Aufhören mit 82 Jahren
Benito Lertxundi, einer der ältesten und bekanntesten Liedermacher der baskischen Musikszene, verabschiedet sich Ende 2024 von den Bühnen. Diskret und ohne große Töne, nach sechs Jahrzehnten als allseits anerkannter Förderer und Bezugspunkt der baskischen Kultur. Der 1942 geborene Lertxundi war Teil der widerständischen Kulturszene, die sich in den 1960er Jahren dem Franquismus entgegenstellte und baskische Musik und Kultur einem wachsenden Publikum zugänglich machte, gegen die Zensur des Regimes.
Benito Lertxundi stammt aus Orio, Gipuzkoa, er ist der jüngste von neun Geschwistern, er besuchte die Kunstschule der Franziskaner in Zarautz, arbeitete als Holzschnitzer und Uhrmacher. Eher durch Zufall kam er zur Musik, und wurde zu einem der bekanntesten und beliebtesten Sänger, Liedermacher und Gitarristen in baskischer Sprache.
Mit 82 Jahren und nach einer sechs Jahrzehnte langen Karriere gesteht der “Barde von Orio“, dass ihm “die Motivation fehlt“, weiterhin Konzerte zu geben. Obwohl er versichert, dass er weiterhin in der Musik tätig sein will. Benito Lertxundi, seit Mitte des letzten Jahrhunderts lebendige Musik-Geschichte, hat am 27.11.2024 nach 60 Jahren Karriere seinen Rücktritt von der Bühne angekündigt. Der Liedermacher, der als einer der führenden Vertreter der traditionellen baskischen Musik und als Bezugspunkt für die baskische Kultur gilt, gab dies auf einer Pressekonferenz bekannt, auf der er die Veröffentlichung eines neuen, letzten Albums ankündigte, das während seines “unvergesslichen Konzerts“ am 11. November 2023 im Pelota-Fronton Jai-Alai in Gernika aufgenommen worden war. (1)
Es wird keine Abschiedstournee und auch keine weiteren Konzerte des legendären Sängers und Liedermachers aus Gipuzkoa geben. Dies erklärte er bei der Präsentation in Gernika, wo er in Begleitung seiner Frau Olatz Zugasti, den Musikern seiner Band und Freunden wie der Athleric-Fußball-Legende José Ángel Iribar (El Txopo) gestand, dass er sich seit der Pandemie “sehr unmotiviert“ fühle, neue Konzerte zu geben und weiterhin ein öffentliches Leben zu führen. Er wollte zwar nicht ausschließen, in Zukunft weiterhin Musik zu komponieren und aufzunehmen, habe aber beschlossen, seine umfangreiche Live-Karriere zu beenden.
“Ich habe mich auf der Bühne nicht mehr wohl gefühlt, es war nicht mehr das, was es einmal war. Selbst bei dem Konzert in diesem Pelota-Fronton (vor einem Jahr) und trotz der unglaublichen Emotionen im Publikum habe ich mich nicht wohl gefühlt“, so der Künstler, der damals noch gar nicht daran dachte, das Gernika-Konzert auf einem Album zu verewigen.
Monate später, als er bereits den Entschluss gefasst hatte, nicht mehr live zurückzukehren, überredete ihn seine Frau, sich die von seinem Techniker Amal Ariztimuño gemachte Aufnahme anzuhören. Eine Aufnahme, die beinahe nicht zustande gekommen wäre. Denn es war nicht geplant, das Jai-Alai-Konzert aufzunehmen, bis sie 15 Minuten vor Beginn des Konzerts auf die Idee kamen, am Tonpult auf REC zu drücken. So hörte sich Lertxundi die Aufnahme zu Hause an und stellte fest, dass daraus eine ernsthafte Publikation werden könnte. “Ich hatte eine tolle Zeit während dieser Monate im Misch-Prozess“, gesteht er bezüglich dieser Produktion, die “nicht geplant war, sondern irgendwie überraschend kam, unerwartet“.
Die ursprüngliche Idee des Musikers war, sich in aller Stille zurückziehen, ohne öffentlich zu verkünden, dass er nicht auf die Bühne zurückkehren würde. Unter dem Vorwand dieses Live-Albums beschloss er jedoch, sich vor den Medien und einer ausgewählten Gruppe von Freunden zu verabschieden, und zwar am selben Ort der Stadt, an dem er vor einem Jahr das in diesem Album verewigte Konzert gab. “Ich habe keine Lust auf eine Abschiedstournee oder ähnliches, warum sollte ich meinen Ruhestand feiern“, gab der Barde von Orio zu bedenken, der von sich sagt, dass er in letzter Zeit “auf der Bühne schlecht gelaunt“ war. “Ich zahle meine Schuld gegenüber dem Publikum mit dieser Scheibe und gehe“, schloss er.
Benito Lertxundi verabschiedet sich mit der Veröffentlichung von “Gernika kontzertuan“ (Gernika im Konzert), die sechs Jahre nach seinem letzten Studioalbum erscheint. Es handelt sich um ein getreues Zeugnis des musikalischen Vermächtnisses seiner sechs Jahrzehnte währenden Karriere, das er vor den 2.000 Fans, die vor einem Jahr den Fronton füllten, zum Besten gab. Der Liedermacher blickte bei jenem Auftritt in Gernika zurück auf bekannte und emblematische Lieder, aber auch auf neuere Kreationen und Instrumentalstücke. Das Konzert endete mit dem bisher unveröffentlichten Stück “Ez nabil ezeren bila“ (Ich bin nicht auf der Suche). Zu den großen Hits gehören “Nere herriko neskatxa maite“ (Geliebtes Dorfmädchen), “Mirotzak“ (Junge Adler), “Oro irriño bat“ oder “Bizkaia maite“ (Geliebtes Bizkaia), die auf dieser Doppel-CD enthalten sind.
Die Bedeutung des Fronton
Benito Lertxundi begann seine musikalische Laufbahn in den 1960er Jahren unter dem Einfluss der Bewegung des Neuen Baskischen Liedes (Nueva Canción Vasca), die sich um die Wiederbelebung der baskischen Sprache und Kultur im Kontext der Unterdrückung während der Franco-Diktatur bemühte. Ein erster Bezugspunkt war das Kollektiv “Ez Dok Amairu“ (Wir sind keine dreizehn), dem Lertxundi angehörte.
In Bezug auf seine musikalischen Anfänge betont er die Bedeutung der Frontons, jener Pelota-Spielplätze, wie der in Gernika, in dem er sich verabschiedete: “Das waren nicht nur Orte für Pelotaris (Pelotaspieler), sondern auch für Sänger. Die Rockmusiker verachteten diese Frontons wegen ihrer schlechten Akustik. Aber es sind die Musiker, die sich dem Fronton anpassen müssen. Du musst wissen, wie du da spielen und mit dem Sound schummeln kannst. Für uns war es wie eine Universitäts-Ausbildung, um uns an sie anzupassen“.
Tatsächlich gehört der Liedermacher aus Orio bereits zu einer historischen Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern wie Mikel Laboa und Lourdes Iriondo, die mit ihren Texten und Melodien die baskische Kultur belebten. Sie entwickelten einen eigenen Stil, der sich durch die Texte auszeichnet, durch die Verbindung zur Natur, zur Spiritualität und zur Geschichte des baskischen Volkes. (1)
Leben und Werk
Benito Lertxundi Esoain (6. Januar 1942, Orio, Gipuzkoa) ist eine der herausragenden Figuren der Renaissance der baskischen Sprache, Musik und Kultur seit Mitte der 1960er Jahre. Bei seiner frühen Tätigkeit als Uhrmacher sollte er einst eine Laute reparieren und kam so durch Zufall zur Musik. 1965 nahm Lertxundi mit selbstübersetzten zeitgenössischen Liedern und Gitarre an einem Gesangs-Wettbewerb der Donostia-Zeitung La Voz de España teil, den er gewann. Ein anderer Liedermacher, Mikel Laboa, wurde auf ihn aufmerksam. Mit anderen zusammen gründeten Lertxundi und Laboa 1966 die baskische Musik- und Kultur-Gruppe Ez Dok Amairu. Sie war Teil einer vom Bildhauer Jorge Oteiza inspirierten Bewegung mit dem Ziel, die vom Franquismus unterdrückte baskische Kultur wiederzubeleben. Diese Bewegung begründete die “Neue Baskische Gesangskultur“ (Euskal Kantagintza Berria) und war insbesondere mit der Schau “Baga-biga-higa“ erfolgreich. Lertxundi gehörte der Gruppe bis zu ihrer Auflösung 1972 an.
1969 verbot das franquistische Regime Lertxundi und anderen Künstlern, in Gipuzkoa aufzutreten, 1971 wurde dieses Verbot auf Bizkaia ausgeweitet. Im selben Jahr erschien Lertxundis erste Langspielplatte mit dem Titel “Benito Lertxundi“, eine Sammlung seiner bisherigen Singles – streng kontrolliert von den baskisch-feindlichen Faschisten. Seither hat er 16 weitere Alben veröffentlicht, das bisher letzte “Ospakizun gauean“ (In der Fest-Nacht) erschien 2018. 1980, nun im Postfranquismus, musizierte Lertxundi gemeinsam mit der Kelly Family, welche sich zu dieser Zeit im spanischen Staat niedergelassen hatte. Eine Videoaufnahme wurde 1996 auf der VHS-Kassette “Searching for the magic golden harp“ veröffentlicht. Verheiratet ist Lertxundi mit der Musikerin Olatz Zugasti , ihre gemeinsame Tochter trägt den Namen Gratxina. 2014 wurde Lertxundi für sein Lebenswerk die Goldmedaille der Provinz-Regierung von Gipuzkoa verliehen, 2016 erhielt er den Adarra-Preis. Sein Biograf Álvaro Feito bezeichnete ihn als “den charakteristischsten und symbolischsten zeitgenössischen baskischen Sänger“.
Lertxundis Werk umfasst selbst komponierte und getextete Lieder, Kompositionen zu Texten baskischer und anderer Dichter (wie Xabier Lizardi oder Fernando Pessoa) sowie Aufnahmen von Volksliedern. Seine ersten Platten sind geprägt von Gesang und Gitarre, später kamen zahlreiche andere Instrumente wie Bass, Cello, E-Gitarre, Flöte, Harfe, Klavier, Keyboard, Schlagzeug und auf einigen Aufnahmen auch traditionelle baskische Instrumente hinzu. Die Themen seiner Lieder reichen von politischen Protestsongs über Texte zur baskischen Tradition (wie der Schlacht von Roncesvalles) oder die Landschaft und Kultur von Zuberoa bis zu Liebesliedern.
Zu den Musikern, die ihn seit Jahren bei seinen Auftritten und Aufnahmen begleiten gehören Angel Unzu (akustische Gitarre, Bouzuki, Percussion), Juantxo Zeberio (Klavier und Synthesizer), Kutxo Ochoa de Eribe (Geige), Pello Ramírez (Cello und Akkordeon), Gurutz Bikuña (elektrische Gitarre) und Olatz Zugasti (Gesang, Harfe, Synthesizer). Lertxundi selbst singt und spielt Gitarre sowie gelegentlich auch Keyboard, Mundharmonika oder Schlagzeug. In einer Aufnahme von 1993 mit dem Paul Winter Consort liest Lertxundi (in baskischer Übersetzung) die Erzählung “Der Mann, der Bäume pflanzte“ von Jean Giono.
Der Abschied des Barden
Benito Lertxundi verlässt die Bühne im selben Stil, wie er alles tat: auf der Flucht vor Entfremdung, vor dem Skandal und vor den Megaphonen. Benito, der Barde aus Orio, der Autor von “Erribehera“, “Baldorba“, “Udazken Koloretan“ (In den Farben des Herbstes), jener Benito, der uns von einem märchenhaften “Zuberoa“ träumen ließ, geht in Rente. Er geht still und leise in den Ruhestand, ohne Tournee oder großes Abschieds-Konzert. Eine Ankündigung auf einer banalen Pressekonferenz mit Sammelalbum. Auf Wiedersehen. Einmal mehr hinterlässt Lertxundi seine stillen Spuren und hebt sich ab von der Mehrheit seiner Zeitgenossen. Er hat es immer verstanden, dem Sturm zu trotzen und den Etiketten zu entkommen, die bei vielen im Baskenland so beliebt sind. (2)
Geschichte
Er war in den Sechzigern dabei, bei jenen Wettbewerben, die es ihm ermöglichten, seine ersten Schallplatten aufzunehmen, Platten mit vier Liedern, bei denen er sich bereits von der Masse absetzte: “Ez Kanta Beltza“ (Kein schwarzes Lied), “Loretxoa“ (Blümchen), “Egia“ (Wahrheit) ... Lieder mit fast jugendlichen Texten, die mit Gitarre und Stimme vorgetragen bereits einige besondere Eigenschaften zeigten, um seine Leidenschaften durch Musik zu vermitteln. In den siebziger Jahren entstanden seine größten Werke, mit denen er sich in die Herzen der Menschen spielte. Benito produzierte die fantastische gelbe Schallplatte, auf der “Maria Solt eta Kastero“ und “Jaun Baruak“ zu hören waren. “Wir hörten das im Kofferabspielgerät zu Hause“, erzählt der Alt-Rocker und Neu-Journalist Roberto Moso, “nahtlos kombiniert mit Lou Reed oder den Stones“.
“Später war er mit dem nostalgischen 'Nere Herriko Neskatxa Maite' der Soundtrack zu meinen militärischen Entbehrungen (Wehrdienst) und brachte mich mit dem großartigen Doppel 'Zuberoa, Askatasunaren Semeei' (Zuberoa, Kinder der Freiheit) zum Lachen wie nie zuvor“, fährt Moso fort. “Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als mein Freund Imanol und ich 1976 auf dem Fußballplatz von Fadura (Algorta) ein Konzert besuchten. Damals übersetzte er vor jedem Lied einige Verse. Als das Konzert zu Ende war, sangen alle Anwesenden, einschließlich der Musiker, ‘Gernikako Arbola‘ (Der Baum von Gernika). In diesem Moment war uns klar, dass wir es unbedingt lernen mussten. Danach habe ich zahllose Konzerte besucht, und immer ich habe seine Entschlossenheit bewundert, weiter zu schaffen und als lebendiger Künstler aufzutreten und nicht nur als Blockflötist von Hits.“
“Kürzlich hatte ich das Glück, ihn in Orio zu interviewen, als er mit der Goldmedaille von Gipuzkoa ausgezeichnet wurde. ‘Es gibt kein größeres Privileg, als sein Leben der Schaffung von Nahrung für das Herz zu widmen‘, sagte er mir. Er sagte mir auch etwas Vorahnendes: ‘Ich habe das Singen nicht gelernt, ich lerne es immer noch, und an dem Tag, an dem ich nicht mehr so denke, werde ich in den Ruhestand gehen‘. Nun geht Benito tatsächlich in den Ruhestand. Er tut es so, wie er alles getan hat, auf der Flucht vor Verzerrungen, Skandalen, Megaphonen. Er geht auf seine Art und Weise, aber es besteht kein Zweifel, dass diese großartigen Lieder noch lange Zeit in Erinnerung bleiben werden. Ondo segi Lertxundi Jauna“ (Lassen Sie es sich gut gehen, Herr Lertxundi). (3)
ANMERKUNGEN:
(1) “Benito Lertxundi se despide de forma discreta tras seis décadas como impulsor y referente de la cultura vasca“ (Benito Lertxundi verabschiedet sich diskret nach sechs Jahrzehnten als Förderer und Bezugspunkt der baskischen Kultur), Tageszeitung El Correo, Autor: Miguel Aizpuru, 27. November 2024 (LINK)
(2) Benito Lertxundi (LINK)
(3) “El adios del bardo que siempre fue a su aire“ (Der Abschied des Barden, der immer seinen eigenen Weg ging), El Correo, Autor: Roberto Moso, 27. November 2024 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Benito Lertxundi (eitb)
(2) Benito Lertxundi (gipuz.gaur)
(3) Benito Lertxundi (diariovasco)
(4) Benito Lertxundi (elcorreo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-11-29)
