Linkes Internetportal abgewickelt
Ein echter Informations-Verlust: das Internetportal Telepolis hat nach Führungswechsel alle früheren Artikel gelöscht, weil sie der neuen Redaktionslinie nicht mehr entsprechen. In jeder Hinsicht – International, Ökologie, Baskenland – war Telepolis jahrelang eine wichtige alternative Informationsquelle zur Orientierung im Internet-Dschungel. Das ist vorbei. “Qualitätsoffensive“ heißt das neue Wort, um alte Inhalte auf den Index zu setzen und das Wort “Zensur“ zu vermeiden. Anpassung an neue Zeiten.
Wenn Telepolis 50.000 historische Artikel überprüfen will, ist dies nicht nur ein Vorgang der Eigenzensur von 30 Jahren journalistischer Arbeit, es ist auch ein klares Misstrauensvotum gegenüber Dutzenden, Hunderten von Journalist*innen, die es geschafft haben, sich vom dunkelgrauen Mainstream abzuheben.
Telepolis löscht alle früheren Texte
Ende 2024 kündigte Telepolis unter einem neuen Chefredakteur eine umfassende redaktionelle Überarbeitung seines Archivs an. Danach sollen zunächst vor 2021 erschienene Artikel nicht mehr verfügbar sein und später ausgewählte Beiträge wieder zugänglich gemacht werden. In einem Interview mit der Tageszeitung Junge Welt erklärte der frühere Telepolis-Chefredaktuer Florian Rötzer, die riesige Löschaktion sei ein “beispielloser Akt, mit dem ein wichtiges Stück des kulturellen Gedächtnisses ausradiert wird“. Als noch ungeheuerlicher bezeichnete er die Ankündigung, man werde Inhalte früherer Artikel sichten, selektieren, korrigieren und teilweise im Archiv wieder zugänglich machen. Das habe “eindeutig Züge von Geschichtsfälschung“.
Von der Lösch, Misstrauens- oder Zensur-Aktion sind mehr als 50.000 Artikel betroffen. Das Online-Magazin spricht euphemistisch von einer “Qualitätsoffensive“ (weniger Inhalt = mehr Qualität?) und will alte Texte nun “bewerten und überarbeiten“. Der ehemalige Chefredakteur und verschiedene Autorinnen und Autoren äußern daran scharfe Kritik. Die Redaktion baskultur.info schließt sich dieser Kritik an.
50.000 Artikel zu prüfen, wie es der neue Chefredakteur vorhat, ist als Aufgabe nicht von schlechten Eltern. Denn solange geprüft und zensiert wird, wird nichts Neues geschrieben. Zwei Aspekte dieser “Qualitäts-Offensive“ sind besonders interessant: erstens, wie viele Artikel die Waschanlage überleben, und zweitens, wenn zensiert wird: was und wie. Denn genau das würde deutlicher machen, welcher Geist hinter der Löschaktion steht. Im Folgenden wird ein Artikel zum Thema Telepolis von Multipolar / Overton Magazin dokumentiert:
Telepolis, eines der ältesten Online-Magazine Deutschlands, informierte am Freitag (6. Dezember) darüber, alle Artikel, die vor dem Jahr 2021 veröffentlicht wurden, vollständig gelöscht zu haben. In jenem Jahr hatte der aktuelle Chefredakteur Harald Neuber die Leitung des Magazins von seinem Vorgänger Florian Rötzer übernommen, der Telepolis 1996 gegründet hatte. Zur Begründung für die massenhafte Löschung, der schätzungsweise mehr als 50.000 Artikel zum Opfer fallen, schreibt Neuber, man habe die Texte “zunächst aus dem Archiv genommen“, da man “für deren Qualität nicht pauschal garantieren“ könne. “Keinesfalls“ handle es sich um “ein Misstrauensvotum gegen frühere Autoren und damalige Beiträge heutiger Autoren“. “Wir mussten aber einsehen“, so der Chefredakteur, “dass es keine realistische Möglichkeit gibt, die enorme Menge von Artikeln aus gut 25 Jahren hinreichend zu prüfen.“ (1) (2)
Im Widerspruch dazu heißt es im Text der Erklärung, die Redaktion werde nun “die alten Inhalte systematisch und so schnell wie möglich sichten und – soweit sie noch einen Mehrwert bieten – nach unseren Qualitätskriterien bewerten und überarbeiten.“ Eine Nachfrage von Multipolar, was mit “bewerten und überarbeiten“ gemeint sei und ob die Texte nun umgeschrieben werden sollten, ließ Neuber zunächst unbeantwortet – ebenso die Frage, woraus abgeleitet werde, dass ein Chefredakteur die vor vielen Jahren publizierten Artikel, die seine Vorgänger zu verantworten haben, prüfen müsse.
Die Kritik an dem in der deutschen Medienlandschaft bislang beispiellosen Vorgehen ist scharf. Telepolis-Gründer Florian Rötzer erklärte, Telepolis betreibe: “stalinistische Cancel Culture“ und lösche „fast 25 Jahre Geschichte unter anderem des Internets, um sich dem Mainstream unkritisch und marktkonform anzupassen“. Das Magazin wolle “Geschichte korrigieren oder verfälschen“, kritisierte Rötzer. Unter seiner Leitung hatte Telepolis seinerzeit mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter den Grimme Online Award.
Neuber betonte in seiner Erklärung hingegen das von ihm selbst erreichte journalistische Niveau und begründete dies mit einer Einschätzung durch das US-Bewertungsportal NewsGuard, welches Telepolis “mit der vollen Punktzahl als sehr glaubwürdig“ einstufe. NewsGuard wird derzeit von einem Ausschuss des US-Parlamentes untersucht wegen des Vorwurfes, mit seinem Bewertungssystem die Meinungsfreiheit einzuschränken und als “intransparenter Teil von Zensurkampagnen“ zu agieren. Laut einer Multipolar-Recherche steht NewsGuard der US-Regierung nahe und ist in seiner Arbeit durch zahlreiche Interessenkonflikte kompromittiert.
Telepolis-Autorin Sabine Schiffer hält die aktuelle Löschung für “den Anfang vom Ende des Projekts“ und bemängelt fehlendes Rückgrat. Die Redaktionsleitung gehe “den geduckten Weg“ und setze “fatale Signale“. Vieles, was auf dem Portal “einst kontrovers war (und deshalb besonders gut und aufwändig belegt werden musste)“ habe sich “inzwischen bewahrheitet“. Doch “die Dokumentation der eigenen frühen und mutigen Leistung ist nun weg“, so Schiffer, die als Professorin an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Frankfurt am Main lehrt. Telepolis-Autor Philipp von Becker, dessen neuere Texte weiterhin aufrufbar sind, die älteren aber ebenso vollständig gelöscht, spricht von einer “Unverschämtheit und Dreistigkeit, das als “Qualitätsoffensive“ zu verkaufen“. Neuber “zerstöre“ Telepolis. Marcus Klöckner, ein weiterer langjähriger Autor des Magazins, erklärte gegenüber Multipolar, Telepolis habe “über zwei Jahrzehnte im positivsten Sinne ein Stück deutsche Mediengeschichte geschrieben“, nun jedoch sei der “Untergang eines Magazins“ zu erleben, “dessen Wurzeln abgeschlagen werden“.
Bereits im Februar hatte Telepolis allen vor 2021 erschienenen Artikeln pauschal eine distanzierende Warnmeldung (“Disclaimer“) vorangestellt, wonach diese Texte “möglicherweise in Form und Inhalt nicht mehr den aktuellen journalistischen Grundsätzen der Heise Medien und der Telepolis-Redaktion“ entsprächen. Gegenüber Multipolar hatte Neuber damals erklärt, er könne “nicht alle Inhalte, die vor meiner Zeit als Chefredakteur erschienen sind, überarbeiten (lassen)“ und sich daher für den Warnhinweis entschieden. Nach Kritik war dessen Formulierung später stillschweigend geändert worden. (Dazu siehe auch von Florian Rötzer: Telepolis oder der Journalismus für das betreute Lesen). Unter dem aktuellen Beitrag, der über die Löschung der Artikel informiert, ist, anders als bei Telepolis üblich, das Leserforum abgeschaltet worden. Kommentare sind nicht möglich. Auf dem X-Kanal des Portals, wo kommentiert werden kann, wurde der Beitrag nicht ausgespielt.
ANMERKUNGEN:
(1) Multipolar-Magazin (LINK)
(2) “Qualitätsoffensive: Telepolis überprüft historische Artikel“, Overton Magazin, den Artikel wurde vom Portal Multipolar übernommen. 2024-12-06 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Telepolis Zensur (fotogrin/overton)
(2) Telepolis (telepolis)
(3) Telepolis (telepolis)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-12-18)
