guggec1Guggenheim gegen Naturschutz

Das Projekt baskischer Behörden, in der Provinz Bizkaia ein neues Doppelmuseum Guggenheim bauen zu lassen, steht kurz davor, in der Schublade zu verschwinden. Das behauptet zumindest die baskische Rechtspresse, die bekanntermaßen beste Kontakte in höhere Ebenen verfügt. Danach erwägen die Institutionen, das Projekt aufgrund der Flut technischer Anforderungen und des entschlossenen Widerstands in der Bevölkerung zu stoppen. Dem Guggenheim im Naturschutz-Gebiet Urdaibai steht ein Wendepunkt bevor.

Besondere Empörung provoziert der von Tourismus motivierte Museums-Plan, einen der Standorte mitten im Biosphären-Reservat und Vogelschutz-Gebiet zu platzieren – angesichts reisender Massen “ohne Rücksicht auf Verluste“.

Die Frist von zwei Jahren, die sich der Stiftungsrat des Guggenheim-Museums von Bilbao im Dezember 2023 gesetzt hatte, um zu entscheiden, ob ein zweiter Doppelstandort zwischen Gernika und Murueta im Urdaibai-Biosphären-Reservat realisierbar ist, geht gerade zu Ende. Eine Entscheidung ist fällig. Der Vorstand wird sich in den kommenden Wochen, zu einem noch unbekannten Termin, in einer Sitzung dazu äußern müssen. Und einiges deutet darauf hin, dass der Plan Doppelmuseum bald in der Schublade verschwinden wird.

Verschiedene Quellen haben gegenüber der Rechtspresse bestätigt, dass die baskische Regierung und die Provinzregierung, die beiden Institutionen, die die Errichtung des neuen Museums im Biosphären-Reservat bisher vorantreiben, seit einigen Monaten darüber nachdenken, das Projekt einzufrieren. Die zu klärende Frage ist, ob in es nur auf einen günstigeren Zeitpunkt gewartet werden soll oder die fatale Idee endgültig begraben wird. Die Guggenheim-Foundation in New York soll bereits über die bevorstehende Kursänderung informiert sein und hat ihre Zustimmung gegeben. Der bahnbrechende Erfolg des Guggenheim-Museums in Bilbao, dem rentabelsten Komplex der New Yorker Marke, ist für die Verwaltungen des Gebiets und das Kuratorium das komfortable Trostpflaster, über den Verzicht zu entscheiden. Sie könnten den Zweierbau gegen allen Widerstand mit legalen und illegalen Mitteln vorantreiben oder, wie es nun den Anschein hat, auf die Bremse treten.

Zwei Jahrzehnte Diskussionen

guggec2Es wird bereits das zweite Mal sein, dass solche Guggenheim-Pläne im Urdaibai-Gebiet ein unrühmliches Ende nehmen. Das erste Guggenheim-Urdaibai war eine Idee, die 2008 vom damaligen Provinz-Fürsten José Luis Bilbao auf den Tisch gebracht wurde. Er kündigte an, das Museum sollte auf dem ehemaligen Gelände der Sparkasse Bilbao in Sukarrieta gebaut werden, einem Sommer-Erholungsheim für Jugendliche, das im klassischen Stil vor 100 Jahren gebaut worden war. Doch Meinungs-Verschiedenheiten mit der baskischen Regierung, einem notwendigen Partner, die damals von den Sozialdemokraten geführt wurde, und die Wirtschaftskrise lähmten den Prozess. Gleichzeitig hatte sich sich schnell auch eine zivile Gegenwehr formiert. Im Jahr 2021 griff die damalige Provinz-Regierung Bizkaia unter dem neuen Chef Unai Rementeria die Idee wieder auf, “Umwelt und Kunst mit einem Museum in derselben Gegend zu verbinden“. Das ursprüngliche Konzept blieb bestehen, allerdings entschied man sich für einen Standort ein paar Kilometer weiter südlich. Die Pinakothek sollte gleich zwei Standorte haben, in der aus dem Spanienkrieg tragisch-bekannten Gernika und in Murueta, einem Dorf mit Großwerft. Die beiden Museums-Komplexe sollten durch einen Fußweg miteinander verbunden sind – auf einem drei Meter hohen Holzsteg mitten durch das Feuchtgebiet. Das Konzept ist aggressiv, anti-ökologisch, für den Naturschutz würde ein solches Tourismus-Projekt den Tod bedeuten. Die Zweifel an einem solchen Konzept kamen zwangsläufig auf, dazu kamen unüberwindbar erscheinende Naturschutz-Normen. Fast fünf Jahre später sind die Bedenken größer denn je, die Widerstandsbewegung stärker denn je.

Dass die Institutionen das geplante Doppel-Museum für wirtschaftlich tragfähig halten, überrascht nicht. Sicher wäre es auch wirtschaftlich ein Erfolg, wenn erst Hunderttausende von Touristen dem Ruf des neuen Konzepts nachkommen würden. Sie würden zweifellos Millionen in die Kassen spülen und das Biosphären-Reservat ökologisch zu Grunde richten. Eine Schätzung beziffert die erforderlichen Investitionen auf rund 130 Millionen Euro, die Behörden gingen davon aus, dass die sozio-ökonomischen Auswirkungen auf das Gebiet positiv wären, wie überall, wo plötzlich zahlungsfähige Konsumenten auf den Plan treten. Die die Ökologie verbietet solche Pläne eigentlich von selbst, insofern sind die Rahmen-Bedingungen nicht gerade günstig für die Projektbetreiber.

Der erste Grund sind die unzähligen städtebaulichen Formalitäten, die mehrere Jahre nach Beginn der Planungen trotz vielfältiger Manipulation und Normänderungen nicht abgeschlossen sind und teils auf der Stelle treten. Die administrative Komplexität und die Ungewissheit, ob der Durchführungs-Prozess innerhalb einer angemessenen Frist zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden kann, zehren an den Nerven der politischen Projektträger, auch wenn von Anfang an klar war, dass der Weg steinig sein würde. Einige schätzen, dass es noch ein Jahrzehnt dauern könnte, bis die Bauarbeiten beginnen können. Eine Frist, die politisch nicht akzeptabel ist und die der Widerstands-Bewegung in die Hände spielen würde.

Einige Fortschritte

Zu den Fragen, die am meisten blockieren, gehört das Grundstück, auf dem die Murueta-Werft steht. Die war in den 1950er Jahren von den Franquisten genehmigt und dem Unternehmen auf 75 Jahre überlassen worden als es noch keine Umweltschutz-Gesetze gab und Ökologie noch ein Fremdwort war. Seither verseucht die werft, die ansehnlich große Schiffe baut, Boden und Wasser. Die Provinz-Regierung verhandelt seit zwei Jahren über den Kauf, ohne große Fortschritte zu erzielen. Derzeit deutet nichts darauf hin, dass das Unternehmen bereit ist, sich von dem Land zu trennen, obwohl der Nutzungsvertrag seit Jahren abgelaufen ist. In diesem Gebiet läuft außerdem ein Gerichtsverfahren bezüglich der maritimen Nutzbarkeit, das Greenpeace vor den Nationalen Gerichtshof gebracht hat. Die baskischen Behörden verteidigen, dass die Situation nicht gegen die Gesetzgebung verstößt. Doch Tatsache ist, dass ein Urteil gegen ihre Interessen in einem langwierigen Rechtsstreit das Projekt des neuen Museums und alle bis dahin möglicherweise erzielten Fortschritte zu Nichte machen würde.

Denn in den vergangenen Jahren gab es einige “Fortschritte“ (wie die Presse es nennt), auf dem Weg zur Realisierung des Wahnsinns-Projekts. Die Stadtverwaltung von Murueta (in Händen der neoliberalen PNV) hat bereits ihre Planung geändert, um den Bau eines Kulturzentrums (Deckname für ein Museum) im Biosphären-Reservat zu ermöglichen, falls die Werft das Grundstück verkauft. Auf dem Grundstück in Gernika, auf dem sich die ehemalige Dalia-Töpferei befand, wurde fast das gesamte alte Gebäude abgerissen und das Gelände von Asbest befreit. Die mühsame Dekontaminierung des Grundwassers in einem Gebiet, in dem durch die industrielle Tätigkeit jahrzehntelang Metalle in den Untergrund gelangten, steht noch aus. Auch die Zentral-Regierung stand Gewehr bei Fuß und änderte Umweltschutz-Bestimmungen. So gilt laut Küstengesetz, dass 100 Meter von der Meerlinie nicht gebaut werden darf, für Guggenheim wurde kurzerhand eine Sonderregelung beschlossen und der abstand auf die notwendigen 20 Meter verkürzt. Projekte sind somit nicht an gesetzliche Bestimmungen gebunden, sondern die Bestimmungen werden an die Notwendigkeiten des Projekts angepasst. Die Liste ist länger.

guggec3Im Jahr 2024 überwies das “Ministerium für ökologischen Wandel“ vor irgendeiner offiziellen Beschlussfassung bereits 40 Millionen Euro an baskische Institutionen für die Re-Naturierung der Umgebung, eine Art Segenserteilung der Zentralregierung für die Umsetzung des Guggenheim-Projekts in diesem Gebiet. Die Arbeiten müssten allerdings bis 2030 abgeschlossen sein, unabhängig davon, ob das Museum gebaut wird oder nicht.

Im Gegensatz zum ersten Versuch startete das Projekt diesmal mit der Unterstützung der drei großen beteiligten Verwaltungen. Die Provinz-Regierung, die baskische Regierung und die Zentral-Regierung arbeiten Hand in Hand, sind jedoch auf erheblichen gesellschaftlichen Widerstand gestoßen, der im Laufe der Jahre deutlich gewachsen ist. Was als ökologische Forderung begann, hat sich in der Öffentlichkeit zu einem allgemeinen Diskurs entwickelt. Im Oktober 2024 löste eine Demonstration, zu der sich in Gernika Tausende von Menschen gegen das Projekt und dessen Auswirkungen versammelt hatten, institutionelle Alarmglocken aus.

Die baskische Regierung und die Provinzregierung, die vor einigen Monaten einen Sonderplan zur Wiederbelebung der Region Busturialdea (Urdaibai) durch die Verbesserung der Infrastruktur und die Suche nach Projekten zur Ankurbelung der Wirtschaft auf den Weg gebracht hatten, reagierten mit der Ankündigung eines Konsultations-Prozesses, einer Umfrage in der Bevölkerung. Die wurde der Beratungsfirma Agirre Lehendakaria Center übertragen und soll im Januar 2026 abgeschlossen sein. Die Ergebnisse sind nicht bindend, aber ein weiterer zu bewertender Faktor. Im vergangenen Sommer legte die Firma schon einen Zwischenbericht vor, die Soziologen deuteten in einer Vorab-Veröffentlichung der Ergebnisse bereits an, dass die Bevölkerung der Region zumindest eine Überprüfung der Möglichkeit der Nutzung des Werft-Grundstücks in Murueta forderte. Der Meinungs-Trend bezüglich des Projekts ist deutlich negativ. Auch die politischen Kosten einer Fortsetzung des Museums-Projekts haben ihre Spuren hinterlassen, denn autoritäre Entscheidungen gegen die Interessen der Bevölkerungs-Mehrheit könnten an der Wahlurne abgestraft werden.

Abendessen im Oktober abgesagt

Innerhalb der Institutionen ist nach Pressequellen eine Debatte über den Einfluss von Protesten auf die Politik entbrannt. “Wenn es nach der Ansicht der Menschen gegangen wäre, die sich ursprünglich dagegen ausgesprochen haben, wäre das Guggenheim-Museum in Bilbao nie gebaut worden, ebenso wenig die U-Bahn. Diese Provinz hätte keinen Fortschritt gemacht”, reflektiert eine der von der Presse befragten Quellen. Diese polemische und volks-feindliche Feststellung muss insofern ergänzt werden, dass sich die Haltung der Bevölkerung zum Guggenheim wenig geändert hat, die Metro mittlerweile als hervorragende Einrichtung angesehen wird.

Im Jahr 2023, als das Thema Guggenheim-Urdaibai noch nicht im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte in der Region stand, zeigte die rechte PNV in den wichtigsten Gemeinden von Busturialdea bereits Anzeichen von Schwäche an den Wahlurnen. Weniger als zwei Jahre vor den Kommunalwahlen 2027 befürchtet die Partei und Tourismus-Lobby, dass ein Festhalten am Museums-Projekt angesichts der Stärke der linksliberalen Formation EH Bildu zu weiteren Niederlagen führen könnte. Laut Rechtspresse hat die Unabhängigkeits-Koalition das Thema Guggenheim bisher geschickt umgangen, eine seltsame Wahrnehmung. Denn die Protest-Bewegung speist sich nicht nur aus Ökolog*innen der alten Schule, sondern auch aus Aktivist*innen von EH Bildu, die Mobilisierungen aller Art gegen die Pläne unterstützt hat. Dennoch ist laut Rechtspresse “weiterhin unklar, ob Bildu für oder gegen die Idee ist“.

Am 15. Oktober 2025 sollte das Gala-Dinner stattfinden, welches das Guggenheim Bilbao jährlich organisiert, um Gründer, Förderer und die Crème de la Crème der baskischen Gesellschaft zu versammlen. Doch der von der Gewerkschafts-Mehrheit aus Solidarität mit Palästina ausgerufene Generalstreik zwang zur Absage der Veranstaltung – sie fand schließlich diese Ende November statt. Aber die Reise der großen Delegation der New Yorker Guggenheim-Stiftung unter der Leitung ihrer neuen CEO-Direktorin Mariët Westerman hatte nicht nur diesen Zweck.

Die Delegation quartierte sich im Hotel Palacio de Arriluce in Getxo ein und nutzte die folgenden Tage, um symbolträchtige Orte im Baskenland zu besuchen ... und über das Urdaibai-Projekt zu sprechen. Die Beziehungen zwischen New York und Bilbao sind in der Regel reibungslos, aber nichts geht über ein persönliches Gespräch. Hervorgehoben wird in der Berichterstattung, dass sich das US-amerikanische Unternehmen nicht in die Entscheidungen im Baskenland einmische und lediglich seinen Namen zur Verfügung stelle – eine zweckmäßige Unwahrheit, die ersten 20 Jahre Museum-Betrieb wurden mit einer Art Knebelvertrag alle kunst-technischen Entscheidungen in New York getroffen.

guggec4Geld spielt zwar keine Rolle, aber der gute Ruf ist genauso wichtig. So hat die Guggenheim-Vertretung ihre Besorgnis über den möglichen Reputations-Schaden zum Ausdruck gebracht. Die Marke Guggenheim fühlt sich nicht wohl dabei, Plakate und Medienkampagnen sowie Kampagnen in sozialen Netzwerken gegen sich zu erleben. Wenn Kletterer an der Museums-Fassade in Bilbao hochsteigen und riesige Transparente mit kritischen Inhalten herablassen, so gehen diese Bilder um die Welt – das garantiert schon der Name Guggenheim. Insofern hat die Foundation genau da ihren wunden Punkt, den die Protest-Bewegung zu nutzen weiß. Dass das Projekt Urdaibai ein Erbe der neoliberalen und Tourismus-Freundlichen Politik ist, ermöglicht es der Chefin Westerman und der neuen Direktorin des Museums von Bilbao, Miren Arzalluz, von den Plänen Abstand zu nehmen, ohne dass dies als Versagen ihrer Leitung interpretiert wird.

Vorschläge für alternative Standorte

Obwohl die vorläufigen Ergebnisse des von Agirre Center im Auftrag der baskischen Regierung und der Provinzregierung in Busturialdea durchgeführten Anhörungsprozesses zeigen, dass die dortige Bevölkerung den Bau in Murueta generell nicht befürwortet, steht die Option, das Museum nur auf den Standort Gernika zu reduzieren, derzeit nicht zur Debatte. “Das Projekt ist, wie es ist”, verlautet aus Kreisen, die mit dem Plan vertraut sind: mit der Besonderheit, dass es eben zwei Gebäude umfasst.

Auf die Frage, ob es eine Alternative gäbe, oder die ursprüngliche Idee wieder aufgenommen werden könnte, das Museum in Sukarrieta zu errichten oder an einem anderen Ort – dafür müsste zunächst das aktuelle Projekt begraben werden. Sollte dies geschehen, hätten die Institutionen angeblich “mehrere“ Vorschläge, um das neue Guggenheim in der Gegend und an anderen Orten in Bizkaia unterzubringen.

Mitgedacht werden muss allerdings noch eine weitere Option: nämlich, dass der Pressebericht Teil einer Verwirrungs-Strategie ist, der die Protest-Bewegung besänftigen soll, um anschließend mit einem Konter zum Gegenangriff überzugehen. Solange nicht der Ministerpräsident vor die allgemeine Presse tritt und den Plan Doppel-Museum zu Grabe trägt, sind weiter alle Karten im Spiel, auf beiden Seiten. (*)

ANMERKUNGEN:

(*) “El Guggenheim se aleja de Urdaibai: el proyecto está a punto de abandonarse en un cajón” (Das Guggenheim-Museum zieht sich aus Urdaibai zurück: Das Projekt steht kurz davor, in der Schublade zu verschwinden), Tageszeitung El Correo, 2025-11-30, es handelt sich um keine Übersetzung, der Text wurde stark verändert und ergänzt (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Urdaibai (kamchatka)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-11-30)

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