fermi1140 Jahre Kortatu

Vor 40 Jahren machte sich ein gewisser Fermin Muguruza auf, mit seiner Band Kortatu, die baskischen Musikherzen zu erobern, nicht wenige auch im europäischen Norden. Im spanischen Staat wurde er boykottiert, gemieden und verboten. Zum Jahrestag kehrt er zurück nach Madrid. Fermin Muguruza: "Nach allem, was sie versucht haben, um mich zum Schweigen zu bringen, wird es unser großer Sieg sein, wenn sich die Konzertsäle füllen". Der bekannteste baskische Musiker hat seine Welttournee 2024 vorgestellt.

Fermin Muguruza (*1963) war Mitgründer von Bands wie Kortatu, Negu Gorriak und anderen. Wie Manu Chao gehört er zu den Vertretern der Mestizo-Musik, einer Mischung von Reggae, Ska, Hip-Hop und Punkrock mit engagierten, politischen Texten. Muguruza ist Teil der baskischen unabhängigkeits-Bewegung, pflegte Bezüge zu politischen Gefangenen und der abertzalen Partei Herri Batasuna. 1999 kandidierte er als Parteiloser zum EU-Parlament.

fermi22Eine der Fassaden der Plaza de Callao in Madrid, an der täglich Tausende von Menschen vorbeigehen, war mit einem riesigen roten Transparent geschmückt, das die internationale Tournee des baskischen Musikers und Filmemachers Fermin Muguruza ankündigte. Das Bild erschütterte die sozialen Medien, es heißt sogar, dass ein kollektives Gebet gesprochen wurde, um die Dämonen auszutreiben, die der Baske aus seiner Heimat in das Herz der kastilischen Hauptstadt gebracht hatte.

Am nächsten Tag posierte Muguruza auf demselben Platz, allerdings ohne die Leinwand im Hintergrund. Ob er jemals dort gewesen war, weiß nur er selbst, aber es war das erste, was er gefragt wurde, als er kurz davor in die Redaktionsräume der Tageszeitung Público kam, während das Bild von Callao mit den Logos seiner Bands Kortatu und Negu Gorriak an der Fassade noch im Umlauf war. "Was für ein Witz", sagte jemand. Fermin Muguruza versteht es sehr gut, Aufmerksamkeit zu erregen, selbst wenn er es gar nicht will.

Zum Jahresende 2024 plante Fermin Muguruza, mit zwei Konzerten in Bilbao seine vierzigjährige Musikkarriere zu feiern. Nachdem diese beiden ursprünglich einzigen Konzerte im Handumdrehen ausverkauft waren, hat der baskische Musiker nun angekündigt, dass er im Jahr 2025 durch mehrere Länder touren wird. Zum Jahrestag der Veröffentlichung der ersten Platte von Kortatu (baskisch: Schneiden), jener Band, die er 1984 zusammen mit seinem Bruder Íñigo gründete. Íñigo begleitete ihn auch beim Folgeprojekt Negu Gorriak (Rote Winter, Harte Winter), er starb 2019 an Leukämie. Die Erinnerung an ihn taucht regelmäßig auf, wenn Fermin über sich und seine Musik spricht, denn seine musikalischen Projekte liefen immer in enger Zusammenarbeit mit seinem Bruder. Deshalb wird diese kommende Tournee auch eine große Hommage für Íñigo Muguruza sein.

"Die Lösung dessen, was in Palästina geschieht, ist die Lösung für die Zukunft der Welt"

In den letzten Jahren hat Fermín Muguruza an zahlreichen audiovisuellen Projekten mitgewirkt, die wie seine Musik stets politische und soziale Themen behandeln. Nach den beiden Teilen des Animationsfilms “Black Is Beltza“ (Schwarz ist schwarz) stellte er letztes Jahr den Dokumentarfilm “Bidasoa 2018-2023“ vor. Doch jetzt, nach mehreren Jahren Bühnen-Abstinenz, hat Fermin beschlossen, wieder auf die Szenarien zurückzukehren. Und das wie immer in großem Stil. (1)

fermi33Seine Musik wird nach wie vor in Bars, besetzten Zentren, auf Volksfesten, im Radio und sogar bei Galas wie der Preisverleihung von Your gespielt, bei der die Schauspielerin Itziar Ituño den Song Sarri Sarri (2) von Kortatu sang, trotz der soundsovielten Kriminalisierungs-Kampagne gegen den Musiker, die einige Tage zuvor in Szene gesetzt wurde. Denn Fermin Muguruza war immer eines der künstlerischen Aushängeschilder der linken baskischen Unabhängigkeits-Bewegung. Das musste er in den Augen der versammelten spanischen Rechten Jahrzehnte lang büßen.

"Diese Leute, die immer alle Privilegien der Welt genossen haben, kommen und erklären dir in einem Programm zur Hauptsendezeit, dass du jetzt nichts mehr sagen darfst, das ist ein schlechter Scherz", sagt Fermin auf die Frage nach der so genannten Zensur-Kultur. Und wenn jemand weiß, was das ist, dann er. Denn seit Beginn seiner Karriere als Musiker war er mit Zensur, Angriffen auf seine Konzerte, Boykott-Kampagnen und sogar Bomben-Anschlägen der extremen Rechten konfrontiert. "Unsere Antwort wird darin bestehen, dass wir die Konzertsäle füllen", sagt er lächelnd. Dies wird ihm auch in Madrid ohne die geringsten Probleme gelingen. Denn im Laufe der Jahre sind seine Fans eher mehr geworden als weniger.

“Über Faschismus wird nicht diskutiert, er wird zerstört“

Als Regisseur von “Black Beltza II: Ainhoa“ war Muguruza 2023 zur Verleihung der Goya-Filmpreise in Sevilla eingeladen, nachdem er in der Kategorie für den besten Animationsfilm nominiert war. Nach seiner Ankunft in der von der faschistischen VOX-Partei mitregierten spanischen Süd-Region Andalusien wurde er Zielscheibe heftiger Kritik. Die Sprecherin von VOX im Stadtrat von Sevilla wetterte mehrfach gegen die Anwesenheit des Regisseurs in der Stadt und beschuldigte ihn, ein "ETA-Freund" zu sein, die Preisverleihung insgesamt wurde aus diesem Grund als "ein weiteres Kapitel zur Beschönigung von ETA" diffamiert. Tatsache ist, dass Fermin Muguruza nie einen Hehl daraus gemacht hat, sich der baskischen unabhängigkeits-Bewegung zugehörig zu fühlen. Was die spanische Rechte bzw. Ultrarechte nie wahrhaben wollte ist, dass er auch zu Aktivzeiten von ETA deren bewaffnete Aktion ablehnte. (3)

fermi44Bei der linken Madrider Tageszeitung wird er über den Einfluss seiner Musik im Laufe der Jahre gefragt. Denn mit Kortatu war er einer der ersten, der Punkrock mit Ska und Reggae mischte. Dabei ging es immer auch um den Einfluss des politischen Kontextes der damaligen Zeit – oder um den Einfluss der Kortatu-Texte auf diese Zeit. Fermin erwähnt die Bewegung “Rock Against Racism“, die in England vor vierzig Jahren Musiker aller Stilrichtungen gegen den Aufstieg der extremen Rechten zusammenbrachte. Dieser anhaltende Aufstieg faschistischer Kräfte beunruhigt den Musiker und Filmemacher aus Irun auch heute. Er reflektiert über eine Form der Pädagogik, die notwendig ist, um diesen Entwicklungen zu begegnen.

Auf die Frage, ob er denkt, dass die Musik heute weniger soziales und politisches Engagement beinhaltet, erinnert er daran, dass er und seine Kollegen für solche politischen Inhalte kritisiert wurden. "Die Generation vor uns war die der politischen Liedermacher. Alle Welt ging davon aus, dass unsere Musik und unser Auftreten immer nur mit Drogen und Ausschweifungen zu tun hätten. Doch wir hatten ein sehr klares politisches Bewusstsein, und das transportierten wir auch die Bereiche der Freizeit-Unterhaltung. Jedes Mal, wenn eine neue Generation auftaucht, passiert das Gleiche", sagt er.

Die geplanten World-Tour-Konzerte versprechen "eine Zeremonie der Umarmungen" zu werden, sagt Fermin mit offensichtlicher Rührung. Viele Menschen, die sich aufgrund der Lebens-Umstände seit Jahren nicht mehr gesehen haben, werden sich bei seinen Konzerten wieder treffen. "Wir sind noch am Leben. Für all diese Menschen ist es ein Sieg, am Leben zu bleiben. Jedes Jahr, in dem wir weiter auftreten, ist ein Erfolg". Deshalb meint er, dass jedes neue Treffen ein Fest darstellt.

Schließlich ist es unmöglich, mit Fermin ein Gespräch zu führen, bei dem Palästina unerwähnt bleibt. Vor kurzem traf er die Mitglieder der Band Dam, zwei palästinensische Musiker, die er vor Jahren kennengelernt und in seinem Dokumentarfilm “Checkpoint rock: Songs from Palestine“ aus dem Jahr 2009 porträtiert hatte. Während in ihrem Heimatland ein Völkermord verübt wird, verlieren die Palästinenser nie die Hoffnung: Die Verbindung mit Fermin bleibt stark wie immer.

fermi55Fermin bekräftigt sein Engagement für die Hoffnung, für die Musik und das Feiern des Lebens, ohne den Kampf aufzugeben. Ganz im Sinne dessen, was seine Freundin, Aktivistin und Lehrerin Angela Davis vor einem Monat bei der Fira Literal (Buchmesse) in Barcelona sagte: "Hoffnung ist eine Disziplin, an der man Tag für Tag arbeiten muss, wir müssen uns diese andere Welt vorstellen. Versuchen Sie immer, darüber nachzudenken, was Sie tun können, um sie zu verändern. Das ist meine Schule". Eine Schule, von der mehrere Generationen gelernt haben. Jene Leute und Generationen haben anlässlich dieser denkwürdigen Tournee von Fermin Muguruza die Möglichkeit, sich wieder zu treffen. Die sich in den Konzertsälen einfinden, können sicher sein, dass Fermin Muguruza ihnen nicht nur die alten Schinken um die Ohren haut, sondern sie auch mit den bis heute aktuellen politischen Inhalten und Forderungen belästigt. Für reine Nostalgie sind andere zuständig.

In einem 40-minütigen Interview mit dem Antifa-Aktivisten und Buchschreiber Miquel Ramos für die Tageszeitung Publico beschreibt Fermin Muguruza, wie die Idee einer World-Tour entstand. Denn ursprünglich waren “nur“ zwei Jubiläums-Konzerte in Bilbo vorgesehen. Er lässt den Konflikt mit dem Guardia-Civil-General Galindo Revue passieren, der die Gruppe Negu Gorriak verklagte, weil sie in einem Song die Verbindung zum Staatsterrorismus dokumentierte. Die daraus erfolgende hohe Geldstrafe wurde über eine Mini-Konzert-Tour wieder hereingespielt. Auch erinnert er sich an ein Konzert in Barcelona, das abgesagt werden musste nach einem Bomben-Anschlag durch Ultrarechte. Was dazu führte, dass viele Konzerte im spanischen Staat durch antifaschistische Freiwillige “überwacht“ wurden (3).

ANMERKUNGEN:

(1) Übersetzung mit Ergänzungen: "Fermin Muguruza: Con todo lo que me han intentado acallar, llenar los conciertos será nuestra gran victoria" (Fermin Muguruza: Bei allem, was sie versucht haben, mich zum Schweigen zu bringen, wird es unser großer Sieg sein, die Konzerte zu füllen), Internet-Tageszeitung Publico, 2024-06-26, Autor: Miquel Ramos (LINK)

(2) “Sarri, Sarri“ ist vielleicht der bekannteste Song der Gruppe Kortatu, in jedem Fall jedoch der meistgespielte. Der Text handelt vond er Flucht des ETA-Gefangenen Joseba Sarrionandia aus dem Gefängnis Martutene, nach einem Knast-Konzert, in den Lautsprechern versteckt. “Sarri“ tauchte unter und kam erst 35 Jahre nach seiner Flucht zurück ins Baskenland, als einer der bekanntesten Schriftsteller der modernen baskischen Literatur.

(3) Interview Fermin Muguruga (Miquel Ramos), Tageszeitung Publico, 2024-06-26 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Fermin M. (mal del cap)

(2) Fermin M. (wikipedia)

(3) Iñigo M. (naiz)

(4) Brigadistak (cd-cover)

(5) Fermin M. (publico)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-07-04)

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