mcc21cGeschäftsbericht 2024

Als der junge Priester José María Arizmendiarrieta in den 1940er Jahren in der Kleinstadt Arrasate-Mondragon (Gipuzkoa) eine Genossenschaft mit Fachschule gründete, konnte er nicht ahnen, was aus diesem in den Krisenjahren nach dem Spanienkrieg gegründeten Projekt 80 Jahre später werden würde: eine weltweit agierende Mammut-Genossenschaft, zu der 96 Unternehmen gehören, die insgesamt 81.000 Personen beschäftigen. Der Geschäfts-Bericht für das Jahr 2024 ist trotz politischer Ungewissheit positiv.

Die Genossenschaft “Mondragón Corporación Cooperativa“ (MCC) wurde in Arrasate-Mondragón gegründet, wo sie bis heute ihren Hauptsitz hat. Der Spanienkrieg führte die Stadt in die Massenarbeitslosigkeit. Der Priester Arizmendiarrieta beschloss in den 1940er Jahren, das Elend der Bevölkerung mit genossenschaftlichen Strukturen in Selbsthilfe zu mindern.

1943 gründete Arizmendiarrieta eine horizontal organisierte Berufsschule, die im späteren Genossenschaftswesen des Baskenlandes eine Schlüsselrolle spielte. Drei Jahre nach Gründung der ersten Genossenschaft durch fünf Absolventen der Fachschule wurde die Caja Laboral (Sparkasse) ins Leben gerufen, eine Kreditgenossenschaft, die Genossenschaften und genossenschaftliche Neugründungen finanzierte und sich durch geringe Zinssätze für Fremdkapital auszeichnete. 1956 wurde die Kooperative gegründet, Anfang der 1960er waren um Mondragón bereits mehr als zwanzig Kooperativen entstanden. Die Wirtschaftskrise Mitte der 1970er traf die baskische Schwer-Industrie schwer, auch der Mondragón-Verbund war betroffen. Zur Abmilderung der Krise konnten Arbeiter eines angeschlagenen Mondragón-Unternehmens in eine der anderen Kooperativen wechseln, die Produktpalette wurde verbreitert. Es gelang, den Verbund in den folgenden Jahren weiter zu vergrößern. (1)

Die Genossenschafts-Idee

mcc22cAlle Arbeitnehmer der MCC sind am Grundkapital des genossenschaftlichen Unternehmens-Verbundes beteiligt. Sie werden in die Entscheidungen des Führungspersonals eingebunden. Die baskischen Genossenschaften der MCC haben einen personen-orientierten Charakter, der die Arbeit und nicht das Kapital in den Vordergrund stellen soll. Dies soll zu einem positiven Klima beitragen, welches Motivation und Produktivität der Betriebe erhöht. Die Arbeitnehmer werden am Gewinn beteiligt. Befindet sich ein Betrieb in finanziellen Schwierigkeiten, kann dies über die erwirtschafteten Gewinne anderer Genossenschaften aufgefangen werden, oder durch Lohneinbußen mit Zustimmung der Arbeitnehmer. Bei großen betriebswirtschaftlichen Problemen oder bei Auftragsspitzen arbeiten Arbeitnehmer kurzzeitig in anderen Genossenschaften. Fast alle erwirtschafteten Erlöse werden reinvestiert. Große Bedeutung kommt der Weiterbildung zu. Damit kommt die Genossenschaft nicht nur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten, sondern auch ihrer sozialen Verantwortung nach.

Die 1990er Jahre waren von der Diskussion über Internationalisierung und das innerhalb der Genossenschaft vertretbare Lohngefälle geprägt. Heute ist MCC in allen Kontinenten vertreten, nicht nur durch Genossenschaften, auch durch die Angliederung normaler Betriebe, deren Arbeitnehmer*innen keine Genossenschafter*innen sind. Damit wurde ein Dogma gebrochen, dass alle MCC-Arbeitnehmer Genossenschafter sind. Um das Abwerben von Führungskräften in die Privatwirtschaft zu erschweren, wo deutlich mehr bezahlt wird, wurde das maximale Lohngefälle von 1:8 eingeführt.

Im Jahr 2016 waren durchschnittlich 81% der Beschäftigten bei den Kooperativen auch Genossenschafter des Unternehmens. Die Einlage, die ein Genossenschafter (sogenannter socio) leisten muss, beträgt rund 15.000 Euro und kann bei Geringverdienern über einen längeren Zeitraum gezahlt werden. Ein Teil davon wird als Investitionskapital verwendet. Der Rest ist Kapitalstock und wird mit den Gewinnen der Firmen aufgestockt. Ein Rentner kann sein Kapital entnehmen oder weiter am Erfolg des Unternehmens teilhaben. Arbeitsunfähige erhalten die vollen Bezüge bis zum Rentenalter, bei Pflegebedürftigkeit sogar 150% der Bezüge. Die Führungskräfte verdienen maximal das Achtfache der einfachen Angestellten.

Wirtschafts-Krisen

Im Gefolge der Europäischen Wirtschaftskrise seit 2008 und der folgenden Konsumzurückhaltung insbesondere in Spanien und Frankreich ging der Hausgeräte-Hersteller Fagor, eine Teilgenossenschaft, im Oktober 2013 in die Insolvenz. Die übrigen Mitglieder der Gesamt-Genossenschaft mussten nach umfangreicher Hilfe im zwei- oder dreistelligen Millionenbereich weitere Hilfe einstellen, um sich nicht selbst zu gefährden. Am 7. März 2014 musste auch die erfolgreiche deutsche Vertriebstochter, die Fagor Hausgeräte GmbH, ihren Betrieb einstellen, weil aus dem Baskenland wegen der Betriebseinstellung in den dortigen Fagor-Werken keine Geräte mehr geliefert werden konnten. Die meisten Mitarbeiter wurden von den anderen Mondragón-Kooperativen übernommen, dennoch kam es zum ersten Mal auch zu Entlassungen. Fagor wurde in der Insolvenz zerschlagen, Teile davon von verschiedenen Unternehmen übernommen und fortgeführt.

Austritte

mcc23cZu einer inneren Krise kam es 2022, als die Kooperativen Orona und Ulma die Mondragon Cooperative Corporation verließen. Sie stellen 15% des Konzernumsatzes und 14% der Arbeitsplätze, waren aber mit ihrer Position in der Geschäftsführung nicht zufrieden. Weil ihre Änderungs-Vorschläge abgelehnt wurden, beschlossen die jeweiligen Aktionär*innen auf ihren Versammlungen im Dezember 2022 den Austritt aus dem MCC-Kooperativen-Verbund. Es handelte sich um zwei der wichtigsten Kooperativen im Verbund. Orona (Hernani), ist die fünftgrößte europäische Gruppe für vertikale Mobilitätslösungen (Aufzüge). Jeder zehnte neu installierte Aufzug in Europa trägt ihren Stempel. Der Umsatz des Unternehmens lag im Jahr 2021 bei 830 Millionen Euro, die Zahl der Beschäftigten bei 5.500 Personen (mehr als Mercedes in Gasteiz). Ulma (Oñati) ist ein Konglomerat aus neun unabhängigen Sektionen: Landwirtschaft, Architektur, Bauwesen, Förderkomponenten, Embedded Solutions, Forged Solutions, Handling-Systeme, Verpackung und Instandhaltung mit zusammen rund 5.500 Mitarbeiter*innen und einem Umsatz von 900 Millionen Euro. (3)

Die beiden Kooperativen stellten gemeinsam 15,2% des Umsatzes und 13,7% der Beschäftigung der gesamten Mondragon Corporation. Ihr Ausscheiden hatte insofern weitreichende Auswirkungen, stellte aber den MCC-Verbund insgesamt nicht in Frage. Die Aussteiger waren mit den aktuellen Mondragon-Strukturen nicht zufrieden. Sie schlugen die Schaffung der Figur von "vertraglich gebundenen Kooperativen" vor, die nicht zu MCC gehören und nicht den Entscheidungen der MCC-Jahreskongresse unterliegen, jedoch zum gemeinsamen Fonds in Einrichtungen wie Lagun Aro (Versicherung), Laboral Kutxa (Bank) oder Mondragon Unibertsitatea beitragen. Den beiden Unternehmen ging es wirtschaftlich ausgesprochen gut, ihre Chefs und Aktionäre wollten nicht weiterhin in die "gemeinsame Kasse" einzahlen. Sie kritisierten die “Machtkonzentration einiger großer Genossenschaften“ (Eroski-Konsum oder Caja Laboral-Bank) in den Führungs-Gremien des Unternehmens. Angesichts der Weigerung der MCC-Gruppe, den Operations-Status zu ändern, entschieden Ulma und Orona die Gruppe zu verlassen.

Geschäfts-Bilanz 2024

Die baskische Industrie-Kooperative Mondragon erzielte 2024 einen Umsatz von 11,213 Milliarden Euro, das macht 1,6% mehr als im Jahr 2023. Der Vorsitzende des Generalrats von Mondragon, Pello Rodríguez, hat die "Stärke und Widerstandsfähigkeit" des genossenschaftlichen Modells seines Unternehmens unterstrichen, nachdem die in der Gesamt-Kooperative integrierten Genossenschaften das Jahr 2024 mit einem Umsatz von mehr als 11 Millionen abgeschlossen haben. (2)

Zudem gab die Mondragon Corporation bekannt, dass sich die Umsatzentwicklung in den ersten fünf Monaten des Jahres 2025 im gleichen positiven Rahmen wie im Vorjahr bewegt. Die Gesellschaft hielt am 9. Juli 2025 in Vitoria-Gasteiz ihren Jahreskongress ab, an dem 650 Vertreter aller Genossenschaften teilnahmen. Dort wurden die Zahlen des vergangenen Jahres vorgestellt, in dem der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen um 11,8% auf 1,661 Milliarden Euro gestiegen ist und das Gesamtergebnis 632 Millionen Euro betrug, 6,5% mehr als im Vorjahr.

Die durchschnittliche Zahl der Beschäftigten lag bei 70.085 Personen, was die Genossenschaften von Mondragon zum größten Arbeitgeber in der Autonomen Region Baskenland (CAV), zum zweitgrößten in Navarra und zum fünftgrößten privaten Arbeitgeber im spanischen Staat macht. Die Investitionen beliefen sich auf insgesamt 377 Millionen Euro, ein ähnlicher Betrag wie im Vorjahr.

Pello Rodríguez, Vorsitzender des Generalrats von Mondragon, bewertete den Abschluss des Jahres 2024 "in einem internationalen Kontext, der von großer geopolitischer Unsicherheit und wachsenden Spannungen auf den globalen Märkten geprägt ist" und hob "die Stärke und Widerstandsfähigkeit" des Genossenschaftsmodells in diesem Szenario hervor. Darüber hinaus hat die Mondragon-Stiftung mehr als 50 Millionen Euro an eintausend Organisationen vergeben, die ihre Arbeit unter anderem auf Themen wie Armut und Integration, Klima und Biodiversität, Kultur, Gesundheit und Sport, Bildung und die baskische Sprache konzentrieren.

Leistung nach Geschäftsbereichen

Imcc24cm Bereich Vertrieb belief sich der Umsatz auf 6.193 Millionen Euro und das Ergebnis auf 90,6 Millionen Euro, wobei die Konsum-Genossenschaft Eroski (eine Kette von kleinen und großen Supermärkten) seine Stärke und sein Wachstum konsolidieren konnte. Im Finanzbereich hebt der Konzern die gute Leistung von Laboral Kutxa (der Genossenschafts-Bank) mit einem Ergebnis von 275 Millionen Euro hervor.

Im Versicherungsbereich wurde eine "positive" Entwicklung von LagunAro EPSV im Jahr 2024 verzeichnet. Mit einem bedeutenden Anstieg im letzten Teil des Jahres lag die Rentabilität bei 7,94% und der Aktienfonds bei 7,473 Milliarden Euro. Im Bereich Wissen beliefen sich die Gesamt-Investitionen in Forschung & Entwicklung im Jahr 2024 auf 201 Millionen Euro, was 4% des Gesamtumsatzes entspricht. In diesem Bereich sind 2.012 Vollzeitforscher beschäftigt.

Im Bereich Industrie schlossen die industriellen Genossenschaften von Mondragon das Jahr 2024 mit einem Gesamtumsatz von 5,02 Milliarden Euro, einer durchschnittlichen Anzahl von 26.714 Beschäftigten und einem Gesamtergebnis von 267 Millionen Euro ab. Auch in diesem Jahr hat sich die internationale Ausrichtung der Industrieunternehmen bestätigt, wie die Gruppe betont: 73% des Umsatzes wurden auf ausländischen Märkten erzielt. Die Genossenschaften von Mondragon verfügen über 104 Produktionsstätten im Ausland, in denen 9.512 Personen beschäftigt sind. Die Entwicklung in den ersten fünf Monaten des Jahres 2025 sei weiterhin "positiv", mit einem ähnlichen Umsatz wie im Vorjahr und der Schaffung von 636 neuen Arbeitsplätzen, so die Schlussfolgerung des Berichts.

ANMERKUNGEN:

(1) Mondragón Corporación Cooperativa / José María Arizmendiarrieta, Wikipedia mit Ergänzungen

(2) “Mondragon alcanzó unas ventas de 11.213 millones en 2024, un 1,6 % más que en 2023“ (Mondragon erzielte 2024 einen Umsatz von 11,213 Milliarden, 1,6% mehr als 2023), Tageszeitung Gara, 2025-07-10 (LINK)

(3) “Krise bei MCC-Corporation – Der große Kooperativen-Ausstieg“, Baskultur.info, 2022-12-16 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) MCC-Vollversammlung (gara)

(2) KOOP (dikar)

(3) Arrasate (orain)

(4) MCC (elpais)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-07-10)

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