florenz1Liquidiert Kunsthandwerk

Massentourismus macht die Handwerkskunst in Florenz kaputt. Der Florentiner Goldschmied Tommaso Pestelli musste seine Werkstatt aufgeben, um einem Luxushotel Platz zu machen. Dabei ist er nur eines der unzählbaren Opfer des Massentourismus in der Toskana-Stadt Florenz, die nach Ansicht vieler Aktivist*innen und Beobachter*innen ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren droht, wenn dies nicht ohnehin schon längst geschehen ist. Reisezielen wie Venedig oder Sarajewo droht der touristische Kollaps.

Florenz: achtgrößte Stadt Italiens, berühmte Geschichte, Zentrum des spätmittelalterlichen Handels, eine der reichsten Städte des 15. und 16. Jahrhunderts, die Wiege der Renaissance, Bedeutung für die bildende Kunst, das “italienische Athen“, die Dynastie Medici – demnächst ein weiteres Opfer des massentouristischen Chaos.

Immer lauter wurden in den vergangenen Monaten die Rufe nach dringenden Maßnahmen zum Schutz des historischen Zentrums von Florenz. Vor allem, nachdem der Direktor der prestigeträchtigen Galleria dell'Accademia, in der Michelangelos “David“ zu sehen ist, die verblüffende Aussage gemacht hatte, die Stadt sei "zu einer Prostituierten" geworden.

florenz2Rund 1,5 Millionen Touristen besuchten dieses italienische Stadt-Juwel der Kunst und Architektur im Sommer 2023, das waren 6,6% mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im Zentrum der Stadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, werden immer mehr Geschäfte und Wohnhäuser in Fast-Food-Lokale und Mietwohnungen für Touristen umgewandelt.

"Unser Geschäft wurde 1908 geöffnet. Wenn sie uns und viele andere wie uns hinausdrängen, nehmen sie der Stadt einen Teil ihrer Seele weg", sagt Pestelli, Sohn, Enkel und Urenkel von Goldschmieden, gegenüber einer französischen Presse-Agentur. Dem 55-jährigen Kunsthandwerker gelang es, in der Nähe der ursprünglichen Werkstatt eine andere, kleinere Werkstatt zu eröffnen, aber andere Kollegen hatten weniger Glück.

In Florenz sind die durchschnittlichen Wohnungs-Mieten zwischen 2016 und 2023 um 42% gestiegen, die Einkommen jedoch nur um einen Bruchteil davon. Parallel dazu stieg die Zahl der auf der Plattform Airbnb gelisteten Wohnungen nach offiziellen Angaben von 6.000 auf fast 15.000. Selbst im Februar, theoretisch ein Monat der Nebensaison für den Tourismus in Europa, stehen die Besucher*innen vor der Kathedrale Schlange und drängen sich vor Michelangelos “David“.

Mit der Vertreibung der Einheimischen und dem Verschwinden der traditionellen Geschäfte "ist Florenz auf dem besten Weg, eine leere Kiste zu werden", warnt Pestelli. Für Elena Bellini, eine 47-jährige Ladenbesitzerin, die Werke lokaler Künstler*innen verkauft, führt die Abwanderung der einheimischen Bewohner*innen nicht nur zu einer Verödung des Stadtkerns, sondern auch zu einem Anstieg der Kriminalität, insbesondere des Diebstahls. "Florenz stirbt", steht auf einem Schild im Schaufenster eines Juweliergeschäfts.

Verbot für Touristenwohnungen

Die toskanische Hauptstadt ist mit dieser Situation nicht allein. Auch die Einwohner*innen von Venedig und anderen beliebten Reisezielen wie dem Küstenstreifen der Cinque Terre im Nordwesten Italiens werden von astronomischen Mietpreisen und der Invasion von Touristen- und Souvenirläden bedroht.

Die Stadt der Kanäle (Venedig) testet derzeit ein Ticketsystem, bei dem Besucher*innen, die einen Tag in der Stadt verbringen möchten, in der Hochsaison für den Zugang bezahlen müssen. In Florenz hat der Mitte-Links-Stadtrat eine Kampagne gestartet, um Touristen aus dem überfüllten Stadtzentrum zu locken.

Da die Menschen zunehmend nach "erlebnis-orientierten Routen" suchen, versucht die Stadtverwaltung, andere Punkte von historischem und künstlerischem Interesse zu fördern, die mit der Natur oder der Gastronomie verbunden sind, erklärte die stellvertretende Bürgermeisterin Alessia Bettini gegenüber der Presse.

Die Zahl der Besuchenden von Dörfern, Schlössern und Abteien in der Umgebung ist im Januar um 4,5% gestiegen, und die Zahl der Wander*innen, die sich auf der Via dei Diei zwischen Bologna und Florenz durch den Apennin-Höhenzug bewegen, hat im Vergleich zum Vorjahr um 22% zugenommen. Die Stadtverwaltung will außerdem mehr Wohnraum für die einheimische Bevölkerung bereitstellen und den Anstieg der Mieten eindämmen, indem sie neue Kurzzeit-Mietwohnungen für Tourist*innen im historischen Zentrum verbietet. Die im Oktober verabschiedete Maßnahme sieht Steuer-Erleichterungen für Vermieter vor, die zu den üblichen Mietmodellen zurückkehren.

"Eine verschwindende Welt

florenz3Trotz dieser Gegenmaßnahmen wird derzeit ungefähr ein Dutzend Kunsthandwerker*innen aus ihren Werkstätten vertrieben. Die befanden sich bisher in einem Gebäude in der Nähe der Ponte Vecchio (Alte Brücke), nun sollen sie einem touristischen Entwicklungsprojekt weichen. "Die florentinische Tradition der Goldschmiede-Kunst bröckelt ziemlich schnell", beklagt Tommaso Pestelli.

Ein paar Straßen von seiner Werkstatt entfernt bemalt Gabriele Maselli, der Vorsitzende der Florentiner Vereinigung für historische Geschäfte, von Hand einen vergoldeten Rahmen. Die Regale hinter ihm sind mit Gläsern und bunten Pülverchen bestückt. Ein riesiges Kruzifix, das an der Wand hängt, dominiert die Werkstatt, in der ein anderer Restaurator damit beschäftigt ist, ein ramponiertes Gemälde zu polieren.

"Die Leute kommen nach Florenz, um Qualitätsprodukte zu kaufen, die in mühevoller Handarbeit hergestellt werden", sagt Maselli, 58. "Wenn ein Unternehmen schließen muss, ist die gesamte Produktions- und Lieferkette betroffen", warnt er. "Es ist eine Welt, die sich schließt und für immer verschwindet." Denn bisher gibt es weltweit kein Beispiel, dass solche Prozesse von Gentrifizierung infolge von Massentourismus rückgängig gemacht worden wären, es sei denn durch Naturkatastrophen oder Pandemien.

Das 21. Jahrhundert zeichnet sich aus durch eine starke Verbilligung der internationalen Transportmittel (obwohl alles andere teurer wird). Kreuzfahrten zum Beispiel, sind nicht mehr das Privileg von reichen Eliten, sondern mittlerweile auch für die obere Mittelschicht bezahlbar. Häfen wie Venedig, Amsterdam oder Bilbao-Getxo können ein Lied davon singen, die Zunahme dieser Klimakiller ist dramatisch.

Ähnliches gilt für das Fliegen. Für 25 Euro von Bilbo nach Barcelona, da wird sogar ein Drei-Tage-Aufenthalt reizvoll, die inzwischen bekannten City-Breaks von Freitag bis Montag, kreuz und quer durch Europa. Und erschwinglich für alle, die nicht zur armen Unterschicht oder Arbeiterklasse gehören. Das Konzept vom einmaligen Jahresurlaub hat längst seine Gültigkeit verloren, denn daneben gibt es nunmehr die Kurzurlaube oder verlängerten Ausflüge im Herbst, im Winter, zu Karneval, an Ostern und Pfingsten.

Zwar sind sich immer mehr Erdbewohner*innen der drohenden und voranschreitenden Klimakatastrophe bewusst. Doch scheint es, dass die Ursachen immer “bei den anderen gesucht“ werden. Ökologisches Bewusstsein hört auf beim eigenen Egoismus und beim Bedürfnis, um jeden Preis einen Teil der Schätze der Welt kennen zulernen, ein Selfie zu machen, Dreck zu hinterlassen und zurück zu jetten.

florenz4Dasselbe gilt für Airbnb. Denn mittlerweile dürfte es hinlänglich bekannt sein, dass jede Tourismus-Wohnung dem allgemeinen Wohnungsmarkt für die einheimische ärmere Bevölkerung entzogen wird. Weniger Angebot treibt die Preise in die Höhe, wer die gestiegenen Immobilien- und Miet-Preise nicht mehr bezahlen kann, wird aus den entsprechenden Lebensräumen verdrängt. Dabei handelt es sich nicht um Prozesse, die Jahrzehnte dauern. Die Situation in der Altstadt Bilbaos, zum Beispiel, hat sich in fünf Jahren (die Pandemie ausgenommen) stärker verschärft als in den vorausgegangenen 20 Jahren insgesamt.

“Ich bin froh, dass ich Machu Picchu vor Jahren besucht habe, denn die seither beschlossenen Einschränkungen machen einen Besuch heutzutage fast unmöglich“, sagte kürzlich ganz beglückt eine Baskenland-Touristin. Dass sie mit ihrem Besuch vor Jahren zu dieser Einschränkung beigetragen hat, daran hat sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit noch keinen Gedanken verschwendet.

“Neapel sehen und sterben“ heißt es in einem italienischen Sprichwort, das Johann Wolfgang von Goethe in seinem Reisebericht über die Schönheit dieser italienischen Stadt aufgriff. Hinzuzufügen wäre die von Massentourismus geprägte Variation: “Florenz sterben sehen“. Und nicht nur Florenz.

Neben Massen-Tourismus wurde in den vergangenen Jahren ein neuer Begriff geprägt: Over-Tourismus. Gegen den gehen betroffene Stadtbewohner*innen mittlerweile entschlossen vor, weil er ihre Wohn- und Lebens-Existenz bedroht. “Was ist eigentlich dieser Reiz des Unbekannten, das wir im Internet tausendfach und aus allen Perspektiven bestaunen können?“ fragt ein Klimaaktivist aus Bilbao. “Was bringt die Leute dazu, sich als Touristen an tausendfach fotografierten Orten wie Florenz oder Venedig gegenseitig auf die Füße zu treten, sich über die hohen Preise und die Massen zu beschweren und in der Warteschlange dann auch noch aggressiv zu werden. Pittoreske Sehenswürdigkeiten ziehen zahlungskräftige Menschen magisch an. Hundert Fotos und dreißig Videos im Internet reichen nicht aus, diesen Hunger zu stillen. Es muss das eigene Selfie sein, die ebenso kindische wie narzisstische Feststellung: “Ich war da!“

ANMERKUNGEN:

(1) “El turismo de masas pone en jaque a la artesanía en Florencia” (Massentourismus bedroht die Handwerkskunst in Florenz), Tageszeitung Gara, 2024-02-17 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Florenz-Neapel (collage)

(2) Florenz Massen (bund)

(3) Florenz Massen (stgt nachr)

(4) Florenz Massen (fenners)

(PUBLIKATION BASKUTLUR.INFO 2024-02-21)

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