Einsatz von Streikbrechern
Der Logistik-Riese Amazon erlebt derzeit, was Streiks und Winterstürme bedeuten, ausgerechnet in der Hauptgeschäftszeit um Weihnachten, Tausende von Paketen warten auf Auslieferung. Mit teils unbefristeten Streiks kämpfen Lagerarbeiter für mehr Lohn. In Sevilla wird schon seit November gestreikt – nun auch im Baskenland, in der Zweigstelle Trapagaran vor Bilbao. Weil sich die Geschäftsleitung hartnäckig zeigen, könnten sich die Streiks verlängern. Bericht von Ralf Streck bei Neues Deutschland.
Dass das Amazon-Lager bei Bilbao derzeit nicht arbeitet hat zwei Gründe: erstens wird für besseren Lohn gestreikt, zweitens hat ein Sturm einen Teil des Dachs abgedeckt, sodass die Feuerwehr die Schließung anordnete.
Viele Kinder in Spanien dürften am 6. Januar ihr nach spanischer Tradition gewohntes Weihnachtsgeschenk vermissen – zumindest, wenn die Eltern es beim Online-Handelsriesen Amazon bestellt haben. Denn die baskischen Gewerkschaften ELA und LAB haben vor dem Dreikönigsfest die Beschäftigten dazu aufgerufen, das Logistikzentrum in Trapagaran (nahe Bilbao) ab 3. Januar 2023 für weitere drei Tage zu bestreiken. Bereits am 17. November hatten dort Ausstände begonnen. Die Gewerkschaften werfen dem Unternehmen vor, keine ernsthaften Verhandlungen zu führen.
Zahlen zur Streikbeteiligung lagen bisher nicht vor. Die baskische Gewerkschaft LAB, die die Mehrzahl der Beschäftigten im Lager Trapagaran vertritt, sprach von einem “vollständigen Stillstand der Produktion“, womit viele Lieferungen im Baskenland, in Kantabrien und Burgos sicher ausfallen. Vor den Toren kam es an den Streikposten zeitweise zu Rangeleien mit der Polizei. Laut Gewerkschaften hatten bereits bei den Ausständen im November 95 Prozent der Beschäftigten die Arbeit niedergelegt. Das Logistikzentrum sei damit faktisch lahmgelegt worden.
Dazu kam, wie das baskische Fernsehen meldete, dass ein vorausgegangener nächtlicher Sturm ein Teil des Blechdaches abgerissen hat, sodass Polizei und Feuerwehr eine Schließung der Arbeitsstätte veranlasst haben.
Vor den derzeitigen Streiks hatte die im Baskenland aktive Zeitarbeitsfirma Manpower per Whatsapp und E-Mails gedroht, jene mit Sanktionen zu belegen, die nicht zur Arbeit erscheinen. Die Abwesenheit könne nicht mit Blockaden durch Streikposten begründet werden, hieß es. Denn der Zutritt zum Gelände sei gesichert – eine sehr fragwürdige Behauptung.
Gegen das Vorgehen der “Sklaven-Firma“ hatten die Beschäftigten in Bilbao bereits vergangene Woche unter dem Motto “Amazon befiehlt, Manpower unterdrückt“ demonstriert. Sie werfen beiden Firmen vor, das Streikrecht aushebeln zu wollen. Amazon habe bei Manpower 40 Beschäftigte als Streikbrecher angeheuert, erklärte der LAB-Vertreter Fernando Ortega. Er verwies darauf, dass das Arbeitsgesetz eine “vorübergehende Einstellung“ von Arbeitern nach einer Streikankündigung verbiete. Mit dieser Regelung soll das Streikrecht geschützt werden.
Auch in Andalusien
Neben dem Ausstand im Baskenland wird derzeit auch im andalusischen Sevilla bei Amazon die Arbeit niedergelegt. Dort befinden sich die Beschäftigten im Logistikzentrum “Dos Hermanas“ seit dem 18. November 2023 in einem unbefristeten Streik. Nach Angaben der Gewerkschaft UGT, die den größten Teil der Belegschaft vertritt, sollen sich bis zu 90 Prozent der etwa 1.500 Beschäftigten an dem Ausstand beteiligen. Der US-Konzern des Multi-Milliardärs Jeff Bezos beziffert die Zahl dagegen auf 25 Prozent.
Am 2. Januar teilte die spanische Gewerkschaft UGT mit, dass ein erneutes Treffen zwischen der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat erfolglos geblieben sei. Der Streik werde darum weiter fortgesetzt. Wie im Baskenland ist Amazon laut Gewerkschaften auch in Andalusien nicht zu Verhandlungen bereit. Der Betriebsrats-Vorsitzende Luis Miguel Manzano erklärte, Amazon habe über wirtschaftliche Fragen nicht einmal sprechen wollen.
Die Beschäftigten beklagen einen extremen psychischen und physischen Druck und werfen dem Konzern vor, geltende Tarifverträge zu unterlaufen. Es gebe viele Überstunden, die zudem kaum vergütet würden. Feiertage werden vom Konzern als Ruhezeiten gewertet und die Zeit für Weiterbildung werde für normale Arbeitsprozesse genutzt. Rechne man das alles um, verdienten die Beschäftigten in Sevilla weniger als in anderen Logistikzentren des Konzerns, kritisiert Betriebsrat Manzano.
Konkret will die Gewerkschaft den Einstiegslohn erhöhen, der derzeit unter 1.400 Euro monatlich und damit nur knapp 300 Euro über dem Mindestlohn von 1.080 Euro liegt. Über eine Erhöhung des auch in Südspanien spärlichen Mindestlohns wird in der spanischen Regierung derzeit gestritten. Daneben kämpfen die Beschäftigten für eine Erhöhung des Jahresbonus, der in Sevilla 1.400 Euro betrage, während in anderen Zentren 2.000 Euro gezahlt würden.
Amazon beharrt dagegen darauf, dass die Beschäftigten mehr verdienten, als es der regionale Tarifvertrag vorsehe, und verweigert den Gewerkschaften darum derzeit Zugeständnisse. Der Streik in Andalusien dürfte sich also noch weiter fortsetzen.
Und auch im Baskenland könnte es zu einem unbefristeten Streik kommen. Anders als die UGT verfügen die kämpferischen baskischen Gewerkschaften ELA und LAB über Streikkassen, weshalb sich die Beschäftigten hier längere Ausstände leisten könnten.
ANMERKUNGEN:
(1) “Spanien: Streiks bei Logistik-Riese Amazon“, Neues Deutschland, 2024-01-03 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Amazon LAB (crónica vasca)
(2) Amazon Bilbo (radio nervion)
(3) Amazon Sevilla (imago/abacapress)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-01-04)
