artzain11Lebendige Tradition

Das historische Baskenland, mit seinen sieben Provinzen nördlich und südlich der Pyrenäen ist traditionell eine Bauern- und Hirtenkultur, was angesichts der Landschaft mit vielen Bergen und Tälern nicht weiter verwundert. Mit der Industrialisierung und dem Entstehen großer Städte wurde diese Tradition zwar verdrängt, hat sich im Arbeits-Leben jedoch gehalten. Daneben hat sich die Hirtenarbeit im Kultur-Bereich einen festen Platz erkämpft. Schäferhund-Wettbewerbe sind Feste und werden gut besucht.

“Ardi“ ist das Schaf, “zain“ bedeutet hüten, in der baskischen Sprache ist der Hüter der Schafe der “artzain“. Treue Helfer der Artzainak sind die Txakurrak, die Hirtenhunde. Wer einen Wettbewerb gewinnt, erhält als Preis eine überdimensionale Baskenmütze, eine Txapela, auf der Ort und Jahr des Wettbewerbs eingenäht sind.

Sport in Bauern- und Hirten-Tradition

artzain22Um die Tradition der Bauern und Viehhüter nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, werden in Euskal Herria (Baskenland auf Baskisch) verschiedene ehemalige Erwerbstätigkeiten in Form von Sportveranstaltungen vor den Augen vieler Zuschauer*innen regelmäßig in Szene gesetzt. Diese Herri Kirolak – Land-Sportarten – haben meist Spaßcharakter und werden manchmal auch in Meisterschaften umgesetzt. So gibt es Txapelketak (Wettbewerbe) im Grasmähen, im Zerhacken von Baumstämmen oder im Heben von großen Steinen. Das Rudern in langen Booten mit dreizehn Plätzen erinnert an den Walfang, und wenn mit langen spitzen Eisenstangen Löcher in Granitblocks gehauen werden, so geht es um den ehemaligen Beruf der Steinhauer in Erzbergwerken oder Steinbrüchen. Nicht selten werden diese Wettbewerbe live im Fernsehen übertragen, interessanter ist nur, persönlich dabei zu sein, wenn sich die Teilnehmer*innen um die Txapelas bemühen.

Hirtenhund-Wettbewerbe – auf Baskisch Artzain Eguna genannt – gehören ebenfalls zu dieser Art von Erinnerung an alte Traditionen. Was nicht bedeutet, dass der Hirtenberuf ausgestorben wäre. In den Pyrenäen, auf dem Gorbeia-Massiv, unter dem Aizkorri-Berg, auf der Urbasa-Hochebene oder dem Aralar-Massiv sind bis heute Hirten zu finden, die ihre Herden behüten, pflegen und zwei Mal jährlich scheren. Am Gorbeia oder auf den Aralar-Bergen, vor allem aber im Bardenas-Gebiet in Süd-Navarra existiert auch noch die Tradition der Transhumanz – der Herdenauftrieb von Kühen oder Schafen aus niedrigen Weidegebieten in höhere im Frühjahr, und der gegenteilige Herdenabtrieb im Herbst.

Solche Vorführungen, Spielereien, Inszenierungen oder Wettbewerbe haben nicht nur einen nostalgischen Hintergrund. Sie haben auch einen historischen und pädagogischen Charakter. Denn Stadtkinder in kapitalistischen Gesellschaften verlieren leicht die Verbindung zur Geschichte ihrer Eltern und Großeltern, sowie das Wissen darüber, woher die Lebensmittel kommen: die Milch, das Getreide, das Fleisch von Schafen, Kühen und Schweinen. Früher auch Pferdefleisch.

Artzain Txakurra

Der baskische Schäferhund (spanisch: Perro Pastor Vasco, baskisch: Euskal Artzain Txakurra) ist eine Hirtenhunde-Spezies aus dem Baskenland. Die Spezies wird von der Internationalen Hunde-Föderation FCI nicht anerkannt, jedoch von der spanischen Gesellschaft Sociedad Canina de España (RSCE), die Mitglied der FCI ist.

Die Verwandtschaft des Euskal Artzain Txakurra zu den anderen “leichten“ Hirtenhunden der Pyrenäen ist unstrittig. Wie oft bei Hirtenhunden, haben sich regional etwas unterschiedliche Typen herausgebildet. Die Haarstruktur der Hunde geht von lang und glatt bis rauhaarig, in braunen Farbtönen. Das Fell ist wetterfest, was wie im Fall der Höhenlagen der Pyrenäen auch nötig ist.

Txapelketa – Wettbewerbe

artzain33Im 20. Jahrhundert wurde begonnen, Hirtenhund-Wettbewerbe (so genannte Txapelketas) zu organisieren, im baskischen und internationalen Rahmen. Dank der Bewunderung, die die baskischen Schäferhunde bei Expert*innen hervorrief, wurde 1991 mit Hilfe eines Stipendiums und eines Forschungsprojekts ein Plan zur Untersuchung dieser Hunde mit ethnologischer, biochemischer, genetischer, reproduktiver und Verhaltens-Methodik initiiert, woraufhin die Anerkennung des baskischen Schäferhundes in seinen beiden Varietäten, dem Iletsua und dem Gorbeiakoa, erfolgte. Im Jahr 2018 gab es schätzungsweise 700 Schäferhunde in den beiden Varietäten, was bedeutet, dass die Spezies “vom Aussterben bedroht“ ist. Die Gründe dafür liegen zum einen am Rückgang des Hirtenberufs, zum anderen darin, dass Hirtenhunde aus anderen Regionen (wie der Border Collie) Einzug gehalten haben.

Der Euskal Artzain Txakurra hat einen territorialen Instinkt, pflegt aber eine starke Bindung zum Hirten, da beide meist gemeinsam gehen und nur selten getrennt sind. Die Ausbildung beginnt mit einem kurzen Grundkurs, der Hund lernt, still zu stehen, sich zu setzen und sich auf Kommando zu bewegen. Unabhängig vom Alter kann mit der Sozialisierung begonnen werden, damit das Vertrauen zum Hirten oder zu anderen Personen hergestellt werden kann.

Die Txapelketa-Wettbewerbe finden nicht isoliert statt, sondern sind in der Regel eingebettet in lokale Fiestas. Dabei ist ein ganzes Dorf beteiligt, dazu kommen Besucher*innen von auswärts. Häufig finden an solchen Tagen weitere Vorführungen aus der Schafkultur statt: das Scheren von Schafen, die Herstellung von Käse. Höhepunkte sind neben dem Hundewettbewerb auch Käsewettbewerbe, bei denen sich einzelne Produzent*innen mit ihren Produkten vorstellen. Die Sieger*innen erhalten renommierte Auszeichnungen, die Gewinnerkäse werden für Preise zwischen vier- und sechstausend Euro an berühmte Restaurants verkauft. Die Artzain Egunak sind regelrechte Volksfeste, gelegentlich auch mit Musik.

Artzain Eguna Zornotza

Artzain Txapelketas werden in jeder baskischen Provinz durchgeführt, die besten qualifizieren sich für den Euskadi- oder für den gesamt-baskischen Wettbewerb. Am Sommerende wird dann ein eher symbolischer “internationaler Wettbewerb“ durchgeführt, zu dem auch Hirten aus Katalonien oder anderen spanischen Regionen eingeladen werden. Ein Blick auf den eben durchgeführten Artzain Eguna in Zornotza-Amorebieta (Bizkaia) verdeutlicht den Ablauf des Wettbewerbs. (1)

artzain44In der Bilbo-Nachbarstadt hat die Schäferhündin Miss demonstriert, warum sie die beste im Baskenland ist. Das Tier bescherte seinem Besitzer Inaxio Etxeberria den fünften Titel in zwei Jahren. Für den Hirten aus Gipuzkoa war dieser Wettbewerbs-Tag ein besonderer. Denn die Euskal Herria Schäferhund-Meisterschaft, die im Jahr 2024 in Zornotza stattfand, bedeutete seine Rückkehr zu den Wettkämpfen nach einem Sehnenriss, der ihn zu Beginn dieser Saison außer Gefecht gesetzt hatte. Aber Miss, seine 7-jährige Border-Collie-Hündin, zeigte einmal mehr, warum sie einen Ruf als “edel, fleißig und unschlagbar“ genießt. Die Begleiterin des Hirten aus Azpeitia (Gipuzkoa) erhielt 290 der 308 Punkte, die auf dem Spiel standen, und setzte sich damit klar gegen ihre sieben Mitbewerber durch. “Letztes Jahr haben wir an sieben Wettbewerben teilgenommen und vier Txapelas (Meisterschaften) gewonnen. Heute sind wir zurück, und wir könnten nicht glücklicher nach Hause gehen“, sagte der Gewinner zufrieden.

Veranstalter aller Schäferhund-Wettbewerbe in Euskadi, den drei Provinzen Araba, Bizkaia und Gipuzkoa der Region Baskenland, ist der Verein Artxate. Am Euskal Herria Wettkampf in Zornotza nahmen acht Hirten teil, vier aus Bizkaia, zwei aus Gipuzkoa und zwei aus Iparralde, dem französischen Baskenland. In Amorebieta-Etxano, das in diesen Tagen das Fest seines Schutzpatrons feiert, war der Morgen unangenehm, zwar ohne Regen, aber sehr kalt und mit so viel Wind, dass das Zelt der Organisation weggeweht wurde. Das Ganze war eine bloße Anekdote, Verletzte gab es nicht. Trotz des schlechten Wetters war die Stimmung ausgezeichnet, die Veranstaltung war wie immer gut besucht.

Den zweiten Preis gewann ein lokaler Hirte, Inaxio Irakulis aus Etxano, einem Stadtteil von Zornotza. Sein Hundepartner Beltz (bask: Schwarz), “schnell, präzise und gehorsam“, leistete alleine und mit der Herde eine sehr gute Arbeit, die ihm insgesamt 272 Punkte einbrachte. Nur zwei Punkte weniger hatte das Paar, das die dritte Txapela erhielt: der Hirte Jon Olivares aus Zeanuri (Bizkaia) mit seinem Border Collie Urdin (bask: Blau).

Geeignet für das Hüten von Schafen

Kurioserweise traten alle acht Hirten-Teilnehmer mit demselben Hunde-Typ an. “Die Zahl der möglichen Hunde-Spezies ist im Grunde unbegrenzt, aber es gibt nur wenige Tiere, die so intelligent sind wie der Border Collie. Kein Wunder, dass die Schäfer auf ihn setzen“, argumentierte Eli Alonso von der Gesellschaft Artxate, die an diesem Tag – wie so gut wie immer – während des Wettbewerbs die Rolle der Kommentatorin spielen musste.

Der Border Collie ist ein Tier englischen Ursprungs, das besonders gut für Aufgaben des Schafe-Hütens geeignet ist. Er ist sehr intelligent und hat eine hohe Lernfähigkeit. Viele betrachten ihn als den besten Schafbegleiter, in jedem Fall sind die Border Collies bestens geeignet für eine Vorführung wie die auf den Feldern von Jauregibarria in Zornotza. “Es war ein intensiver Vormittag, ziemlich aufregend“, resümierte die Expertin.

Zwei Phasen

artzain55In der Region Baskenland werden die Schäferhund-Wettbewerbe in der Regel in zwei Phasen unterteilt. In der ersten, der Ausscheidungsphase, muss das Tier auslaufen, zwei bestimmte Passagen überqueren, die durch Drehpunkte markiert sind, und sich dann der aus zehn Schafen bestehenden Herde nähern. Dann muss er die Schafe, immer aufmerksam der Stimme des Hirten folgend, neben einem improvisierten Kreis sammeln und sie dann durch ein Gatter in den Kreis treiben. Die Schafe dürfen sich nicht zerstreuen und schon gar nicht herumrennen. Dafür muss der Hirtenhund sorgen.

Bei der zweiten Prüfung wird die Geschicklichkeit des Hundes gemessen. Er muss einen Weg entlanglaufen, ohne ihn zu verlassen, die Herde in einen aus Büschen aufgeschichteten Kreis treiben und die Tiere schließlich wieder herausjagen, während er selbst im Stall bleibt. Zu Beginn des Wettbewerbs haben alle teilnehmenden Paare 154 Punkte pro Jurymitglied (in Zornotza waren es zwei), davon werden Fehlerpunkte abgezogen. Miss war die beste Teilnehmerin. Der nächste Wettbewerb fand am folgenden Wochenende in Azpeitia statt, ein Heimspiel also für Inaxio Etxeberria und seine Hündin Miss.

Rangliste des Zonotza-Wettbewerbs

1 Inaxio Etxeberria (Erster Preis) mit Miss, aus Azpeitia (Gipuzkoa).

2. Inaxio Irakulis (Zweiter Preis) mit Beltz, aus Etxano (Bizkaia).

3. Jon Olibares (Dritter Preis) mit Urdin, aus Zeanuri (Bizkaia).

4. Mikel Pagazaurtundua mit Lay, aus Lemoa (Bizkaia).

5. Javier Gaztañaga mit Cool, aus Antzuola (Gipuzkoa).

6. Gilbat Argain mit Luchy, aus Bidarrai (Iparralde).

7. Roger Jauretxe mit Pop, aus Baigorri (Iparralde).

8. Rufino Zarrabeitia mit Zuri (bask: Weiß) aus Galdakao (Bizkaia), der den Preis für die beste Hirtenkleidung erhielt.

ANMERKUNGEN:

(1) “Miss demuestra en Amorebieta por qué es la mejor perro pastor del País Vasco” (Miss zeigt in Amorebieta, warum sie die beste Hirtenhündin im Baskenland ist), Tageszeitung El Correo, 2024-07-21 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Hirtenhund-Wettbewerb (elcorreo)

(2) Löcher für Dynamit (elsecreto)

(3) Hirtenhund-Wettbewerb (elcorreo)

(4) Hirtenhund-Wettbewerb (elcorreo)

(5) Hirtenhund-Wettbewerb (elcorreo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-07-24)



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