turexplo1Am Abgrund der Katastrophe

Der globale Tourismus ist bereits für 8,8% der CO2-Emissionen verantwortlich und steigt ungebremst weiter an. Eine Analyse von Daten aus 175 Ländern zeigt, dass der Tourismus doppelt so schnell wächst wie die übrige Wirtschaft, ohne seinen CO2-Ausstoss zu reduzieren. Der Inlandsverkehr in drei großen Ländern (USA, China und Indien) ist eine Hauptquelle dieser Emissionen. Der größte Teil des Netto-Ausstoßes wird durch Flugreisen und die Nutzung von Privatfahrzeugen durch Reisende verursacht.

Die mit dem weltweiten Tourismus verbundenen CO2-Emissionen wachsen mit 3,5% pro Jahr mehr als doppelt so schnell wie das Wachstum der Weltwirtschaft. 2019 erreichten sie 5,2 Gigatonnen CO2, was 8,8% der gesamten globalen Treibhausgas-Ausstoßes entspricht. Eine Gigatonne entspricht 1 Milliarde Tonnen.

Dies sind einige der Schlussfolgerungen einer neuen Studie, die von der Wissenschaftlerin Ya-Yen Sun und ihrem Team in der Zeitschrift Nature Communications veröffentlicht wurde. Auf der Grundlage der Analyse von Daten aus 175 Ländern, die zwischen 2009 und 2020 aufgezeichnet wurden, zeigen die Autor*innen, dass der Tourismus in hohem Maße zu den weltweiten Kohlenstoff-Emissionen beiträgt, vor allem weil der Anstieg der Aktivitäten nicht durch langsame Verbesserungen der technologischen Effizienz ausgeglichen wurde. (1)

“Im Jahr 2013 lag die Klimawirkung des Tourismus bei 8%“, erklärt Sun. “In unserer Arbeit haben wir dieselbe Methodik mit Daten aus den Jahren 2013 bis 2019 angewandt und keine Anzeichen dafür gefunden, dass sich die durch Tourismus provozierten Ausstöße stabilisiert hätten. Im Gegenteil, sie stiegen weiter an und erreichten kurz vor der Covid 19-Pandemie 8,8%.“

Diesen Daten zufolge verursachte jeder im Tourismus verdiente Dollar 1,02 kg an globalen Treibhausgas-Emissionen, etwa viermal mehr als der Dienstleistungs-Sektor und 30% mehr als die Gesamtwirtschaft. Aus sektoraler Sicht wurde der größte Teil der Netto-Emissionen durch den Luftverkehr und die Nutzung von Privatfahrzeugen durch Reisende verursacht. In dem Papier werden die Kreuzfahrt-Emissionen nicht gesondert aufgeschlüsselt, aber frühere Arbeiten über die drei Unternehmen, auf die 76% der weltweiten Kreuzfahrt-Einnahmen entfallen und die 22,1 Millionen Passagiere befördern, haben ergeben, dass sie direkte Emissionen in Höhe von 18,3 Mio. Tonnen CO2 verursachen.

Millionen von Inlandsreisen

turexplo2Das Wachstum der Weltbevölkerung von 6,9 Milliarden auf 7,8 Milliarden in diesem Jahrzehnt ist ein wichtiger Faktor für die Veränderungen im Reisekonsum, so das Ergebnis. Da die Menschen häufiger reisen, heißt es in der Studie, steigt die Nutzung privater Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor durch Touristen, vor allem bei Inlandsreisen. Die Arbeit zeigt auch, wie unterschiedlich die Beiträge der Einzelstaaten sind: Die 20 Länder mit den höchsten Emissionen tragen zu drei Vierteln zur gesamten Kohlenstoff-Produktion bei. Dabei leistet die Zunahme der Inlandsreisen in drei dieser Länder (USA, China und Indien) den größten Beitrag zum absoluten Anstieg der Emissionen.

König Juan Carlos hat mit seinen Privatflügen ins Steuer-Exil nach Saudi Arabien in einem Jahrzehnt so viel CO2 Ausstoß provoziert wie ein durchschnittlicher Spanier in 586 Jahren.

“Weltweit ist der Inlands-Reisemarkt wesentlich umfangreicher als der internationale Reisemarkt“, erklärt Sun. “Das große Volumen des Inlands-Reiseverkehrs in diesen drei großen Ländern in Verbindung mit dem starken Wachstum hat zu dem Problem beigetragen. In diesem Sinne fordert das Forschungs-Team, dass die wirtschaftlichen Ungleichheiten bei der Gestaltung der Maßnahmen zur globalen Emissions-Reduzierung berücksichtigt werden, da die Hauptverantwortung bei einer sehr kleinen Gruppe von Ländern liegt – afrikanische Länder kommen in der Verschmutzungs-Rangliste gar nicht vor.

Das Pandemie-Experiment

Die Autor*innen schildern auch, wie die Covid 19 Pandemie den Kohlenstoff-Ausstoß des Tourismus drastisch reduzierte: Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs und ein Rückgang des Inlands-Tourismus führten zu einem Rückgang der weltweiten Tourismus-Emissionen von 5,2 Gigatonnen im Jahr 2019 auf 2,2 Gigatonnen innerhalb eines Jahres. “Die Pandemie war ein Live-Experiment für die Bedeutung des Tourismus als Motor des globalen Emissions-Wachstums“, schreiben sie.

„Die Erfahrung mit der Pandemie zeigt, dass die Emissionen deutlich zurückgehen, wenn der Tourismus eingeschränkt wird, und umgekehrt“ (Ya-Yen Sun, Research Fellow an der University of Queensland und Hauptautorin der Studie).

“Dies zeigt, dass die Emissionen erheblich zurückgehen, wenn der Tourismus eingeschränkt wird“, sagt Sun. “Es bedeutet auch, dass die Emissionen wahrscheinlich weiter ansteigen werden, wenn der Tourismus wieder auf das Niveau vor der Covid-Krise zurückkehrt (wahrscheinlich schon 2024, je nach verwendeter Quelle) und in den kommenden Jahren weiter wächst.

Die Forscher*innen verweisen auf die von der Welt-Tourismus-Organisation (UN Tourism) herausgegebene Erklärung von Glasgow, mit der die Tourismus-Akteure mobilisiert werden sollen, die globalen Ziele zur Halbierung der Emissionen bis 2030 und zum Erreichen von Null Emissionen bis 2050 zu unterstützen. Sie gehen jedoch davon aus, dass diese Anforderungen nicht ausreichen, um den raschen Anstieg der touristischen Nachfrage auszugleichen, stattdessen unterstreichen sie die Notwendigkeit dringender Maßnahmen.

Wenn das Wachstum in den kommenden Jahren so weitergeht, warnt Sun, werden sich die von Tourismus verursachten Emissionen voraussichtlich alle 20 Jahre verdoppeln. “Reisen ist ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft, die Menschen haben einen starken Drang zu reisen“, stellt sie fest. “Wir gehen nicht davon aus, dass sich dieses gesellschaftliche Phänomen kurzfristig ändern wird, und rechnen daher mit einem soliden Wachstum der Reise-Nachfrage in den kommenden Jahren“, schließt sie. “Bei einem Business-as-usual-Szenario bedeutet dies, dass die touristischen Emissionen zwischen 2024 und 2030 wahrscheinlich mit einer ähnlichen Rate (3,5% pro Jahr) ansteigen.

Große Anstrengungen sind erforderlich

turexplo3María Ángeles Cadarso, Professorin an der Universität von Kastilien-La Mancha (UCLM) und Spezialistin für tourismusbedingte Emissionen, hält die Studie für eine hervorragende Arbeit. Sie weist jedoch auf die unangenehmen Schlussfolgerungen hin. “Besorgniserregend ist, dass der Tourismus bei der Einbeziehung der Energie-Effizienz hinterherhinkt, was dazu führt, dass die Emissionen doppelt so schnell ansteigen wie in anderen Sektoren“, sagt sie. “In Ländern wie China und Indien, die zwar ihren Lebensstandard verbessert haben, aber immer noch weniger saubere Verkehrsmittel einsetzen, ist die Situation noch schlimmer, da der Verkehr einer der größten Emissions-Verursacher ist.

Nach Ansicht von Cadarso ist der Anstieg von 8 auf 8,8% in weniger als einem Jahrzehnt überaus relevant, weil die Tendenz eigentlich in die entgegengesetzte Richtung gehen müsste, wenn die Ziele der Erklärung von Glasgow erreicht werden sollen. Sie und ihr Team untersuchten die Situation des Tourismus in Spanien nach der Pandemie und sahen nicht nur eine Wiederbelebung (Anstieg) der Nachfrage, sondern stellten auch fest, dass wir weit von dem in der Vereinbarung festgelegten Weg entfernt sind. “Wir haben versucht, herauszufinden, was notwendig wäre, um das Niveau der Erklärung von Glasgow zu erreichen, und wir haben festgestellt, dass nicht einmal eine Reduzierung des Luftverkehrs aus anderen Ländern ausreicht“, erklärt die Expertin.

Nach Ansicht von Cadarso zeigen die Daten, dass die erforderlichen Anstrengungen von enormem Ausmaß sind. “Wie aus der neuen Studie hervorgeht, ist ein jährlicher Rückgang der Emissionen um mindestens 10% erforderlich, um auf den richtigen Weg zu gelangen“, stellt sie fest. Ihrer Meinung nach sollte dies die Behörden dazu veranlassen, neue Maßnahmen zu überdenken, um die Explosion des Tourismus einzudämmen, die nicht nur Auswirkungen auf die Umwelt hat, sondern auch den heimischen Wohnungsmarkt und andere Sektoren ernsthaft gefährdet. “All dies, ohne zu vergessen, dass der Tourismus gleichzeitig einen positiven wirtschaftlichen Effekt in Gebieten hat, in denen es keine anderen Einkommensquellen gibt“, räumt Cadarso ein. “Die Lösung liegt jedoch darin, dafür zu sorgen, dass die positiven Auswirkungen die negativen überwiegen, und nicht umgekehrt, wie es bisher der Fall ist.“

ANMERKUNGEN:

(1) “La explosión del turismo mundial ya es responsable del 8,8% de las emisiones de CO2 y continúa ascendiendo sin freno” (Die globale Tourismusexplosion ist bereits für 8,8% der CO2-Emissionen verantwortlich und steigt ungebremst weiter an). Tageszeitung El Diario, Autor: Antonio Martínez Ron, 10. Dezember 2024 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) CO2-Fliegerei (codecheck)

(2) Reiseverkehr (phys.org)

(3) Kreuzfahrt (nabu)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-01-27)

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