff im einzigen Biosphären-Reservat der Autonomen Region Baskenland.

Biosphäre oder Geschäftsmodell

urdaiez55Nachdem die Barriere der Reduzierung des Küstenschutzes auf zwanzig Meter überwunden und andere Hindernisse beiseite geräumt wurden, muss das Biosphären-Reservat Urdaibai als "ökologische Opferzone" bezeichnet werden, wie es die Forscherin Naia Ormaza Zulueta von der Universität Colorado formuliert hat. Wäre die Solomon-Guggenheim-Stiftung bereit, die Kosten für dieses Opfer zu übernehmen? "Die Guggenheim-Stiftung bekräftigt ihre Unterstützung für die Erweiterung, und die baskische Regierung wartet auf die Ausarbeitung des Plans".

Aber es geht nicht nur um die Botschaften aus New York. Das Guggenheim Bilbao hat einen eigenen Aufsichtsrat, in dem die Stiftung eines von drei Gründungs-Mitgliedern ist. Die beiden anderen sind in Händen der baskischen Regierung und der Provinz-Verwaltung Bizkaia. Hinzu kommen drei strategische Mitglieder: der Vorsitzende der Stiftung der BBK-Bank, der Vorsitzende des multinationalen Energie-Konzerns Iberdrola (als Mäzen) und der Generaldirektor der BBVA-Stiftung, eine weitere Mäzenatenbank. Diesem Sextett folgt die Gruppe der einfachen Treuhänder, sechzehn an der Zahl, darunter der Vorsitzende der rechten Tageszeitung El Correo, der Geschäftsführer des Iparraguirre Verlags (Herausgeber der PNV-Parteizeitung Deia), sowie der Geschäftsführer des öffentlichen baskischen Fernsehens (Euskal Irrati Telebista, EITB), der gewöhnlich von der PNV bestimmt wird. Institutionelle, Wirtschafts- und Informations-Politik, alle drei angeführt vom amerikanischen Partner Guggenheim, der den Namen zur Verfügung stellt und mit der Zweigstelle Geschäfte macht.

Der andere in den Streitfall verwickelte Verwaltungsrat – des Biosphären-Reservats Urdaibai – hat im vergangenen Jahr nur zweimal getagt. Auf Nachfrage des Sozialrats erklärte dessen Direktor, ihm lägen keinerlei Informationen vor: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – das Affenprinzip. Dies hat ihn nicht daran gehindert, das Jahr mit der Veröffentlichung eines Projektanhangs zu beginnen, zum Thema “Grüner Weg“, unterzeichnet vom "Urdaibai Biosphere Reserve Service", einer Einrichtung, die öffentlichen Quellen zufolge überhaupt nicht existiert, zumindest nicht unter diesem Namen. Das Projekt wurde im Staatlichen Publikations-Bulletin BOE veröffentlicht, ohne dass es vorher den Verwaltungsrat passieren musste. Die Vetternwirtschaft funktioniert perfekt, hier wird wie in alten Zeiten nach Parteibuch agiert.

Wie beschrieben, handelt es sich um eine Inszenierung mit verschiedenen Akteuren. Dabei wird das Gesamtprojekt in Einzelteile zerlegt, um die notwendige und unvermeidliche Umwelt-Verträglichkeits-Prüfung zu umgehen. Der Biosphären-Aufsichtsrat, die Institutionen und die Stiftung stehen vor einem klaren “Dilemma“. Sie können den Gründungs-Prinzipien des Reservats treu bleiben und seine Wirtschaftstätigkeit an den Zielen und Grundsätzen des Gesetzes ausrichten, das zum Schutz des Reservats verabschiedet wurde. Oder die Biosphäre in die ökologische Opferzone verabschieden. Schutz des Reservats oder radikaler Abstieg in die kapitalistische Verwertungslogik. Letzteres würde der damit verbundene, beabsichtigte oder in Kauf genommene Massentourismus mit sich bringen.

Ein scheinbar unbedeutendes Detail des Dilemmas ist das Wiederansiedlungs-Projekt für Fischadler direkt gegenüber der Werft. Diese beeindruckenden Vögel, deren Spezies sich nun in Urdaibai erholt, teilen sich Himmel und Gewässer, Sümpfe und Feucht-Gebiete mit unzähligen anderen, wie Reihern und Seidenreihern, Löfflern, verschiedenen Enten, Flussuferläufern und Strandläufern. Wie würden sie auf die Anwesenheit von angesagten 140.000 Besuchern reagieren, die nach den Plänen der Museums-Projektpuscher über den Grünen Weg hinweg schwadronieren sollen. Würden sie dort weiter ihre Kreise fliegen? Sollte es dazu kommen, würden sie wahrscheinlich eine weitere Migration vorziehen. 140 Tausend sind viele, doch ganz bestimmt ist die Zahl bewusst niedrig angesetzt. Wenn es am Ende vier Mal so viele würden, wäre diese Zahl sicher ebenfalls willkommen. Denn auch das Guggenheim-Original in Bilbo hetzt jedes Jahr nach neuen Rekorden. Wer weiß, ob nicht irgendeiner der hypothetischen 140.000 Touristen nach dem Besuch der neuen Zweigstelle eines der Gebiete aufsuchen würde, in denen Fischadler tatsächlich noch zu sehen sind.

ANMERKUNGEN:

(1) Grundlage des Artikels ist die Publikation “La reserva de Urdaibai: el dilema de sacrificar la biosfera al negocio humano” (Das Urdaibai-Reservat: das Dilemma, die Biosphäre dem menschlichen Geschäft zu opfern) aus dem Internet-Magazin El Salto Diario, Autor Edorta Jimenez, 2023-02-11. Seit der Publikation des Artikels kam es zu verschiedenen neuen Entscheidungen und Entwicklungen, die zusätzlich in den Text eingebaut wurden. (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Naturschutz (collage)

(2) Proteste (elsalto)

(3) Murueta Werft (elsalto)

(4) Grüner Weg (pixabay)

(5) Seeadler (nano)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-07-07)

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