cala11Gegen Massentourismus

Mallorca: Neben Großdemonstrationen greifen Aktivisten nun auch zu kreativen Aktionen und “besetzen“ ihre Strände. Die Lage in vielen Urlaubs-Gebieten wird für viele Bewohner*innen zunehmend untragbar. Mieten explodieren mit dem Massentourismus. Für ein Zimmer müssen zum Teil 1.000 Euro gezahlt werden, dafür geht fast der gesamte Mindestlohn drauf, der im schlecht bezahlten Gaststätten-Gewerbe oft nur verdienen ist. Dazu kommen Müllberge, Wassermangel, Verkehrschaos und Lärm. Das Limit ist erreicht.

Venedig, Donostia, Florenz, Barcelona, Granada, Bilbao, Kanarische Inseln, Athen – die Liste der Orte mit unerträglichen Konsequenzen durch Massen-Tourismus wird jeden Tag länger. Weil die Ignoranz der Reisenden anhält und ein verheerender Sommer ansteht, greifen Bewohner*innen zu fantasievollen Gegenmaßnahmen. Reportage Overton-Magazin.

Zunehmend sind die Bewohner in den Gebieten entnervt, die von Touristen nahezu überrannt werden. Sie bekommen immer stärker die vielen negativen Auswirkungen zu spüren und gehen gegen den Massentourismus auf die Barrikaden. “Es ist ein Trauerspiel, dass ein Strandbesuch ein Protestakt werden muss“, beklagt die Bewegung “Mallorca Platja Tour“ (Mallorca Strand-Tour). Sie hatte kürzlich einen ersten Protest-Strand-Probelauf am längst auch überlaufenen Strand “Sa Ràpita“ gestartet.

cala22Das Medienecho auf die erste “Strandbesetzung“ blieb gering. Das hat sich vergangenen Sonntag grundlegend geändert. Bild titelte zum Beispiel: “Kampf um Influencer‑Bucht“ angesichts der Tatsache, dass sich am frühen Sonntag 300 Bewohner dem Aufruf von Mallorca Strand-Tour gefolgt waren und die einst als Geheimtipp gehandelte Bucht Caló des Moro im Süden der Insel bei Santanyí “besetzt“ haben. Sie protestierten damit gegen den Massentourismus. Die Gruppe wird mobilisiert über den Hashtag #OcupemLesNostresPlatges und dem Motto “Ocupem les nostres platges” (Besetzen wir unsere Strände). Die Strände auf der Ferieninsel sollen wieder mit “Mallorquinern gefüllt“ werden.

Im üblich skandalisierenden Bild-Stil wird erklärt: “Die Stimmung gegen Touristen auf Mallorca wird immer hitziger – jetzt endete eine Protestaktion sogar im Polizeieinsatz!“ Unterschwellig wird suggeriert, als habe es Konflikte mit Urlaubern gegeben. Weit entfernt davon, sind die Menschen in Feierstimmung schon am frühen Morgen in die Bucht gezogen, um tausenden Urlaubern zuvorzukommen, die auch die Caló des Moro seit einigen Jahren überrennen. Deshalb hatten sich die Aktivisten schon um acht Uhr in der malerischen Bucht versammelt, um sich ein Bad gönnen zu können. “Später wäre es unmöglich gewesen, an den Strand zu gehen, dann hätten wir Schlange stehen müssen”, erklärt einer der Aktivisten. Er reichte anrückenden Touristen Flugblätter, um sie über den Protest zu informieren.

Eigentlich sollte der Protest gegen 12 Uhr beendet werden. Die “Performance“ wurde aber schon gegen 11 Uhr 30 von der para-militärischen Guardia Civil aufgelöst. Das ist keine “Polizeieinheit“, sondern eine kasernierte Militärtruppe. Die begann damit, Personalien von Protestierenden festzustellen. Es handele sich um einen nicht genehmigten Protest, wurde erklärt und gefordert, die Spruchbänder müssten eingerollt werden. Die Organisatoren “verurteilen diese Einschüchterung“. Es sei “niemals zu verstehen“, dass eine friedliche Zusammenkunft von Sicherheitskräften unterbrochen wird. Damit würden Grundrechte beschnitten. Schließlich sei es nur darum gegangen, den “Massentourismus in Frage zu stellen“, der einen “guten Teil des Problems“ der Insel darstelle.

Wer kontrolliert wurde, sieht sich vermutlich einer administrativen Geldstrafe nach dem so genannten Maulkorbgesetz ausgesetzt. Der Anwalt Toni Bennàssar meint, dass man ein Hilfsnetzwerk aufbauen müsse, um derlei Proteste zu unterstützen. Er stellt fest, dass solche Versammlungen keinerlei vorherige Genehmigung benötigen. Sollte man einen Strand als öffentlichen Verkehrsraum ansehen, ist nur eine vorherige Benachrichtigung nötig. “Meiner Meinung nach hat die Guardia Civil die Personen mit der klaren Absicht identifiziert, zukünftige Kundgebungen zu verhindern“, meint der Anwalt.

Man müsse nun abwarten, wie sich die Delegation der spanischen Zentralregierung verhält. Die liegt in den Händen der Sozialdemokraten, die schon vor fünf Jahren versprochen hatten, das Maulkorbgesetz der ultrakonservativen Vorgänger komplett zu streichen. Passiert ist bekanntlich nichts, es wurde nicht einmal etwas reformiert und abgeschwächt. Sogar die Vereinten Nationen hatten die Einführung kritisiert. Es sei so schwammig formuliert, dass eine “unverhältnismäßige“ Anwendung und die Kriminalisierung friedlicher Proteste möglich sei. Grundrechte, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung würden unnötig und unverhältnismäßig eingeschränkt, womit Spanien auch gegen internationale Vereinbarungen verstoße.

Seit fünf Jahren nutzt auch die selbsternannte “progressivste Regierung der spanischen Geschichte“ das Gesetz in großem Stil, um ohne jeden richterlichen Beschluss hohe Geldstrafen zu verhängen. Dass es nicht einmal reformiert wurde, stellt vor allem dem linken Koalitionspartner Sumar (Summieren) ein Armutszeugnis aus. Die Wähler haben das auch begriffen. Nach dem erneuten Wahldebakel bei den Europawahlen trat die entzauberte Parteigründerin und Vize-Ministerpräsidentin Yolanda Diáz gerade zurück. Das Projekt steht vor dem Aus.

“Caló des Moro zurückgewonnen. Es war magisch“

cala33Einschüchtern lassen wollen sich die Aktivistinnen und Aktivisten auf Mallorca aber nicht. “Wir haben Caló des Moro zurückgewonnen. Es war magisch“, wird erklärt. Aufgerufen wird dazu, “jeden einzelnen Strand Mallorcas zurückzuholen”. Dass in der Bucht auch Sprechchöre wie “Tourist go home“ angestimmt wurden, gefällt den Organisatoren nicht. Diese Parole findet man aber immer öfter an Hauswänden in von Tourismus besonders belasteten Gebieten oder Städten. Mallorca Platja Tour und Protestler haben in der Caló des Moro allerdings betont, dass man sich gegen niemanden richte. Es solle vielmehr auf die fatalen Auswirkungen des Massentourismus hingewiesen werden.

Dazu gehört, dass in der Bucht oft keinerlei Platz mehr ist. Angrenzende Wohngebiete sind mit Autos verstopft, es herrscht Verkehrschaos. Sogar der Sand in der Bucht verschwinde, da jeder Besucher einen Teil am Körper oder im Handtuch wegträgt und das Meer diesen Schwund nicht natürlich ausgleichen kann. Angesichts der vielen Besucher ist das Wasser bisweilen alles andere als glasklar. Es verfärbt sich zum Teil grün. Die über den Klimawandel steigenden Wassertemperaturen und die verstärkte menschliche Präsenz sorgt für eine Veralgung des Wassers. Das sei kein neues Phänomen, erklären Wissenschaftler. Die Wasserqualität habe spürbar abgenommen.

Eigentlich sind die Besetzungen eine Reaktion auf die Aussage der Parlamentssprecherin der rechtsextremen VOX-Partei, die die Regional-Regierung der rechten Volkspartei (PP) stützt. Manuela Cañadas sagte im Mai nach einer großen Demonstration gegen den Massen-Tourismus: “Wir Mallorquiner können nicht erwarten, dass wir im Juli und August in Ruhe an den Strand gehen können.“ Es sei nicht mehr so, “wie noch vor ein paar Jahren, als ich nach Mallorca zog“.

Dass die einst idyllische Bucht für die erste große Aktion gewählt wurde, kam nicht von ungefähr. Damit hat man sich ein großes Medienecho gesichert. Der kleine Strand steht für ein extremes Beispiel, wogegen sich immer mehr von Menschen nicht nur auf Mallorca wenden. Die Bucht galt lange als “idyllischer Badestrand“. Nun ist er Ziel von Massentourismus. Die Bucht gilt als eine von Instagrammern meist-fotografierten Buchten.

Während über weitere Strand-Aktionen diskutiert wird, wurden schon neue Großdemonstrationen angekündigt. Unter dem Motto “die Balearen-Inseln stehen nicht zum Verkauf“ wird am 21. Juli zeitgleich auf allen vier Inseln mitten in der Urlaubs-Hochsaison demonstriert. Damit wird Anlauf genommen für einen noch größeren Protest am 27. September zum internationalen Tourismustag.

Negative Folgen des Massentourismus

Den Anfang der Proteste gegen den Massentourismus auszumachen, ist nicht einfach, seit Jahren wächst die Unzufriedenheit, in diesem Jahr besonders stark. Klar ist, dass in diesem Frühjahr die Kanarischen Inseln eine neue Protestwelle eingeläutet hatten. Zehntausende hatten schon vor dem Beginn der eigentlichen Saison im April unter dem Motto demonstriert: “Die Kanaren haben eine Grenze.“ Auch dort geht man inzwischen davon aus, dass der Massentourismus schädlich für Insel-Bewohner*innen und Umwelt sei.

Tatsächlich treten die negativen Folgen des Massentourismus immer stärker zu Tage. Zwar schaffe der Tourismus viele Arbeitsplätze, doch das sei oft nur eine befristete und prekäre Beschäftigung. Von den Löhnen können die explodierten Mieten nicht bezahlen werden, wird argumentiert. Man muss wahrlich nicht besonders schlau sein, um zu verstehen, dass man mit mittlerweile auf 1.134 Euro angehobenen Mindestlöhnen in Tourismus-Gebieten nicht leben kann. So kostet die Miete eines Zimmers auf Ibiza schon etwa 1.000 Euro, sogar Balkone werden für 500 Euro vermietet. Spanien hat 2023 ein Rekordjahr mit 347,1 Millionen Hotel-Übernachtungen erreicht. Auch die Zahl der Touristen-Wohnungen ist sprunghaft gestiegen, womit die Mieten in Tourismus-Gebieten besonders explodiert sind.

Damit einher gehen auch Probleme wie starker Lärm, enorme Müllberge und der riesige Wasserbedarf. Bekannt ist, dass Südspanien von einer dreijährigen schweren Dürre betroffen ist. Da Touristen bis zur fünffachen Menge der Wassermenge verbrauchen, die ein normaler Bewohner nutzt, führt das wie in Katalonien längst zum Notstand, über den Overton schon berichtet hat.

cala44Da die Metropole Barcelona seit vielen Jahren von Touristen mit fatalen Folgen für die angestammte Bevölkerung überrannt wird, entsteht auch dort massiver Widerstand. 80 Initiativen haben sich zusammengeschlossen. Am 6. Juli wird eine Großdemonstration in Barcelona über die Ramblas ziehen. Das Motto: “Es reicht. Setzen wir dem Tourismus Grenzen.“ Die Organisationen sind überzeugt davon, dass die “Tourismus-Industrie eine Reihe von negativen Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Region“ mit sich bringt. Hingewiesen wird auf eine “wirtschaftliche Abhängigkeit von einer stark schwankenden Industrie“, die “Vertreibung“ der einheimischen Bevölkerung, auf Jobs in “einem hochgradig prekären Sektor“ sowie auf die Verschlechterung der Umwelt-Bedingungen mit starken Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, die Verstärkung der Klimakrise und die Verarmung der lokalen Kultur, die über globale Märkte verwässert werde.

Proteste gegen den überbordenden Tourismus gibt es seit etlichen Jahren sogar schon im Baskenland. Schon 2017 wurde auf die Vorgänge hingewiesen, die überall zu beobachten sind. In Donostia-San Sebastian ist es inzwischen fast unmöglich, wie einst üblich, mit den Freunden durch die Kneipen zu ziehen. Das ist nicht nur den stark gestiegenen Preisen geschuldet. Es bilden sich zum Teil ewig lange Schlangen vor den Pintxo-Kneipen. “Das will sich niemand antun“, erklärt Joseba gegenüber Overton. Wie viele erklärt auch er, dass er kaum noch in die Altstadt geht. Zum Teil stehen Touristen bis zu zwei Stunden in der Schlange, nur weil sie in irgendeinem Reiseführer oder auf Instagram gelesen haben, dass es dort besonders gute Häppchen geben soll. Hier beklagt sich vor allem die Jugend: “Euer Tourismus ist unsere Misere“, steht bei Demonstrationen auf Transparenten, bei denen kritisiert wird, dass auch hier für ein Zimmer inzwischen 800 Euro bezahlt werden müssen.

ANMERKUNGEN:

(1) “Rückeroberung der Strände als Protest gegen Massentourismus“, Overton-Magazin, 23. Juni 2024, Autor: Ralf Streck (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Mallorca (mpt)

(2) Mallorca (diario mall)

(3) Donostia (ralf streck)

(4) Mallorca (yo soy mallorca)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-06-23)

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