(1) Puerto Rico (latidobeat)
Bewegung gewinnt an Stärke

Seit dem 19. Jahrhundert ist die Entscheidung zwischen Unabhängigkeit und Kolonial-Status (erst Spanien, dann die Vereinigten Staaten) ein zentrales Thema der puerto-ricanischen Politik. Die Unterstützung für die linke Puertoricanische Unabhängigkeits-Partei (PIP) wächst derzeit vor allem unter den jungen Menschen des Landes. Die Hälfte der PR-Bevölkerung, etwa drei Millionen, lebt in Städten wie New York, Chicago oder Hartford im Osten der Vereinigten Staaten, die andere Hälfte auf der Karibik-Insel.

Puerto Rico war Jahrhunderte lang eine Kolonie des Königreichs Kastilien, wurde nach dem Amerikanisch-Spanischen Krieg von den USA besetzt. PR ist kein US-Bundesstaat, sondern ein „Frei Assoziierter Staat“. Die Bevölkerung hat kein Wahlrecht, jedoch eigene Nationalteams.

In einer kürzlich in Nashville gehaltenen Rede sprach die ehemalige demokratische Präsidentschafts-Kandidatin Kamala Harris über die Notwendigkeit, verschiedene Aspekte des US-amerikanischen politischen Systems zu überprüfen: das Wahlmänner-Kollegium, den Obersten Gerichtshof sowie den Status von Puerto Rico und Washington D.C. Während die US-Medien sich beeilten, ihre Äußerungen zum Wahlmänner-Kollegium und zum Obersten Gerichtshof aufzugreifen, blieb die Erwähnung der seit 1898 besetzten und kolonisierten Insel Puerto Rico eher nebensächlich. (1)

Die Forderung, Puerto Rico solle ein US-Bundesstaat werden, ist zu einem wiederkehrenden Thema im Diskurs der Mehrheit der Demokratischen Partei geworden. Sie entspricht jedoch eher den liberalen Fantasien weißer Menschen von einem multikulturellen Imperialismus als den tatsächlichen Wünschen des puerto-ricanischen Volkes nach einer Änderung seines politischen Status. Tatsächlich stehen die Vertreter für den Status als US-Bundesstaat Trumps Republikanern viel näher als den Rivalen der Demokraten. Die derzeitige Gouverneurin von Puerto Rico, Jenniffer González, die sich für den Status als US-Bundesstaat einsetzt, ist eine überzeugte Republikanerin und Trump-Anhängerin.

Hätten sich die Berater von Kamala Harris ein wenig Zeit genommen, um die aktuelle puerto-ricanische Politik zu untersuchen, hätten sie festgestellt, dass die Unabhängigkeits-Bewegung unter der Jugend der Insel sich im Aufwind befindet. Der Unabhängigkeits-Kandidat Juan Dalmau schrieb Geschichte, als er bei der Gouverneurs-Wahl 2024 fast 31 Prozent der Stimmen erhielt.

Die Wahl zwischen Unabhängigkeit und Eingliederung in die Kolonialmacht ist seit 130 Jahren das bestimmende Merkmal der puerto-ricanischen Politik. Diese Debatte beleuchtet der Soziologe Rafael Bernabe, ehemaliger puerto-ricanischer Senator der Partei „Movimiento Victoria Ciudadana MVC“ (Bürgerbewegung für den Sieg), in seinem Werk „Obstinate Star: A History of the Puerto Rico Independence Movement“. Bernabe erzählt die Geschichte der Männer und Frauen, die den Traum von der Unabhängigkeit Puerto Ricos in den letzten zweihundert Jahren am Leben hielten, und beleuchtet dabei insbesondere die Rolle, die die Arbeiterklasse des Landes innerhalb der Bewegung spielte.

Eine amerikanische Nation

Obwohl sie oft aus der Diskussion über die lateinamerikanischen Unabhängigkeits-Kämpfe von Simón Bolívar und José de San Martín ausgeklammert werden, stellten die spanischen Kolonien in der Karibik – Kuba und Puerto Rico – Soldaten für beide Seiten des Konflikts zur Verfügung. Einer dieser Soldaten, dessen Leben Bernabe untersucht, ist Antonio Valero, ein puerto-ricanischer Offizier der spanischen Armee, der an den Unabhängigkeits-Verhandlungen Mexikos teilnahm und sich entschloss, sich der Armee der gerade unabhängig gewordenen Nation anzuschließen. (2)

Kurz nach der Unabhängigkeit Mexikos brachten Valeros republikanische Ideale ihn jedoch in Konflikt mit Agustín de Iturbide, der sich zum Kaiser von Mexiko gekrönt hatte, was ihn dazu veranlasste, nach Gran Colombia zu fliehen, wo er sich der Armee anschloss und für die Unabhängigkeit Perus kämpfte. Valero hörte nie auf, von der Befreiung seiner Heimat zu träumen. Er versuchte, Bolívar davon zu überzeugen, die noch in spanischem Besitz befindlichen karibischen Kolonien zu befreien. Dieser Plan stand 1827 kurz vor der Verwirklichung, wurde jedoch aufgrund der möglichen Gefahren, die eine Fortsetzung des Krieges für die gerade erst errungene Unabhängigkeit von Gran Colombia mit sich bringen könnte, aufgegeben. (3)

In “Obstinate Star“ zeigt Bernabe, dass der Traum von der puerto-ricanischen Unabhängigkeit nicht mit der Aufgabe der von Bolívar geplanten Invasion Kubas und Puerto Ricos starb. Er formierte sich neu, als Teil einer kosmopolitischen antillanischen Identität, die von einer neuen Generation kubanischer und puertorikanischer intellektueller Patrioten vorangetrieben wurde.

Die beiden herausragendsten Persönlichkeiten dieser neuen Generation aus Puerto Rico waren Ramón Emeterio Betances und Eugenio María de Hostos, die sich Ende des 19. Jahrhunderts als wichtige Verfechter der Unabhängigkeit Puerto Ricos und als geistige Väter der puerto-ricanischen Nation erweisen sollten. Beide spielen in Bernabes Darstellung eine zentrale Rolle: Als wichtige Anführer des Aufstands von Lares (3) gegen die spanische Kolonialherrschaft im Jahr 1868 verbanden sie den Kampf um die puerto-ricanische Unabhängigkeit mit der kubanischen Revolutions-Bewegung und anderen Befreiungs-Kämpfen in Lateinamerika und Europa.

Das Buch beleuchtet zudem, wie sich die Unabhängigkeits-Bewegung an die veränderten Umstände nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg (4) anpasste, als die Insel 1898 nach ihrer militärischen Besetzung zur Kolonie der Vereinigten Staaten wurde. Bernabe legt dabei den Schwerpunkt auf die Verbindungen und Auseinandersetzungen zwischen Teilen der Bewegung und der aufstrebenden Arbeiter-Bewegung auf der Insel. In den 1930er-, 1940er- und 1950er-Jahren traten diese Verbindungen und Unterschiede in der Politik von Pedro Albizu Campos (5) und der Puerto-Ricanischen Nationalistischen Partei noch deutlicher zutage.

Albizu Campos vertrat einen militanten Nationalismus, der darauf abzielte, Puerto Rico mit den zeitgenössischen sozialen Bewegungen Lateinamerikas zu verbinden und Anhänger der Unabhängigkeit aller ideologischen Richtungen – von konservativen Nationalisten bis hin zu Kommunisten – zusammenzubringen. Bernabe hebt die ideologischen Widersprüche innerhalb der Nationalistischen Partei hervor und beschreibt, wie diese darum kämpfte, die Arbeiterklasse für sich zu gewinnen, und sich dabei mit der Sozialistischen Partei, die den Status als US-Bundesstaat befürwortete, ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte.

(2) Festnahme Albizu Campos (frquesada)

Puerto Rico und die US-Linke

„Obstinate Star“ betont zudem die enge Verbindung zwischen der Nationalistischen Partei und der US-amerikanischen Linken in jener Zeit. Der Autor konzentriert sich insbesondere auf die Verbindungen, die Albizu Campos mit der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten und dem linken New Yorker Kongress-Abgeordneten Vito Marcantonio verbanden. Anschließend analysiert er die Jahre nach dem Beschluss, aus Puerto Rico im Jahr 1952 einen „Frei Assoziierten Staat“ (Estado Libre Asociado) zu machen, weder unabhängig noch Bundesstaat. Er zeigt, wie die Erfahrungen der kubanischen Revolution von 1959 die Unabhängigkeits-Bewegung wiederbelebten.

Die Unabhängigkeits-Bewegung (MPI) entwickelte sich, ähnlich wie die Bewegung „26. Juli“ auf Kuba, zu einem offenen Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus und wandelte sich im Laufe der Zeit zur neuen Sozialistischen Partei Puerto Ricos. Die puerto-ricanische Unabhängigkeits-Bewegung schlug anschließend einen ähnlichen Weg ein wie viele linke Kräfte weltweit in den 1960er- bis 1980er-Jahren und radikalisierte sich zunehmend.

In diesen Jahren entstanden viele kleine bewaffnete Organisationen, die Aktionen gegen den US-Kolonialismus durchführten, wie beispielsweise den Anschlag von 1981 auf den Luftwaffenstützpunkt Muñiz oder den Raubüberfall auf einen Wells Fargo Transport im Jahr 1983, der damals der größte Bankraub in der Geschichte der Vereinigten Staaten war. Bernabes Darstellung hütet sich davor, diese Episoden zu romantisieren, und ordnet sie zugleich in den breiteren historischen und politischen Kontext ein, in dem sie stattfanden, wobei er viele der komplexen Debatten, die sich damals innerhalb der Linken entwickelten, akribisch aufschlüsselt.

Im selben Zeitraum versuchte die puerto-ricanische Diaspora in den Vereinigten Staaten, sich mit der Unabhängigkeits-Bewegung der Insel zu identifizieren. Für manche bedeutete dies, sich dem Teil der Diaspora anzuschließen, der zur Puerto-Ricanischen Sozialistischen Partei gehörte, und sich als Teil einer geteilten Nation zu verstehen. Bernabe argumentiert, dass dieser Ansatz oft dazu führte, den Kampf um die Unabhängigkeit gegenüber der Unterstützung anderer Bewegungen innerhalb der Vereinigten Staaten in den Vordergrund zu stellen. Eine gegensätzliche Linie vertrat „El Comité“, eine Organisation, die ursprünglich aus den Kämpfen gegen die Gentrifizierung hervorgegangen war und sich dafür einsetzte, dass sich die puerto-ricanische Bevölkerung in den USA als unterdrückte Nationalität innerhalb der multi-nationalen amerikanischen Arbeiterklasse organisieren sollte, anstatt als Teil einer gespaltenen Nation.

Die Debatte zwischen diesen beiden Positionen führte zu einer Polarisierung, die bis heute in Teilen der puerto-ricanischen Linken fortbesteht. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die betonen, man müsse sich in erster Linie auf die Unabhängigkeit konzentrieren; auf der anderen Seite stehen diejenigen, die sich innerhalb der US-Linken organisieren wollen und die Frage der Unabhängigkeit den Puertoricanern überlassen, die auf der Insel leben. Dies ist eine Debatte, mit der sich die heutige US-Linke auseinandersetzen sollte, wenn sie versucht, Verbindungen zur puerto-ricanischen Diaspora aufzubauen.

Jenseits politischen Missbrauchs

Obwohl Puerto Rico nach wie vor eine der ältesten Kolonien der Welt ist, blickt seine Unabhängigkeits-Bewegung auf eine vielfältige Geschichte zurück, die sich heute im Wahlerfolg der Puerto-Ricanischen Unabhängigkeits-Partei (PIP) und in der wachsenden Popularität des für die Unabhängigkeit eintretenden Popkönigs Bad Bunny fortsetzt. Bernabe zeigt, dass die Unabhängigkeits-Bewegung kein Monolith ist, sondern eine heterogene Kraft, die sich aus Aktivisten mit einer Vielzahl unterschiedlicher Ideologien und Hintergründe zusammensetzt.

„Obstinate Star“ kann als wichtiges Hilfsmittel für diejenigen innerhalb der US-Linken dienen, die mehr über die zeitgenössische puerto-ricanische Politik erfahren möchten – jenseits des Erfolgs von Bad Bunny und des gelegentlichen Missbrauchs der Insel durch die Eliten der Demokratischen Partei. Bernabe bietet zudem eine wichtige Quelle für diejenigen auf der Insel und in anderen lateinamerikanischen Ländern, die verstehen möchten, wie die puerto-ricanische Unabhängigkeits-Bewegung trotz der kolonialen Situation des Landes breitere politische Tendenzen in ganz Lateinamerika widerspiegelt – aus der Perspektive eines Historikers mit direkter Erfahrung in der Bewegung.

ANMERKUNGEN:

(1) „Die Unabhängigkeitsbewegung in Puerto Rico gewinnt an Stärke“, Original: “El movimiento independentista de Puerto Rico gana fuerza”. Von Cruz Bonlarron Martínez. Freiberuflicher Autor. Seine Recherchen zu Politik, Menschenrechten und Kultur in Lateinamerika und der lateinamerikanischen Diaspora wurden in verschiedenen internationalen Publikationen veröffentlicht. (LINK)

(2) Antonio Valero de Bernabé Pacheco (Puerto Rico 1790 – Bogotá, 1863), bekannt als der „Befreier von Puerto Rico“, war ein puerto-ricanischer Soldat, der an zahlreichen spanisch-amerikanischen Unabhängigkeitskriegen teilnahm. Er absolvierte seine Ausbildung an der Militärakademie in Valencia, Spanien, und kämpfte zunächst in der spanischen Armee gegen die napoleonische Invasion, wobei er sich bei der Belagerung von Zaragoza hervorgetan und den Rang eines Obersts erreicht hatte. Später schloss er sich den Unabhängigkeitsbewegungen Amerikas an: Er kämpfte in Mexiko, in Peru und insbesondere an der Seite von Simón Bolívar in Venezuela, Kolumbien und Panama. Zum Brigadegeneral befördert, setzte er sich für die Idee einer lateinamerikanischen Föderation ein und unterstützte die Unabhängigkeit von Puerto Rico und Kuba. Er starb im Exil in Bogotá, ohne die Befreiung seiner Heimatinsel noch erleben zu können, doch sein Lebensweg macht ihn zu einer Schlüsselfigur der lateinamerikanischen Unabhängigkeits-Bewegung des 19. Jahrhunderts.

(2) Gran Colombia. Großkolumbien war ein Staat, der die heutigen Staaten Kolumbien, Ecuador, Panama und Venezuela sowie Teile von Peru, Brasilien und Guyana umfasste und von 1819 bis 1830 existierte. Offiziell hieß dieser Staat República de Colombia; die Bezeichnung Großkolumbien wurde von Historikern eingeführt, um die damalige Republik von dem 1830 entstandenen Staat zu unterscheiden, der seit 1861 Kolumbien heißt.

(3) El grito de Lares (Der Schrei von Lares): Der Grito de Lares war eine Revolte gegen die spanische Herrschaft in Puerto Rico, die sich am 23. September 1868 in Lares ereignete. Mitte des 19. Jhs wurden in Puerto Rico viele Befürworter der Unabhängigkeit und andere Menschen, die liberale Reformen forderten, verhaftet und ins Exil verbannt. Puerto Rico litt zu dieser Zeit unter einer schweren wirtschaftlichen Krise, da das merkantilistische Spanien die Tarife und Steuern auf die meisten Import- und Exportgüter erhöhte. Die Spanier benötigten diese Gelder, um ihre Truppen zu finanzieren, die um die Rückeroberung der Dominikanischen Republik kämpften. Aus Frust über den Mangel an politischer und ökonomischer Freiheit und Ärger über die andauernde Unterdrückung auf der Insel organisierte die Unabhängigkeits-Bewegung eine bewaffnete Rebellion. (LINK)

(4) Der Spanisch-Amerikanische Krieg war eine militärisch-wirtschaftliche Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Königreich Spanien vom 23. April bis 12. August 1898. Er endete mit der Inbesitznahme Kubas, Puerto Ricos, Guams und der Philippinen durch die USA und bedeutete für Spanien den Verlust seiner letzten bedeutenden überseeischen Kolonien. Kriegsziel der USA war die Kontrolle der Übersee-Gebiete Spaniens und der Zugang zu asiatischen Märkten über die Philippinen. (wikipedia)

(5) Pedro Albizu Campos: (Ponce, 29. Juni 1893 – San Juan, 21. April 1965) war ein puerto-ricanischer Politiker und Unabhängigkeits-Befürworter. Er war die bedeutendste Persönlichkeit im Kampf um die Unabhängigkeit Puerto Ricos im 20. Jahrhundert. Genannt wurde er „El maestro“, „Don Pedro“ und „Der letzte Befreier Amerikas“. In seinen letzten Lebensjahren wurde er mehrfach verurteilt und inhaftiert. (wikipedia)

ABBILDUNGEN:

(1) Puerto Rico (latidobeat)
(2) Festnahme Albizu Campos (frquesada)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-09-22)

 

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